Ich wusste es bereits als Kind
Ich wusste es bereits als Kind

Informationen, Termine und Artikel zu Transsexualität und Transidentität
Forum-Diskussionen transsexueller Menschen; Peerberatung
Antworten
Nicola

Ich wusste es bereits als Kind

Post 1 im Thema

Beitrag von Nicola »

Hallo zusammen,

eigentlich wollte ich eine Antwort schreiben auf cpg"™s Beitrag "Transsexuelle wissen oft früh Bescheid." Dann habe ich gemerkt, dass die Sache doch umfangreicher wird.

Bereits im Kindergarten spürte ich, dass ich anders bin, als die Jungs um mich. Ich spielte eigentlich lieber mit den Mädchen und den Puppen.
Ich war damals überzeugt, dass ich, einmal erwachsen geworden, sowieso eine Frau sein werde. Wenn ich diese Überzeugung äußerte, reagierten meine Eltern etwas komisch. Sie sagten nichts dazu und ignorierten meine Aussage einfach. Meine Oma beruhigte mich: "Da brauchst keine Angst hab"™n. Du bist a richtiger Bua und wirst einmal ein starker Mann."

Im Alter von etwa 7 Jahren begann ich zu verstehen, dass es für mich keine Wahlmöglichkeit gab und ich mich irgendwann zu einem Mann entwickeln würde. Der kleine Unterschied zwischen den Beinen war ja offensichtlich. Krampfhaft versuchte ich immer wieder beim Einschlafen, mich wenigstens als Mädchen oder Frau zu träumen. Es gelang fast nie. Manchmal war ich richtig verzweifelt.

Wir, meine Eltern und meine Schwester, wohnten in einem freistehenden Einfamilienhaus. Meine Schwester ist knapp 2 Jahre jünger als ich.

Im Nachbarhaus wohnte auch ein Mädchen in unserem Alter. Auch wenn wir uns manchmal zankten, so waren wir doch eine verschworene Dreiergemeinschaft und besonders in den Sommermonaten fast täglich zusammen. Mein liebstes Spiel war "Vater, Mutter, Kind".
Ich war dabei immer die Mutter und meine Schwester der Vater. Wir tauschten natürlich die Klamotten. Meine Schwester spielte gerne die Rolle des Vaters, weil sie dann, wie sie sagte, bestimmen konnte. Ich verstand es, den Beginn des Spieles so zu lenken, dass die Initiative zum Kleidertausch von meiner Schwester auszugehen schien und sie verteidigte das auch ganz vehement vor den Eltern, denen das nicht richtig zu gefallen schien.
Unser Nachbarmädchen war gerne das Kind und versuchte dabei möglichst unartig zu sein. Ihr großes Vorbild war Pippi Langstrumpf.
Die Vorwürfe von Mutter und besonders von Oma, was ich denn für ein Lapp wäre, dass ich mich von meiner jüngeren Schwester so herumkommandieren lasse, ließ ich mir gerne gefallen.

In der Grundschule waren die Klassen nach Geschlechtern getrennt , ich fühlte mich nicht wirklich wohl unter den vielen Buben und hatte auch kaum Freunde.

Damals in den Sechzigerjahren, war es noch nicht üblich, dass Männer lange Haare trugen. Den Besuch beim Friseur zögerte ich immer hinaus bis es nicht mehr ging. Haare schneiden war jedes mal ein Drama mit Tränen. Vor allem weil man mir auch noch sagte, dass ich mit langen Haaren wie ein Mädchen aussehen würde. Genau das wollte ich doch. Was als Drohung gemeint war, bewirkte das Gegenteil.

Irgendwann, ich war damals etwa elf Jahre alt, fand ich in einer Illustrierten, die bei meiner Großmutter in der Küche herumlag, einen Artikel über eine Geschlechtsumwandlung. Ein Mann, der sich in Casablanca operieren ließ und jetzt eine Frau war. Ich war wie elektrisiert. Ich wusste sofort, so bin ich auch.

Ich getraute mich nicht mit meinen Eltern darüber zu sprechen. Aus Unterhaltungen zwischen den Erwachsenen, die ich zufällig mitbekommen hatte, kannte ich deren Einstellung und Ansichten über Homosexualität oder andere Sexuelle "Abartigkeiten".
Allein schon sexueller Kontakt vor oder außerhalb einer Ehe wurde als äußerst verwerflich eingestuft.

Homosexualität war nach damaliger Sichtweise nicht angeboren, sondern entstand durch Verführung, oder eigene unmoralische und verwerfliche Handlungsweisen. Junge Männer werden schwul, wenn sie geldgierig sind und sich von älteren zahlungskräftigen Perversen verführen lassen. Pervers waren auch Männer in Frauenkleidung. So in etwa hatte ich das mitbekommen.

Mein Eltenhaus war sehr katholisch. Der sonntägliche Kirchenbesuch war Pflicht. Ein gläubiger Christ kennt seine Pflichten und weiß was Sünde ist. Im Religionsunterreich hatte ich mitbekommen, dass man bereits in Gedanken schwer sündigen kann. Was waren also meine Wünsche und Gedanken? Nichts anderes als schwere Sünde.
Im Religionsunterricht wurden wir vorbereitet zur ersten Kommunion. Dazu gehörte auch die Beichte und zur Beichte gehörte der Beichtspiegel.
Unter Punkt 6, Schamhaftigkeit und Keuschheit, fielen sicher auch meine Gedanken, Wünsche und Vorstellungen. Aber das zu beichten habe ich mich erst recht nicht getraut.

Ich habe zu Gott gebetet, er möge mich von meinen abartigen Wünschen befreien. Das hat er aber nicht getan, der Schlingel.

Damals wurde der Grundstock gelegt für einen langen beschwerlichen Kampf gegen mich selbst.

Um Missverständnisse zu vermeiden, meinen Eltern mache ich keinen Vorwurf. Beide sind 1930 geboren. Sie sind zu Zeiten des Nationalsozialismus zur Schule gegangen und durften zudem die krude, katholisch- religiöse Erziehung der damaligen Zeit genießen. Ihre Ansichten und Einstellungen haben sich im Lauf der Jahre kolossal verändert.
Meine Ausbildung zur Musikerin wäre ohne ihre großartige Unterstützung nicht möglich gewesen.

Dass es heute Ärzte gibt, die das nötige Wissen, die entsprechende Einfühlsamkeit und vor allem den Mut haben, eine bestehende Transidentität bereits bei Kindern zu diagnostizieren find ich fantastisch.

LG Nicola
MEL
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 737
Registriert: Mi 14. Sep 2011, 01:12
Geschlecht: Teilzeitfrau
Pronomen: Situationsbedingt
Wohnort (Name): 249..
Hat sich bedankt: 37 Mal
Danksagung erhalten: 10 Mal
Kontaktdaten:

Re: Ich wusste es bereits als Kind

Post 2 im Thema

Beitrag von MEL »

Hallo und Moin aus dem hohen Norden liebe Nicola,

vielen Dank für deine sehr eingehende Vorstellung / Darstellung deiner biologischen Entwicklung
und der damit einhergehenden Empfindungen!

Auch wenn du nicht klagst wird aus deiner Schilderung doch deutlich, welch seelisches Martyrium
dich im Besonderen in der kindlich- jugendlichen Entwicklung begleitet hat! Ich teile auch deine
Auffassung, dass die " ältere Generation" - Geburtssjahrgänge der dreißiger/vierziger Jahre - sich
mit solchen Thematiken mehrvals schwer tut und Verständnis für die jeweilige Situation rar gesät ist!

Ich bin überzeugt davon, dass meine Eltern sich mehr als schwertun würden, wenn ich mich ihnen
nach so vielen Jahrzehnten als "normaler" Sohn nun als crossdresser offenbaren würde, wobei
deine Situation natürlich weitaus problematischer zu sehen ist.

Andererseits sehe ich auch keine Notwendigkeit, sie mit diesem Wissen zu belasten, zumal beide
mit Ende 70 auch eh schon gesundheitlich stark angegriffen sind und zudem fast 1000 km entfernt
von uns wohnen.

Also nochmals Danke für deinen thread,

GLG. MEL
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich wusste es bereits als Kind

Post 3 im Thema

Beitrag von ab08 »

Hallo Nicola,

danke für Deine ausführliche Vorstellung und Deine große Offenheit! Mir kommt vieles sehr bekannt vor - auch wenn wir wissen, dass jeder Lebensweg irgendwie anders ist... :wink:
- Ich war eine Hausgeburt 1950 im Allgäu - Nebendran stand und steht ein Kapuzinerkloster... - Zum Glück wurde ich trotzdem evangelisch getauft.
Deine einfühlsame, auch für Unbetroffene sehr verständliche Beschreibung der Problematik gefiel mir ausgezeichnet. )):m
Du merkst schon -> Lehrerin, die nun im 5. Jahr -korrekt gekleidet- unterrichtet.
Leider machte ich den Fehler vorher fast 28 Jahre 'als Mann verkleidet' von Schulklassen zu stehen (Das war Stress pur!)
Heute freuen mich nicht nur meine Fächer (Mathematik/Physik) , sondern vor allem meine Schüler.

Liebe Grüße
ab

P.S. Spätestens im Kindergarten war es mir klar. Mir männliches Verhalten anzuerziehen, gelang nie. Wenn ich verhaut wurde, weinte ich, aber schlug nicht.
Ich versteckte mich, zog mich zurück, wurde zum Blaustrumpf (Heute sagt man Nerd) und grübelte.
Informationen über TS und die Möglickeiten (Casablanca) fand ich in den 60ern in Paris und auch in London.
Hierzulande kam die "Aufklärungswelle", da kam ich leider an wissenschaftliche Schundliteratur (J. Money etc.)
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Vincent
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 580
Registriert: Mi 25. Jul 2012, 16:20
Geschlecht: enby
Pronomen: egal
Wohnort (Name): München
Hat sich bedankt: 10 Mal
Danksagung erhalten: 56 Mal
Kontaktdaten:

Re: Ich wusste es bereits als Kind

Post 4 im Thema

Beitrag von Vincent »

Hallo Nicola,
ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sehr sich manche Geschichten ähneln:
Nicola hat geschrieben: Im Nachbarhaus wohnte auch ein Mädchen in unserem Alter. Auch wenn wir uns manchmal zankten, so waren wir doch eine verschworene Dreiergemeinschaft und besonders in den Sommermonaten fast täglich zusammen. Mein liebstes Spiel war "Vater, Mutter, Kind".
Ich war dabei immer die Mutter und meine Schwester der Vater. Wir tauschten natürlich die Klamotten. Meine Schwester spielte gerne die Rolle des Vaters, weil sie dann, wie sie sagte, bestimmen konnte. Ich verstand es, den Beginn des Spieles so zu lenken, dass die Initiative zum Kleidertausch von meiner Schwester auszugehen schien und sie verteidigte das auch ganz vehement vor den Eltern, denen das nicht richtig zu gefallen schien.
Unser Nachbarmädchen war gerne das Kind und versuchte dabei möglichst unartig zu sein.
Bei mir war es zwar nicht Vater-Mutter-Kind, sondern ich habe mit zwei Nachbarsmädchen Märchen nachgespielt, und auch vor den Eltern aufgeführt, die das sogar ganz witzig fanden und mir Hinweise zum "richtigen Mädchenverhalten" gaben :lol:

Aber sonst kein Unterschied...

Leider zog die eine bald weg und die andere verlor das Interesse und wollte lieber Fußballspielen :((a
LG

Vincent
Antworten

Zurück zu „Transsexuelle Menschen: Transsexualität - Transidentität, trans“