Gender Mainstreaming - Verwirklichung des eigenen Ich
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allgemeiner Austausch
Daniela.transg
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Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 1 im Thema

Beitrag von Daniela.transg »

Immer wieder diskutieren wir in Trans*Kreisen über Toleranz und Akzeptanz in der Gesellschaft. Ein Grund mehr, sich mit dem Gender-Mainstreaming etwas zu beschäftigen.
Drei kleine Beiträge mit interessanten Sichtweisen habe ich auf der Webseite gender-bs.de/?p=827

Lernen wir doch einfach, unsere Identität, unsere Interessen und unsere Seele unabhängig von bestehenden gesellschaftlichen Normativen zu entwickeln.
Viele Grüße aus Salzgitter

Daniela
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Sabrina Verena
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 2 im Thema

Beitrag von Sabrina Verena »

Hallo!
Lara hat es eigentlich auf den Punkt gebracht.
Es sind nicht die Reaktionen der Fremden die gefürchtet werden.
Wir verkriechen uns in der Bude, wir gehen nur im Dunkeln allein raus (was Biofrauen normalerweise wegen sexueller Anmache nicht tun) oder wir fahren dort hin, wo uns Niemand kennt.
Das machen wir nicht wegen der unbekannten Menschen, sondern wegen der bekannten Menschen.
Wir müssen damit klar kommen, wenn wir am Arbeitsplatz gemoppt werden, wir müssen damit klar kommen, wenn die Liebste sich abwendet und Freunde und Bekannte uns nicht mehr kennen wollen.
Wir haben dass Nachsehen, wenn wir unter einem Vorwand entlassen werden.
Es sind die befürchteten Konsequenzen der uns bekannten Mitmenschen, die uns behindern.
Liebe Grüße
Verena
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 3 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

je mehr es von uns gibt, die stolz zeigen, wer und wie sie sind, desto weniger wird es zu Ausgrenzungen kommen!
Für viele Menschen sind "wir" noch fremd; deshalb haben auch Nahestehende in manchen Fällen Angst, sich mit so einem "bunten Vogel" zu zeigen, ihn/sie einzuladen und zu zeigen: "der/die gehört zu uns!"

Man wird sich an "uns" gewöhnen - und das ist auch gut so!

Gruß
Anne-Mette
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 4 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Moin,

die Angst unserer Angehörigen unserem Sein , Wünschen und Gefühlen gegenüber ist es doch, was uns hauptsächlich bremst und irgendwie auch ausgrenzt, wie Sabrina schrieb. Mein eigenes ich verwirklichen und zu mir stehen kann ich deshalb nur im Rahmen bestimmter persönlicher Freiräume, da ich sonst halt mit ungewollten Konsequenzen konfrontiert werden würde wie Auseinanderfallen der Familie, wirrtschaftlichen Folgen etc. Die Gesellschaft im Allgemeinen betrachtet uns, wenn das Thema überhaupt wahrgenommen wird, doch eher als Randproblem einer sehr kleinen Gruppe von Betroffenen. Sicher gibt es einen Informations- und Wissenszuwachs dank Internet und Beiträgen im TV aber kaum eine Kehrtwende in der Politik hin zu einer freien Entscheidung, welchem Geschlecht frau/man angehören möchte. Das ist noch ferne Zukunftsmusik; erste leise Töne sind da vielleicht zu hören. Indem ich gemäß meiner Möglichkeiten en femme rausgehe und mit der Gesellschaft als Frau in Kontakt trete, verwirkliche ich mich selbst, zeige Rückrat und zwinge in gewisser Weise damit andere Menschen dazu, sich mit mir auseinander zu setzen, zu kommunizieren oder es auch sein zu lassen. Ob sich die Gesellschaft an uns gewöhnt, hängt glaube ich auch davon ab, wieviele es von uns gibt und sich auch trauen dazu zu stehen, was bekanntermaßen auch nicht immer in vollem Umfang möglich ist. Wir müssen, glaube ich, andererseits auch den anderen nicht Betroffenen der Gesellschaft Toleranz entgegen bringen und akzeptieren, dass dieser Teil der Gesellschaft sich nicht für uns interessieren kann oder will und damit einfach nichts am Hut hat, wie frau/man man so sagt. Schön wäre ein gegenseitiges respektieren ohne Vorbehalte und Vorurteile; wir können durch unser handeln und sein dazu beitragen....

Liebe Grüße, Ulrike-Marisa :) (flo)

...allons enfants de la patrie....tun wirs.
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 5 im Thema

Beitrag von Kerstin »

Ich hasse das Wort "Gender Mainsteaming" und das Wort "Toleranz" erkläre ich hiermit zum Unwort.

Eine Gesellschaft funktioniert nur durch gegenseitigen Respekt und Rücksichtnahme. Das bedeutet, das jeder/jede sich respektierlich zu verhalten hat und sich in seinem Anspruchsverhalten anderen gegenüber zurück halten benimmt.
Egomanie ist fehl am Platze.
Unter diesen Gesichtspunkten verhält sich Anja vollkommen richtig.

Die Probleme die euch und auch zum Teil mich hindern frei zu leben ist unsere eigene Identität.


LG Kerstin
Ich brauche Informationen - eine Meinung bilde ich mir selbst.
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 6 im Thema

Beitrag von MarieB »

Hallo Mädels,

ruhig bleiben.

Jeder muss doch für sich ganz alleine entscheiden wie weit er sich outet oder nicht. Weil, wenn ich mich oute, dann doch für mich und nicht für in ertser Linie für die "kleine"Gruppe der transidenten Menschen. Das wäre doch dabei nur ein zwangsläufiger Nebeneffekt. Und jeder macht es, so wie er es für sich macht auch automatisch richtig. Mal ganz davon abgesehen, dass es auch ein Prozess ist.

Natürlich darf man von der Gesellschaft Toleranz und Respekt erwarten und zwar im selben Umfang wie man selbst bei Themen Toleranz und Respekt lebt. Und ehrlich es funktioniert ja auch nicht schlecht. Ich hatte bisher keine Probleme.

Und wenn wir schon auf der doch so intoleranten Gesellschaft rumhacken, dann sollten wir intern auch mal überlegen, wie weit wir den Toleranz und Respekt aufbringen zwischen den Gruppen TV, TS, DWT usw. oder eben wie weit sich jemand outen will oder nicht. Ich bin hier jedenfalls niemand schuldig mich für die Gruppe zu outen sondern nur für mich selbst und ich erwarte auch nicht, dass man sich für die Gruppe outet. Denn wenn es blöd läuft würde man ja doch alleine klar kommen müssen.

Mal davon abgesehen, dass jeder dem Thema hilft, der sich damit beschäftigt, drüber redet, nach draußen geht egal ob im nahen Umfald oder eben weit von zu Hause weg. Warum sollte das Thema Trans.... nicht eine gleiche Entwicklung nehmen wie es bei anderen Gruppen auch gelaufen ist (Schwule, Lesben, SMler etc.) Alles braucht doch einfach nur eines .......... Zeit!

LG
Marie
Gruß

Marie
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 7 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

im STERN-ARTIKEL "Was sagen wir den andern?" viewtopic.php?p=81725#p81725

wurde etwas angesprochen, was ich schon oft selbst erlebt habe:
Man denkt, da kommt man gleich in einen Topf mit Transvestiten und Transsexuellen und fragt sich: 'Mit wem werde ich da in eine Schublade gesteckt?' Das sind Leute, die bisher immer weit weg waren." Bald merken die beiden, dass dies genau die Art Vorurteil ist, vor dem sie sich selbst fürchten: "Ach so, die haben sich das auch nicht ausgedacht, um die Welt zu ärgern! Die wollen einfach nur sie selber sein."
So lange einem ein Thema fremd ist, weil man (noch) nicht damit in Berührung gekommen ist, dann entwickeln nicht alle Menschen eine gesunde Neugierigkeit, sondern wehren ab durch Wiederholung von Vorurteilen.
Vorurteile, mit denen auch andere zu kämpfen haben: Krankheit, Alter...

Gruß
Anne-Mette
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 8 im Thema

Beitrag von MarieB »

Anne-Mette hat geschrieben:Moin,

So lange einem ein Thema fremd ist, weil man (noch) nicht damit in Berührung gekommen ist, dann entwickeln nicht alle Menschen eine gesunde Neugierigkeit, sondern wehren ab durch Wiederholung von Vorurteilen.
Vorurteile, mit denen auch andere zu kämpfen haben: Krankheit, Alter...

Gruß
Anne-Mette

Ja. Genau. Ich gehe ja auch viel als Frau raus (auf Treffen, Shoppen, Kaffee trinken) und demnächst auch 5 Tage ins Kloster in Urlaub. Doch leider wird man von den Leuten gar nicht angesprochen um aufzuklären. Soll man etwa selbst auf die Leute zugehen und sagen "sehen Sie eigentlich nicht, dass ich Trans.... bin! Warum fragen Sie mich nicht was mit los ist und warum ich das mache?"

Leute haben Angst vor unbekannten Dingen. Und aus Angst werden Sie halt auch nicht aktiv Informationen einholen.

LG
Marie
Gruß

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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 9 im Thema

Beitrag von Marielle »

Hallo, Guten Tag zusammen,

zum Thread-Thema "Gender Mainstreaming - Verwirklichung des eigenen Ich": Nach allem was ich bisher dazu gehört und gelesen habe, geht die Sache, das Gender-Mainstreaming, grundlegend davon aus, dass es "Männer" und "Frauen" gibt. So schreibt es das Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf 'www.gender-mainstreaming.net', so wurde es in dem dritten Film von Daniela diskutiert und so lese ich es auch überall sonst. Soll heissen: In der Mainstreaming-Debatte kommen wir gar nicht vor! Meine Meinung ist: Der Mainstreaming-Zug fährt in eine ganz andere Richtung, als es für uns gut wäre.

-------------------

Zu der Richtung, in die sich der Thread entwickelt hat: Natürlich hat es einen "Gewöhnungseffekt" auf die Leute "draussen", wenn sie mit "unsereinem" auf die eine oder andere Weise in Berührung kommen. Das finde ich toll und leiste, in einem bestimmten Rahmen, meinen Beitrag dazu. Ich bin aber absolut nicht der Meinung, dass man jeder/-m von uns in jeder Situation ein "du bist doch selbst dein größtes Problem" an den Kopf werfen sollte. Ich achte diejenigen unter uns, die voll und ganz und zu jeder Zeit ihre Persönlichkeit sichtbar und erlebbar machen, sehr hoch. Ich glaube aber, dass auch die Anderen sich nicht alle dauernd selbst verleugnen. Welchen Nutzen hätte es, einem Familienmitglied oder einem Nachbarn über das Cross-Dressing und/oder die eigene Transidentität zu erzählen, wenn man nicht unter dem Nicht-Wissen des Anderen leidet? Wenn wir alle das uns jeweils Mögliche tun, um sichtbar zu sein und zu erklären, dann werden irgendwann alle da draussen ein bischen über uns wissen.

Es gab neulich für mich privat eine Situation, in der mein "Nicht-Erzählen" mit dem "Sichtbarmachen" mehrerer anderer CD/Trans-Menschen hätte kollidieren können, weil wir auf einer Party hier bei uns zu Hause zwischen lauter "Ahnungslosen" nebeneinander gestanden hätten. Vor dieser Situation hatten wir (ich und meine Frau) uns Gedanken/Sorgen um die Reaktion der übrigen Beteiligten, namentlich unserer "ahnungslosen" Nachbarn, Verwandten, Kunden und Bekannten, gemacht. An dieser Stelle habe ich mich dann selbst "verbogen" (und andere wohl gleich mit, was ich ehrlich bedauere). Ich wollte aber nicht anders handeln, weil wir der Meinung sind, dass es für uns einfacher und besser ist, wenn ein bestimmter Kreis von Bekannten und aus der Familie nichts von Marielle weiß. Enge Freunde wissen Bescheid und gegenüber der "anonymen Öffentlichkeit" ist es egal. Die Leute "dazwischen", die mit denen man ab und an zu tun hat, Familie, Nachbarn, Kollegen ... die müssen dann halt durch Andere über CD und Trans* "informiert" werden; da halte ich mich zurück. Abgesehen von dem ziemlich blöden Gefühl, andere "verbogen" zu haben, geht es mir damit auch sehr gut.

Das mag man, wie gegenüber Anja, als "Schutzbehauptungen" bezeichnen, mit Schutz hat es ja tatsächlich auch zu tun, es ist aber keine blosse Behauptung. Letztlich hat Anja aber auch nichts anderes gesagt. Sie schrieb ja sinngemäß "überall wo ich gewesen bin, ist nix passiert", sie schrieb nicht, dass jedes Outing, immer und überall, problemlos über die Bühne geht oder sinnvoll ist. Von daher finde ich Laras Angang etwas harsch. Es gibt nämlich, auch in meiner Wahrnehmung, tatsächlich eine Anzahl von CDs/Trans*, die nichtmal die kleinste Möglichkeit nutzen, sich selbst z.B. in der anonymen Öffentlichkeit auszuprobieren, sich aber trotzdem in Foren oder bei Stammtischen darüber beschweren, wie ungerecht die Welt doch zu ihnen ist. Ich denke, dieses Verhalten war das, was Anja mit ihrem ersten Posting meinte.


liebe Grüsse von

Marielle
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 10 im Thema

Beitrag von Lina »

@Warum? Eine ganz provokante These: welche von uns geht denn schon MIT BART und Frauenkleidung in die Öffentlichkeit? Wegen "der Gesellschaft"? Warum s c h o n e n wir sie!!? Die Intoleranz ist doch in u n s!

Genau das ... beim Shoppen vor einigen Monaten mit meiner Frau zusammen sahen wir einen Mann im Kleid, Strümpfe, Pumps, einer etwas skurrilen Männerfrisur und BART. Meine Frau fand das total cool. Sie fand es eben gut, dass einige das tun, "ohne vorzutäuschen Frauen zu sein".

Ich würde das ja nie tun - aber die Akzeptanz davon ist nicht undenkbar.

Das war übrigens bei H&M in Altona - und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass überhaupt jemand wirklich auf ihn nennenswert darauf reagierten.
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 11 im Thema

Beitrag von Daniela.transg »

Ups...... bin eben etwas über die Menge an ausführlichen Beiträgen etwas "erschrocken" (smili)

Gut, ich will versuchen, auf einige Aspekte einzugehen, die mir wichtig erscheinen.

Frage Nr. 1: Wer ist denn die Gesellschaft?
In erster Linie ist die Gesellschaft, Du selbst, Deine Familie, Deine Nachbarschaft und auch die Menschen in Deinem Arbeitsumfeld und Freizeitverhalten. Wie Du selbst Dich in diesen Kreisen bewegst, sagt etwas zu Deiner eigenen sozialen Kompetenz aus. Die "Gesellschaft" wird so erst einmal zu einer begreifbaren und sicher auch veränderbaren Größe, weil sie konkret wird und kein Abstraktum ist (bleibt)
Wenn wir nun selbst die Gesellschaft in einem gewissen Grad verkörpern und Teil dieser sind, wer verbietet uns, das Denken und Handeln dieser konkreten Gesellschaft zu beeinflussen?
Ich glaube, dass wir selbst es uns nur verbieten und untersagen. Es sind unsere eigenen Ängste vor möglichen Restriktionen und Verachtung die uns möglicherweise entgegenschlagen könnte. Es ist die konkrete Angst, den eigenen sozialen Besitzstand und Habitus zu verlieren. UND es ist das tief verankerte "Gendermainstreaming", welches uns im Kopf immer wieder nachdenken lässt: Ist es nicht pervers, was ich da tue?"

Frage Nr. 2: Kann ich Frau sein / werden ?
Definitiv nein (jetzt werden mich alle transsexuellen Freundinnen wieder verbal in die Ecke drücken)

Bei transssexuellen menschen stellt sich jedoch diese Frage eigentlich nicht, weil sie bereits Frau sind (nur eben in einem falschen körperlichen Erscheinungsbild. Hier geht es also nicht darum, Frau zu werden, sondern darum, ein Gleichgewicht zwischen dem Inneren und Äusseren herzustellen.

Bei Transvestiten /Transgendern stellt sich diese Frage erst recht nicht - es ist nun einmal Fakt, dass wir Mann sind. Inwieweit wir dabei weiblichere Verhaltensweisen oder Wesenszüge implentieren ist eine völlig andere Frage.

Frage Nr. 3: Was wollen wir eigentlich?
Unsere Erziehung wird wohl bei den meisten auf eine klare Geschlechtsdefinition aufgebaut gewesen sein. Genau dies bringt uns transidente Personen aber in einen inneren Konflikt.
Nur wenigen (Prozentzahlen liegen mir nicht vor) schaffen es, diesen Konflikt durch eine offene Lebensweise zu lösen. Das komplette Verstecken des eigenen Ich's (mit allen Folgen der eigenen Unzufriedenheit) ist das Los der meisten. Sicher versuchen einige auch durch Kompromisse sich gewisse Freiräume zu verschaffen. Ob dies aber wirklich zu einer (der) angestrebten inneren Zufriedenheit führt, wage ich zu bezweifeln.

Zugegeben - ich selbst habe es lange Jahre nicht geschafft, mich zu meinem weiblichen Wesen zu bekennen. Ich kenne also diese Nuancen, diese Ausreden und die Ängste bei dem versteckspielen sehr gut. Erst als ich vor über zwei Jahren meine jetzige Freundin kennengelernt habe, musste ich für mich eingestehen, dass ich viele Jahre verschenkt hatte.

Fakt ist eins.... in meinem ganz persönlichen Umfeld - meiner Freundin (wir leben zusammen), ihre Tochter und meine Kinder, ihr und mein Freundeskreis kennen mich in beiden Facetten. Auch einige meine Kunden (ich bin selbständig) haben von Daniela Kenntnis.

Nachteile durch mein "Outing"? Ja, da gibt es eine ganze Menge..... zum beispiel dass unser Badspiegel zu klein ist, dass meine Frau auch mal schnell mein makeup nimmt (ich muss es ja nicht verstecken) oder meine Tochter sich mal ein Kleid ausborgen will.
Wirkliche gesellschaftliche Nachteile hatte ich nicht - aber ich kann den Menschen mit hoch erhobenen Kopf gegenübertreten und selbst wenn mal noch Nagellackreste an den Fingern sein sollten, können beide Seiten drüber lächeln.

Wichtig dabei scheint mir nur eins: ERKLÄRE offen, was Du bist !!
Viele Grüße aus Salzgitter

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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 12 im Thema

Beitrag von Marielle »

Hallo und Guten Abend,

ich bin weit davon entfernt, der "Gesellschaft" die Schuld an persönlicher Unzufriedenheit einzelner Mitglieder ihrer selbst zuzuschieben, aber so rosarot möchte ich das Thema auch nicht stehen lassen.

Wir leben in einer weitgehend liberalen Gesellschaft, zumindest von ihrer Konstitution her, in der körperliche Übergriffe und systematische Diskriminierungen, was das Leben von LGBTQI-Menschen angeht, selten vorkommen. Ich kann ohne weiteres sagen, dass es mir hier ziemlich gut geht. Es ist in der Regel möglich, sich einen Platz in der Gesellschaft zu suchen, an dem man es gut aushalten kann.

Aber: Wenn du, Daniela, schreibst, dass es nur darauf ankommt, dass man offen erklärt was man sei, dann halte ich das für zumindest nicht vollständig. Es mag auf dich und andere zutreffen, dass es so funktioniert hat und auch der einzig richtige Weg war. Nur gilt das wohl nicht für alle und für jede Lebenssituation, oder?

Hier im Forum wurde schon mindestens zweimal die Vermutung geäussert, dass unter den Mitgliedern überdurchschnittlich viele IT-Leute sind. Das KÖNNTE ein Hinweis darauf sein, dass es dort ganz brauchbare Bedingungen für "Unsereinen" gibt. Eine relativ junge Branche, in der allerlei unterschiedliche Leute zusammenkommen. Auf der anderen Seite habe ich, in meiner doch schon etwas längeren "Laufbahn" als CD/Trans, eine ganze Reihe Leute kennengelernt, die sich eher die Zunge abbeissen würden, als das sie sich ohne einen höheren, eigenen Leidensdruck ihrer Umgebung offenbaren würden. Darunter waren mehrere Ingenieure und Vertriebsleute aus "alten" Branchen", ein "höherer" Beamter und noch verschiedene Andere, denen du, wie ich finde ziemlich locker, "Ängste vor möglichen Restriktionen und Verachtung" unterstellst und deren Bedenken du durch ein fett gesetztes "möglicherweise" marginalisierst.

Es mag altbacken klingen, aber ich finde es vernünftig, dass diese Leute ihren Leidensdruck gegen die Chancen und Risiken eines Komplett-Outings abwägen; insbesondere dann, wenn auch Partner/innen betroffen sind. Und erzähle mir bitte niemand, es gäbe ja gar kein "Getuschel" unter den Leuten und "Konsequenzen" hätte das auch alles nicht. Ich weiss was die Leute hier auf dem Land über die "beiden Schwulen" aus dem Nachbardorf erzählen und ich weiss, wie es einer Trans-Freundin in HH ergangen ist, die eigentlich gern ihren Job als Autoschlosserin mit Kundenkontakt behalten hätte. Vielen Dank, das muss ICH mir und meiner Frau in MEINER derzeitigen Situation nicht antun.

Ich freue mich über jedes gelungene Outing, ganz ehrlich. Ich arbeite auch selbst immer noch daran, meine "kleine Welt" Stück für Stück zu vergrössern. Aber: Jedem ein "Rundum-Outing" zu empfehlen und die Bedenken anderer als "das Problem liegt doch nur in deinem Kopf" abzutun .... nee, das geht mir zu weit.

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass jede/r eine eigene Bewertung seiner Situation machen soll, danach entscheidet wie weit er/sie sich outet und dann das in diesem Rahmen Mögliche tut, um es den Nachfolgenden etwas leichter zu machen?

Grüsse zur guten Nacht

Marielle

PS: Um Buddys These auch zu berücksichtigen:

Eine ganz provokante These: welche von uns geht denn schon MIT BART und Frauenkleidung in die Öffentlichkeit?

Ich.

Warum glaubst du, Buddy, dass das niemand tut? Liegt dem etwa ein "genormtes" Bild eines Cross-Dressers zugrunde? ;)
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 13 im Thema

Beitrag von Sabrina Verena »

Hallo Buddy!
Ich denke wir sollten uns klarmachen, dass Drossdressing viele Ausdrucksmöglichkeiten hat.
Da gehört der nahezu perfekt als Frau gestylte Transvestit genauso dazu, wie der Mann der männliche Erscheinung und weibliche Erscheinung kreuzt (mischt).
LG Verena
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 14 im Thema

Beitrag von Daniela.transg »

Marielle hat geschrieben:Hallo und Guten Abend,

......
Aber: Wenn du, Daniela, schreibst, dass es nur darauf ankommt, dass man offen erklärt was man sei, dann halte ich das für zumindest nicht vollständig. Es mag auf dich und andere zutreffen, dass es so funktioniert hat und auch der einzig richtige Weg war. Nur gilt das wohl nicht für alle und für jede Lebenssituation, oder?
Es gibt kein allgemeingültiges Rezept - das ist sicher zu einfach so etwas zu erwarten. Es war von mir auch nicht gesagt, dass ich mich nun auf den nächstgelegenen Marktplatz stelle und erkläre, ich bin Transgender. Ebenso denke ich auch, dass ein Outing nicht generell vor jedem erfolgen muss. Aber ich weiß heute, dass man es seinen Freunden und anderen nahestehenden Personen einfach schuldig ist.
Dabei meine ich, dass man es diesen Personen, denen man sich zu offenbaren gedenkt, eine offene Erklärung entgegenbringen sollte. Genau dies habe ich getan und so eine Menge an Vorbehalten bzw. Vorurteilen aus der Welt schaffen können. Und ich wage auch die Behauptung, dass dadurch Freundschaften enger geworden sind.

Ich kann es immer weniger akzeptieren, dass wir eine Toleranz bzw. Akzeptanz in der Gesellschaft einfordern und dabei in Verstecken darauf warten wollen, bis diese wie durch ein Wunder draußen in der Welt gewachsen ist. So funktioniert es eben nicht.
Wenn ich als Mensch von meiner Umwelt geachtet werde, so werde ich es sicher auch als Transgender. Die Achtung eines Menschen bzw. der Respect vor einem Menschen erwächst nicht aus der Frage nach Kleid oder Hose.
Viele Grüße aus Salzgitter

Daniela
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Re: Gender Mainstreaming „ Verwirklichung des eigenen Ich

Post 15 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
aber ich finde es vernünftig, dass diese Leute ihren Leidensdruck gegen die Chancen und Risiken eines Komplett-Outings abwägen; insbesondere dann, wenn auch Partner/innen betroffen sind.
ABWÄGEN sollte man wirklich ganz fett schreiben; denn es kommt immer darauf an, wie schwer der Partner auf der Wippe ist (smili)
Wenn kein Leidensdruck da ist - oder kaum, dann spricht ebenso wenig für ein Outing wie in den Fällen, in denen ein Outing ein "Komplett-Aus" in beruflicher, gesellschaftlicher und/oder familiärer Hinsicht bedeuten könnte.

Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es immer wieder zu unfreiwilligen Outings kommen könnte...

Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, wie sehr er/sie hinter der eigenen Person und den verschiedenen Ausprägungen steht.
Dauerhaftes Verbiegen ist sicherlich genau so schlecht wie ein plumpes Überfahren von Familie, Freunden, Kollegen; da wären wir wieder beim Abwägen (smili)
Es kommt wohl immer darauf an, ob ein Leidensdruck besteht.

Gruß
Anne-Mette
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