Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht
Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Crossdresser, Transgender DWT... Plauderecke - was sonst nirgendwo passt
Marielle
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Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 1 im Thema

Beitrag von Marielle »

Teil 1 (mehr hab' ich noch nicht geschafft)

"Schlampenfest" in Nürnberg? Was soll ich denn DA??? Die Veranstalterinnen geben sich zwar alle Mühe, den Begriff 'Schlampenfest' positiv darzustellen, aber so richtig spricht mich diese Überschrift nicht an. Ich denke an die "Queer-Boat-Party" im letzten Jahr....... die entsprach nicht so ganz meiner persönlichen Vorstellung persönlichen Vorstellung von gepflegter Freizeitgestaltung. Und ausserdem ist Nürnberg auch noch elend weit weg von hier; knapp 800km. Irgendwie alles schlechte Voraussetzungen für meine Teilnahme an diesem 'Event'. Angesichts der vorstehend genannten Gründe packe ich die Idee, dort hinzufahren, in die Abstellkammer. Da wäre sie wohl auch geblieben, wenn es nicht die Aussicht auf ein Wiedersehen mit lieben Menschen, die ich lange nicht gesehen habe, gegeben hätte. Und wenn nicht ein etwas verpeilter Kunde vor einiger Zeit eine Mail geschickt hätte. Auftrag! Objekt: in XXX, Ausführung: Anfang Oktober. Nun liegt XXX knapp südlich von Nürnberg und der Termin liess sich auch passend steuern. BINGO!

Am vergangenen Mittwoch ging's dann also doch nach Nürnberg; trotz Schlampenfest zum Schlampenfest. Alles was ich mitnehmen will ist im Auto verSTAUt ....... blödes Omen: Ferien- und Feiertagsreiseverkehr, die A7 die längste Baustelle der Republik und ich mitten drin .... schrecklich. Nach zwei bis drei gefühlten Ewigkeiten komme ich doch an. Nur noch im Hotel einchecken, dann schlafen.

Den Vormittag des Donnerstags habe ich allein verbracht, am Nachmittag reist Andrea an. Sie holt mich von meinem Hotel ab. Auf den letzten Stufen der Hoteltreppe kommt mir der Rezeptionist entgegen. Er guckt, staunt, sagt nichts, lächelt freundlich. Diskretion und dezente Freundlichkeit sind hohe Güter in der Hotel-Branche. Der Gast ist König, oder Königin ... je nach dem eben.

Wir, Andrea und ich, fahren in die Altstadt. Strassen sind gesperrt, Parkplätze knapp; es ist Stadtmarathonlauf. Wir finden aber einen Parkplatz und machen uns auf, um ein Cafe zu suchen. Zwischendurch laufen wir auch die Marathonstrecke .... naja, halt einmal quer rüber, etwa 10 Meter, immerhin. Wir finden ein nettes Plätzchen in einem Cafe am Strand.

Strand? Bin ich am Mittelmeer? Hmmm.... mal die Fakten prüfen. Die Fahrt führte ewig lang nach Süden. Das passt. Auf dem Weg bin ich durch ein Gebirge gefahren, etwas südlich von Kassel. Das müssen wohl die Alpen gewesen sein. Passt auch! Der Verdacht am Mittelmeer zu sein erhärtet sich. Ich ahnte ja nicht, dass Nürnberg am Mittelmeer liegt, aber alle Fakten sprechen dafür.

Ausser Andrea, mit der ich ja schon im Cafe am Strand war, kamen am Donnerstag noch Saskia und Frau, Pia, Sylvie, Marlen, Christie und Kate. Rudi Völler kam nicht. Während es den meisten anderen egal zu sein schien, dass wir am Mittelmeer waren, verbreitete Marlen fortwährend den Eindruck ortskundig zu sein. Sie behauptete, dass das nicht das Mittelmeer sei, sondern ein Fluss namens 'Pegnitz'. Lächerlich, bei DER Beweislage. Um den Gruppenfrieden nicht zu gefährden, hab' ich dann so getan, als wäre ich nicht GANZ sicher. Andrea (ich glaube sie war's) hat als Kompromis vorgeschlagen, das Gewässer als 'Donau' anzusprechen; liegt auch irgendwo tief im Süden und fliesst über das Schwarze- und das Marmara- in das Mittelmeer. Na siehste!

Nachdem die geografischen Feinheiten geklärt waren, sind wir alle zusammen in die Nürnberger Altstadt gezogen und eingekehrt. Trinken, essen, reden, lachen, trinken, essen, reden, lachen, trinken, essen, reden, lachen ... Hat Spass gemacht. Gegen Eins dann Schichtende, Abrechnung. Der Kassenbon, mit dem die junge Dame vom Service an den Tisch kam, hatte eine beachtliche Länge; cirka 80cm! Kaum zu glauben, aber bis auf einen Espresso wurde alles aufgefunden und beglichen. Ich bin danach ins Hotel und hab mich schlafen gelegt. Andere hingegen .... nee, ich will ja nicht petzen.

Wir hatten uns am Donnerstag abend noch für Freitag 'gegen Elf Uhr' zum zweiten Frühstück und zum anschliessenden Stadtbummel verabredet. So um halb Zehn rum war ich mit Frühstück und Tageszeitung fertig und wollte aufbrechen. Entlang der 'Donau' und durch die Altstadt zum Hotel der übrigen Reisegruppe laufen. Vorher musste ich aber noch zur Rezeption meines Hotels, um etwas zu klären. Dort saß der freundlich guckende Rezeptionist, der mir am Vortag auf der Treppe begegnet war. Mein rein praktisches Anliegen hat er professionell gelöst. Auf die kleine Klappkarte im Postkartenformat, meine neueste Idee um meine Umwelt für mich einzunehmen, hat er etwas erstaunt geguckt und sie zur Seite gelegt. Später sollte sich aber rausstellen, dass der Text auf der Karte sehr wohl gelesen wurde.

Nach meiner Wanderung traf ich im Hotel der Anderen ein. Zwei saßen schon in der Lobby, die übrigen .... nun, ich will ja nicht petzen. Nach einer mittellangen Wartefrist, während derer sich noch weitere Mitgliederinnen der Gruppe einfanden, sind wir dann losgezogen. Altstadt angucken, Kaffee trinken, plaudern, Nürnberger Lebkuchen für die Daheimgebliebenen kaufen. Dann auf die Burg rauf .... warum müssen diese Dinger eigentlich immer auf Hügeln stehen? Fürchterlich! Und dann dieses Kopfsteinpflaster! Man versteht gar nicht, wie die früheren Burgfräuleins und Prinzessinnen das gemacht haben. Oder hatten die etwa Wanderschuhe an?? Wir haben, Sylvie hat, jedenfalls einen Absatzflecken eingebüßt und sich die Absätze ruiniert. Vielleicht sollten wir uns mal um ein paar edle Prinzen mit ebensolchen Rössern bemühen, die uns solche Umstände ritterlich ersparen.

Nach umfänglichen Informationen über die Geschichte und Geschichten von Burg und Stadt, an dieser Stelle nochmals ein grosses 'Danke' an die örtliche Reiseleiterin Marlen, gings wieder bergab (ist mit Absätzen NOCH schlimmer als bergauf) in die Altstadt. Auf ins nächste Cafe; trinken, essen, reden, lachen. Dort haben wir geplaudert und 'Leute geguckt'. Gustl Mollath kam auch vorbei, hat uns aber nicht erkannt.

Danach war dann Nachmittagsruhe in den jeweiligen Hotelbetten; Sightseeing macht eben doch müde.

Am Abend haben wir erst kurz auf der Vorabendwarmlaufparty des Schlampenfestes vorbeigeschaut. Dort gab's aber weder Sitzgelegenheiten, noch etwas zu essen, sodaß wir in ein nahegelegenes Lokal umzogen. Ein Kellergewölbe erheblichen Ausmaßes, in dem cirka ein Dutzend Räume Platz boten; besuchenswert. Dazu ein Typ, ein 'Türsteher', allerdings der angenehmen Art, erwähnenswert. Erwähnenswert deshalb, weil er uns ansprach, Marlen und mich, beim Gang in den 'Raucherbereich' (sprich: die Strasse vor dem Lokal). Er und ein paar andere würden am nächsten Tag eine kleine Party machen; interessante Leute, gute Drinks und eine Fotosession. Naja .... warum nicht? Zu 'interessante Leute' gehören wir allemal dazu. Mailadressen ausgetauscht, fertig. Nach einem guten Mahl und ein paar Getränken sind wir dann wieder zur Vorabendwarmlaufparty rübergewechselt. Es gab jetzt genügend Sitzplätze und immer noch nichts zum essen; aber gegessen hatten wir ja schon. Gegen halb zwei hab ich mich abgesetzt, ich brauch' meinen Schlaf. Andere hingegen .... siehe oben. Ich petz' ja nicht.

Aufgrund der veränderten Gesamtlage, eine Party mit guten Drinks und interessanten Leuten lass ich mir nicht gern entgehen, und der sehr guten Stimmung mit viel Spass und Gespräch innerhalb der Reisegruppe, musste ich am Samstagmorgen meine Zimmerbuchung verlängern. Eigentlich hatte ich geplant am Samstagnachmittag heimzufahren. Ich gehe also zur Rezeption und treffe dort auf die Inhaberin des Hotels. Die Sache mit der zusätzlichen Übernachtung ist schnell geklärt, ich wende mich zum gehen. "Ach.... ähh.... He... (die fehlenden beiden 'R's von 'Herr' kriegt die nette Dame in dem Moment nicht raus) ..... darf ich Sie was fragen?" Ich mach auf dem Absatz kehrt. "Natürlich. Um was geht es denn?" "Sie haben ja gestern unserem Mitarbeiter diese Karte gegeben." Sie hält die Klappkarte in der Hand, die ich dem Rezeptionisten am Vortag gegeben hatte. "Sie haben das gut beschrieben, nur .... wie ... also ... möchten Sie mit "Herr" oder lieber mit "Frau" angesprochen werden?" Ich hab mich gefreut wie ein kleines Kind an Weihnachten! Die Sache mit der Karte und dem Text darauf, eine Kurzbeschreibung zu mir und zum Crossdressing, funktioniert! Wir haben eine Weile darüber gesprochen, ich hab versucht ein bischen was zu erklären, sie weiss ein wenig besser mit 'unsereinem' umzugehen. Gefällt mir.


---Ende Teil 1--- wird fortgesetzt
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Anne-Mette
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 2 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

toller Bericht )))(:

Gruß
Anne-Mette
Inga
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 3 im Thema

Beitrag von Inga »

Hi,
Isabel hat geschrieben:Schöner Bericht Marielle!

ABER ..... ich komm gar nicht drin vor ... seufz ..... (smili)

LG

Isabel

@Isabel aber, aber - Marielle wollte doch nicht petzen !

@Marielle: Übrigens ein toller Bericht, der Appetit auf mehr macht. Ich freue mich schon auf den 2. Teil.

Liebe Grüße
Inga
ab08
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 4 im Thema

Beitrag von ab08 »

Hallo Marielle,

schön, dass es Euch gefallen hat....

Hier, in der Stadt der Menschenrechte, ist das Klima meist sehr offen, daher fühl ich mich wohl.
Seit den 70er Jahren wohne ich ja da. :wink:

Hatte wirklich keine Zeit, sonst hätt ich mich gemeldet.
Andererseits macht es sicher auch mehr Spaß, eine Stadt ohne Einheimische zu entdecken!
Zudem bin ich nur tagsüber unterwegs und abends lieber zuhause...

Liebe Grüße
ab

P.S. Kurz nach dem CO 2008 war ich einmal mit schmaleren Absätzen auf unserem Burgberg, später nie mehr.
Breite Absätze oder Keilabsätze sind für soche Extratouren besser geeigent :lol:
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Marielle
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 5 im Thema

Beitrag von Marielle »

Hallo zusammen,

vielen lieben Dank für die positive Resonanz. (smili)

Ich werd' mich bemühen, den zweiten Teil auch bald zu schreiben. Erstmal nur kurz zwischendurch:

Es ist mir bei solchen Texten sehr wichtig, dass ich niemanden von den Dabeigewesenen zu erwähnen vergesse. Schliesslich sind das die Menschen, die die Sache ausmachen. Ohne diese Menschen wär' das alles nichts. Diesmal ist es mir aber leider doch passiert. Ich habe Isabels Anreise vergessen; sorry Isa. Sie hatte sich, trotz Arbeit am Feiertag, am Freitag nach Nürnberg aufgemacht und stiess dort zur Reisegruppe. Eines sei aber schon mal festgestellt: Über Isa gibt es nichts zu petzen. Sie hält, im Gegensatz zu mir, bis in die frühen Morgenstunden durch und sieht ein paar Stunden später, pünktlich zum Frühstück, schon wieder gnadenlos gut aus.


Die Sache mit den Kärtchen hab' ich mir ausgedacht, weil ich schon öfter mal das Gefühl hatte, dass mir sowas fehlt. Begegnungen hat man ja eine ganze Menge, wenn man draussen rumläuft. Nur reicht es oft nichtmal zu einem kurzen Wortwechsel. Ich würde auch nicht versuchen wollen fremden Menschen ein Gespräch über mich aufzuzwängen; no way. Manchmal ist es aber eben doch so, dass ich den Eindruck habe, dass jemand irgendwie interessiert ist. Leute wie der Rezeptionist oder jemand der mich mal in der U-Bahn auf mein Armband ansprach, aber sehr bald aussteigen musste und andere. Für diese Begegnungen hab' diese Kärtchen gemacht:

Bild

Die Karten "drucken lassen" würde sich kaum lohnen; soviele brauche ich nicht. Ich verteile sie ja nicht vor Karstadt, sondern geb' sie nur Leuten bei denen ich das Gefühl habe, dass es passt. Die Sache mit der 'Anrede' passte nicht mehr auf die Kärtchen, zwei mal DIN A6 ist nicht viel, und sie ist mir selbst auch nicht so wichtig. Die diesbezügliche Unsicherheit bei der Hotelinhaberin habe ich ja auch so klären können ;-) Den Text als Ganzes möchte ich eigentlich nicht einstellen. Er ist von mir, über mich, für Menschen die ich treffe; also eher individuell. Wir sind so unterschiedlich, dass jede/r sich selbst ihren/seinen Text schreiben sollte, denke ich. Und ich habe auch keine Lust auf lange Debatten darüber, warum ich das Thema nicht anders beschrieben habe, nicht mehr Infos über die verschiedenen Ausprägungen gegeben habe oder darüber, dass der Text einseitig mich beschreibt (Wen sonst?).


Am zweiten Teil des Reiseberichts arbeite ich noch.

Grüsse von

Marielle
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Saskia.shewulf
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 6 im Thema

Beitrag von Saskia.shewulf »

Hallo Marielle

Das ist ja ein sehr schöner und Umfangreicher Reisebericht geworden vielen Dank dafür. Viel zu ergänzen gibts da von meiner Seite auch
nicht nur das mir das Alltagsleben zuhause gerade etwas schwer fällt nach dem schönen WE mit der Gruppe.

Nun ja ich hatte ja am Freitag mal eine kleine Auszeit genommen ..........
Dafür war dann der Samstag Abend um so schöner aber ich will hier nicht deinem 2 Teil vorgreifen .

Nur soviel zum Samstag wir hatten uns ja auf Grund des Miesen Wetters Mittags aufgeteilt.
Das Heißt Kate,Christie Daniela(Meine Frau) und ich sind in der Altstadt in ein Französisches Restaurant eingekehrt und dann in die Geschäfte :D
auf dem Rückweg Nachmittags zum Hotel wurde unsere kleine Splittergruppe noch komplett geduscht von passierenden Autos und von
Oben trotz schirm.Nach dem aufbrezeln für den Event trafen wir dann den Rest der Gruppe vor Ort wieder aber mehr möchte ich nicht verraten
weils ja eigentlich Marielles Bericht ist und dem möchte ich nicht vorgreifen.

Mein Fazit zum Wochenende:Wann wiederholen wir das und Wo :lol: !!!

Liebe Grüße und vielen Dank an Marielle für den Reisebericht und an Marlen für die Planung (flo)

PS:
Ach ja Marielle und der Tipp mit dem Mädchenhacken in Hamburg noch ein dicker schmatzer dafür (smili)
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Marielle
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 7 im Thema

Beitrag von Marielle »

Teil 2

Bevor es weitergeht, muss ich wohl noch was klarstellen: Nürnberg liegt nicht am Mittelmeer und schon gar nicht an der Donau! Vielmehr liegt die fränkische Metropole Nürnberg tatsächlich an der Pegnitz, die über Main und Rhein in die Nordsee fliesst. Ausserdem ist Nürnberg die zweitgrösste Stadt in Bayern, dessen südlichere Landesteile und deren Bewohner durch die Franken integrativ an die Bundesrepublik herangeführt werden. (Hoffentlich komm' ich damit aus der Sache sauber raus ;-) )

Sonnabend:

Am Sonnabend Morgen hatte ich, angesichts des geplanten Sightseeings, die glorreiche Idee auf Schuhe mit Absätzen zu verzichten. Ausserdem hab' ich doch sooo schicke Booties. Flache Schuhe, etwas ähnlich den Schuhen von Convers, aus handschuhweichem Leder, altrosa und mit ein paar Glitzersteinchen drauf. Ich war absolut sicher, dass ich damit gut über den Tag und alle Wege kommen würde. Mit der U-Bahn bin ich erstmal ins Zentrum gefahren. Wie schon am Freitag nachmittag hatten die anderen Fahrgäste eine kurzweilige Fahrt. Niemand hat was gesagt und schon gar niemand war unfreundlich zu mir. Alles OK in Nürnberg; es ist dort aber ein kleines bischen leichter aufzufallen, als es in Hamburg oder gar Berlin ist.

In der Stadt hab' ich fix noch was eingekauft, um mein Abendoutfit zu komplettieren. Erstens hatte ich gar keinen "Partydress" mitgenommen, da ich ja eigentlich am Sonnabend heimfahren wollte und zweitens hatten Isabel und Sylvie, als zusätzliche Erschwernis, am Vortag auch noch "kurzes Kleid" als Vorgabe für den Abend ausgerufen. Nice try.... aber sooooo leicht lasse ich mich nicht aus dem Konzept bringen ;-)

Zu meinem Erstaunen habe ich schon nach dem Gang durch die Stadt feststellen müssen, dass mit meinen Füssen bzw. Schuhen etwas nicht stimmt; ein leichtes 'Brennen' der Fusssohlen..... hab's erstmal abgetan, kann ja nicht sein, sind doch Superbequemschuhe.

Um halb Zwölf rum bin ich dann im Hotel der übrigen Reiseteilnehmerinnen eingetroffen; wie verabredet. Einige saßen auch schon beim Cafe Latte in der Lobby. Ich hab einen Milchkaffee bestellt .... und das gleiche wie die anderen bekommen. Es wurde Zwölf, halb Eins, Eins. Die Reisegruppe wurde nicht vollständig. Zwischenzeitlich kam per Telefon die Meldung, dass eine Teilnehmerin eine Andere "erstmal unter die Dusche gestellt" hätte. Ich weiss bis heute nicht, was ich in den frühen Morgenstunden des Samstags so alles verpasst habe.

Während eines abendlichen Chats hatte Marlen im Vorwege der Tour den Vorschlag gemacht, das Reichsparteitagsgelände zu besuchen. Die NSDAP hatte nämlich, in der ihr eigenen größenwahnsinnigen Art, in Nürnberg eine riesige Anlage geplant, zum Teil auch gebaut, um dort mindestens eintausend ihrer jährlichen Parteitage abzuhalten; Gott oder sonstwem sei Dank, nur zu Vier hat es am Schluss gereicht.

Ich fand jedenfalls die Idee, dass WIR dorthin gehen, sehr gut, weshalb ich an jenem Samstag in der Hotellobby etwas drängte, diesen Programmpunkt anzugehen. Ich glaube, dieser Vorschlag war ein wesentlicher Teil meines Entschlusses, trotz aller Widernisse doch nach Nürnberg zu fahren. Wenn ich in Berlin bin, gehe ich wenn irgend möglich zum U-Bahnhof am Nollendorfplatz. Dort hängt eine Gedenktafel für die von den Nazis ermorderten Schwulen und Lesben aus dem "Schöneberger Kiez". In vielen anderen Städten gibt es die sogenannten "Stolpersteine", kleine Messingplatten im Gehwegpflaster, die vor Häusern eingelassen sind, in denen Opfer des Rassenwahns lebten. Ich denke, dass es wichtig ist, diese widerliche Zeit nicht zu vergessen. Einerseits, um daran gemahnt zu sein, daran zu arbeiten, dass es nicht wieder so wird, und andererseits, um sich bewusst zu bleiben, dass wir es eigentlich ganz gut haben. Wir sind dann zu Fünft aufgebrochen, um den (so nenne ich es für mich) Trans-Parteitag abzuhalten.

Wegen des nicht optimalen Wetters, es regnete, haben wir das Gelände erstmal grob vom Auto aus besichtigt. Man erahnt noch heute sehr leicht, welch gigantischer Irrsinn die Triebfeder für den Bau einer Anlage mit solch gigantischen Ausmassen gewesen sein muss. Und, jedenfalls ergeht es mir an solchen Orten so, man ahnt, man spürt formlich, was es für einen selbst bedeutet hätte, nicht heute sondern damals gelebt zu haben; als Transmensch. Dieses riesengrosse Feld, mit der riesigen Rednertribüne am Kopfende. Eine menschenverachtende Ideologie und zigtausende ihrer Anhänger; es ist nichtmal achtzig Jahre her, dass man uns Fünf dort nicht nur nicht freundlich empfangen hätte. Schwule, Lesben, Trans- und Intermenschen wurden gehasst, gequält, ermordet. Es hat seeeeeeeeeeehr gut getan, dort zu stehen; in altrosa Schuhen, mit Handtasche und Armband. Auf der Rednertribüne, von der soviel Wahn gebrüllt wurde. Dort zu stehen, wo Irrsinnige, Verblendete und Verbrecher ihre Hassideologie verbreiteten und Dumme, Opportunisten, Skrupellose und Gedankenlose sie aufsogen. Dort standen wir; es hat gut getan.

Ich dachte an das bekannte Bild von der Sprengung des Hakenkreuzes auf dem Säulengang der Tribüne, ihr werdet es kennen*. Ein Bild von den Momenten, in denen Symbole der Nazis von Amerikanern, Russen, Briten, Franzosen, Polen und vielen Anderen zu Staub zerlegt wurden. Zu dem Staub, aus dem etwas ganz Brauchbares, sogar etwas ganz Gutes wurde.

Ja, ich weiss, es ist und bleibt schwierig, aber dennoch: Wir haben es ganz gut hier und jetzt, und ja, wir können ein bischen stolz sein. Auf eine ganz andere, vorsichtige Weise, als mancher von denen es noch heute gern hätte. Aber eben stolz sein; eben das, was die so gerne täten. Wir können es darauf sein, dass dieses Symbol der 'Stolzen' von damals für uns nichts weiter ist, als der Explosionsstaub in dem unsere Absätze Spuren hinterlassen haben.


Am späten Samstag abend sollte ich, was ich am Mittag noch nicht wissen konnte, ein kurzes Gespräch mit jemandem "von uns" führen. Einem Transmenschen, der gebürtig aus Russland stammt, aber schon länger in Deutschland lebt. Wir haben in diesem Gespräch sehr schnell einen gemeinsamen Gedanken gefunden. Bei allen Mängeln, die wir hier und jetzt spüren: Wir hatten und haben Glück! Was sind die paar dummen Sprüche, die wir auszuhalten haben, im Gegensatz zu dem, was hier war und in Russland ist? Lasst uns aufpassen, dass es so bleibt, dass es noch besser wird.

--------------------------------

Eigentlich wollte ich diesen Bericht in nur zwei Teilen schreiben. Ich finde aber keinen, für mich erträglichen, thematischen Bogen vom Vorstehenden zum folgenden Abend. Deswegen wird es noch einen dritten Teil geben (wenn den überhaupt noch jemand lesen will) und deswegen endet dieser Teil hier mit einem ehrlichen Dank an diejenigen, die die Spuren ihrer Absätze in den Staub des Parteitagsgeländes gedrückt haben: Vielen lieben Dank Isabel, Sylvie, Marlen und Pia; für die Information, für die Autofahrt und, vor allem anderen, dafür, dass wir zusammen dort waren. Danke.

Marielle

*) http://www.youtube.com/watch?v=1CYTcQUKTVY
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 8 im Thema

Beitrag von Inga »

Hallo Marielle,

bevor ich es vergesse, ja, ich möchte auch n och den dritten Teil lesen.

Ich muss gerade noch etwas mehr den zweiten Teil auf mich wirken lassen, darüber nachdenken. Ich finde es schön, dass du etas mehr darüber schreibst, was dir beim Besichtigen des Parteitagsgeländes durch den Kopf gegangen ist.

Liebe Grüße
Inga
Ninakadin
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 9 im Thema

Beitrag von Ninakadin »

Wir sind hier ja nicht bei Facebook, aber ich sage mal "Daumen hoch" für diesen lesenswerten zweiten Teil.

Nina
Yasmine
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 10 im Thema

Beitrag von Yasmine »

...genau, Daumen hoch!
Ich freue mich auch auf Teil III.
LG
Yasmine
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 11 im Thema

Beitrag von Saskia.shewulf »

Hi Marielle

Nun bin ich etwas zum nachdenken gekommen bei diesem 2 Teil deines Reiseberichtes und wenn es das nächste Mal zu so einem
geschichtsträchtigen Ort geht bin ich dabei egal welches Wetter!
Mit Rußland hast du wohl zweifelsfrei recht und das es uns eingermaßen gut geht,nur ist Rußland gar nicht so weit weg wie wir
denken.
Um so wichtiger ist es sicher hier Flagge zu zeigen die Demonstration in Berlin wegen der Olympischen Spiele fand ich zum Beispiel auch sehr
wichtig!

Aber ich werde zu politisch......sorry

Ich freu mich auch auf den dritten Teil des Reiseberichtes ja Daumen Hoch auf jeden Fall!

LG Saskia (flo)
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 12 im Thema

Beitrag von Feldmaus »

Hallo marielle
Sehr guter Reisebericht ,der auch mich zum Nachdenken anregt . Freue mich auf deinen dritten Teil .

Lg daniela
Man sieht nur mit dem Herzen gut.Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar.(Antoine de saint-exupery)
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 13 im Thema

Beitrag von eilinfox »

mir gefällte dein reisebericht auch sehr gut, marielle.
ich habe ihn bereits drei, vier mal gelesen und mir gefällt dein schreibstil und auch deine gedanken, die du dir zu dem ein oder anderen machst.
bitte schreib bald teil 3 - ich freu mich drauf.
liebe grüße
eilin
Yasmine
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 14 im Thema

Beitrag von Yasmine »

Ja, ich möchte auch gerne bald Teil III lesen (und noch ein wenig trauriger sein, dass ich nicht dabei war)...
LG
Yasmine
Marielle
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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Post 15 im Thema

Beitrag von Marielle »

Hallo, Guten Abend,

ihr seid lieb (smili)
Und .... wie gut sahen wir aus mit der Vorgabe kurzes Kleid?!? :mrgreen:
Gut? Wir sahen umwerfend aus! ;-) Modenschau in Mailand, Paris oder Tokyo? Wo wir sind spielt die Musik!
p.s. danke fürs nicht Petzen ;-)
Ich hab's jedenfalls versucht ;-) Aber wenn du dich schon selbst als Spätduscherin outest: Was habt ihr denn noch angestellt am frühen Samstagmorgen?
Aber ich werde zu politisch......sorry
Find' ich nicht. Manches an unserem Dasein ist eben politisch. Und grade zu dem was in Russland vor sich geht, müsste man vieles sagen und tun.
....der auch mich zum Nachdenken anregt
Kaum schöneres könnt ich mir über so einen Text Gesagtes vorstellen, vielen Dank Daniela
Ja, ich möchte auch gerne bald Teil III lesen (und noch ein wenig trauriger sein, dass ich nicht dabei war)
Ich möchte eigentlich nicht dafür verantwortlich sein, dass jemand traurig ist. Das fände ich sehr schade. Trotzdem setz' ich mich morgen (heute) hin, um endlich den (kleinen) Rest zu berichten. In der Hoffnung, dass er mehr Spass als Trauer bedeutet und das du Yasmine, beim nächsten Mal dabei bist.

liebe Grüsse zur guten Nacht

Marielle
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