Ich möchte heute über Clara unterwegs berichten, denn ich glaube, ich habe mich tatsächlich (endlich) auf den Weg gemacht...
Entscheidungen treffe ich - das klingt jetzt vielleicht etwas eigenartig, nicht nur mit dem Kopf, sondern eher mit dem ganzen Körper.
Ich kann dann fühlen, es ist richtig oder falsch und muss nicht mehr zweifeln. So hatte ich mich entschieden, abzunehmen und habe seitdem
reichlich an Gewicht verloren - ganz ohne Hungergefühl. So ist das Leben in vielerlei Hinsicht leichter geworden und Kleidung macht viel mehr Spass, ich bin auch viel offener geworden. Der Panzer hat seine Schuldigkeit getan, Clara ist stärker geworden, der Panzer kann gehen. Am Tag vor der nächsten Therapiesitzung fühlte ich, dass ich die Therapeutin als Clara treffen möchte. Ich nahm mir morgens Zeit, wählte die Kleidung aus: Lieblingsunterwäsche, Shirttunika mit Spitzenbündchen über der Hüfte, eine weite Leinenhose, Ankleboots und Schmuck Tasche, Uhr. Danach das Makeup und die Frisur, ein Bob. Da es etwas frisch war, trug ich einen Trenchcoat und ein Halstuch. Mit dem Herrenrad fuhr ich in die Stadt, passierte eine Baustelle, eine viel befahrene Ampelkreuzung und fühlte mich wunderbar
Wir setzen uns, sitzen uns gegenüber. Ich: "Es musste sich 'mal was ändern!". Sie: grinst. Dann sprudelt es nur so aus mir heraus. Sie: "So überzeugend habe ich Sie noch nie erlebt!". Ich fasse klare Gedanken, bin überzeugt von dem was ich sage und total aufgeregt, aber alles fühlt sich richtig an. Sofort ist klar: Es geht weiter. Bis zum nächsten Termin spricht sie mit einer versierten Kollegin und dann schauen wir gemeinsam, wie es mit Clara weitergeht. Wie beschwipst mache ich mich auf den Heimweg. Auf dem Weg in den Fahrzeugkeller laufe ich im Garten dem neuen Mieter der unteren Wohnung unseres Zweifamilienhauses über den Weg. Er hat einen Umzugshelfer dabei. Wir kannten uns vorher schon - aber natürlich nicht so. Ich gab beiden die Hand, stellte mich neu vor und sagte, dass wir uns so wahrscheinlich in Zukunft des öfteren begegnen würden.
Er - ein älterer Mediziner - war nur leicht irritiert: "Ja wir kennen uns doch schon Herr X, aber was haben Sie denn mit ihren Haaren gemacht?"
Er meinte meine Perücke, wechselte aber schnell das Thema und wir redeten dann noch eine ganze Zeit über den Fortschritt der neuen Gartengestaltung. Schon mein zweites Outing innerhalb von zwei Stunden!! Das dritte folgte zwei Tage später gegenüber meiner Künstlerfreundin.
Sie nahm mich spontan in den Arm und erzählte von einer Vorahnung: Sie wusste schon vor ein Paar Tagen, das ihr jemand etwas offenbaren würde. Und es ging auch noch um mein Thema. Unglaublich, aber wahr. Ich kann es mir gut vorstellen. Meine Mutter kann etwas hellsehen, sie weiß oft, gleich klingelt das Telefon und wer dran ist. Mir passiert ab und zu ähnliches.
Auf jeden Fall steht meine Künstlerkollegin voll zu mir und freut sich sehr. Sie sieht nun meine Arbeiten in einem anderen Licht.
Mit dem Outing bei meiner Frau (sie weiss von Clara, kann aber nicht damit umgehen) warte ich, bis die weiteren Gespräche in eine definitive Richtung weisen. So viel fürs Erste.
Einen schönen Tage wünscht
Clara