Lieber/Liebe Toni,
vielleicht erinnerst du dich aber auch ich hatte ein Thema bezüglich der Detransition verfasst, bzw. MEINEM Wunsch einer Detransition, wenngleich es kein Diskussions- oder Informationsthread war sondern vielmehr einem Hilfeschrei glich, da ich nicht wusste, wohin mit meinen Gedanken und Emotionen. Das Schreiben mit anderen hat mir dabei jedoch sehr geholfen, einen klaren Gedanken und festen Entschluss zu fassen. Somit habe also auch ich nun den weg zurück in Angriff genommen.
Toni, es ist schön zu sehen, dass du dich für das Thema sehr zu interessieren scheinst aber mir fällt hier immer wieder sehr stark auf, dass du fast schon besessen von dem Gedanken wirkst, eine Detransition in den Vordergrund zu rücken, diese Idee der möglichen Reue anderen Usern aufzuschwatzen und sie auf Biegen und Brechen zu überzeugen versuchst, dass eine Transition mit Angst und Zweifel betrachtet werden sollte. Es ist ein guter Ansatz zu sagen, dass man, nach Jahren der Überzeugung, für sich doch feststellen könnte, dass die Transition letzten Endes nicht das erhoffte Glück und die eigene Zufriedenheit mit dem Dasein brachte, wie zuvor angenommen, das kann vorkommen. Ich bin ein gutes Beispiel dafür. Jedoch empfinde ich deine Informationsreden zu oppressiv und negativ gegenüber der Transition, womit du viele Detransitionierer in ein falsches Licht rücken könntest, denn nicht alle sehen die Transition als Fehler an, sondern vielmehr als Teil des Weges zum wahren Ich. Wir sollten nicht hier sein, um anderen die Schattenseiten einer Transition vorzuführen, sondern sollten vielmehr damit beginnen, uns selbst wieder auf die Beine zu helfen und denen Mut zu machen, die diesen Weg aus vollster Überzeugung anstreben, denn nur, weil es sich für uns als eine mögliche Fehlentscheidung herausstellte, muss das nicht auf andere Trans* umgemünzt werden. Von eigenen, negativen Erfahrungen zu sprechen finde ich vollkommen legitim, die habe ich auch gemacht. Doch das sind persönliche Erkenntnisse und die sollten nicht Verallgemeinert werden.
Vor ein paar Monaten wusste ich nicht einmal, dass dieses Thema überhaupt in Kenntnis genommen wird, dass sich Menschen trauen, offen darüber zu sprechen, aufgrund von Spott und Häme. Davor habe/hatte auch ich Angst, weshalb mich diese Zweifel lange Zeit zu erdrücken drohten, bis ich mich traute, die Karten auf den Tisch zu legen und meine Fehlinterpretation psychischer Belastungen wahrzunehmen, die weit tiefer stemmten, als dem Wunsch der Transition nachzugehen, diese mir aber bis zu einem gewissen Zeitpunkt das Leben erleichterte. Meinen Ärzten kann ich hierbei kaum die Schuld geben, denn ich habe durch meine eigene Überzeugung, Trans* zu sein, auch mein Umfeld davon überzeugen können. Ich habe es gefühlt und gelebt, da gab es keine Zweifel. Es war meine eigene Entscheidung und ich musste es tun, denn sonst hätte ich nun nicht zu mir selbst gefunden. Es war ein beschwerlicher Umweg aber ich empfinde keine Reue - es musste wohl einfach so sein. Damit finde ich mich nun ab. Niemand zwingt die Menschen, zu transitionieren. Sie tun es aus eigener Überzeugung, aus eigenem Wunsch, und diesem nachzugehen finde ich absolut erstrebenswert. Detransition hat nichts mit einem Haufen von unzufriedenen Leuten zu tun, deren Transition irgendwie gescheitert zu sein scheint und nun ein Ventil benötigen, um Dampf rund um den eigenen Frust abzulassen oder medizinische Maßnahmen bis auf's Blut zu verteufeln. Detransition ist Selbstreflektion, die Erkenntnis, nicht am Ziel angekommen zu sein. Die Reise geht eben einfach weiter. Natürlich sollte einem bewusst sein, welche Risiken bestehen und was diverse OP's für die Zukunft bedeuten. Doch jeder kompetente Arzt macht darauf aufmerksam und wer diesen Bedingungen trotzdem zustimmt, hat sich bewusst dafür entschieden.
Zusammengefasst möchte ich dir einfach nur mitteilen, dich vielleicht auch bitten, Detransitionierer nicht wie einen wütenden Mob dar zu stellen, die anderen Trans* die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden, ausreden möchten. Es ist gut, sowohl positives als auch negatives abzuwägen, aber letzten Endes entscheidet jeder eigenständig über sein Leben und seinen Körper. Auch Detransitionierer suchen nach Halt und Bestärkung, denn wir gehen diesen Weg quasi zweimal, was mit ebenso viel Schmerz und psychischem Druck verbunden ist. Wir sind also keine gegnerische Partei sondern vielmehr Leidensgenossen. Wir sollten einander helfen, nicht Zweifel und Angst schüren. Das hilft niemandem.
Toni Smith hat geschrieben: Fr 28. Jun 2019, 12:20
Der Reddit zu Detransition wächst weiter. Was mir aufgefallen ist, es gibt eigentlich keine Berichte von körperlichen gesundheitlichen Problemen als Grund für die Detransition. (Überwiegend sind die Gründe psychische Probleme)
Auch ich bin auf der Detrans Seite von Reddit unterwegs und auch, wenn es so scheint, als würde es kaum gesundheitliche Probleme geben, so wurde mir privat von so manchem von körperlichen Beschwerden berichtet. Ich stimme dir zu, dass es zwischen psychischen Belastungen untergeht, aber sie sind durchaus existent. Ich beispielsweise habe selbst über die Jahre viele negative Aspekte meiner HRT an mir bemerkt, die mir körperlich zusetzten. Das meiste davon habe ich einfach ignoriert oder als Nichtigkeit abgetan, weil ich glaubte, es würde besser werden, mein Körper würde nur etwas Zeit benötigen. Ich hatte aber natürlich auch Angst, dass Einsicht auch Abbruch bringen würde, das man mir quasi die Hormone verweigert und ich die Transition abbrechen müsste, weil es mir nicht hilft sondern vielmehr schadet. Nun aber wo ich endlich zu mir selbst gefunden habe, sehe ich, wie engstirnig und leichtsinnig ich vorgegangen bin. Meine Gesundheit ist mir wichtiger, mein Körper rebelliert ganz deutlich gegen die HRT und genau aus diesem Grunde möchte ich mir das nicht länger zumuten. Vielleicht geht es so manch einem auf Reddit genauso. Der psychische Druck steht im Vordergrund und blendet die gesundheitlichen Probleme aus - denn wenn der Kopf voll ist, ignoriert er das Wesentliche. Aber das muss natürlich keine Norm sein; es gibt auch genügend Detransitionierer, die keinerlei Probleme mit HRT's oder sonstig medizinischen Eingriffen hatten sondern es aus anderen Überzeugungen tun. Es ist aber nicht auszuschließen. Scham könnte hierbei ja auch eine Rolle spielen, insbesondere, wenn es um körperliche Probleme geht.
Auch ich befand mich im Anfang 20-er Spektrum, als ich meinen Weg begann, und kann von meiner Erfahrung her nur berichten, dass ich sehr wohl Trost, als auch Stärke in der Transition fand. Die Depressionen davor waren weitaus schlimmer, als sie es jetzt jemals sein könnten. Erbitterter Selbsthass, SVV, Motivationslosigkeit, Abschottung, Angstzustände etc. All das hat mir die Transition genommen. Zwar bin ich in meiner momentanen Lage nicht glücklich geworden aber im groben gesehen geht es mir trotz aller Umstände besser als damals. Mit dem Alter hat das meiner Meinung nach ziemlich wenig zu tun. Aber das ist nur meine Ansicht.
Durch das Internet kann man sich über jedes Thema ausführlichst jeder Zeit informieren. Das war vor einem Jahrzehnt noch weniger der Fall. Gerade Menschen mit Zwangsstörungen und einer hohen Suchtanfälligkeit können dadurch in extremen Verfallen. Sie steigern sich dann in Themen rein, bis sie sich mit dem Thema identifzieren. Auch Dysphorie kann dadurch entstehen und verstärkt werden.
Ich möchte nicht widersprechen, dass manche Medien das Thema ziemlich aufbauschen, ja teilweise auch fetischisieren, aber eingeredet zu bekommen, Trans* zu sein, empfinde ich persönlich als ziemlich fragwürdig. Ich lasse mir vom Psychater doch schließlich nicht sagen, dass ich Männersachen zu tragen habe, wenn ich das eigentlich gar nicht möchte. Darin alleine erkenne ich doch die Diskrepanz. Zwar weiß ich, dass bei manch einem User auf Reddit dies der Fall zu sein schien aber hier fallen wohl auch viele andere Punkte mit ins Gewicht. Es gibt Pfuscher und schlechte Ärzte, keine Frage, aber das passiert nicht nur bei Transitionen sondern auch bei anderen Thematiken.
Noch einmal möchte ich sagen, dass ich die Idee gut finde, Erfahrungen zu posten, über persönliche Erkenntnisse zu sprechen oder auch mögliche Risiken zu erwähnen. Die Detransition sollte nicht unter den Teppich gekehrt oder totgeschwiegen werden, denn sie existiert, und Menschen, die sich aus Angst nicht trauen, dazu zu stehen, weil sie fürchten, verurteilt oder nicht ganz für voll genommen zu werden, sollten auch einen Platz haben, an dem Hilfe geboten wird. Das hier wirkt aber eher kontraproduktiv, denn du merkst ja selbst, wie die Community reagiert. Es ist vielmehr abschreckend als informativ. Das sollte nicht der Fall sein.
Das ist nur mein gut gemeinter Rat.
