"Warum machst Du das?"
wurde ich gestern gefragt — und im Nachsatz: "meinst Du nicht, dass wir uns ausstellen, wenn wir hier sitzen?"
Ja, warum mache ich das, warum sitze ich an einem Samstagnachmittag im Fördepark - zusammen mit den anderen Selbsthilfegruppen? Ich habe Info-Material dabei und warte auf "Kundschaft". Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen. Ich sitze heute "auf der anderen Seite" und habe Muße, die vorbeieilenden Einkäuferinnen und Einkäufer zu beobachten.
"Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig!" fällt mir wieder ein, "aber warum?" Was und wen kann ich erreichen? Wem bringt meine Anwesenheit einen gewissen Nutzen?
"Unserer Gruppe"
könnte ich sagen. Durch mein hoffentlich freundliches Auftreten habe ich vielleicht Werbung für unsere Gruppe gemacht, konnte mögliche Interessentinnen/Interessenten gewinnen.
"Die Gemeinschaft" — fällt mir auch noch ein. Ich habe die Gemeinschaft der vertretenen Selbsthilfegruppen (hoffentlich) durch meine Anwesenheit gestärkt und Solidarität* gezeigt. Ich hatte wiederum eine sehr herzliche Nachbarschaft mit der
norddeutschen ATAXIE-Gruppe und der Dialysepatientengruppe. Ein "wir-gehören-dazu-Gefühl" hatte ich. Zwar fühle ich mich nicht krank, aber wie die anderen vertretenen Gruppen sind doch auch "wir" (trans- und intersexuelle Menschen, Crossdresser) von Ausgrenzung und mindestens "Skepsis" betroffen, wenn wir uns in der Öffentlichkeit bewegen.
Ja, ich stelle mich aus. Menschenreihen strömen vorbei — dem Wochenendeinkauf entgegen. Die Menschen gucken, einige lächeln - vielleicht auch über meine ausgehängten Plakate. Eines wirbt mit dem Satz: "keine Angst — Transsexualität ist nicht ansteckend!" Ein anderes fragt: "wozu brauchen wir überhaupt eine Einteilung in MANN und FRAU? Ich sitze auf dem Präsentierteller, bin Ausstellungsobjekt. Ich bin "so eine(r)". Ich habe es sogar auf Flyern und auf den Plakaten stehen: Transsexuellen Selbsthilfegruppe Flensburg. Da kommt kein Zweifel auf. Ich bin kein Besucher, der sich um den Stand des Freundeskreises der Suchtkranken herumschleicht, um vielleicht mit den Worten "bitte einen Luftballon für meinen Enkel" auch noch einen Gruppenflyer mitzunehmen.
Mich sprechen an diesem Tag etliche Menschen an — manche aus einem "anderen Leben", kennen mich z.B. aus der Schule unserer Kinder, als Kunde oder Lieferant.
Manche tun sich schwer damit, aber versuchen zu verstehen, für was ich mich da ausstelle. "Wir kannten mal einen, der war homosexuell", höre ich — und "ist "das" so ähnlich?"
Nein, es ist nicht so ähnlich; es sei denn"¦
Ich versuche, schlüssige Erklärungen zu geben.
Ich freue mich über die Offenheit vieler Besucher, freue mich über Fragen und angeregte Diskussionen. Auch pädagogisch Interessierte melden sich. Wir sind uns einig: in den Schulen muss noch viel getan werden. Es mangelt an Aufklärung über Trans- und Intersexualität, über Leben "zwischen den Geschlechtern / in beiden Geschlechtern" und Homosexualität. Ängstliche Eltern fragen: "müssen wir denn jetzt alle trans*, inter* schwul oder lesbisch werden? Fehlt mir etwas, wenn ich "nicht einmal bi bin?"
Nein, es geht nicht um "Umerziehung"; es geht darum, dass auch Menschen, die anders sind — und hier treffe ich mich wieder mit den anderen Selbsthilfegruppen — ohne Diskriminierung und Gewalt, ja angstfrei leben können!
Ja, das "sich ausstellen" hat sich gelohnt — schon bei der Ankunft wurde ich fröhlich von einer Ladeninhaberin begrüßt: "Da sind Sie ja endlich; ich habe schon auf Sie gewartet und mich gefragt, ob Sie auch dieses Jahr wieder dabei sind (ich war aber sehr zeitig)".
Es war eine richtig freudige Begrüßung und eine guter Beginn des Selbsthilfetages!
Gruß
Anne-Mette
* Solidarität: ein altes, vermutlich deutsches Wort - nicht mehr sehr gebräuchlich
