Guten Abend zusammen,
das 'PS:' mal am Anfang: Erst nachdem ich das folgende geschrieben habe, habe ich die letzten Beiträge gelesen. Deren Form und Inhalt überzeugt mich einmal mehr davon, dass mein gedankliches 'Modell' nicht gänzlich falsch ist. Überall nur Menschen und Menschlichkeiten, von 'Frauen' und 'Männern' nix zu sehen. Es geht nicht darum, wessen Sicht oder wessen Modell die oder das 'richtigere' ist; völlig Banane. Ich kann mit der Sichtweise von ab08 für mich persönlich auch relativ wenig anfangen, aber es ist IHRE Sichtweise. Weder der gegenseitige Einsatz von ganz üblen Schimpfwörtern, wie 'Mann' oder 'Frau', noch das 'Wiederaufrühren' eines Streites nach dessen Beisetzung halte ich für guten Stil. Ich dachte, hier ginge es um die Sache. Darum, seine Ideen, Gedanken und Modelle einzubringen und die Zeit entscheiden zu lassen, welches das geeignetste ist.
Galilei wurde übrigens 1992 von der römischen Kirche rehabilitiert; dreihundertfünfzig Jahre nach seinem Tod.
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So, und weil ich ihn geschrieben habe, hier der 'geplante' Beitrag:
Lara schrieb:
"Auf Anhieb fällt mir jetzt aber auch nicht ein, wie wir da weitermachen könnten. Marielle, magst du dein Modell / deinen Ansatz / deine Ideen noch etwas genauer ausführen?"
Ich werd's versuchen, zuerst möchte ich noch was zu mir und zu meiner Motivation sagen. Ich habe keinen professionellen Bezug zur Psychologie oder anderen Bereichen, die mit dem 'Menscheln' zu tun haben. Meine Vorstellungen und Ideen habe ich aus dem fortlaufenden 'Selbstversuch Marielle', durch den Kontakt zu einer ganzen Reihe von 'Leuten wie mir' und zu 'Ahnungslosen', aus Gesprächen, Diskussionen und Beobachtungen gewonnen. Ein bischen was habe ich auch gelesen. Aber wenn diese Diskussion in Hardcore-Psychologie übergeht, bin ich wahrscheinlich raus. Auch deshalb, weil ich nicht primär nach einer Erklärung im Sinne einer Ursachenfixierung oder nach diagnostizierbaren Fakten suche, sondern nach einer Erklärung im Sinne von 'es begreifbar bzw. verstehbar machen'. Und zwar verstehbar für mich, für uns und für Aussenstehende.
Anne-Mette schrieb dazu:
"Ich denke, "Akzeptanz durch andere" setzt voraus, dass "unsere" Botschaft verstanden wird und dass wir sie einigermaßen gut vermitteln können. Daran sollten wir arbeiten.
Genau das möchte ich erreichen, nehme allerdings an, dass das Eine nicht gänzlich ohne das Andere gehen wird. Wenn ich mich Situationen aussetze, in denen ich auf Menschen treffe, die nichts oder nicht viel über Trans*-Menschen wissen, treffe ich weit!! überwiegend auf offene, tolerante Personen, die gut mit mir umgehen. Eine ganze Reihe dieser Leute sind auch daran interessiert etwas erklärt zu bekommen. An dem Punkt stelle ich dann aber immer wieder fest, dass ich etwas liefern sollte, auch möchte, aber nicht wirklich gut liefern kann.
Ganz sicher werde ich mich in solchen Momenten nicht für 'Behindert' erklären und den Leuten gleich einen Pappbecher zum Einwurf einer Mitleidsmünze unter die Nase halten. Und zwar schon deswegen nicht, weil die Behauptung einer 'Behinderung' auf der Herleitung von Verhaltens- und Persönlichkeitseigenschaften aus der Zugehörigkeit zu einer der biologischen Funktionsgruppen basiert. Davon habe ich mich emanzipiert, aus dem Alter bin ich raus.
Womit ich, nach langer Rede, wieder zurück beim Thema bin
Mein 'Modell' (welch hochtrabender Name für das, was ich über mich und andere denke) geht von der Annahme aus, dass ALLES ausser den zur Reproduktion notwendigen, biologischen Eigenschaften und Features, vereinfacht Hoden und Gebärmutter, in den Bereich des weiter vorne schon mal zusammengefassten Bereiches des 'sozialen Geschlechts' gehört. Die Begriffe 'Frau' und 'Mann' sind dann Bezeichnungen für eine abgegrenzte biologische Funktion, sonst nichts.
Wenn jemand nun sagt 'Frauen' seien kleiner und 'Männer' stärker, also physische Unterschiede jenseits von Hoden und Gebärmutter anführt, dann widerlegt das die Annahme nicht. Es ist erstens nur statistisch richtig (stellt mal eine große Norweger_in neben einen kleinen Sizilianer_in

) und zweitens sind die statistischen Mittelwerte dieser Unterschiede ihrerseits nur der jeweiligen Funktion bei der Arterhaltung geschuldet.
Ab dem berühmt-berüchtigten Moment, "Es ist ein JUNGE!' bzw. "Naja, hauptsache gesund", wird an allen Menschen ständig 'herumsozialisiert'. Anhand von Leitbildern werden aus Hodenträger_innen 'Männer' und aus gebärmutterbehafteten Menschen 'Frauen' gemacht. Wenn man sich aber die Varianz der tatsächlichen 'sozialen Eigenschaften' der Mitglieder_innen der beiden Funktionsgruppen ansieht, sind diese Leitbilder, nach dem wissenschaftlichen Grundsatz, dass ein einziges Gegenbeispiel eine These hinreichend widerlegt, völliger Unfug. Es gab Irma Grese*, es hat sowohl Ulrike Meinhof als auch Andreas Baader gegeben, auch Helene und Albert Schweitzer gab es und es hat Mahatma Ghandi gegeben. Die Liste liesse sich weiter fortführen. Es gibt, soviel ich weiss, keine Zweifel an der jeweiligen Zugehörigkeit dieser Menschen zu einer der Funktionsgruppen; 'Leitbildgemäss' haben sie sich nicht verhalten oder sie haben, obwohl unterschiedlichen Funktionsgruppen zugehörig, das gleiche getan (die Schweitzers im Guten, Meinhof und Baader im Schlechten).
Man kann natürlich über die genannten Personen und ihre Eignung als Gegenbeispiele diskutieren, für mich sind sie der (beispielhafte) Beleg, dass die Geschlechterstereotypen, die den Sozialisationsleitbildern zugrundeliegen, nur Statistik sind. Das gleiche 'Spiel' funktioniert sogar mit der Physiognomie von Menschen, die natürlich (ebensowenig wie sie mit der Religionsanghörigkeit zu tun hat) nichts mit den Geschlechterleitbildern zu tun hat, aber eben auch unabhängig von der Funktionsgruppenzugehörigkeit ist; abgesehen von der Statistik darin. Und das, die Statistik, ist für mich keine geeignete Wissenschaft, um Menschen 'einzuordnen'.
Was übrig bleibt, wenn man die Leitbilder und die Funktionsgruppen zunächstmal gedanklich aussen vor lässt, sind Individuen, deren Eigenschaften einer so hohen Varianz unterliegen, dass sich für jede Eigenschaft ein Beispiel finden lässt, in dem die Ausprägung der Eigenschaft eines Individuums weiter vom 'statistischen Mittel' seiner Funktionsgruppe entfernt ist, als die Mittelwerte der Funktionsgruppen überhaupt auseinanderliegen.
Diese Individuen sind von Anbeginn an einer Umwelt ausgesetzt, die überwiegend davon ausgeht, dass die Zugehörigkeit zu einer biologischen Funktionsgruppe auch einen Einfluss auf die Eigenschaften, die Persönlichkeit hat, sogar haben MUSS. Die Methodik von Reizsetzung und Anpassung, sprich: Prägung, können die Psycholog_innen hier sicher besser erklären als ich, aber sie funktioniert, nicht nur bei Gänsen und Gummistiefeln. Bei manchem Individuum trifft dann der, immer vorhandene, Versuch einer Prägung auf eine oder mehrere Eigenschaft(en), die im Widerspruch zu der angestrebten Prägung stehen. Ein Computer würde in so einem Fall sofort eine Fehlermeldung ausgeben, ein Mensch hält das eine mehr oder weniger lange Zeit ohne erkennbare 'Fehlermeldung' durch.
Das ist das, was ich mit "das Geschlecht sitzt zwischen den Ohren" in dem ersten Beitrag meinte. Genauer formuliert geht es in keiner Weise um 'Geschlecht', allenfalls um das, was in der englischen Sprache 'gender' genannt wird. Es geht um Eigenschaften eines Individuums, eines Menschen, die mit der Funktion bei der Fortpflanzung soviel zu tun haben, wie der Esel mit dem Fliegen.
Zu dem zweiten, im anderen Beitrag genannten Aspekt "
das Geschlecht sitzt in der U-Bahn und im Büro neben uns: Dieser Mensch, der mit der 'latenten Fehlermeldung', ist während seines Daseins weiterhin dauerhaft seiner leitbildorientierten Umgebung ausgesetzt. Er (der Mensch) erlebt andere Menschen, die die Eigenschaften, die bei ihm zu Fehlermeldungen führen, in einer anerkannten Weise nutzen oder 'ausleben' dürfen und die gar nicht so auf ihn wirken, als würden ihre Eigenschaften zu Fehlermeldungen führen. Was läge dann näher, als sich, nach der Theorie der sozialen Identität oder der Selbstkategorisierung, als der 'anderen Gruppe' zugehörig anzusehen? Nichts; man würde sogar sagen, dass diese Selbstkategorisierung vernünftig ist, weil sie zur Behebung der Gründe für die Fehlermeldungen führt und es dem Individuum in der 'anderen Gruppe' besser geht als zuvor**.
Ein Problem entsteht allerdings dadurch, das erstens die eigenen Eigenschaften nicht immer alle stringent zum Leitbild einer Gruppe gehören (wie sollten sie auch?) und zweitens die 'andere Gruppe' sich ihrerseits über Herleitungen aus den Eigenschaften der biologischen Funktionsgruppen definiert. Ein 'Mann' hat keine Gebärmutter, hatte auch nie eine und wird nie eine haben. Oder eben andersrum, dann nur mit Hoden.
Soviel zu meinem "Modell", wie aus einem Menschen ein Trans-Mensch wird. Die Frage, die übrig bleibt, ist: Sind die funktionsgruppenbezogenen Leitbilder, Ableitungen und Definitionen 'Frau' und 'Mann' sinnvoll oder sind sie einfach nur Unfug. Sind sie 'gottgegeben' oder nur 'Tand aus Menschenhand'?
Auch wenn ich weiss, dass meine Sicht der Dinge auf manche(n) hier wie ein Brandsatz wirken wird: Die Kategorien und Leitbilder 'Frau' und 'Mann' taugen nicht die Bohne für die Selbstdefinition. Und sie taugen nicht für die Beschreibung dessen, welche Eigenschaften einen Menschen zum Individuum machen. Sie sind grade gut genug, um Funktionen bei der Arterhaltung zu beschreiben. Am Ende der Zeit werden wir, meiner Meinung nach, feststellen, das alle Menschen 'trans' sind, wir nur viel zu lange geglaubt haben, dass es anders sein müsse, weil irgendwann in grauer Vorzeit irgendwelche 'Torfköppe' es so postuliert haben.
Habt eine gute Nacht und überzeugt mich von etwas anderem
liebe Grüsse
Marielle
*) Irma Grese war Aufseherin in Auschwitz und Bergen-Belsen und hat nach eigener Aussage Menschen im Lager mit einer Peitsche geschlagen. Die anderen Namen muss man wohl nicht erläutern.
**) Liebe Carat: Es, das Individuum, ist ab dem Moment oft sogar wirtschaftlich leistungsfähiger. Also: No need to worry. Die Wirtschaft des Abendlandes geht wegen der paar Transen nicht unter. Im Gegenteil: Ganze Schuhmanufakturen in Italien leben davon.