Nun, Ihr Lieben, ich hatte versprochen zu Berichten, wie der gestrige (Samstag) Abend mit der Essenseinladung meines Geschäftspartners und Freundes mit seiner Frau, verlaufen ist.
Die Reste sind weggeräumt, die Taschentücher getrocknet und etwas Zeit vergangen, um zu resümieren. Um den Rahmen zu geben, werde ich ein paar Details wiederholen, die ich hier und dort zuvor bereits erwähnt hatte, die aber an diesem Abend wieder Bedeutung gewannen.
Das etwas mit mir nicht stimmte, wusste ich schon seit gut 30 Jahren. Seit gut 20 Jahren weiss ich, dass mein biologisches Geschlecht nicht zu meinem gefühlten und vor allem jenem passt, mit dem ich mich identifiziere. Vor gut 10 Jahren lernte ich meine Frau kennen und sie befreite mich von einem Teil der Scham und Schande gegenüber meiner Identität, indem ich mich ihr anvertrauen konnte. Der erste große Schritt in Richtung eines befreiteren Lebens, doch noch nicht ahnend, wo uns dies einmal hinführen würde. Vor etwa fünf Jahren zogen wir in unser eigenes Haus. Befreit von unvorhergesehenen Begegnungen im Treppenhaus oder unangekündigten Besuchern, konnte ich mich in den eigenen vier Wänden leben und erleben. Vor zwei Jahren begann der Druck zu steigen - so stark, dass ich nun aktiv begann nach Lösungen zu suchen. Ende letzten Jahres ging es nicht mehr. Es wurde unerträglich, das Verstecken und Verleugnen. Und ich begann endlich Veränderungen zuzulassen und damit auch offener umzugehen. Der gestrige Abend war nicht nur ein Essen und ein Gespräch, es war der Anfang meines neuen Lebens. Doch ich greife vor...
Ende letzten Jahres siegte der Druck soweit, dass mir die Veränderungen, vor denen ich 30 Jahre lang panische Angst und vor denen ich mich so gut geht es ging gedrückt hatte, auf einmal als kleineres Übel erschienen, als weiterhin falsch zu leben. Ich wusste, dass etwas passieren musste, doch was, wusste ich noch nicht. Ich wusste aber auch, dass ich, um dies zu ergründen, Zeit und mehr Freiheit brauchte. Also bat ich im November besagten Freund und Partner im Geschäft, mir die Geschäftsführung abzunehmen. Wir kannten uns schon lange und so konnte ich darauf vertrauen, dass er dies verantwortungsvoll leisten kann. Er hat mich seit dem auch nicht enttäuscht. In diesem Gespräch sagte ich auch, das es zwei Gründe seien, die mich dazu bewogen. Der eine war gesundheitlich, denn ich merkte auch, immer schlechter mit der Verantwortung und den ständig wechselnden Themen zurecht zu kommen. Als Geschäftsführer muss man eben über alles in seinem Betrieb informiert sein, dafür gerade stehen und, in einem kleinen Geschäft wie dem unseren, eben zudem auch noch eigene Projekte bewältigen.
Als ich ihm dies, auch bei einem Essen, erzählt hatte, fragte er dann anschliessend, was denn wohl der persönliche Grund sei und mir schlug das Herz bis zum Hals. Wie fange ich es wohl am besten an? Noch war es mir ja selbst etwas unklar, vor allem wo es hinführen würde, also lavierte ich ein wenig herum, bis ich endlich damit herauskam, dass ich mir über meine Geschlechtsidentität unsicher sei. Es kam für ihn anscheinend nicht völlig überraschend, denn wer mich im Alltag gesehen hatte, der wusste, dass ich in den letzten Jahren allerlei Versuche unternommen hatte, meine ungewöhnliche Neigung mit meiner männliche Rolle überein zu bringen. Wir hatten an dem Abend noch ein bisschen darüber gesprochen, nicht sehr intensiv, aber ich hatte das versichernde Gefühl, dass dies in keiner Art einen Bruch zwischen uns oder in seinem Bild von mir ausgelöst hat. Ich bat ihn allerdings noch Stillschweigen darüber zu bewahren - auch seiner Frau gegenüber.
Jetzt wo es sich klar abzeichnet, wohin dies alles führen wird, sollte er also auch der erste sein, der es erfährt und der mein wahres Ich kennenlernen sollte. Und ich wollte auch, damit er nicht in unangenehme Situationen kommt, dass es nun auch seine Frau erfährt. Denn jetzt bin ich mir sicher und jetzt sollen es alle erfahren, denn das was kommen wird, ist unvermeidlich.
So kam es also zu dieser Einladung und diesem denkwürdigen Abend.
Meine Frau und ich hatten am Freitag bereits begonnen, das Essen vorzubereiten. Wir wollten dem Anlass entsprechend etwas Besonderes bieten, also bereiteten wir ein drei Gänge Menü, mit kleiner Vorspeise, vor, deckten den Tisch fein und waren den Samstag mit diesen Vorbereitungen beschäftigt. Eingeladen war für 19:00Uhr. Als ich letztlich begann mich fertig zu machen, wurde die Zeit langsam knapp. Was vielleicht auch ganz gut war, denn damit kam ich nicht zum nachdenken, was und wie es wohl passieren würde. Ich war praktisch gerade fertig, die letzten Handgriffe am Tisch getan, als sie vor der Tür standen. Erstaunlicherweise war meine Nervosität den zweien nun als Nicole zu begegnen vergleichsweise gering. Vielleicht war es ein Stück Fatalismus, denn ich wusste, es war eigentlich unvermeidlich.
Also da war er nun, einer dieser Augenblicke, vor denen ich 30 Jahre lang weggelaufen bin. Und es war völlig unspektakulär! Natürlich waren die ersten paar Minuten für alle etwas gewöhnungsbedürftig, aber nur insofern, als das es eine leicht ungewohnte Situation war. Wir kannten uns eben schon seit bald 15 Jahren anders. Doch mit einer sehr gesunden Portion Humor kam keine Peinlichkeit oder betretenes Schweigen auf, ganz im Gegenteil! Vom ersten Augenblick an große Offenheit und große spürbare Akzeptanz. Der erste Stein fiel vom Herzen - es war geschafft, die Klippe überwunden und wie ich feststellen musste, es war eigentlich hauptsächlich meine eigene Klippe.
Bei etwas Sekko und Gebäck unterhielten wir uns ein wenig, ich bekam ein paar Komplimente, die ich selbstredend sehr gerne annahm und mich bedankte. Das nächste Thema wurde nun schon schwieriger - wie sollten sie mich nun ansprechen? Ich hatte es an anderer Stelle schon ein paar mal erwähnt, dass ich wohl im Gegensatz zu einigen anderen, bisher auf diese Namensgeschichte keinen so großen Wert legte. Aber ich lerne zunehmend, dass es doch wichtig ist, da es ein Identifikationsmerkmal ist. Name und Personalpronomen gehören untrennbar zur Identität. Sich als Frau darzustellen aber noch mit "er" und dem männlichen Namen angesprochen zu werden, führt zu Missverständnissen und Rissen im Bild der Person. Also einigten wir uns auf "sie" und Nicole - und konnten uns alle dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen. Im Laufe des Abends schliff sich dies aber immer mehr ein und ich merkte, wie gut es mir tat, dies zu hören.
Wir sprachen immer mal wieder über ein paar allgemeine Umstände meiner Transition, meiner Vorgeschichte aber auch immer mal wieder über anderes.
Ich weiss nicht mehr wann es war, also ob vor oder dem Nachtisch, ich glaube danach, dass wir nocheinmal etwas intensiver auf mich kamen und den Augenblick, als ich meinem Partner im November das persönliche Gespräch ankündigte. Natürlich hatte er vor unserem Treffen mit seiner Frau darüber gesprochen und sie haben sich gefragt, was ich denn da wohl ansprechen wolle, also was denn wohl dieser persönliche Grund sei? Was dann allerdings kam, hat mich fast umgehauen. Denn unter nur einer Hand voll Dingen, die ihnen da einfielen, war bereits eben das eine, nämlich das ich mit meinem Geschlecht hadern könnte. Wie konnten sie bloß darauf kommen? Womit habe ich ihnen wohl diese Zeichen gegeben? Ich muss gestrahlt haben wie ein Honigkuchenpferd, als sie mir dies am Samstag erzählten - ich konnte es kaum glauben, doch sie versicherten es mehrfach, dass es sich genau so zugetragen habe.
Doch das war noch nicht der Höhepunkt.
Endgültig aus der Spur warf mich, was sie mir anschließend praktisch unisono sagten - es machte auf einmal alles Sinn. Ich machte Sinn, das Bild meiner Person wird rund und es wird soviel verständlicher, warum ich in den letzten Jahren manchmal so ein regelrechter Arsch war - unnahbar, kalt, teils abweisend. Weil es eben eine mühsam zusammengehaltene Fassade war.
Das war der Moment, an dem ich in Tränen ausbrach und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe und es wieder präsent wird, ich mit mir ringen muss, nicht laut heulend zu versinken. Es sind Tränen der unermesslichen Freude! Da haben sie etwas in mir gesehen, was ich selbst vor mir 30 Jahre lang zu verbergen versuchte. Tränen der Trauer, warum ich, wo es doch wohl so offensichtlich war, nicht viel früher diesen Schritt getan habe und so 30 Jahre meines Lebens nur halb gelebt habe. Und es sind Tränen der unendlichen Erleichterung! 30 Jahre quälte ich mich selbst mit Vorwürfen und Scham, wegen dieser abnormen und gefühlt perversen Gedanken. Ich habe mich 30 Jahre lang versteckt und verleugnet! Und dies, um nun festzustellen, dass doch alles richtig war. Ich war nicht kaputt!
Eine Last, die ich 30 Jahre mit mir geschleppt habe, die verhinderte, dass ich *ich* sein konnte, fiel mit einem Mal ab. Und 30 Jahre sind eine verdammt lange Zeit!
Bis vor einem halben Jahr konnte ich nicht weinen. Es ging nicht. So sehr ich den Druck in mir spürte, es ging nicht, es sei denn, es wurde sehr arg, zum Beispiel auf Beerdigungen. Was sich geändert hat, weiss ich nicht. Doch seitdem ich mich selbst zulasse, passiert es. Ich kann endlich jede Art von Emotionen fühlen und vor allem auch zulassen. Als die beiden dies also sagten, fiel ich in mir zusammen und die nächsten Minuten ging ersteinmal nichts mehr. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder in der Lage war ihnen zu erklären, dass sie mich keinesfalls verletzt hatten, mit dem was sie gesagt hatten. Sondern ganz im Gegenteil, was sie so locker ausgesprochen hatten war das, wovon ich mir selbst zu träumen 30 Jahre lang verboten hatte. Und da kommen zwei daher und sprechen es einfach aus! Sie hätten mir kaum ein schöneres Geschenk machen können. Ich kann nicht anders, es überkommt mich gerade schon wieder, die Tränen kullern, die Nase läuft - es ist so wunderbar!
Spätestens jetzt war uns allen vieren klar, was als nächstes passieren muss. Ich muss damit allgemein raus, ich darf mich nicht mehr verstecken, daran besteht nun kein Zweifel mehr. Ich hatte daran, wenn überhaupt, nur noch welche, die auf Angst vor der Zukunft begründet waren. Und ich glaube, auch meine Frau begriff jetzt erst richtig, was dies alles für mich bedeutet.
Wir haben anschließend noch bis weit nach fünf Uhr in der Früh geredet, gelacht und ein paar Flaschen guten Rotweins geleert.
Also, wie sollte ich diesen Abend beschreiben?
Großartig!
Wenn ich Stichworte nennen sollte, wären es wohl unendliche Erleichterung, große Freude und unglaubliche Befreiung. Ich kann es nur schwer in Worte fassen und hoffe daher, dass meine eher langatmige Beschreibung vielleicht ein wenig davon transportieren konnte.
Was kommt nun?
Ich denke jetzt sind wirklich endgültig alle noch verbliebenen Blockaden gefallen. Ich kann jetzt klar meine Ziele formulieren, ohne dieses etwas schlechte Gewissen im Hinterkopf zu haben. Was also nun kommen wird, sind Outings, Outings, Outings. Recht bald auch bei meinen Eltern. Sie dürfen es auf gar keinen Fall hintenherum durch Dritte erfahren und je mehr es hier wissen, desto größer wird diese Gefahr, auch wenn sie weit weg wohnen. Am liebsten würde ich sie morgen schon besuchen fahren, doch ich bremse mich bewusst ein wenig, um nichts zu überstürzen. Dann natürlich Freunde, Kollegen und dann der Vortrag im Mai. Das wird ganz sicherlich eine sehr kraftraubende, aber auch ganz wundervolle Zeit. Endlich bin ich ganz und kann mich auch als Ganzes zeigen. Es wird einige Beziehungen zum Guten korrigieren, da bin ich mir sicher. Den Bruch in der Person, den die beiden bei mir schon länger spürten, müssen auch andere gespürt haben. Es wird unendlich spannend zu erfahren, was sie da gesehen haben und was sich nun daraus entwickeln wird.
Wenn ich es richtig einschätze, dann sollte ich zur Mitte des Jahres komplett frei sein und werde von da an 24/7 ich sein können - 30 Jahre zu spät, aber hoffentlich noch 40 vor mir, die ich in vollen Zügen leben und genießen will! Und anderen dabei helfen, diese Freiheit auch gewinnen zu können.
Ich bin geneigt mit der Bitte zu schließen, mir die Daumen zu drücken. Doch Daumen drücken hat etwas von Hoffen auf Glück im Sinne von positivem Zufall. Ich glaube das brauche ich nicht mehr. Ich habe mein Glück gefunden, in mir und meiner Frau, die zu mir hält. Ich habe mich gefunden. Welches Glück bräuchte ich jetzt noch?
An dieser Stelle möchte ich aber auch Euch allen ganz herzlich danken! Und natürlich speziell Anne-Mette, die dieses Forum gegründet hat und am Leben erhält. Ohne dieses Forum hätte ich vieles nicht erfahren. Hätte nicht erfahren, dass ich nicht alleine bin - oder zumindest sehr viel schwerer, denn dieses Forum ist doch deutlich offener und entspannter, als viele andere TG Foren. Ich hätte Andrea66 nicht kennengelernt, deren Organisation dieses Dresden Urlaubs im Oktober 2013 den Lauf meiner Dinge ganz sicher entscheidend verändert hat - vielen lieben Dank Andrea! Wir sehen uns ja "bald" wieder persönlich und dann wirst Du meinen Dank zu spüren bekommen

Und nicht zuletzt möchte ich auch allen Leserinnen, Lesern, Schreiberinnen und Schreibern hier im Forum ganz herzlich danken! Das Schreiben meiner teilweise schon fast übertrieben langen und teils sicherlich fast akademisch dozierenden Texte (vielleicht sollte ich mir einen Alias "Frau Dr. B." dafür zulegen

war und ist ein gutes Stück Schreibtherapie. Es hilft mir ungemein, meine Gedanken zu sortieren und mir selbst über die Dinge über die ich schrieb und schreibe klar zu werden. Um so toller ist es dann, wenn man Menschen findet, die auch noch bereit sind, diesen ganzen Käse wohlwollend zu lesen und ihre Gedanken dazu auszutauschen.
VIELEN vielen Dank!
Nun, der Kurs ist festgelegt, die Route steht und das Schiff hat abgelegt. Die Reise beginnt!
Da dies nun klar ist, habe ich auch gleich mal den Profileintrag für das Geschlecht korrigiert - es wurde Zeit.
Liebe Grüße
nicole
(Änderung - nur ein paar Tippfehlerkorrekturen)