Zum ersten mal auf dieser Reise glaube ich zu wissen, wo ich im Moment hin will, nämlich ziemlich genau wo ich jetzt bin.
Was letztlich der Auslöser war kann ich nicht mehr genau sagen, aber irgendetwas gab mir vor ein paar Wochen den Impuls mir diese Oberteile zu bestellen. Das war gut, denn es fühlt sich richtig an. Es fühlt sich richtig an eine Bluse aus dem Schrank zu nehmen, wo gleich daneben die langweiligen Polo Shirts für die Mann Zeit hängen. Die Bluse wieder zurück hängen, weil ich keine passende Hose habe, die ich an diesem Tag anziehen mag, die Sachen aufeinander abstimmen bis ein ansehnliches Gesamt Outfit entsteht, all das fühlt sich so richtig an. Es muss kein Kleid und kein Rock sein, auch keine Spitze oder übermäßig feminine Stoffe und Formen, sondern es muss passen und mir im Spiegel gefallen, und genau das tun diese Oberteile. Es sind keine Damen Oberteile mehr, sondern es sind einfach meine Sachen.
So sieht das ganze übrigens in voller Lebensgröße aus
Das T-Shirt, die Schuhe, die farblich zur Strickjacke passende Gesichtsbedeckung mit Schmetterlingen, diese Dinge haben alle nichts mit Mann zu tun, das ist mir bewusst und das ist gut so. Mein rosa Bildschirmhintergrund mit Blumenmuster, den alle meine Kollegen kennen, die Handy Hülle mit Rosen, eine beige Handtasche, nichts davon ist "typisch Mann". Aber es ist meins, ich bin so.
Wie an jedem ersten Arbeitstag im Monat habe ich vorhin Unterlagen in der ganzen Abteilung verteilt, mit manchen Mitarbeitern etwas dazu besprochen, 24x war meine Kleidung dabei egal, die meisten schauen nicht mal mehr großartig drauf, ein weiteres Kompliment für das T-Shirt und eine andere Kollegin bemerkte lobend die hübschen Schmetterlinge und das Matching zur Jacke. Es fällt auf, spielt gefühlt aber keine Rolle (mehr?), dass hier ein Mann in Frauenkleidung rum läuft und Chef spielt, und genau das ist es wo ich hin wollte.
Innen drin steckt ziemlich viel Mädchen, nach außen sieht's halt nach Mann aus und alle kennen mich als Mann. Abgesehen davon, dass mir mein Vorname noch nie gefallen hat und mir mein "Mädchenname" lieber wäre, ich glaube nicht dass ich dieses Mann Sein umbiegen und als Frau auftreten muss, das würde mich nicht glücklicher machen, oder anders gesagt was würde es ändern? Das Experiment -eindeutig, unverkennbar, offen sichtbar Damenkleidung von Kopf bis Fuß- ist soweit geglückt, dass ich immer noch derselbe bin, meine Kollegen immer noch dieselben sind, wir in derselben Art und Weise dieselbe Arbeit wie vorher erledigen und auch persönlich genauso gut miteinander auskommen. Mehr brauche ich im Moment nicht.
Wie weit mich die Welle in die Damenwelt trägt, das weiß ich nicht. Auch in Zukunft folge ich auf jeden Fall der Linie Damenkleidung, die an einem Mann nicht komplett albern oder deplatziert aussieht. Sicher ist, selbst wenn es irgendwann der Hosenrock ist, oder ein noch feminineres Oberteil, ich werde immer noch der Mann sein, als den mich meine Kollegen kennen und sehen. Aber ein Mann, der sich endlich wohl fühlt in seiner Kleidung.