Corona und die Wiedervereinigung.. meine ganz persönlichen Gedanken dazu
Corona und die Wiedervereinigung.. meine ganz persönlichen Gedanken dazu - # 2

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AlexLyrics
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Re: Corona und die Wiedervereinigung.. meine ganz persönlichen Gedanken dazu

Post 16 im Thema

Beitrag von AlexLyrics »

Ich bin mir sicher, dass die Wiedervereinigung sozialpsychologisch nicht gelungen ist. Meiner Meinung nach, hat der Westen, aus dem ich auch komme, weder die Lebensleistungen der Bewohner ausreichend anerkannt, noch wurde die politische Geschichte der DDR bisher nicht ausreichend aufgearbeitet, schon gar nicht die Verpflechtungen von Geheimdiensten gegenseitig. Der Westen hat sich, einfach gesagt, den Osten gekauft. Die westlichen Firmen haben mögliche Konkurenten eingestampft mit dem Hinweis darauf, diese Firmen seien nicht überlebensfähig. Erst im vorletzten Jahr strahlte das öffentliche TV eine ganz gut gemachte Aufarbeitung der Arbeit der Treuhandgesellschaft, die zum ersten mal versuchte, alle Gruppen mit ihren Meinungen zu Wort kommen zu lassen. Ich selbst bin bisher nur in Berlin und Dessau gewesen. Die östlichen Bundesländer kenne ich leider nicht und ich kenne auch niemand, der dort geboren wurde. Ich bin mir sicher, dass zukünftige gesellschaftlichen Krisen in Deutschland durch die DDR-Politik Westdeutschlands verstärkt werden dürften. M.E. hat man die Menschen dort in der Zeit der Wiedervereinigung sprachlos gemacht. Erstmals ist dies m.E. klarer geworden, als durch die letzte gesellschaftliche Krise (das Wort nutze ich neutral, nicht als etwas was negativ ist) der Einwanderung von Menschen aus dem Nahen Osten, sich vor allem dort Protest auf der Strasse regte und nicht in den Parlameten. M.E. wiederholte sich für viele Menschen ein gewisses Trauma der Hilflosigkeit (sei es aus einer gewisen Unkenntnis, was eine repräsentative Demokratie ist oder der spzialpsychologisch schlecht organisierten Einwanderungspolitik der BRD). Welche Auswirkungen die derzeitige Verfassungskrise auf die Bevölkerung haben wird, halte ich für offen. Auch hier sehen wir in den östlichen Bundesländern ein ereblich größeres Protestpotential als in den westlichen Bundesländern (Querdenken scheint sich überwiegend aus evangelikalen Gruppen zu kommen).
Lana
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Re: Corona und die Wiedervereinigung.. meine ganz persönlichen Gedanken dazu

Post 17 im Thema

Beitrag von Lana »

Liebe Frieda,

danke für deine Gedanken 😊

Mir geht es in vielen Punkten ähnlich wie dir, weshalb ich dich und das Forum nicht mit Wiederholungen langweilen möchte.

Die sog. Wiedervereinigung hat mich damals tief enttäuscht. Welche schöne, wirklich demokratische Strukturen sind in kürzester Zeit entstanden, die Runden Tische seien als deren sichtbares Beispiel genannt. Es lag auf einmal (in meiner - rückblickend - naiven Weltsicht) die Möglichkeit, die erstarrte und verkrustete westdeutsche parlamentarische Demokratie mit mehr Bürgernähe, mit direkten Elementen der Bürgerbeteiligung weiterzuentwickeln. Und das nur, weil mutige Menschen in der DDR sich zusammengefunden hatten, um ihr System in Frage zu stellen und über eine bessere Möglichkeit zu diskutieren. Mir im Westen erschien das aus der Zuschauerrolle wie ein unverdientes, großartiges Geschenk.

Allein, ich und alle anderen sollten es nicht erhalten. Statt dessen brachte die Eingliederung der DDR in die BRD weitere bleierne acht Jahre CDU mit Kohl an der Spitze, und die gesellschaftliche Entwicklung wurde genau so ausgebremst wie in den Jahren zuvor. Meine Enttäuschung über die vertane Chance kannte damals keine Grenzen, und sie nagt noch heute in mir.

Wie schwer muss es dann erst sein, wenn man an dieser Entwicklung aktiv beteiligt oder zumindest direkt von ihr betroffen war? Ich kann den Schmerz vieler Menschen im Osten sicher nie vollkommen verstehen, nachvollziehbar ist er für mich sehr wohl.
Hinzu kommt sicherlich, dass es auch ein Gefühl der Übervorteilung geben muss, weil der Westen damals nicht mit offenen Karten gespielt hat und das Vertrauen im Osten in unfairer Weise ausgenutzt wurde.

All diese Gefühle kommen wohl in ähnlicher Form bei vielen Menschen in Bezug auf die aktuellen Handlungen der Regierung hoch. Alle haben Angst, die einen vor Krankheit und Tod, die anderen vor einer tiefen gesellschaftlichen Spaltung, und wie unschön ein Leben in einer solchen Welt sein könnte. Viele fühlen sich nicht repräsentiert, sei es, dass ihre aus der Angst resultierenden Wünsche nicht befriedigt werden, sei es, dass sie das Regierungshandeln für wenig sachgerecht oder hilfreich halten. Das Ganze wird von den Medien genüsslich ausgekostet.

So sehr ich mir mehr Weitblick wünschen würde, so wenig kann ich daran glauben, dass bei vielen Menschen ein Erkenntnisprozess einsetzt, der die ähnliche Gemütslage der eigenen aktuellen Befindlichkeit mit der Stimmung im Nachwende-Osten erkennt. Da scheinst mir du, Frieda, eher eine Ausnahme zu sein.

Das ist schade, weil die momentane gesellschaftliche Krise ein Anlass sein könnte, mit der Aufarbeitung der Altlasten zu beginnen.

Soweit mal meine spontanen Gedanken dazu.

LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal
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