Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 26. Dez 2025, 00:05@Jaddy: wer die Bibel nicht auch als Beleg für Gottes Wirken in der Welt akzeptiert, der braucht diese schräge Prämisse doch gar nicht aufmachen ...
Leider doch, weil sehr häufig religiöse Menschen ihre Ansichten, die dann zu Handlungen werden, mit (Auszügen aus) religiösen Texten begründen bzw entschuldigen. In der Regel auf eine Art, die die Wahrhaftigkeit nicht belegen und nicht begründen kann, weil es gezielt passend klingende Stellen zitiert, ohne deren Herkunft, Kontext - und Widersprüchlichkeiten auch zu beachten. Und eben, wie du sagst, werden die Texte als nicht hinterfragbare Autorität hingestellt. Da finde ich es schon wichtig, belegbare Fakten und eine kritische Sicht beizusteuern.
Die eigentlichen Fragen sind allerdings nur am Rande religiös, sondern eigentlich
die zutiefst menschlichen, ethischen bzw moralischen; siehe unten. Deshalb ist die Weihnachtsgeschichte auch nur ein Aufhänger, den ich in diesem Artikel so schön durchdekliniert fand. In der Tat können (und sollten) die gleichen Fragen zu jeder Glaubensideologie und jeder "festen Überzeugung" gestellt werden.
Nehmen wir dein Beispiel:
Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 26. Dez 2025, 00:05Wer glaubt, für den stellt sich die Eingangsfrage nicht. Denn Gott sucht sich Menschen aus, die er für seine Zwecke einsetzt - die Bibel ist voll von solchen Geschichten. Ich weiß, Gott wird mich, sofern er es für richtig und nötig hält, in seinem Sinne als Werkzeug nutzen. Und weil ich daran glaube, das er damit Gutes als Ziel hat, lasse ich das auch gerne zu.
Frage Nummer eins: Woher weisst du, dass es wahr ist? Also dass du als göttliches Werkzeug auserwählt wurdest (oder der Vorsehung oder des historischen Determinismus oder des Karma oder oder oder) Nehmen wir zum Beispiel an, eine Erscheinung teilt dir mit, dass du als Gottes Werkzeug auserwählt wurdest, einen bestimmten Menschen zu töten, um schlimmeres zu verhindern - oder "weil es eben so sein soll". Gottes Wille ist über jede menschliche Regel erhaben und wenn Er will, gibt es nur Gehorsam, oder? Das war die Darlegung in meinem Ausgangsartikel. Aber kannst du dir sicher sein, dass du dich nicht irrst?
Frage Nummer zwei: Da Frage Nummer eins aus Prinzip in keiner Religion objektiv beantwortet werden kann (weil Glaubenssache, wie du schriebst), wie steht es dann mit deiner Verantwortung gegenüber anderen Menschen? Klar kannst du immer die argumentative Fluchttür "wird wohl alles Gottes Plan sein, den können wir nicht wissen, Problem gelöst" benutzen, aber ist das ethisch tatsächlich legitim? Entschuldigt allein der feste Glaube und die immer persönlich-selektive Auslegung der durchaus vielfältig interpretierbaren Texte auch nur irgendwas?
Wie ist dieses Paradoxon zu lösen, einerseits angeblich einen freien Willen und damit Verantwortung für's eigene (gottgefällige) Verhalten zugestanden zu bekommen, andererseits aber äusserst unscharfe, mehrfach übersetzte und interpretierte, widersprüchliche Texte ohne Kenntnis der historischen Bezüge zu haben und dazu niemals objektive Gewissheit, dass man sich das nicht nur alles einbildet, völlig falsch interpretiert - oder, in christlicher Terminologie, vom Bösen verführt wurde?
Die Folgefrage ist: Können wir es als Gesellschaft verantworten, bzw bis zu welcher Grenze und unter welchen Bedingungen, dass Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer festen Überzeugungen selbst entscheiden, wo ihrer Ansicht nach Gottes Wille über menschlicher Ethik steht? Nur zwei Beispiele: Sämtliche fundamental-islamistischen Gewalttäter*innen taten das und sämtliche zwangbekehrenden Kolonialisator*innen ebenso. Gleichzeitig aber auch religiös motivierte Fluchthelfende, usw.
Ich finde das durchaus nicht trivial und vor allem nicht beantwortbar mit "weil ich fest glaube, stellt sich die Frage nicht".
Meiner Ansicht nach ist das auch keine Frage einer spezifischen Religion oder Weltanschauung, sondern stellt sich jedem Menschen. Wie viel persönliche Verantwortung habe ich, und wann kann ich wie viel an "höhere Autortäten" jeglicher Art abgeben und mich "aus der Verantwortung (und Schuld) für mein handeln nehmen".