MiriamR hat geschrieben: Sa 2. Jul 2022, 11:18
Jedoch Änderungen an der med. Handhabe sehe ich skeptisch.
Diese Gutachten die gefordert werden (rechtlich zulässig oder nicht, sei mal dahingestellt) sehe ich als nicht problematisch an. Das unser "Trans-Zustand" als Krankheit eingestuft wird auch nicht, da es uns ermöglicht einige Dinge von den Krankenkassen zu bekommen, was der/die ein oder andere sich nicht leisten könnte (Perücken für 1000 € z.b.).
Und das Operateure und Kliniken sich absichern wollen, bevor sie an jemanden körperlich gesunden solche Eingriffe vornehmen, finde ich vernünftig.
Wir möchten Rechtssicherheit, also muß ich das Ärzten und Krankenhäusern auch zugestehen.
Wie eine psychische Begutachtung" als "entwürdigend" dargestellt wird entzieht sich mir hier völlig. Ansonsten dürften Arbeitgeber dieses bei Bewerbern im Hintergrund auch nicht mehr machen. Denn auch da passiert das ständig und gejammert wird dort nicht.
Und wenn bei dieser Therapie- und Gutachtenpflicht einem von Tausend geholfen werden kann ein besseres Leben zu führen OHNE eine Transition, hat das durchaus Berechtigung.
Denn, wie wir alle Wissen, man kann sich auch etwas einreden das man irgendwo gehört hat. (Trans sein ist cool, obwohl ein völlig anderes psych. Problem vorliegt.)
Hm, das sehe ich sehr anders.
1. gilt Transidentität im medizinischen Fachkontext (WHO, ICD, psychiatrische Fachgesellschaften, S3 Leitlinie, usw.) längst nicht mehr als Krankheit, sondern als Varianz. Das könnte eins jetzt als Wortklauberei abtun, tut aber einen gewichtigen Schritt zu dem, was Marco Buschmann in der PK sagte: "Es mag nicht dem statistischen Durchschnitt entsprechen, aber es ist ein Teil der Normalität". Schon allein um es Menschen um die Ohren zu hauen, die "Du bist ja krank" sagen.
2. ist die Verpflichtung der Kassen zur Leistungsübernahme auch anders machbar, nämlich per Gesetz (SGB), so wie in den Entwürfen von Grünen und FDP 2020/2021 enthalten war.
3. braucht es zur Absicherung der Ärztys keine Krankheit, sondern lediglich die Bestätigung, dass die Person aus freiem Willen und im vollen Bewusstsein der Konsequenzen handelt, und nur das sollte mE eine psychologische Indikation prüfen und bestätigen. Mit Ausnahme der Zeugungsfähigkeit (bei manchen OPs) wird hier organisch nichts dramatisches verändert, was die Lebens- oder Leistungsfähigkeit herabsetzen würde (im Gegensatz zB zur Amputation einer gesunden Extremität). Mal objektiv betrachtet, also ohne die gesellschaftlichen Auswirkungen des neuen Designs und die Wirkungen auf die eigene Selbstwahrnehmung, ist das medizinische nur geringfügig mehr als eine kosmetische OP. Nur das hat eine Endo- oder chirurgische Fachperson zu interessieren. Der Rest passiert im Vorfeld.
4. dürfen Firmen mW bei Bewerbungen keine psychologische Begutachtung dieser Art durchführen. Insbesondere keine intime Befragungen über Sexualpraktiken oder -Präferenzen, biografische Details, deren emotionale Verarbeitung, usw. Schon die Frage nach Kinderwunsch ist unzulässig. In der Tat gibt es diese Art von Begutachtung mW in keinem anderen Bereich. Selbst heiraten und Kinder kriegen dürfen Menschen, ohne dass ihre psychische Eignung oder die Motive dafür fachlich überprüft werden. Wir könnten also mal darüber diskutieren, warum das so ist und was "wir" in dem Fall anders machen (könnten).
5. kenne ich keine Person, die spontan sofort unters Messer gehüpft wäre. Es wird da sicher Einzelfälle geben, aber die werden wir nie zuverlässig ausschliessen können. Bei allen ging eine jahrelange Diskussion mit sich und anderen voraus. Ich kenne
einen Fall, in dem eine Person so krass psychiatrisch fehlbehandelt wurde, dass zusammen mit einer manipulativen Bezugsperson eine komplette Transition aus den falschen Gründen die Folge war. Hingegen weiss ich, dass die überwältigende Mehrheit sich am Abend vor der geplanten OP noch Gedanken gemacht hat, ob das jetzt wirklich richtig ist. (Selbst ich)
Die aktuelle Mär vom "Trans-Hype", "trans ist cool" usw ist spätestens dann Unfug, wenn es an konkrete med. Maßnahmen geht; je irreversibler, desto mehr.
Ja, ich bin auch für Beratungs- und Therapieangebote. Und zwar in der Nähe erreichbar, qualitativ auf der Höhe der Zeit und mit ausreichenden Kapazitäten, was auch eine gehörige Redundanz bedeutet, weil bei weitem nicht alle Klientys zu allen Therapeutys passen. Ein ausführliches Hinterfragen der Motive und Vorstellungen, inklusive Diskussion und Aufklärung über Alternativen bei irreversiblen Maßnahmen finde ich auch sehr gut. Aber das ist es dann auch. Ein Therapiezwang, der an versuchte Konversion grenzt, wie sich der MDK in der BGA wohl vorstellt, ist vollkommen überzogen.
Es ist schon ein vertracktes Setting, wenn Therapeuty gleichzeitig Beratung/Begleitung/Selbstfindungshilfe sein soll, aber auf der anderen Seite die entscheidende Instanz für die Freigabe der Wunschtherapie ist. Das darf eigentlich nicht sein.
Fazit: Für Transidentität, Gender-Inkongruenz und den Wunsch nach körperlicher Angleichung braucht es keine Krankheitsdefinition und keinen Leidensdruck für eine sinnvolle, hilfreiche med. Betreuung und Kostenübernahme. Eine gute Aufklärung und Check von Motivation, bekannten Alternativen, freiem Willen und informierter Einwilligung reichen völlig aus. Beratung und Therapieangebote aber müssen dringend besser werden.