Hallo zusammen,
nun, was ist passiert. Meine Frau hatte am Donnerstag Abend, während ich unter der Dusche stand, eine Reportage über Intersexualität geschaut, ich weiß nicht ob live im Programm, aufgezeichnet oder Mediathek. Als ich nach unten kam und mich zu ihr aufs Sofa setzte, legte sie los, sie habe sich eben diese Reportage angesehen und kam zu dem Schluss, es ist richtig intersexuelle Kinder möglichst schnell ihrem Chromosomensatz entsprechend zu operieren. Schließlich gäbe es natürlicherweise nur entweder Mann oder Frau, alles andere ist entartet. Immerhin bestehe laut Studien ein erhöhtes Krebsrisiko bei "überzähligen" Geschlechtsorganen, und lieber muss eine als Kind fälschlich zum Jungen "korrigierte" XY Frau später in Therapie wegen suizidaler Absichten, bevor ER vielleicht Krebs bekommen hätte.
Wie dem auch sei, nachdem es völlig sinnlos ist, mit meiner Frau diesbezüglich zu diskutieren, antwortete ich nur, wenn sie mich explizit nach meiner Meinung gefragt hatte. Natürlich waren meine Antworten so gar nicht das, was sie hören wollte. Ihr lies das Thema keine Ruhe und so ging ihr Vortrag (Diskussion wäre der falsche Begriff) in Richtung Geschlechterrollen und geschlechtsbezogene Erziehung. Jungen mit Puppen spielen zu lassen ist demnach in Ordnung, Junge als Prinzessin zum Fasching hingegen völlig indiskutabel.
Eigentlich war ich schon raus, als sie dann meinte, gut dass wir keine Kinder hätten, denn scheinbar gehen unsere Ansichten in der Erziehung weit auseinander. Sie weiß genau, dass ich immer Kinder wollte. Doch anstatt mir zu das klar zu sagen, hat sie die Familienplanung immer mit Ausreden vor sich her geschoben, erst heiraten, dann erst Haus, dann erst Haus abbezahlen, und dann war sie zu alt. Trotzdem blieb ich auch nach der Aussage ruhig.
Doch es ging noch weiter. Von der Richtigkeit geschlechtsbezogener Erziehung kam sie zu Erwachsenen. Rückbezug auf die Intersexualität, in der Reportage war eine optisch eher weiblich ausgeprägte intersexuelle Person zu sehen, die sich gegen eine OP (Entfernung von Penis und Hoden) entschieden hat, und jetzt die Frechheit besitzt sich weder entsprechend ihren weiblichen Gesichtszügen als Frau, noch entsprechend ihrem männlichen Kleidungsstil und Auftreten als Mann einordnen zu lassen. Männer haben sich gefälligst wie Männer zu benehmen und zu kleiden. Solange Frauen in der Berufswelt schlechter bezahlt werden und nicht die gleichen Aufstiegschancen haben, ist die weibliche Welt exklusiv ihnen vorbehalten.
Bis hier her wäre außer heißer Luft nicht viel kaputt gewesen. Aber wo wir gerade schon mal bei Erwachsenen und der Trennung von Männern und Frauen waren, könnt Ihr Euch vorstellen, wohin das Mitteilungsbedürfnis meiner Frau umschlug.
Nana, ich nehme Deine Antwort einmal heraus, weil sie am besten passt.
NanaVistor hat geschrieben: Sa 2. Mär 2019, 15:38
Es hat sich doch schon einiges getan. Deine Frau weiß bescheid. Du "darfst" dich zuhause zurecht machen. Du warst auch ohne Stammtisch unterwegs.
Kleine Schritte, aber dennoch Schritte.
Genau genommen hat sich nichts getan. Meine Frau weiß theoretisch Bescheid, es wäre ihr aber lieber wenn nicht, und sie will damit absolut nicht in Berührung kommen. Ihrer Fantasie nach besteht der Stammtisch aus halb- bis vollbärtigen Männern, in der Regel Perverse, mit 150kg Wampe, die Gesichter bunt angemalt, blonde Faschingsperücke aufm Kopf und Mini Pailletten Glitzerfummel. Das dürfen hast Du richtigerweise in Anführungszeichen gesetzt, ich darf es nicht, sie duldet es. Noch dazu zwinge ich sie durch das zuhause herrichten den Abend alleine zu verbringen, denn zu ihr kommen kann ja dann niemand, wenn ich vor- und nachher "so" durchs Haus laufe. Den Abend vorletztes Wochenende habe ich sowieso mit einer (oder noch wahrscheinlicher: einem) Geliebten verbracht, schließlich würde wohl kaum der Stammtisch wegen mir verlegt und anderweitig würde niemand mit einer Transe irgendwo hin gehen.
Wenn man von Schritten reden kann, dann sind das noch eher drei kleine Dinge im Alltag. Handtasche, über die sie regelmäßig nörgelt, Nagelhärter, über den sie regelmäßig nörgelt, eine weinrote Jacke mit floralem Samtdruck, die ja gar nicht geht aber wenn ich meine soll ich sie anziehen. Am Donnerstag kam auch dazu der große Rückschritt, so dass wir alles in allem wieder komplett bei Null waren, alle Kompromisse hinfällig.
Von Wut und Enttäuschung getrieben habe ich Svenja am Freitag Morgen, als meine Frau aus dem Haus war, mit allem drum und dran in Kartons verpackt auf dem Dachboden verstaut. Wie alle hier wusste ich selbst, dass das nicht lange gut geht, aber ich musste es in dem Moment einfach tun. Es hat bis gestern Nachmittag gedauert, bis meiner Frau die kleinen Veränderungen aufgefallen sind. Schlüssel und Geldbörse in der Jackentasche, Handtasche weg, rote Jacke weg, Handy ohne rosa Hülle, Fingernägel kurz und ohne Klarlack, vier Tage lang eine etwas zu große Blue Jeans und ein altes Sweatshirt. Die meiste Zeit habe ich mit Hausmeistertätigkeiten verbracht um mich abzulenken (auch nicht schlecht, mal Dinge erledigen die schon länger liegen geblieben sind) oder mich in meinem Arbeitszimmer verkrochen.
Schließlich kam meine Frau gestern aus heiterem Himmel hervor, es wäre nicht so gemeint gewesen, dass ich die Sachen nicht mehr benutzen darf. Schließlich kennen mich inzwischen eh schon alle mit Handtasche, ihr gefällt rosa nicht aber wenn ich will soll mein Handy halt eine rosa Hülle haben, und die Jacke haben meine Arbeitskollegen nun auch schon gesehen ohne ein Wort darüber zu verlieren. Nagelhärter doch bitte den farblosen, oder wenn's sein muss den rosa halbtransparenten, aber dann nur eine Schicht. Sie mag nur nicht, dass es immer mehr wird, und hochhackige Schuhe in der Öffentlichkeit als Mann kommen nicht in Frage (wie auch immer sie ausgerechnet darauf kommt).
Wie sagt das Sprichwort, sei vorsichtig wenn jemand einen Schritt zurück geht, denn er könnte Anlauf nehmen. Vielleicht war der Rückschritt notwendig, um wieder auf einen Nenner zu kommen.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, ich nehme meiner Frau nicht die Tatsache übel, dass sie meine Persönlichkeit nicht akzeptieren kann, auch nicht, dass unsere Ehe kinderlos bleibt. Wir haben ein gutes Leben und es gibt bestimmt Männer, die es weit schlechter erwischt haben als ich. Partnerinnen von Crossdressern stehen vor einer großen Aufgabe, an der sie manchmal scheitern. Was mich stört ist, dass meine Frau sich weder von mir noch von jemand anderen bei der Bewältigung dieser Aufgabe helfen lässt, und dass sie den Frust der Verzweiflung auf eine, wie ich finde, etwas unfaire Art an mir auslässt.
Trotzdem habe ich an diesem Wochenende einen Entschluss gefasst. Es war das letzte Mal, dass eine solche Attacke ohne Konsequenzen bleibt. Ein Schreiben mit allem Wichtigen, was meine Frau wissen muss, wenn ich weg bin, liegt bereit. Zusammen mit diesem und Julas Frauenbrief wird sie den Liedtext von "Tie a Yellow Ribbon 'round the Ole Oak Tree" vorfinden. Was aus mir wird, wenn ich dann keine Schleife am Baum sehe, weiß ich nicht, für die finanzielle Absicherung meiner Frau habe ich in jedem Fall vorgesorgt.