Vielen Dank Michelle, die beiden binären Anreden sind mir auch als erstes aufgefallen
Ihr kennt es vermutlich aus eurer Situation. Es scheint einfach zwischen den Zeilen durch, ob sich jemand Mühe gibt mit Namen, Anrede, Pronomen oder die Befindlichkeiten der betreffenden Person ignoriert.
Ich denke, wer meine Beiträge hier kennt weiss, dass ich versuche sinnvollen Inhalt zu transportieren, möglichst verständlich für möglichst viele Lesende. Ich habe Schwächen bei der Kommasetzung, aber achte auf verständliche Rechtschreibung und Grammatik, verlinke auf Erklärungen zu Fremdwörtern, usw. Das ist für mich einfach Höflichkeit gegenüber denjenigen, denen ich ja etwas mitteilen möchte.
"Nach Lust und Laune" verwende ich die neuen genderneutralen Formen, weil es eben noch keine allgemein akzeptierten Formen gibt, aber Menschen wie ich, die sich - mit den Worten von Anne-Mette - ihr richtiges und in diesem Fall nicht-binäres Geschlecht "hart erarbeitet haben", sehr großen Wert darauf legen, auch in der Sprache entsprechend vorzukommen.
Für die meisten von euch ist das kein Problem. Egal ob ihr euch in eurem Geburtsgeschlecht wohl fühlt, ihr nervenaufreibend binär wechselt oder mal so, mal so geht: Es gibt die Sprache für euch. Für Menschen wie mich nicht. "Sehr geehrte Damen und Herren", "Liebe/r Kunde/in", "[_] Herr / [_] Frau"? Nope.
Aber auch Frauen kommen häufig nicht wirklich vor, denn tatsächlich, Bianca: Wahrnehmungspsychologische Studien zeigen, dass auch mit Binnen-I Baggerfahren mit Männern (ausser bei älteren Personen aus Ostdeutschland, wo die Realität bereits anders war) und Kindergarten mit Frauen verknüpft wird. Die Geschlechterstereotype in den Köpfen bleiben unangetastet.
Mit anderen Worten: Das generische Maskulinum ist Tradition, aber es blendet nachweislich in den Köpfen alle nicht-männlichen Menschen gedanklich aus. Dass dies Männern nicht auffällt ist irgendwie nicht sonderlich verwunderlich. Hier im Forum hätte ich etwas andere Sensibilität erhofft.
Sehr seltsam finde ich das mit der "Volkserziehung". Lann Hornscheidt - ohne Pronomen übrigens - hat betont, dass dies Vorschläge sind. Bei mir auch. Niemand muss diese Formen benutzen. Niemand muss meine Beiträge lesen.
"Gendergerechtes Geschreibsel" nervt meiner Vermutung nach, wenn persönliche Bequemlichkeit und "Einfachheit" wichtiger sind als Gerechtigkeit, Empathie und Solidarität. Wenn mir jemand erklärt, bestimmte Bezeichnungen als persönlich verletzend, diskriminierend, ausgrenzend wahrzunehmen - zum Beispiel "Fräulein" - und mir Alternativen anbietet - "Frau" - dann sagt es etwas über mich aus, ob ich höflicherweise die Alternativen nutze, oder meine gewohnten Bequemlichkeiten beibehalte. Ich kann auch sicher sein, dass meine Wahl von den Betroffenen wahrgenommen wird.
Wir haben diese wunderbare Freiheit der Sprache. Das ist genau das Gegenteil der von oben verordneten, aufs gröbste vereinfachten[sic!] Neusprech in Orwells "1984", mit der ganz bewusst bestimmte Dinge nicht mehr sagbar und nicht mehr denkbar sein sollten. Ich denke, Orwell dachte Wittgenstein: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt". Hier geht es aber um eine Erweiterung der Sprache, um mehr von der Welt denken und beschreiben zu können.