wie passend, dass Du diese Frage in den Raum gestellt hast - ich überlege schon seit ein paar Tagen, wie ich meinen Einstieg zur Diskussion dieses Themas finden soll... nun, offensichtlich durch warten und lesengr.Yvonne hat geschrieben:Hallo ihr Lieben,
ich bin eine Teilzeitfrau und auch glücklich immer wieder zum Mann-Modus zurückzukehren zu können/müssen.
An dieser Situation will ich auch nichts ändern, doch merke ich wie Yvonne den Mann ändert.
Wie geht es euch Teilzeitfrauen / Crossdresser den, habt ihr auch das Gefühl, dass es wie eine Sucht ist und man immer mehr braucht/will und sich das auch nimmt?
Es hat zwar mal eine Phase in meiner Entwicklung gegeben, in der ich sogar die Entwicklung bis hin zu Vollzeit-TS für wahrscheinlich gehalten hatte - aber schlussendlich hat es sich anders entwickelt. Ich habe hier den Begriff Bigender kennen gelernt, bei mir prägt es sich zu deutlich aus, um es als "fließende Grenzen" zu bezeichnen. Ein wenig wie "multiple Persönlichkeit", jedoch mit entscheidenden Unterschieden, die ich im Laufe der Zeit kennen- und erkennen gelernt habe.
Ich habe Phasen, in denen ich durch mein Eigenbild eines Mannes geprägt bin. Damit meine ich, dass ich mich selbst als Mann wahrnehme und ich mich auch in meiner Interaktion und Wahrnehmung der Umwelt als Mann betrachten darf: Ich sehe andere Männer und vergleiche mich mit ihnen, mal "so sollte ich auch sein", mal geringer schätzend. Ich justiere quasi mein soziales Ich im Gefüge der männlichen Gesellschaftshierarchie, ich versuche von anderen Männern zu lernen, sowohl im Positiven, wie auch im Negativen. Selbstredend nehme ich auch Frauen wahr - nicht als "Beute", jedoch in einer sehr (von den Männern) distinkten Rolle. Insbesondere bemühe ich mich (im normalen sozialen Rahmen. bitteschön
Bezüglich der anderen Phasen ist mir ein ausgeprägtes weibliches Eigenbild aufgefallen. Andere Frauen werden plötzlich zum Vorbild (oder zur Schreckensvision), ich vergleiche meine Vorstellung von "gut gekleidet sein" und gutem Benehmen mit dem, was mir tagtäglich begegnet und versuche meine Verhaltensmuster zu "justieren". Männer werden zu einer Art Randerscheinung: Ich habe viel mit ihnen zu tun, auf fachlicher Ebene - und da bleibt es auch. Kein Gerede über Sport, Bier oder Frauen, kein "boys' talk". Ob ich sie insgesamt außerhalb meiner Welt sehe, weil ich als Trans* außerhalb der normalen männlichen Gesellschaft stehe, oder aber als vermeintliche Frau eine "eher außerhalb"-Wahrnehmung habe, kann ich nicht unterscheiden. Ich meine aber gelesen zu haben, dass in der normalen Gesellschaft tatsächlich auch von typisch sozialisierten (Bio-)Frauen eine solche "die Anderen"-Empfindung wahrgenommen und gepflegt wird.
Interessant im Sinne Yvonnes Fragestellung ist der Übergang zwischen diesen Phasen: Es ist keine Sucht, der einen oder anderen Seite nachzugeben oder diese sogar "herbei zu holen". Ich habe meiner Erfahrung zufolge keinerlei Einfluss darauf. Ich wache im wahrsten Sinne des Wortes auf und merke, als "wer" ich den Tag beginne. Meistens dauern diese Phasen jeweils mindestens einige Tage, meist eine oder sogar mehrere Wochen. Es kommt auch mal vor, dass der Übergang in einer "Wachphase" stattfindet, dann nicht plötzlich oder erschreckend: Mir fällt irgendwann auf, dass ich meine Umwelt auf die eine oder andere oben beschriebene Weise wahrnehme und habe das zum "Indikator" meines Zustandes erkoren. Es kann durchaus sein, dass ich mal am Ende der einen Phase einen oder zwei Tage "zwischen den Welten" lebe, einfach weil ich nicht *darüber nachdenke*. Irgendwann einmal fällt mir dann aber auf, dass ich anders als vorher wahrnehme und mir wird klar: Es war wieder ein Wechsel.
Diese Wach-Wechselphasen, wie auch die sonstigen gedanklichen Überschneidungen, sind für mich auch der Indikator, dass *keine* multiplen Persönlichkeiten vorliegen: "Wir" wissen voneinander und ich (ich bin doch nur eine
Zur Zeit versuche ich meiner Lebensgefährtin nachvollziehbar zu machen, was das bedeutet, für sie und für mich. Das hat sich unerwartet schwierig gestaltet, vieles scheint unerklärlich. Beispielsweise der Drang, mich "öffentlich" darzustellen. Wenn's nach mir ginge, wäre mein erster Griff morgens in den Schrank, um das Passende herauszuholen: Einen männlichen oder einen weiblichen Körper. Jeweils für sich genommen stimmig, passend, nicht das Auge der anderen beleidigend, nicht auffallend (jedenfalls nicht als Mann mit femininen Fingernägeln, oder als Frau mit klassisch männlich-kantigen Körperbau). Das geht leider nicht und bislang ist ein integratives "passing" als Frau nur Phantasie. Warum dann trage ich als Jackie, wann immer es geht, eine weibliche "Unterschicht" und packe ein verkleidendes, jedoch "passing" garantierendes männliches Äußeres darüber, statt nur männlich gekleidet zu sein? Mein Eigenbild werde ich doch so oder so nicht erreichen. Ich schweife ab
Es ist natürlich eine berechtigte Frage, inwieweit das Verhältnis der beiden Zustände jemals ein grundsätzlich stabiles Maß erreichen kann. Geht es nach dem Empfindungen meiner Partnerin, dann ist Jackie eigentlich Vollzeit ein Thema. Da wir über lange Jahre das Thema (zumindest aus meiner Sicht) tabuisiert hatten, hat sie natürlich auch keinen Einblick in meine innere Entwicklung bekommen: Jackie ist immer "ein Thema" gewesen, weil es unsere Beziehung drastisch belastet hat (ich bin selbst überrascht, dass wir noch eine Ehe haben - das *muss* Liebe auf beiden Seiten sein
Nein, als "Sucht" kann ich das nicht mehr wahrnehmen. Ich mache es mir vielleicht zu einfach indem ich sage, ich kann es nicht beeinflussen, weder herbei reden noch klein halten. Es ist aber vor allem nicht so, dass ich eine "Sucht befriedigen" kann. Mein Stresspegel nimmt drastisch ab, wenn ich mich in einer weiblichen Phase zumindest im (bislang) Privaten oder "under the hood" meinem Eigenbild nähern kann - aber das empfinde ich nicht als *Zuführen* von "dope", sondern als *Wegnahme* eines Stressfaktors (nämlich das Ignorieren von auferlegten Beschränkungen). Die Vorstellung und das Ziel, meine persönlichen Freiräume auszubauen (und dabei die Toleranz meiner Nächsten zu strapazieren), hat einen ähnlichen Effekt auf mich und wirkt andererseits sicherlich im ersten Moment als ob "man immer mehr braucht/will und sich das auch nimmt". Doch in Wirklichkeit ist es eher eine bessere Ausnutzung meiner bereits bestehenden Freiräume mit der Konsequenz, dass bspw. bislang vorhandene männliche Attribute wie "Körperbehaarung" deutlich zu leiden habe.
(Kleine Randinfo zum besseren Verständnis: Wie ursprünglich bei Yvonne der Fall war, bin ich nur zeitweise in der familiären Wohnung und meine Partnerin hat die Maßgabe ausgegeben, dass dort von Jackie nichts zu merken ist. Meine Launen sind jedoch mittlerweile nicht mehr auszuhalten, so dass ich mein Lebensmodell überdenken muss und sie anfängt zu überlegen, wie die Kompromisslinie verschiebbar wäre.
Und ja, ich möchte auch einmal mit externer Unterstützung klären, wieviel "passing" wirklich drin wäre, sowohl mit rosa Brille betrachtet, aber auch mit objektiven Augen Dritter. Dass ich mir ein "outing" vor meiner näheren Umgebung theoretisch vorstellen kann, stellt eher ein Schreckensszenario für meine Lebensgefährtin dar - und führt natürlich auch zu einem gewissen Eindruck von Maßlosigkeit: Damit wäre Pandorras Box geöffnet, die Geheimnisse wären heraus und "niemand würde mich mehr als Mann Ernst nehmen können" - welch' größere Ausdehnung könnte es geben, wenn man GAOp einmal außen vor lässt?
Entschuldigt den langen Beitrag - aber die Kurzversion der Antwort hätte leider viel zu viel im Unklaren gelassen: Nein, weder Sucht noch "ständiges mehr brauchen und nehmen".
Liebe Grüße
Jackie