Hallo alle zusammen
bei Twitter ist eine sehr gute Zusammenfassung des Artikels mit kommentaren des Verfasser*in.
Für alle die bei Twitter sind :
https://twitter.com/epicLouT/status/117 ... 54082?s=20
Für alle anderen habe ich es zusammen gefasst.
"
Okay, Thread über den "Es gibt einen Transgender-Hype" Artikel von FAZ, ein kurzes Interview von Kathrin Hummel mit der Professorin für
Kinder und Jugendmedizin Annette Richter-Unruh.
Es sei schon jetzt gesagt, dass es nicht so reißerisch ist wie die Überschrift.
Trotzdem ist eine genaue Lektüre interessant, daher biete ich euch mein Lesen an als eine Nachverfolgung verschiedener narrativer Stränge.
Das Interview bezieht sich auf trans Kinder, dies ist besonders im Schatten von dem ROGD Diskurs zu betrachten.
Für alle, die nicht wissen, was ~Rapid Onset Gender Dysphoria~ (ROGD) ist: eine amerikanische Wissenschaftlerin hat in TERF Foren Eltern
von trans Kindern und Jugendlichen nach dem Gender ihrer Kinder befragt.
Deren unfundierte Meinungen, dass plötzlich die Kinder wegen ~dem Internet~ trans würden, vom trans Dämon besessen wären etc hat sie
dann in einen wissenschaftlich anmutenden Begriff gekleidet...
...ohne zum Beispiel eine empirische Studie der Kinder.
ROGD ist folglich lediglich die verbegrifflichung der Meinung unbetroffener Menschen unter absichtlicher nicht Betrachtung wissenschaftlichen Korpus
oder einer Probe der formulierten Hypothese "ROGD".
Einfach: Hörensagen.
Biologismus
Okay, nun zum Artikel. Richter-Unruh spricht von Geschlecht von Biologie, wiederruft sofort und meint stattdessen ~Geschlechtsorgane~.
Wär ja auch zu schön, würde es eine differenzierte Betrachtung sein.
Transfeindlichkeit
Richter-Unruh ist strange, sie beschreibt ein trans Mädchen, dass zu ihr kam, Kleid trägt, dies das, "Aber die Eltern sprachen immer von Paul."
No shit, Eltern können transfeindlich sein & misnamen. Das ist kein Gegenargument gegen die transness von einem Kind
Biologismus
"und sich selbst, obwohl es einen Penis hat, von frühester Kindheit an als Mädchen gesehen hatte."
Cissen sind funny, glauben, dass intime Anatomie notwendige Selbstevidenz
mit sich trage. Also weil 1 Penis da ist, muss 1 Junge sein.
Ob ein Penis da ist oder nicht hat nichts zu sagen über Geschlecht. Ansonsten gäbe es keine trans Personen - aber trans lesbare Leben sind in
verschiedenen Kulturen über jede Zeit immer wieder auffindbar.
Heißt, dass die Kausalkette zwischen "Penis" und "Junge/Mann" nur eine kulturelle Konstruktion ist und nichts natürliches, notwendiges an sich hat,
sondern Personen wie Richter-Unruh selbst die sind, die dafür zuständig sind diese Konstruktion aufrecht zu erhalten.
Heißt: Richter-Unruhs Empörung über das ~Geschlecht trotz Penis~ ist nur ihr performatives Konstruieren von transness als ~unnatürlichem~ Zustand
und der Reproduktion normativer Verhältnisse.
"Die Eltern fragten nun, was sie tun sollten, wenn das Kind eingeschult werde."
Es ist immer wieder traurig, dass Ärzt_innen anstatt von Peerberatungen gefragt werden bei solchen Fragen.
Ärzt_innen sind für pädagogische und soziale Fragen nicht die richtigen Ansprechpartner_innen. Durch ihre zugesprochene Autorität werden sie jedoch dafür gehalten.
Richter-Unruh plädiert aber ziemlich simpel dafür transness von Kindern anzuerkennen. Nice.
Eine Betrachtung, die sich nur der Ideologie einer ~reinen Biologie/Medizin~ hingibt, ohne gesellschaftliche Faktoren zu betrachten, ist mindestens fehlerdurchzogen.
Richter-Unruh führt erstmal epigenetische, genetische oder umweltbedingte Veränderungen an, weswegen es inzwischen mehr trans Personen gibt als früher. Deutet erst
mal auf ein breites Angebot an ~Gründen~ an, warum Leute trans sein können. Aber.
Scheinbar ist Trans-sein ist etwas ganz neues, das sich scheinbar erst in den letzten 100 Jahren herausgebildet habe. Hmm"¦ Aus Perspektive der Medizin ist dies sogar
eine verständliche Aussage, jedoch muss dies kulturwissenschaftlich reflektiert werden.
In der Perspektive der modernen Humanmedizin ist trans-sein erst in den 70ern als etwas vollkommen neues anerkannt worden. Erst seitdem gibts messbare Individuen und ein
spezifisch pathologisiertes Krankheitsbild, anhand dessen transness medizinisch erkennbar wird.
Historische Kontingenzen, eine Auseinandersetzung mit zum Beispiel indigenen Modellen von Geschlecht,
etc sind nicht Teil der Betrachtung und können das auch nicht sein. Dafür fehlt es an Methoden und Rückschlüssen innerhalb der Medizin. Deswegen ist Interdisziplinarität
wichtig.
Richter-Unruh ist vielleicht jetzt sogar nah dran, wenn sie beschreibt, dass neben Hormonen, Hirnzellen und Umwelteinflüssen nun es einen ~Hype~ gäbe. Nur, dass sie aus
herrschender
Perspektive ihre Position nicht reflektiert. Aber kurz nochmal langsam.
CN SVV
Richter-Unruh meint nun, dass Personen, die Depressionen hätten, SVV durchführen und Angststörungen haben, im Internet den Begriff transgender finden würden und sich damit
identifizieren.
Das ist praktisch das typische ROGD Argument.
Nur, dass Richter-Unruh es noch mit einem weiteren Argument anreichert: trans Jungen würden sich nach den gesellschaftlichen Privilegien männlichen Genders sehnen.
Trans sein ist ja auch super easy und bequem und so, jaja.
Was gut ist: Richter-Unruh spricht sich deutlich für frühe Hormontherapien aus, anstatt Pubertät abzuwarten.
Kommen wir zu den Zahlen und analysieren den Trend: 2006 seien 3 trans Kids bei ihr, in diesem Jahr wären es schon 200 gewesen, 600 gerade aktiv in Behandlung.
Das klingt erstmal nach einer krassen Steigerung.
Sie selbst sieht sich nicht in der Position transness zu bewerten, sondern "Die Diagnose einer Transidentität stellt ein Kinder- und Jugendpsychiater oder ein Psychologe.",
zwar nicht 100% optimal, aber besser, als wenn sie sich selbst auch noch gatekeeperisch beteiligt.
"¦Sie bewertet aber trotzdem die transness. Es würden nicht alle behandelt werden, die sich vorstellen. Bei der Hälfte sei sie nicht von deren trans-sein überzeugt.
Warum nicht? Weil es nicht in die medizinische Definition von trans reinpasst. Weil die medizinische Definition von trans immer ein binärnormatives Narrativ
reproduziert: trans Personen müssen Hormone, OP etc wollen, sich 100% mit weiblich/männlich identifizieren und und und
Nicht binäre, Agender, Genderqueere Personen, Personen jenseits der Binarität etc werden als nicht trans angesehen, weil sie nicht den rigiden Vorgaben
der Gatekeeper_innen gerecht werden.
Der Widerspruch zwischen medizinischen Definitionen und realen Leben wird nicht dadurch aufgelöst, dass medizinische Definitionen erweitert, sondern
dass reale Leben psychopathologisiert werden.
Die mit der S3 Leitlinie weniger programmatische und nicht binäre Personen miteinbeziehenden Grundsätze können da langfristig mehr Möglichkeiten bieten,
jedoch dauert es, bis Gatekeeper_innen ihren Widerstand gegen nicht normatives Leben aufgeben.
Natürlich folgt, damit es auch ein cisnormativer Abfallartikel ist, noch Infos über bereuende.
Richter-Unruh führt dafür 2 Fälle an, die ise kennt. Zum Vergleich, 2 gegenüber 600, die nur jetzt gerade in Behandlung sind.
Der erste Fall ist eine Person, die mit 14 Testo anfing und mit 18 dann absetzte, weil die Person damit unglücklich war und sich entschied als weibliche Lesbe zu leben.
Der zweite Fall, ein trans Mann, der sich wohlfühlt, aber sich auch vorstellen könne wieder als Frau zu leben und nun, weil er mit seiner Partnerin gerne Kinder bekommen würde,
sie aber keine kriegen kann, nun fragte, ob was bzgl Fortpflanzung rückgängig zu machen sei.
Die erste Person ist sehr klassisch bereuend. Die zweite scheint jedoch nur mit einem Aspekt unzufrieden zu sein. Also nicht die übliche verteufelung von transness. Immerhin.
Richter-Unruh endet damit, dass sie sich für Fehler eingestehen ausspricht. Und ja, das ist wichtig.
Fazit: clickbait Überschrift mit cisnormativer Gesprächsführung, teils unreflektiertem und problematischen Argumentationen, aber nicht ansatzweise so schlimm, wie sein könnte "
Viele Grüße Bianca