Ich bin da sehr bei Dir, Vicky, aber das Argument der Fehlentscheidungen kommt so häufig, dass ich es in Relation setzen möchte. Zum Beispiel zum Thema Berufswahl, also Ausbildung, Studium, etc. Oder Kinder zu bekommen. Oder alle finanziellen Resourcen in eine Immobilie zu stecken - "für's Alter". Wie häufig geht sowas richtig schief? Da gibt es meist keine körperlichen Konsequenzen, sie können aber das Leben ähnlich einschränken und sind später ziemlich schwer revidierbar. Wie groß ist das Risiko einer Fehlentscheidung bei HET oder OPs verglichen zu Sportunfällen und den erheblichen Folgen? Oder rauchen oder mit einem Motorrad an nem Baum zu landen?Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 12. Aug 2019, 08:26Problematischer wird das mMn an dem Punkt, an dem es um körperliche Eingriffe geht. Die sind mit sehr weitreichenden persönlichen Konsequenzen behaftet. Eine Fehlentscheidung ist praktisch kaum noch zu revidieren. Ich meine, es macht Sinn, an dieser Stelle so viel Sicherheit wie möglich für den Betroffenen zu realisieren. Aber die letzte Entscheidung muss beim Betroffenen liegen. Eine Entscheidung von Gutachtern oder sonstigen Dritten kommt einer Entmündigung gleich. Dieses Vorgehen lehne ich ab.
Meines Erachtens werden die potenziellen Folgen beim Thema Transition überproportional überhöht diskutiert. Es betrifft nur sehr wenige Menschen. Selbst von den positiv begutachteten trans Menschen wollen nicht alle irgendwelche OPs. Heisst: Die Quote derer, die "einfach mal so" irgendwas operieren lassen würden, dürfte sehr viel kleiner sein als befürchtet.
Ich bin deshalb sehr für offene, klientxorientierter Beratung, die mal die Motivationen hinterfragt oder wenigstens anspricht. Auch Peer-Beratung. Auch Stimmen von Menschen, die später festgestellt haben, dass eine OP zwar den Körper ändert, aber weder die Stimmung im Kopf, noch das Umfeld.
Das bisherige System leistet das meiner Ansicht nach nicht. Dafür kriege ich zu viel Fehlschläge der angeblichen Fachleute mit. Therapeutxe, die nur die binäre Schiene im Kopf haben. Die längst überholte Genderklischees vertreten. Die nur ein entweder-oder im Kopf haben, also "wenn schon, dann bis zum Schluss". Die einmal gefasste Diagnosen nicht revidieren und tatsächlich Menschen in eine Transition treiben. Wir haben ein bis zwei solche Fälle ja hier im Forum.
Die vergleichsweise geringe Zahl an Fehlentscheidungen kommt nach meinem subjektiven Eindruck nicht durch das "gute" Gatekeeping oder gar "gute" Beratung zustande. Ihr steht ziemlich sicher [subjektiv] eine hohe Zahl an unglücklichen Menschen gegenüber, für die sie Hürden des Systems zu hoch sind, sich erst mal unverbindlich mit dem Thema Gendertransition zu befassen - und dann mal gut beraten über körperliche Konsequenzen nachzudenken - bzw. die während der Transition zusätzlich durch die Schwierigkeiten und die unübersichtlichen Prozesse belastet werden.
Die Gründe für diesen Zustand sind meiner Meinung nach durchweg verwerflich: 1. bloss nicht zu viel Abweichung von der cis-hetero-Norm und 2. Kosten sparen (die, siehe andere Fälle oben, in Relation minimal sind). Dieses System und diese Sichtweisen gehören grundlegend reformiert.
Aber letztlich haben wir Menschen in unserem täglichen Leben sehr viele Freiheiten, Entscheidungen zu treffen und dabei auch Fehler zu machen. Im Vergleich zu vielen anderen Bereichen sollte da um körperliche Veränderungen nicht so viel Gewese gemacht werden.