Aria hat geschrieben: Mi 12. Dez 2018, 19:55
Marielle hat geschrieben: ↑
Mi 12. Dez 2018, 11:03
Zugespitzt könnte man fragen: Wollen wir eine Form von Sozialdarwinismus oder Sozialsozialismus? Sollen nur die 'Harten durchkommen', die die Übergriffe ihrer Mitmenschen selbst parieren können oder wollen wir an einer Gesellschaft arbeiten, in der respektvoll miteinander umgegangen wird?
Die Frage ist nicht, ob wir das wollen, sondern eher, ob wir eventuell unfähig sind, sich dem anzupassen? Ja, vielleicht kommen eben nur die weiter, die sich anpassen, eben darum, weil es die einfachste Lösung ist und es ohnehin viel zu lange dauern würde, die komplette Menschheit umzukrempeln. Ausserdem kann ich ja selbst bestimmen, in wie Weit ich bei dem Spiel mitmache. Niemand wird gezwungen sich dem zu beugen.
Moin in die Runde,
eigentlich wollte ich hier nichts schreiben, aber diese Bemerkungen reizen mich jetzt doch. Doch zuvor eine Anmerkung: Ich denke, es macht nicht viel Sinn, darüber zu diskutieren, ob die Hostessen selber schuld seien (weil selbst gewählt) oder nicht. Übergriffe sind nie entschuldbar. Soweit sollte Mann sich im Griff haben. Mich entsetzt aber jedesmal, wie blöd viele Männer auf ein bisschen Haut reagieren. "Sex sells" bedeutet ja nichts anderes. Ich finde das widerlich. Ich meide Firmen, die damit werben (ich bin selten auf Messen).
Aber: Frauen in schönen Kleidern sprechen mich auch an. Da bin ich auch nicht frei von. Das ist das Spiel mit der Erotik. Die entscheidende Frage für mich ist, wie ich damit in welchem Kontext umgehe. Ich ärgere mich immer wieder, wenn ich durch solche Aktionen manipuliert werden soll. Ich habe neulich einen 20 Jahre alten Text gelesen, der die These vertritt, dass die Einheitsmode der Männer dazu dient, eine neutrale Position einzunehmen, mit der unterstrichen wird, dass sie die Welt im Sinne einer Art neutralen Beschreibung erklären können. Viele treten ja auch so auf. Frauen wurden zum geschmückten Statussymbol. Das war nicht immer so. Letztlich sind Hostessen heute nichts anderes: schmückendes Beiwerk. Interessant finde ich den inneren Widerspruch, dem die Männer dabei unterliegen. Sie können das eigentliche Produkt gar nicht mehr neutral wahrnehmen, weil ihre Emotionen, die sie ja verbergen sollen, sie im Griff haben. Echt traurig.
Zu den Zitaten: In dieser Welt setzt sich das Bessere durch, nicht unbedingt der Starke. Die Natur zeigt uns immer wieder, dass das Clevere durchaus eine Chance hat. Einem Fernsehbericht zufolge, das Forschungen im Bereich der Neurologie beschreibt, ist es so, dass der Bakteriencocktail in unserem Darm einen Einfluss auch unsere Handlungen hat. Es gibt im Tierreich ja auch Parasiten, die in der Lage sind z.B. Schnecken zu einem selbstmörderischen Verhalten zu zwingen, um so zu einem neuen Wirtstier, dem Vogel, zu kommen. Ich halte das nicht für unwahrscheinlich, dass auch unser Verhalten durch Bakterien beeinflusst wird. Wenn nun also clevere Lösungen sich durchsetzen können, warum hat die Gewalt und die Stärke noch immer die Oberhand ?
Ich meine, es fehlen noch clevere Lösungen, die das überwinden können. Die Entwicklung der Kulturen zeigt ja Ansätze, z.B. in dem es Handlungen, die der Gemeinschaft zuwiderlaufen, sanktioniert. Wichtig ist hier bei die Kontrolle durch die Gemeinschaft. Die Kontrolle andererseits greift aber wieder in das Leben der Menschen ein. Letztlich lautet der Grundsatz so wenig Kontrolle wie möglich, aber so viel wie nötig. Das ist ja die Gewaltenteilung in einer freiheitlichen Gesellschaft. Aber sie muss auch beim Einzelnen wirken. Einzelne, die mehr Macht und Gewalt ausüben können, stehen ja immer in der Versuchung, sie für sich auszunutzen. Ein Messebesucher ist ein potentieller Kunde und hat damit Macht. Er reagiert auf erotische Reize. Der Anbieter unterwirft sich, in dem er diese Gefühle, die per se nicht schlecht sind (es gäbe uns sonst nicht), bedient. Aber es gibt nur eine begrenzte Kontrolle durch die Gemeinschaft. Die persönliche Erfahrung:
Der respektlose Umgang mit Frauen ist untragbar. Ich erlebte selbst auf einer Messe, wie eine gutaussehende Dame mit tollem Outfit angegangen wurde. Dies bekam ein Security-Mitarbeiter mit und entfernte diese Person aus der Messehalle. Vorher griff niemand ein, nachher kam viel Zustimmung vom restlichen Publikum.
zeigt das ja sehr deutlich. Die Sanktionierung durch die Gemeinschaft bleibt aus. Letztlich unterwirft sie sich dem Täter, in dem sie die Verantwortung auf den Security-Mitarbeiter abwälzt. Die Folge: solange jeder Einzelne nicht seine Verantwortung erkennt und selber handelt, wird sich daran nichts ändern. Auch Gewalt gegen Transmenschen wird solange anhalten, wie dieses Verhalten geduldet wird. Um aus dem Dilemma heraus zu kommen, muss die Gemeinschaft sich weiter entwickeln, in dem die Verantwortung des Einzelnen stärker wahr genommen wird. Ein Problem hierbei ist, die Spielregeln festzulegen. Was ist wünschenswert im Sinne der Gemeinschaft und was ist ein Eingriff in die persönliche Freiheit ?
Ist das freizügige Auftreten einer Messehostess wünschenswert ? Oder darf sie sich nicht präsentieren, wie sie will ? Macht sie es freiwillig oder gibt es Zwangsgründe ? Fördert die Aufmerksamkeit der Messebesucher für die Hostess nicht genau das Verhalten ? Warum verzichten Firmen nicht auf Hostessen ?
Egal, wie man es betrachtet, die Katze beißt sich immer irgendwo in den Schwanz. Was mich immer wieder erschreckt, sind die Parallelen zum Trans. Viele Transmenschen bekennen, dass sie gut aussehen wollen und setzen erotische Komponenten bewusst ein. Hier ein schönes Dekolette, dort schöne Beine. Das Ganze mit Schminke und Mascara garniert. Wer sagt denn, dass das Spiel mit dem Reiz, der ein oder anderen Hostess gefällt (ich meine nicht die Übergriffe) ? Ich kenne Frauen, die das ganz bewusst tun.
Und ganz ehrlich, mir würde es auch gefallen, für die ausgesendeten Reize, Bestätigung zu erfahren. Dafür noch Geld zu bekommen, ist das verwerflich ? Manche verleihen sogar ihren Körper ("huur" bedeutet im Niederländischen "mieten"). Eine ganze Branche lebt davon. Aber es ist auch viel Zwang dabei. Der Übergang von freiheitlichen Rechten zu Übergriffen und Fremdbestimmung ist fließend und ist nicht allgemeingültig. Auch die Frage, ob das Komerzialisieren von körperlichen Reizen bereits eine Art Prostitution ist, ist sehr von der Betrachtungsweise abhängig, den diese Frage beschäftigt.
Keine Frage, Reize erregen Aufmerksamkeit. Sie werden für den persönlichen Vorteil eingesetzt. Reize bergen Risiken für unerwünschte Reaktionen. Hier die Schuldfrage zu stellen, ist mMn ein hoffnungsloses Unterfangen. Ein Übergriff ist definitiv nicht duldbar. Aber wo fängt der Übergriff an ? Beim Blick auf die Reize, beim Ansprechen, evtl. bei der Wortwahl oder erst beim Anfassen ? Oder ist es vielleicht sogar ein Übergriff, wenn man Reize aus kommerziellen Interessen für eine Firma präsentiert, um eine (hoffentlich harmlose) Reaktion zu provozieren ?
Letztlich ist es eine Frage, wie man archaische Aktionen und Reaktionen so in den Griff bekommt, dass sie unser Leben nicht dominieren. Das ist eine Kulturfrage. Und je pluralistischer eine Gesellschaft ist, um so größer wird der Graubereich, was "erlaubte" Handlungen sind und was nicht. Auch spielt der Individualismus eine wichtige Rolle. Je mehr das Individuum betont wird, um so vielfältiger werden auf der gesellschaftlichen Ebene Verhaltensweisen sanktioniert oder auch nicht.
Das Thema Messehostess ist nur ein kleines Beispiel. Als Transmenschen erfahren wir das tagtäglich. Die Palette reicht von Begrüßung bis Ablehnung und Hass. Was ist aber auss gesellschaftlicher Sicht richtig ? In mir selber gibt es sogar diesen Widerspruch. Ich finde Reize ansprechend, möchte sogar selber welche aussenden (in Grenzen), aber gleichzeitig finde ich es nicht richtig, wenn sie zu einem konkreten Ziel eingesetzt werden, das außerhalb der persönlichen Beziehungen liegt. Wir können uns hier einen Wolf diskutieren, aber zu einer Lösung können wir nicht kommen, denn die persönliche Sichtweise ist entscheidend. Wir müssen mit diesem Graubereich leben, denn eine schwarz-weiß-Sicht wäre nichts anderes als ein totalitäres System. Dieses macht vieles einfacher, was es für viel so interessant macht, aber es wird um so einengender, je totaler es ist.