Marielle hat geschrieben:Nabend Julia,
Du kannst mir so nahetreten, wie du willst. Kein Problem, ehrlich. Ich bitte allerdings darum, trotz aller Nähe, bei den Fakten zu bleiben. Ich habe NICHT gesagt, dass es undemokratisch sei, diese Leute bzw. Parteien zu wählen. Ich habe gesagt, dass die entsprechenden Wähler_innen kein Interesse an "einer liberalen, gleichberechtigten und demokratischen Gesellschaft" haben. Das ist ein deutlicher Unterschied.
Um nochmal festzuhalten was du genau gesagt hast:
Wer die AfD, Trump, LePen und all die weiteren Vereinfacher wählt, protestiert damit nicht gegen vorhandenen Misstände, hat kein Interesse an einer liberalen, gleichberechtigten und demokratischen Gesellschaft, sondern will genau diese Gesellschaft beschädigen.
Knapp 50% der amerikanischen Wähler sowie grob geschätzt 10-20% der Wähler hierzulande als Leute zu bezeichnen, welche die Gesellschaft bewusst beschädigen wollen,
halte ich durchaus für eine Unterstellung, die ich persönlich nicht gerechtfertigt finde.
Die Nazis bezeichneten die Juden auch als 'Schädlinge', weswegen ich solche Äußerungen nicht wirklich schön auffasse und auch leider so aufnehme als möchtest du Leuten, die nicht deiner Auffassung sind, das Wahlrecht absprechen wollen. Falls ich das missverstehe, dann meinetwegen - gut finden tu ich das trotzdem nicht, wenn Leute nur aufgrund ihrer politischen Gesinnung in eine Schublade gesteckt werden.
Gerade wir in einer LGBT-Community sollten eigentlich das Schubladendenken eher ablegen, wenn es schon die normale Gesellschaft macht.
Aber geschenkt. Nur: Das hier schlägt dem Fass den Boden aus:
Was soll das denn werden? Moralstatistische Mittelwertbildung? Autobahnen plus Holocaust geteilt durch zwei? Wenn die Partei meinen Arbeitsplatz gegen die Chinesen verteidigt und an der Grenze auf Kriegsflüchtlinge schiessen lässt ist im Mittel alles OK?
Moral, als grundsätzliche Anerkennung des Anderen, ist keine Kategorie, die einer Aufrechnung zugänglich ist. Diese Moral ist, in Form der grundlegenden Menschenrechte, absolut.
Marielle
Weil die Menschen 1933 in die Zukunft sehen konnten und wussten, dass ein Mensch tatsächlich so weit gehen würde andere Menschen systematisch zu vergasen?
Tut mir leid, aber wir sprechen hier von den 30ern und nicht von den aufgeklärten Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Ist dir bewusst, dass Rassismus in allen Ländern der Welt damals Gang und Gebe war? Dass in Amerika Schwarze trotz der Abschaffung der Sklaverei weiterhin diskriminiert wurden, die Japaner systematisch die Chinesen unterdrückten, wann es ihnen möglich war und in einer Zeit, wo Diktaturen in allen möglichen Ländern entstanden?
Eine Welt, wo das British Empire weiterhin selbstgefällig seine Kolonien verwaltete?
Eine Welt, wo Völkermorde wenig galten, weil sie in den Kolonien damals Gang und Gäbe waren?
Ist ja schön, wenn du heutzutage eine aufgeklärte Weltsicht hast und einfach mal sagen kannst "Ach, hätten die Deutschen damals alle 'Mein Kampf' gelesen und geahnt, dass Hitler was ganz Fieses plant, hätte es den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust nie gegeben", aber grundsätzlich ist das nicht, wie die Welt funktioniert.
Die Zukunft vorhersehen konnte noch nie jemand.
Zumal ich, so traurig es auch klingt, bezweifele, dass die Welt heutzutage so liberal und sozial wäre, wenn der zweite Weltkrieg und dessen Folgen nicht passiert wären.
Ich will damit nicht sagen, dass das, was damals geschehen ist gut war, denn das ist es nicht.
Letztendlich hat es aber einen allgemeinen Wandel der Gesellschaft nahezu weltweit herbeigeführt und damit eigentlich erst einem tatsächlichen Demokratieverständnis geholfen. Nicht zuletzt, weil man gerade in Europa, Amerika und Asien den zweiten Weltkrieg tatsächlich als tragisches Ereignis in der Geschichte der Menschheit wahrgenommen hat.
Hauptsächlich durch den Holocaust und den Einsatz der Atombombe.
Und bevor auch hier wieder nein gesagt wird: Bedenkt bitte auch, dass es schon zuvor Völkermorde in der Geschichte der Menschheit gab, entweder an den Armeniern, an den Herero oder anderen Volksgruppen.
Nur gab es hier kein Umdenken, weil auch niemand in den führenden Ländern Interesse an einem Umdenken hatte - dies gab es erst nach einem Krieg mit enormen Opferzahlen auf allen Seiten unter den Weltmächten und nachdem man die systematische Ermordung von Systemgegnern, Juden wie anderen Minderheiten in den KZs aufgedeckt hatte.
Insofern kam die Moral, aber sie kam spät, weil die Moral sich wandeln musste und über den Verlauf der Geschichte hinweg nicht immer gleich blieb.