Hei ihr Lieben
Heute ist mir wieder danach, ein wenig von mir zu erzählen, was so in den letzten Wochen passiert ist. Meine Woche war sehr emotional und so hilft es mir, meine Gedanken ein wenig zu ordnen. Also wieder viel Spaß beim Lesen.
Wie erwähnt, war ich im Februar und März diesen Jahres in der psychiatrischen Tagesklinik. So bekam ich endlich wieder etwas Struktur in meinen Alltag. Neben den für mich sinnvollen Therapien wie Malen, Musik aber auch Stadtgang und Spaziergang gab es die Einzel- und Gruppengespräche. Und in der zweiten Woche bekam ich von meinem Psychologen den Satz gesagt, der wie eine Initialzündung war:
Freiheit braucht Veränderung! Dieser Satz brachte mich in den kommenden Wochen intensiv zum Nachdenken. Und so langsam kamen die ersten Überlegungen, dass ich meinen Beruf, der mich nur noch belastet, mir keine Freude mehr macht, so nicht mehr ausüben kann und möchte. Das war die erste Erkenntnis, die sich herauskristallisierte. Will ich frei sein, dann kann ich dort nicht mehr arbeiten, auch wenn es ein sicherer Job im öffentlichen Dienst ist.
Wenn ich nun schon beruflich neu anfangen möchte, warum nicht dort, wo es meiner Seele und meinem

gutgeht? Was habe ich zu verlieren, wenn ich nach Norwegen gehe? Da ich nur eine sehr kleine Familie habe und nur sehr wenig Freunde ist hier in Deutschland nicht wirklich viel, was mich hält. Dieser Plan fühlte sich auch nach intensivem Nachdenken weiterhin richtig und stimmig an. Auch hier braucht die Freiheit für mich eine Veränderung.
Nach der Klinik arbeitete ich also weiter an meiner Zukunft in Norwegen. Ich dachte, wenn ich die Auslöser für meine Depressionen hinter mir lasse, dann geht es mir besser. Also neues Land, neue Arbeit. Aber irgendwie passte es noch nicht so ganz. Ich spürte, dass da noch etwas ist, was mich belastet, was mich runterzieht. Nur was? Ich konnte es zunächst nicht fassen, hatte keinen Zugang. Aber manchmal hilft es einfach, wenn ich in den Wald gehe zum Nachdenken. Über Ostern war ich bei meinen Eltern und hatte Zeit, eine Geocache-Runde durch den Wald zu machen. Es war graues Wetter, wie ich es mag, leichter Nieselregen und kein Mensch unterwegs. Für mich ist es so ideal, meine Gedanken zu ordnen. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wie blöde bin ich eigentlich? Es gibt ja noch jemand, meine andere Identität. Ich weiß gar nicht, wie lange ich an dem Aussichtspunkt stand und gedankenverloren auf die Stadt hinuntersah. Ja, Sabrina ist ja auch da, nur seit Jahren verdrängt, nicht beachtet, ignoriert. Sollte das das fehlende Puzzleteil sein?
Ich ging in meinen Gedanken erst einmal zu meinen Eltern und hatte natürlich keine Zeit, weiter nachzudenken. Aber ich hatte einen Ansatz, den ich nur verfolgen muss. Ostermontag fuhr ich zurück und kam im Zug nicht wirklich zum Lesen, da meine Gedanken ständig abschweiften. Am nächsten Tag erstellte ich dann eine Zeitachse. Wann hatte Sabrina Raum, wann nicht und wie verlief meine Depression? Und es gibt einen Zusammenhang. Hatte sie Raum, dann ging es mir besser, wurde sie unterdrückt, kamen die Depressionen. Dies war für mich eine wichtige Erkenntnis und ich erlaubte mir, mein Leben auch in diesem Punkt mit der Frage zu verknüpfen, ob Freiheit auch hier Veränderung braucht? Je mehr ich drüber nachdachte, desto besser gefiel mir der Gedanke. Und ich glaube, jetzt schaltete ich den Turbo ein, um die Zeit, die ich mir in all den Jahren nicht genommen hatte, aufzuholen.
Ich gab Sabrina wieder mehr Raum und begann, auch neue Klamotten zu kaufen. Die blöden Antidepressiva gehen ja leider auf den Stoffwechsel und das Sättigungsgefühl.

Und ich suchte nach Beratungsangeboten hier in der Gegend. Die fand ich in der Transberatung Weser-Ems und ich vereinbarte für den 1. Juni einen Beratungstermin. Ich spürte wirklich ein Aufatmen in mir selber. Wie oft wollte ich den Weg schon gehen und meine wahre Identität leben?
Nun ist mein Selbstwertgefühl aktuell eigentlich nicht vorhanden. Ich fühle mich in meinem Körper nicht wohl und bin ziemlich unzufrieden. So kann und möchte ich nicht auf die Straße gehen. Auch habe ich keine Kraft, mich bei meinen neugierigen Nachbarn zu erklären. Das ist verdammt feige, kann es ihnen egal sein, was ich mache, wie ich leben. Der Verstand weiß es, nur das

schämt sich, hat Angst. Das akzeptiere ich für mich. Um etwas mehr Sicherheit zu bekommen, ist es mir wichtig, ein dezentes Make-Up zu nutzen, damit ich nicht noch zusätzlich neben meiner Größe durch zu viel Farbe im Gesicht aufzufallen. Wer kann mir da helfen? Ich stöberte im Internet und traf auf die Internetseite einer Maskenbildnerin aus Wilhelmshaven. Sie ist zwar auf Brautstyling spezialisiert, aber wer seit vielen Jahren am Theater arbeitet, kann mir sicher ein paar Tricks zeigen, wie ich den Bartschatten abdecke und welche Farben zu mir passen. Also schrieb ich sie an und sie sagte sofort zu. Wir vereinbarten für den 29. Mai einen Termin und sie würde auch zu mir nach Hause kommen.
In den nächsten Wochen verbrachte ich viel Zeit, den Verkauf des Hauses vorzubereiten, Sachen zu verkaufen oder zu verschenken. Und es kam meine neue Grundausstattung mit Jeans und Blusen. Die Unterwäsche hatte ich zum Glück noch. Zum Abend hin war ich nun meist Sabrina und ich fühlte ich einfach wohl, stimmig und richtig. Dann kam der 29. Mai. Ich war richtig aufgeregt. Hatte ein doch mulmiges Gefühl in der Magengegend und doch war ich auch neugierig. Dann kam Sonja, die Maskenbildnerin und ich öffnete im halben Männermodus. Die Perücke war ja noch unten. Wie tranken erst Kaffee und dann fing sie an. Zunächst Peeling, dann Pflege, Grundierung etc., ihr kennt das ja. Zu jedem Schritt machte ich Fotos, schrieb mir alles auf. Wir hatten richtig viel Spaß und dann noch ein wenig Styling für die Perücke. Dann kam der magische Moment und ich schaute in den Spiegel. Wow, was für ein tolles Ergebnis. Ein alltagstaugliches Make-Up und ich fühlte gleich in mir das Gefühl von Stimmigkeit. Ja, so fühlt es sich richtig an. Sonja wäre gerne mir mir raus zum Kaffeetrinken gegangen, doch bei mir kamen Scham und Angst wieder hoch. Die Nachbarn, die Erklärungen, die Blicke und Fragen, all das ließ ein Rausgehen nicht zu. Aber Sonja verstand mich und wir wollen im September in Wilhelmshafen aufgehen und eine Freundin von ihr macht Fotos. Da freue ich mich schon drauf.
Am Montag hatte ich dann meinen Termin bei der Transberatung und bekam einige Tipps, auch schon für Norwegen. Für mich steht fest, dass ich diesen Weg gehen möchte. Ich möchte meine weibliche Identität leben und mir nicht in 20 Jahren sagen, ja hätte ich damals in 2026 nur doch. Und der Plan reift, im Oktober 2026 nach Norwegen zu gehen und dort gleich in der weiblichen Rolle anzukommen.
Und ich glaube, jetzt habe ich auf der Überholspur noch einmal mehr Gas gegeben. Ich stellte Mitte Juni den Antrag auf Änderung des Geschlechtseintrages und der Vornamen beim Standesamt. Und in der gleichen Woche hatte ich einen Online-Termin bei einer Psychologin für das Indikationsschreiben. Manchmal wird mir selber etwas schwindelig, mit welcher Geschwindigkeit sich alles entwickelt.

Ich vereinbarte dann im Urologicum Osnabrück für den 13. Juli einen Termin für die Hormonersatztherapie. Das Indikationsschreiben kam ebenfalls diese Woche. Ich bin mal gespannt, was mich am Montag erwartet.
Und wie es der Zufall wollte, bekam ich die Chance auf eine Psychotherapie. Diese findet online statt und erspart mir die Fahrten. In der letzten Woche erzählte ich einen Abriss über mein Leben, inklusive Sabrina. In dieser Woche fragte die Psychologin gezielt nach Einzelheiten in der Kindheit, wann ich meine weibliche Seite gespürt habe, wem ich davon erzählte und so weiter. Es tut mir gut, mich nicht rechtfertigen zu müssen, sondern einfach sein zu können. Wir wollen auch an meiner Scham und meiner Angst arbeiten, damit ich unbeschwerter mein Leben leben kann.
Und in dieser Woche habe ich dann noch ein Puzzleteil in die richtige Position gebracht, wo ich nicht wusste, ob es passt. Meine Hausärztin kennt mich seit knapp 5 Jahren und immer nur den männlichen Teil. Sie kennt meine Depressionen und die Schwierigkeiten auf der Arbeit, den Verlust meiner Frau und meinen Wunsch, nach Norwegen zu gehen. Nur Sabrina kennt sie nicht. Aber sie soll es wissen, gerade auch, weil Sabrina ja ein wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit ist. Am Dienstag hatte ich also meinen Termin und ich erzählte zunächst, wie es mir geht. Dann gab ich ihr den Konsiliarbericht für die Psychotherapie den sie gleich ausfüllte. Und dann nahm ich meinen Mut zusammen und sagte ihr, dass es ein Thema gibt, dass ich für sehr wichtig halte, aber ich mich auch schäme. Dann erzählte ich ihr von Sabrina, von dem langen Weg und sie war überrascht aber für sie ist das Thema Transsexualität ein Thema, dass sie kennt und es wichtig findet, dass die Betroffenen ihren Weg gehen können und die ärztliche Unterstützung bekommen. Da vielen mir wieder jede Menge Steine vom Herzen. Ich zeigte ihr noch aktuelle Fotos und sie meinte, dass ich hübsch aussehe und auch die Haare sehr gut zu mir passen würden. Welch ein Tag. Und sie machte mir Mut, ich solle doch einfach rausgehen, die Nachbarn ignorieren und mich nicht um die Blicke der anderen Menschen kümmern. Das hat jetzt wieder das Nachdenken angestoßen zumal meine Psychologin ins gleiche Horn tutete. Mal sehen, wann ich mich traue. Ich werde berichten. Aber jetzt steht erst einmal am Montag der Termin in Osnabrück an. Dann sehe ich weiter. Natürlich berichte ich auch vom Termin.
Puh, jetzt bin ich tatsächlich auf dem aktuellen Stand angekommen mit meiner Reise zu mir selbst.

Ich danke euch fürs Lesen und wünsche noch ein schönes Wochenende.
