TS - Outing Strategie?
TS - Outing Strategie? - # 5

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Truus
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 61 im Thema

Beitrag von Truus »

dagchen nicole,

hoert sich alles super gut an. Freue mich fuer Dich!!!!

groetjes Truus
ReaGirl

Re: TS „ Outing Strategie?

Post 62 im Thema

Beitrag von ReaGirl »

Super das alles so super klappt!!! Macht Mut und ich freu mich wirklich für dich und jedem der diesen schritt erfolgreich geht :)
nicole.f
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 63 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Schönen guten Sonntag-Abend meine Lieben!
Wart Ihr auch schon brav alle wählen :) ?
Ich war's und das war mal wieder so ein nettes kleines Erlebnis für sich, doch davon erst später mehr...

Denn eigentlich möchte ich die Geschichte dieses Threads abschließen. Begonnen hatte ich ihn vor mittlerweile knapp vier Monaten, da ich mir seinerzeit langsam darüber klar wurde, dass ich meine anstehende Veränderung meinem Umfeld werde mitteilen müssen, mir aber sehr unsicher darüber war, wie das denn ablaufen könnte. Heute, vier Monate später, liegt dies nun alles hinter mir. Familie, Freunde und Bekannte wissen es und die meisten haben Nicole bereits kennen gelernt. Und was mir vor einigen Wochen noch als völlig verrückter D-Day erschien, ist jetzt bereits gelebter Alltag - so schnell kann das gehen :)

Die vielen guten Ratschläge, auch hier aus dem Forum, haben mir sehr dabei geholfen - vielen lieben Dank!

Schlussendlich lief es jetzt sozusagen dreistufig ab.

Die ersten die davon erfuhren waren enge Freunde und die Familie. Dies habe ich im persönlichen Gespräch in ruhiger und geschützter Athmosphäre angegangen - und ich denke, das ist auch gut so. So konnte ich ruhig ein bisschen etwas erklären, zum eigentlich Punkt hinführen und wir konnten im Anschluss in Ruhe darüber reden. Ganz großartigerweise gab es dabei mit praktisch niemandem ernste Probleme. Die größten hatten noch meine Eltern, doch zumindest meine Mutter beginnt es langsam zu verstehen, welchen Stellenwert und Wichtigkeit das für mich hat. Übrigens fanden diese Gespräche allesamt noch in der männlichen Rolle statt, was glaube ich auch ganz gut war.

Als ich vor jetzt knapp drei Wochen nicht mehr anders konnte und die Firma einweihte, gab es auch dort außer großen Augen keinerlei Probleme, komische Fragen oder Widerworte. Für die meisten ist das alles reichlich "anders" und neu, weshalb sie erstmal glauben müssen, was man ihnen sagt.

Nachdem dann klar war, dass ich die Woche darauf also nun als Nicole im Büro erscheinen würde, war es also auch an der Zeit Kunden zu informieren. Auch hier durch die Bank keinerlei Probleme, eher im Gegenteil - ich beschrieb es schon hier. Völlig großartig!

Der letzte Akt war also nun noch der Vortrag am 22.5. - "Hacking Gender". Zu dem Abend hatte ich einige "lose" Freunde explizit eingeladen und wusste, dass auch fast alle anderen, die mich kennen, dort sein würden. Als Ankündigungstext stand folgendes im Wiki:

"
Es gibt kaum ein Thema, über das ähnlich lange und so erbittert, und teilweise sogar verbittert, gestritten wird. Schlagworte wie "Gender Mainstreaming", "Gender Studies" oder sogar als Verb "gendern" sind weit verbreitet. Meist wird damit die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter verbunden und diskutiert. Sicherlich ist diese richtig und wichtig. Aber ein Aspekt wird meist außer Acht gelassen - was ist dieses "Gender" oder zu Deutsch "das Geschlecht" überhaupt?

Der Vortrag möchte eine etwas andere Sichtweise auf dieses sicherlich schwierige Thema anbieten, die damit dann vielleicht auch Aspekte der Gender Debatte in einem etwas anderen Licht erscheinen lassen könnte.
"

Die Idee war, über den kleinen Umweg der gender Debatte, die wir dort auch schon hatten, hinzuleiten auf die Frage, was denn eigentlich dieses "Gender" (Geschlecht) eigentlich ist? Und ist es überhaupt so klar und eindeutig, sodass eine sehr einseitige Diskussion um ein binäres Geschlecht in dieser Form überhaupt gerechtfertigt ist? Das hatte natürlich ganz klar das Ziel dazu zu kommen, dass es Menschen wie uns gibt, die nicht eindeutig sind und irgendwo zwischen diesen binären Positionen stehen. Das Ende des Vortrages war dann also entsprchend meine Ankündigung von nun als Frau zu leben.

Eigentlich wollte ich den Vortrag noch als Mann halten und dann am Folgetag den Wechsel endgültig vollziehen. Doch das kam ja nun anders und ich war bereits seit zwei Wochen öffentlich! Also ging an diesem Abend bereits Nicole ins Hackspace. Erstaunlicherweise fielen die erstaunte Blicke vergleichsweise gering aus. Vielleicht dachten auch welche, dass das eine Verkleidung zum unterstreichen des Vortrags war?

Ich war natürlich schon etwas aufgeregt, aber weniger wegen meines Erscheinens dort und noch weniger wegen dessen, was ich am Ende anzukündigen vor hatte. Ich war vor allem wegen des Gender Themas aufgeregt, denn dazu hatten wir dort bereits einige teils erbittert geführte Diskussionen. Ich hatte Angst, dass einige Hardliner vielleicht meine Sichtweise und insbesondere den Schluss als Herabwürdigung sehen könnten.

Der Vortrag kam aber, von dem was ich so mitbekam, recht gut an. Auch wurde meine etwas andere Sichtweise durchaus als mindestens gerechtfertigt betrachtet - schön :)
Und der Schluss? Also meine Ankündigung?
Nunja - völlig harmlos! So wie es bisher überall war, ein leichtes kurzes Erstaunen und das war's. Eine Freundin, die es schon vorher wusste, was da am Ende kommen würde, hatte sogar einen Geburtstagskuchen mit "Nicole" Aufschrift gemacht - wie süß! Nach noch ein paar Fragen & Antworten, die nett gemischt waren, teils zum Gender Thema, teils zu meiner Veränderung, habe ich Sekt für alle ausgegeben und mich dann "unter das Volk" gemischt. Wir waren noch bis um 1Uhr dort und es war ein wundervoller Abend, voller toller Gespräche mit vielen lieben Menschen, die ich abermals wieder neu kennenlernen darf! Und das ist ganz großartig, denn jetzt auf einmal lerne ich so viele Menschen auf eine soviel menschlichere Art kennen und das macht unglaubliche Freude!

Ich werde von dem Vortrag noch ein Script zu den Folien schreiben und hier einen Link zum Download posten. Vielleicht verlinke ich auch die Audio Aufzeichnung, die muss ich aber erstmal selbst anhören :)


Damit ist es dann also vielleicht an der Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen...

Ich denke das wichtigste von alledem ist etwas, was mir auch ein paar mal im Laufe der Wochen gesagt wurde: Authentizität ist der Schlüssel zu allem!
Wenn man zu sich selbst steht, nichts verkünstelt, nichts übertreibt oder versucht zu kaschieren oder zu überspielen, sondern ganz man selbst ist, dann klappt der ganze Rest fast wie von alleine. Unsere Gegenüber merken es sofort, wenn man sich verstellt, warum auch immer. Und das macht einen dann sofort fragwürdig und alles weitere Bemühen ist fast vergebens.
Also: Authentisch sein! Ganz wichtig.

Die nächste wichtige Erfahrung ist wohl, es ist alles deutlich weinger schlimm oder tragisch, als man sich das manchmal ausmalen könnte. Solange man sich selbst treu bleibt, wird einen niemand fressen. Es wird ganz sicher Menschen geben, die es nicht sofort umsetzen können. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn wer dieses Problem nie selbst erlebt hat, wird es nicht verstehen können. Doch wenn man sich weiter ganz normal auch ihnengegenüber verhält, dann nimmt das doch schnell ab und alles wird gut. Auch hier hilft die besagte Authentizität enorm!

Es war auch, denke ich, richtig, gute Freunde und Familie im persönlichen Gespräch einzuweihen. Bei ein zwei ist mir dies, aus Zeitmangel, nicht mehr gelungen und sie sagten mir im nachhinein, dass sie ein etwas persönlicheres Gespräch vorher besser gefunden hätten. Das ist also wichtig für Freunde und Menschen, mit denen man doch öfter und direkt zu tun hat. Der Vortrag und diese Art des Outing ist aber bei den loseren Bekannten offenbar auch sehr gut angekommen, d.h. ein Outing gegenüber Gruppen scheint gut zu klappen, wenn die Gruppe aus eher loseren Bekannten besteht.


Damit ist dieser Teil der Geschichte eigentlich abgeschlossen - das Outing ist durch und es zieht der Alltag ein.

Das ist auch soetwas völlig erstaunliches. Vor ein paar Wochen war immernoch jeder halbwegs öffentliche Auftritt mit etwas Aufregung verbunden - wird man erkannt, komisch angeschaut etc.? Doch das war bereits nach dem denkwürdigen Sonntag vor zwei Wochen fast vorbei und ist nun völlig weg. Das zeigt eigentlich auch mir, dass es das Richtige war, diesen Schirtt zu gehen. Es ist nun völig normaler Alltag. Ich bin durchweg deutlich entspannter, brauche weniger Schlaf und kann mich endlich wieder länger am Stück auf meine Arbeit konzentrieren. Ganz schön spannend, was sich da so verändert :) Das sind lauter Kleinigkeiten, die die ganzen Jahre da waren, man aber nicht so genau wusste, warum das so ist. Es war eben normal. Doch jetzt fällt es auf, wenn es nicht mehr so ist und es drängt sich der Verdacht auf, dass es also mächtig negative Auswirkungen hatte, sich nicht leben zu können.


Und jetzt noch zwei kleine Anekdoten zum Abschluss...

Ich erwähnte vor zwei Wochen, dass ich direkt in meiner ersten Woche als Nicole im Büro direkt ein Geschäftsmeeting mit einem Kunden haben würde. Das war dann auch ganz schön ordentlich, mit 5 Personen vom Kunden und incl. mir drei von uns. Wir hatten dafür extra in einem nahegelegenen besseren Hotel einen Konferenzraum gemietet etc. also schon sehr ordentlich formell. Die Personen des Kunden, die da kommen würde, hatte ich bereits per eMail, wie die ganzen anderen auch, über meine "kleine Veränderung" informiert. Bis zu dem Termin hatte ich aber von keinem von ihnen eine Reaktion bekommen und machte mir deshalb etwas Sorgen. Am Morgen des Treffens stand ich noch im Foyer des Hotels und wartete auf meine Kollegen, als einer der Kollegen des Kunden ins Foyer kam - ein älterer Herr, eher einer der Senior Ingenieure des Kunden. Ich hatte ihn bereits drei mal bei anderen Treffen getroffen - aber da noch in der männlichen Rolle. Er lächelte mich wirklich freudig an und begrüßte mich wie völlig selbstverständlich "Guten Morgen Frau B.!". Das war dann direkt schonmal ein großartiger Start in den Tag! Der Rest des Treffens war durchweg gut und produktiv, keinerlei Unterschied zu vorherigen Treffen. Spannend war noch das Mittagessen, auch in dem Hotel. Als der Ober die Speisekarten brachte bekam ich meine zuerst - denn ich war ja nun die einzieg Frau am Tisch! ich brauchte ein paar zehntel Sekunden um zu schalten, warum das so war - und freute mich dann doch :)

Und dann noch die eingangs erwähnte Wahl heute. Ich sehe es gar nicht mehr ein, mich wegen soetwas zu verstellen. Aber es steht noch der männliche Name auf dem Wahlschein. Doch auch das war mir jetzt völlig Wurst. Ich freute mich eher schon auf die Verwirrung, die deshalb ganz sicher kommen würde. Im Wahllokal gab dann zuerst meine Frau ihren Zettel ab, die erste Wahlherlferin teilte dann der zweiten Name und Wahlbezirk mit "Frau K., Nummer ...". Oha dachte ich. Die sagen also die Anrede dazu, das wird ja spannend. Dann war ich dran und gab ihr lächelnd meinen Zettel. Sie schaut drauf, liest und sagte dann "Aber da stimmt was nicht, das ist doch nicht ihr Zettel?" - "Doch doch, das stimmt schon so." - "Oh, entschuldigen Sie bitte, das habe ich jetzt nicht erkannt." - "Danke :) Ich nehme das als Kompliment." - "Das können Sie wirklich.".
Sehr schön :)

Also, alles bestens.
Ich denke aber dennoch, dass ich doch bald mal den Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderung stellen werde. Mein letzter Ausweis läuft auch nächstes Jahr ab, das könnte sich dann gerade gut treffen. Scenen wie in dem Wahllokal sind zwar nett, aber das könnte auch weniger nett ablaufen und darauf habe ich nicht immer Lust.

Liebe Grüße
nicole
Ich bin trans* - und das ist gut so!
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 64 im Thema

Beitrag von Aschenputtel »

Glückwunsch Nicole!

Bei "Hacking Gender" wär' ich ja gern Mäuschen gewesen. Was sicher cool.

Ich wünsche dir eine wunderschönen Start in den Alltag.

))):s

Maj-Britt (aka Aschenputtelchen)
"Ich glaub', eine Dame werd' ich nie." (ob die Knef das wohl so gemeint hat)
Exuserin-2015-09-09

Re: TS „ Outing Strategie?

Post 65 im Thema

Beitrag von Exuserin-2015-09-09 »

Dein Rezept ist so einfach: Authentizität und Mut. Letzteres kommt mit der Energie, die du durch das positive Feedback tankst.
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