Wie Gott uns schuf - Comingout in der Kirche
Wie Gott uns schuf - Comingout in der Kirche - # 2

zu den Themen Crossdressing, Transgender, Transident...
conny
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Re: Wie Gott uns schuf - Comingout in der Kirche

Post 16 im Thema

Beitrag von conny »

Danke Mirjam, aber es lohnt sich letzendlich wohl nicht, auf derartige niveaulose Ergüsse zu reagieren.
Silke61
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Re: Wie Gott uns schuf - Comingout in der Kirche

Post 17 im Thema

Beitrag von Silke61 »

Ich möchte gern sehr persönlich etwas zu dem Thema sagen (sorry, wenn es etwas länger wird).

Ich war selbst Ordenspriester, bin auch nicht wegen meiner Transidentität ausgetreten. Die war zwar schon seit der Kindheit latent da, ist mir aber erst später selber klar geworden.
Von daher gab es im Orden an der Stelle keine Konflikte. Es gab allerdings schon einige einschneidende Erlebnisse, die mich sehr geprägt haben. Eines, bei dem ich vor mir selbst erschrocken war und viele gute Erlebnisse, doch der Reihe nach.

Als junger Priester kam jemand zu mir in den Beichtstuhl, ich merkte, daß ihn mehr drückte, als was er direkt sagte und sprach ihn darauf an. Er gab sich einen Ruck und erzählte, daß er/sie transsexuell sei. Ich fühlte mich, jung und unerfahren wie ich war vollkommen überfordert und habe nur ein paar Banalitäten gesagt. Die Frau (äußerlich Mann) war deutlich enttäuscht über meine schwachen Worte. Ich war in dieser Situation sicher ein Grund für diesen Menschen, sich von der Kirche abzuwenden und ich leide unter diesem Gespräch noch heute. (ich darf das so anonymisiert erzählen, auch wenn ich selbstverständlich nach wie vor an das Beichtgeheimnis gebunden bin).
Ich war in der Situation einer dieser unsensiblen Kirchenvertreter ohne wirklichen Beistand und Empathie gegenüber einem Menschen, der sich Verständnis und Zuspruch erhofft hat. Ich war einfach von der für mich vollkommen neuen Situation überrumpelt und überfordert. In der Folge hatte ich nie wieder ein ähnliches Gespräch und häufige positive Rückmeldungen machten mir Hoffnung, daß ich gelernt hatte.

Was mir das sagt? Es gibt nicht "die" (kath.) Kirche. Es gibt schreckliche Vertreter, die einfach nur aus ihren eigenen Zwängen heraus handeln, es gibt sicher eine Menge, die sich redlich bemühen so wie ich, aber im entscheidenden Moment einfach nicht richtig handeln oder nicht die richtigen Worte finden und es gibt sehr authentische Priester und Ordensleute, die aus ihrem Glauben heraus den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Auch davon habe ich überzeugende Vertreter kennengelernt, die mich so überzeugt haben, daß ich selbst in den Orden eingetreten bin.

Das zeigte sich auch ganz deutlich (schon vor knapp 40 Jahren!) am Umgang mit Homosexualität. In unserer Ordensprovinz (in anderen ging das sicher nicht so leicht) haben sich viele Mitbrüder zumindest intern offen zu ihrer Homosexualität bekannt. ich habe nie erlebt, daß die sexuelle Ausrichtung für die Leitung irgendein Problem war. Im Gegenteil. Ich erinnere mich an einen jungen ehemaligen Mitbruder, der ausgetreten ist und als Begründung seine Homosexualität angab. Der Ausbildungsleiter hat sofort klar gemacht, daß das kein Grund für einen Austritt sein müsse. Knackpunkt war letztlich das Gelübde der Ehelosigkeit, das natürlich nicht nur Verzicht aus die Ehe sondern auch auf gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr forderte. Dazu sah sich der junge Mitbruder nicht in der Lage und zog deshalb die Konsequenzen.

Ich könnte viele Beispiele nennen, wo ich eine sehr menschliche Kirche und insbesondere einen menschlichen Orden erlebt habe. In meiner Ordenszeit sind sehr viele Mitbrüder ausgetreten, ich ja letztlich auch. Die Gründe waren vielfältig aber Not wie in der ARD-Dokumentation habe ich selbst nie direkt erlebt. Auch als ich ausgetreten bin habe ich Verständnis und Unterstützung erfahren, sowohl finanziell als auch ganz praktisch etwa beim Umzug.

Natürlich weiß ich, daß es die in der Sendung beschriebene Not sehr real gibt. Die Zeugnisse waren klar und eindringlich und natürlich weiß ich auch von den Betonköpfen, von denen es leider viel zu viele gibt. Wie gesagt, ich hatte in der Beziehung zum Glück bessere Erfahrungen. Vielleicht ist das auch eine frühe Form der Blasenbildung, wie wir sie heute verstärkt durch social media erleben: Man sucht sich halt ein Umfeld, das zu einem paßt. Das geht in vielen Situationen. Man geht zu einem Pfarrer, der einem gefällt, tritt so wie ich in einen Orden ein, der die eigenen Werte lebt.
Leider geht das nicht immer. Meßdiener in einem kleinen Dorf, sind einem pädophilen Priester hilflos ausgeliefert. Auch den jeweiligen Bischof oder Papst können wir uns nicht aussuchen. Gerade da gibt es schlimme Betonköpfe, die unendlich viel kaputt machen.
Es gibt aber auch die andere Kirche, die Kraft bei den wirklich wichtigen Fragen des Lebens gibt, leider ist die viel zu wenig sichtbar...

Ich hoffe eine etwas differenzierte Sicht aufgezeigt zu haben. Die aktuellen Schlagzeilen sind natürlich notwendig und zugleich schlimm aber eben nicht die ganze Wahrheit. All die gute Arbeit, die nach wie vor getan wird geht dabei leider unter. Und das wird denen, die sie tun (und dazu gehören auch die, die sich jetzt geoutet haben) eben nicht gerecht.

LG
Silke
Blossom
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Re: Wie Gott uns schuf - Comingout in der Kirche

Post 18 im Thema

Beitrag von Blossom »

Zunächst einmal Danke für den sehr persönlichen Beitrag.
Silke61 hat geschrieben: Fr 28. Jan 2022, 00:15 Es gibt aber auch die andere Kirche, die Kraft bei den wirklich wichtigen Fragen des Lebens gibt, leider ist die viel zu wenig sichtbar...
Zumindest ich spreche mich auch nicht für eine Abschaffung aus. Wer Kirche braucht, wem das etwas gibt und bringt, bitte schön. Persönlich brauche ich sie nicht, um mich christlich zu verhalten. Es ist auch unbestritten, dass sie Gutes verrichtet, aber eben nicht nur ... Sie richtet auch Schaden an. Und das meine ich auch religionsübergreifend und nehme keine aus.

Aber wenn mir als Mitglied einer Kirche oder einer Berufsgruppe Fehlverhalten bekannt wird, so habe ich meinen Mund aufzumachen! Nur so lässt es sich abstellen! Schweige ich aber, so mache ich mich mitverantwortlich. Ich muss mit dem "Dolch" nicht zustoßen, es reicht, wenn ich ihn jemanden reiche, nicht wahr?

Ich gebe ein Beispiel aus meinem Bereich als Krankenschwester: Vor vielen Jahren hatte ich in einer 1zu1-Versorgung eines beatmeten Klienten eine Kollegin, die ihn vorsätzlich in ein O2-Defizit versetzte, indem sie die Parameter des Beatmungsgerätes verstellte - nur, weil sie sich nicht zutraute, Ausflüge mit ihm zu machen. Vorab war bereits anderen aufgefallen, dass es dem Mann immer schlechter ging, wenn diese Pflegekraft im Dienst war. Es war Zufall, dass ich ihn an diesem Tag besuchte, weil ich ihm noch etwas bringen wollte. Da seine Sätting nur bei 84% lag machte ich mir Sorgen und ging alle Optionen durch, woran das liegen könnte. Letztlich fand ich die Manipulation heraus und war entsetzt!
Hätte ich, um im Beispiel des Missbrauchs in der Katholischen Kirche zu bleiben, schweigen sollen? Ihr sagen: Tu es nie wieder! Aber nichts weiter unternehmen sollen? Hätte ich es riskieren sollen, dass es sie auch an anderen Stellen tut? Solange, bis ein Mensch zu Schaden kommt? Oder hätte ich nicht für Einhalt gebieten müssen, mit allen Konsequenzen für diese Pflegekraft?
Ich habe reagiert und es gegenüber meinem Chef zur Anzeige gebracht, der es nicht auf sich hat beruhen lassen. Für die Pflegekraft erfolgte ein Berufsverbot! Wäre es anders gelaufen, hätte ich mir einen neuen Arbeitgeber gesucht!

Gleiches hätte ich mir auch von der Katholischen Kirche gewünscht. Aber sie hat nichts dergleichen unternommen! Die Kirche besteht aber nicht nur aus "Oberen", die Mehrheit sind Mitglieder - diese haben zum Teil aufgeschrien, aber die Masse von ihnen hat weiterhin die Kirchenbank gewärmt - schweigend! Insofern betrifft der Missbrauch m.E. alle Katholiken!
Jeder hat in seinem Leben Menschen um sich, die schwul, lesbisch, transgender oder bisexuell sind.
Sie wollen es vielleicht nicht zugeben, aber ich garantiere, sie kennen jemanden.
Billie Jean King (*1943)
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