Die Tür...
Die Tür...

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
Antworten
Julia65

Die Tür...

Post 1 im Thema

Beitrag von Julia65 »

... ging mit einem lauten Knarzen auf, das durch das ganze Treppenhaus hallte. Sie verharrte plötzlich, einen Fuss schon im Treppenhaus und lauschte. Dabei blickte sie in die Dunkelheit des Treppenhauses und nahm nur die schemenhaften Umrisse des Treppengeländers wahr. Jetzt war es wieder still. Nur ab und zu hörte sie einen der Nachbarn aus den oberen Etagen husten. Ihr Blick wandertet auf den Spion der Tür ihrer Nachbarwohnung. Er war in der Dunkelheit kaum auszumachen. Sie wünschte sich, er wäre hell erleuchtet, denn dann könnte sie sehen, wenn sich jemand hinter der Tür befand. Sie stand nun schon bestimmt 2 oder 3 volle Minuten in ihrer halb geöffneten Wohungstüre und lauschte und wagte weder eine Bewegung zu machen, noch durch das Treppenhaus zu schreiten um die Haustüre zu erreichen. Was, wenn plötzlich jemand vor ihr stehen würde? Ein Nachbar, der vielleicht zu dieser späten Stunde heimkommt zum Beispiel.
Hinter sich hörte sie leise ihre Küchenuhr 2 Uhr schlagen. Es war 2 Uhr in der Nacht. Nun wusste sie, dass sie geschlagene viereinhalb Stunden damit verbracht hatte sich zu stylen. Vor 5 Stunden war sie noch ein Mann, der auf dem Sofa sass und fernsah. Eine Szene in einem Spielfilm, in dem eine transsexuelle Frau vorkam, weckt in ihr den Gedanken, heute mal wieder auszubrechen. Auszubrechen aus ihrer Rolle. Auszubrechen aus ihrem Alltag. Hinein in eine wohligere Hülle. Aber es durfte ja niemals jemand wissen. Um 21.30 Uhr war sie ins Bad gegangen und hatte sich geduscht, am ganzen Körper rasiert und dann gestylt. Versteckt in ihrem Kleiderschrank hatte sie eine grosse Auswahl an schönen Kleidern. Und jedesmal wenn sie sie hervorholte; häufig nur um sie in der Wohnung zu tragen, bedauerte sie es zutiefst, dass sie diese herlichen Kleidungstücke nie ausführen durfte, zumindest nie bei tageslicht und wo sie gesehen werden könnte.
Das Zuschlagen einer Autotür auf der Strasse riss sie aus ihren Gedanken. Der Hausschlüssel in ihrer Hand klimperte ein wenig und sie spürte, wie ihre Hände schwitzten. Wieder lauschte sie angestrengt und vollkommen regungslos nach verdächtigen Geräuschen im Haus und auf der Strasse. Würde der Türzuknaller dieses Haus betreten? Oder ein anderes? Gleichzeitig dachte sie daran, wie albern es für einen Beobachter erscheinen müsste, wenn er sie da so regungslos in ihrer halb geöffneten Wohnungstür stehen sehen würde, so lange. "Jetzt oder nie" , flüssterte sie sich im Geiste zu und endlich bewegte sie sich. Eine Schritt. Der Absatz ihrer hohne Pumps machte ein lautes Geräusch auf dem Steinboden des Treppenhauses, was sie erneut für einen Moment zum Erstarren brachte. Leise und wie in Zeitlupe schob sie den Schlüssel in das Schloss ihrer Wohnungstüre, machte eine Vierteldrehung mit dem Schlüssel während sie die Tür leise und ganz langsam schloss. Dann vollzog sie die Vierteldrehung mit dem Schlüssel erneut. Dies war die beste Methode, die Wohnungstüre wirklich geräuschlos zu schliessen. Zum Glück hat die Tür nicht geknarzt. Nun lauschte sie wieder. Diesmal, wo sie nicht mit einem Schritt wieder in ihre Wohnung verschwinden würde, weil die Türe zu war und der Schlüssel schon abgezogen, spürte sie deutlich, wie ihr Herz bis in den Hals hämmerte.
Sie trug einen knielangen dunkelbraunen weiten Rock, schwarze Strumpfhosen, eine weisse Rüschebluse und darüber einen langärmlige Strickjacke. Frieren dürfte sie eigentlich nicht heute nacht, dachte sie. Sie liess den Schlüssel in die Handtasche gleiten und bückte sich, um die Schuhe auszuziehen, denn diese würden einen ziemlichen Lärm machen, wenn sie damit durch das Treppenhaus stöckeln würde. Licht zu machen kam nicht in Frage! So machte sie vorsichtig ein paar Schritte auf die Treppenstufen zu, die Pumps in den Händen haltend. Immer wieder verharrte sie für einen Moment um zu lauschen, doch neben ihrem eigenen Pulsschlag der ihr laut in den Ohren hämmerte hörte sie nur hie und da mal leise Geräusche aus den Wohnungen. Offensichtlich waren noch einige der Nachbarn wach.
Sie stieg geräuschlos die Stufen hinab und erreichte die Haustüre. Durch die Glasscheibe der Türe wanderte ihr Blick schnell die Strasse entlang. Niemand war zu sehen. Nur ein paar Auto träumten müde unter dem schwachen Licht der Strassenlaterne. Sie öffnete die Haustüre, trat hinaus vor die Tür und bückte sich erneut um schnell und möglichst geräuschlos die Schuhe anzuziehen.
Noch ein schnelle Blick über die Schulter. "Los" flüssterte sie und stöckelte dann mit schnellen sehr lauten und kurzen Schritten die Strasse entlang. Nun war sie sie selbst. Nun war sie nicht mehr der Kerl der noch vor ein paar Stunden fernsah. Nun war es schön. Nun war es aufregend. Es war so spannend. Die Angst vor Entdeckung, die ihr zunächst noch die Kehle zuschnürrte lockerte sich sehr, nachdem sie um die ersten paar Häuserecken gebogen war. Ein Mann mit einem Hund an der Leine kam ihr entgegen. Sie sah ihn schon von weitem und wechselte vorsichtshalber schon sehr früh die Strassenseite.... "Er sieht mich, aber er erlebt nichts besonderes, so wie ich. Er sieht mich, aber es fällt ihm nichts auf, es ist normal, ich bin eine Frau. Fertig, Punkt, Aus... herrlich!", dachte sie.
Der Mann auf der anderen Strassenseite nickt kurz freundlich zu ihr herüber und sie nickt zurück...

Kennt ihr das?

LG
Julia
marabella68
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 306
Registriert: Mi 7. Nov 2012, 22:42
Geschlecht: männlich
Pronomen:
Kontaktdaten:

Re: Die Tür...

Post 2 im Thema

Beitrag von marabella68 »

Hallo Julia,

ja ich denke ähnliches habe ich auch schon erlebt. Deine Beschreibung wie Du das Haus verlässt und auch die Uhrzeit passen auf meine Erlebnisse fast 100 prozentig. Nur hat mich noch nie jemand bewusst gesehen. Nur vielleicht in ganz weiter Ferne und natürlich bei Nacht. Auch das Gefühl der Hochpannung beim Verlassen des Hauses, weil man nicht entdeckt werden will und die Lockerung dieser Spannung, nachdem man einige Schritte draussen gemacht hat, kenne ich nur zu gut. Ich finde mich schon sehr stark in Deiner Beschreibung wieder. Das zeigt auch wie akribisch wir bei solchen Ausgängen daruf achten bloß nicht entdeckt zu werden.

LG
Marabella
Frau sein nur zum Spaß. Outing kommt gar nicht in Frage.
Kerstin
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2385
Registriert: Fr 17. Feb 2012, 01:31
Pronomen:
Kontaktdaten:

Re: Die Tür...

Post 3 im Thema

Beitrag von Kerstin »

Julia65 hat geschrieben:... ...

Kennt ihr das?

LG
Julia
Hallo Julia

Oh ja das kenne ich nur zu gut. Wobei meine beiden Pumps die ich am meisten anziehe inzwischen eiser sind. Die Absätze waren hinten runter und haben nun eine Gummisohle. Es wird nicht latlos aber deutlich leiser.


LG
Kerstin
Ich brauche Informationen - eine Meinung bilde ich mir selbst.
exuser-06-09-2013

Re: Die Tür...

Post 4 im Thema

Beitrag von exuser-06-09-2013 »

Liebe Julia,

. . . und wenn das Herz dann so schnell und laut schlägt, das man meint, alle Welt müsste das hören . . . wenn die Tür sich öffnet, ein leichter Windhauch die Beine umspielt...wenn die Tür ins Schloss fällt...und es vermeintlich kein Zurück gibt....wenn die ersten Passanten dich anschauen, du den Kopf senkst, und doch bemerkst, wohltuend bemerkst, sie registrieren dich kaum, und wenn überhaupt, dann als eine Frau...

Liebe Grüße
Anna-Maria
Caira

Re: Die Tür...

Post 5 im Thema

Beitrag von Caira »

Diese Erfahrung steht mir dann wohl noch bevor ...
Julia65

Re: Die Tür...

Post 6 im Thema

Beitrag von Julia65 »

Ich sehe, mir ist es anscheinend gelungen, genau ins Wespennest zu stechen. Ich habe vermutet, dass diese Beschreibung vielen bekannt vorkommen dürfte. Es ist eine Situation, die viele von uns kennen, über die aber in der Regel nie gesprochen wird. Denn wenn man es täte, gäbe es kaum mehr einen Grund für die Anspannung in dieser Situation.
Für mich ist so eine Geschichte inzwischen auch Vergangenheit. Seitdem ich als Frau lebe und arbeite, ist klar, dass ich so etwas in dieser Form nicht mehr erlebe. Aber ich erinnere mich oft daran.

Zum Hochhaus: Ich wohnte mal ein paar Jahre in einem Hochhaus mit 16 Stockwerken und über 160 Wohnungen. Ich selber wohnte im 13. Stock. Ich bin damals aber meist übers Treppenhaus gegschlichen, wenn ich enfemme rausging, was so ca. alle paar Wochen mal vorkam. Denn bei 160 Wohnungen waren die beiden Fahrstühel tagsüber ununterbrochen unterwegs, und nachts noch erstaunlich viel. Ich glaube, nur selten stehen sie nachts länger als 10 Minuten still. Dennoch habe ich es dann auch mal gewagt. Es ging gut, aber ich wäre beinahe gestorben.

@Nika: Nein, ich glaube nicht, dass dir so eine Erfahrung noch bevorsteht. Wenn du sie VOR dem Outing und der Transition nicht gemacht hast, dann hast du sie wohl gesprart. Danach ist es nicht mehr spannend.

LG
Julia
Bianca D.
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3048
Registriert: Fr 1. Mai 2009, 18:02
Geschlecht: weibl.
Pronomen:
Wohnort (Name): Schacht Audorf
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Tür...

Post 7 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Moin Julia,

Ja,ganz zu Anfang,da war ich oben an der Ostsee mal in Urlaub,hab ich mich spät Abends aus der Pension geschlichen und ähnliche Gefühle entwickelt.Aber nach dem Outing war die Aufregung schnell vorbei...

Gruß Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial
Julia65

Re: Die Tür...

Post 8 im Thema

Beitrag von Julia65 »

Tja, da kann man mal sehen. Ich glaube, es hängt damit zusammen, ob und wie man seine Transidentität vor dem Outing ER- und GElebt hat. Manche lebten damit eher unauffällig, und haben dann, als der Drang grösser wurde sich geoutet. Nach dem Outing ist diese Spannung ja auch nicht mehr vorhanden, zumindest nimmt sie sofort stark ab und schwindet mit wachsender Selbstsicherheit. Andere hingegen, habe viele Jahre oder Jahrzehnte versucht, die wirkliche Identität wenigstens heimlich zu leben, gelegentlich, und dabei eben solche Ausflüge unternommen in denen es dann zu solchen Situationen kam.
Es kommt auch darauf an, wie man die Konsequenzen auf ein "Entdecktwerden" einschätzte, was mit Erziehung und Kindheit zu tun haben dürfte.
LG
Vincent
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 580
Registriert: Mi 25. Jul 2012, 16:20
Geschlecht: enby
Pronomen: egal
Wohnort (Name): München
Kontaktdaten:

Re: Die Tür...

Post 9 im Thema

Beitrag von Vincent »

Hallo Julia,
deine Beschreibung ist ganz hervorragend, genau diese Gefühle kannte und kenne ich, wenn auch etwas anders weil eventuelle Nachbarn in einer Straße mit Einfamilienhäusern immer etwas mehr Abstand haben. Wenn man vorher richtig Park, kann man ins Auto einsteigen, ohne gesehen zu werden.

Outing hin oder her, (das habe ich nie in irgendeiner Form gemacht) ist für mich der Nervenkitzel die Anspannung oder Aufregung immer dann verschwunden, wenn ich das was ich getragen habe für mich als richtig, erforderlich, selbstverständlich oder normal betrachtet habe.
Und es geht nur um das eigene Gefühl - mit dem einen Kleid würde ich ohne nachzudenken jeden Nachbarn besuchen, mit dem anderen...
LG

Vincent
Vivian Cologne
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 684
Registriert: Di 24. Jul 2012, 14:08
Geschlecht: Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Köln
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Tür...

Post 10 im Thema

Beitrag von Vivian Cologne »

Spannend zu lesen, wie unterschiedlich Ihr das erlebt oder erlebt habt. Das hat, wie schon geschrieben, mit dem Umfeld, der persönlichen Situation, der eigenen Geschichte, aber auch mit dem Selbstbild zu tun.

Ja, ich kenne dieses Gefühl! Ja, ich empfinde es als spannend und frustrierend zugleich!

Ich bin dieses Gefühl aber leid, muss ich Euch ehrlich sagen. Über viele Jahre war ich mit meiner weiblichen Seite nicht im Reinen, wollte sie verstecken, oft auch vor mir selbst. Doch um dieses tolle Gefühl draußen zu erleben, muss die Türe eben geöffnet werden. Das Hochgefühl bei den ersten Schritten beschreibst Du sehr schön, Julia. Die Knie zittern zwar etwas, aber den Rücken strecke ich gerade, um noch größer auf meinen hohen Absätzen zu sein. Gleichzeitig verfluche ich meinen Optimismus, was die Absatzhöhe angeht ...

Ja, oft ist es schön da draußen, aber die ein oder andere von Euch kennt wohl auch die Panik, entdeckt, "enttarnt" worden zu sein, das plötzliche Gefühl von Bedrohung.

Dann heißt es wieder zurück hinter die Tür, und die Panik verschwindet erst, wenn sie wieder geschlossen ist. Dann der Vorsatz: Beim nächsten Mal bin ich mutiger!

Noch mal vielen Dank, liebe Julia, für Deine eindringlichen Zeilen. Du hast mir aus der Seele gesprochen. Und Euch allen Dank für die persönlichen Berichte, die mich aufbauen und zeigen, dass ich nicht der einzige Mensch auf dieser Erde bin, der so oder so empfindet.

Vivian
exuser-06-09-2013

Re: Die Tür...

Post 11 im Thema

Beitrag von exuser-06-09-2013 »

Liebe Julia,


. . . dieses Gefühl an der "Tür" habe ich gelegentlich heute noch. Wenn auch nicht an der Tür, das ist normaler Alltag. Aberr Situationen, die neu sind, ungewohnt, dann denke ich manchmal daran, wie es zu Beginn war...das hilft, meistens jedenfalls.


Liebe Grüße
Anna
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Tür...

Post 12 im Thema

Beitrag von ab08 »

Hallo Julia,

Mit Deiner Vermutung "Ich glaube, es hängt damit zusammen, ob und wie man seine Transidentität vor dem Outing ER- und GElebt hat." hast Du zumindest in meinem Fall Recht, denn ich kann mit der Sache gar nix anfangen.

Vorher spielte ich allen den Mann vor, das brachte mich fast um. Gut in der Wohnung / im entfernten Ausland oder in der Wildnis probierte ich mal kurz was.
Als der CO-Termin fest stand, kaufte ich natürlich in Modehäusern und Fachgeschäften, unter Hinweis auf meine TS (!) mehr ein. Die Kleidungsstücke probierte ich auch zu Hause an, lies sie von Kindern und Verwandschaft begutachten. Draussen lief ich aber, bis ich meinen Dienstherrn informiert hatte, korrekt als Mann gekleidet rum, denn ich wollte mich nicht durch unpassendes Verhalten in Schwierigkeiten bringen. Bin ja Beamtin!! Nachdem ich die Behörde offiziell informiert hatte, ging ich nach Hause, zog ich mich um und brachte alle männlichen Kleidungstücke zur Kleiderspende. Innerhalb von zwei Stunden war die Sache erledigt.
Unsicherheit, Panik etc. kannte ich daher nicht. Ich hatte nur Angst, bei der ganzen Prozedur was falsch zu machen und mir Probleme einzufangen. Meine Aufgaben sah ich darin, Vorschriften etc. zu bewältigen, das Nötige zu machen und trotzdem ohne Probleme durchzukommen. "Enttarnung" stört mich auch heute nicht, denn eigentlich bin ich stolz, es geschafft zu haben. In solchen Situationen nehme ich mich daher zusammen, denn sonst würde ich "...auch schon gemerkt..." sagen.
Liebe Grüße
ab

P.S. Es git auch hier wieder der Grundsatz: -- Alle Menschen sind verschieden -- Ähnlichkeiten sind bisweilen erklärbar, aber oft auch rein zufällig.
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Antworten

Zurück zu „(Eigene) Berichte und Geschichten“