Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations
Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations - # 2

Knäckebrötchen
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Re: Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations

Post 16 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Lana hat geschrieben: Do 9. Jul 2026, 20:04 Daher gab es zu dieser Zeit auch keine Probleme mit trans Personen in geschlechtergetrennten Räumen. Die fielen dort entweder überhaupt nicht auf, oder sie kamen erst gar nicht rein.
Ich habe fast den Eindruck, das du damit (vielleicht ungewollt) einen der Nägel auf den Kopf getroffen hast.

Wer sich den an- und bekanntermaßen sehr unwürdigen und fordernden Prozess angetan hat, der meinte es ernst. Und wenn dann jemand als trans* in die entsprechende Umkleidekabine ging, wussten das alle. Oder konnten es wissen.

Selbst bei schlechtem passing. Weil es eben ein langwieriger, kostenintensiver und psychisch wie physisch sehr harter Weg war.

Die Unterstellung am SBGG ist ja, das das jetzt quasi jede*r aus Spaß und Laune machen kann (könnte). Das sich Menschen wie Marla Svenja Neonazi eben aus Jux und oder Provokation in Bereiche drängen, die nicht für Männer gedacht sind. Sowas hätte unter dem alten TSG niemand gemacht. Selbst unter der schon stark entschärfen Version zuletzt.

Das SBGG entwertet damit den früheren Prozess. Weil es die (vermeintliche) externe Beglaubigung nicht mehr gibt. Das "beweisen, es ernst zu meinen" müssen.
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Re: Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations

Post 17 im Thema

Beitrag von Val44721 »

Auch früher musste man keine Personenstandsänderung machen und konnte überall rein. Und es wusste auch keiner ob man einen geänderten Personenstand hat oder nicht. Es werden keine Ausweise dafür kontrolliert und der Personenstand steht auch nicht im Ausweis drin. Das SGBB entwertet nichts.

Noch nie in meinem Leben musste ich irgendwem meinen Personenstand beweisen mit irgendeinem Dokument.
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Knäckebrötchen
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Re: Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations

Post 18 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Ich weiß nicht, was "früher" für Dich heißt, in meinem "früher" war Homosexualität noch strafbar.

Meine Sozialversicherungsnummer enthält einen Geschlechtsmarker (seit 2026 fällt der weg, die alten Nummern bleiben aber).
In meinem Reisepaß steht ein F.

Selbst in der Handreichung der Stadt Bern (das kürzlich hier diskutierte Ereignis, gilt natürlich nur für die Schweiz) heißt es
Wenn die Person weiterhin Zutritt möchte, orientieren Sie sich in erster Linie an der Selbstidentifikation der Person. Im Härtefall wird das in einem Ausweis festgehaltene amtliche Geschlecht beigezogen. Personen mit dem Geschlechtseintrag «weiblich» wird Zutritt gewährt.
Der DGTI-Ergänzungsausweis, mit dem auch hier im Forum viele arbeiten und der für viele die schnelle Lösung und Vorstufe zur PÄ war, enthält einen Eintrag zum Geschlecht.


-------------
Und das man "früher ohne PÄ überall rein konnte", wage ich zu bezweifeln. Natürlich sind nicht viele Bereiche so exklusiv geschlechtlich getrennt. Aber ein Mann in der Frauenumkleide im Schwimmbad hat schon immer für Reaktionen gesorgt. Und ob ein Ausweis, ein Nachweis oder etwas anderes kontrolliert wird, hängt wie anderswo schon erwähnt doch sehr stark und oft mit dem Passing der Person zusammen. Ich werde auch nicht kontrolliert, habe auch noch nie schräge Blicke oder Kommentare erhalten. Das ist aber ein Privileg - die Frau in Erlangen im Fitnessstudio hat da anscheinend größere Schwierigkeiten.

Also: aus Sicht derer, die sich ihre PÄ unter den Bedingungen des TSG hart erkämpfen mussten, ermöglicht das SBGG eine Beliebigkeit, die der empfundenen Ernsthaftigkeit nicht gerecht wird.

Jetzt gehe ich persönlich davon aus, dass es für diejenigen, die den Wechsel unter dem SBGG vollziehen (so wie ich) nach wie vor sehr ernst ist. Und das sich alle (Ausnahmen wie Frau Neonazi bestätigen die Regel) auch darüber freuen, das so woll(t)en und eben kein Schindluder damit getrieben wird. Ich weiß nicht, ob neben der Erfassung der PÄ-Anträge auch eine Zahl über Rück-Wechsel erfasst wird (ob es da überhaupt Zahlen zu gibt). Aber ich vermute mal, wenn überhaupt, ist diese Zahl verschwindend klein.

Das möchte ich festhalten: Die oben dargelegte Position über die "Entwertung" ist nicht meine Meinung - sondern die Perspektivenübernahme von Menschen, die am TSG festhalten wollen. Ich bin sehr froh über das SBGG und hoffe, das es uns weiterhin erhalten bleibt.
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Re: Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations

Post 19 im Thema

Beitrag von Val44721 »

Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 10. Jul 2026, 20:40 Die oben dargelegte Position über die "Entwertung" ist nicht meine Meinung
Ah ok, hatte ich nicht ganz kapiert, mein Fehler.

Was ich mich jetzt tatsächlich frage ist, wie viele hier wohl jemals irgendwie ihren Ausweis vorzeigen mussten oder sollten für irgendwas geschlechtsbezogenes. Wir sind ja hier relativ viele Menschen die das in der Theorie betreffen könnte. Ich kenne genug die so einen Ergänzungsausweis haben oder hatten, aber eigentlich immer nur weil sie damit auch ihre Uni-Unterlagen anpassen konnten oder weil sonst Kontrolleur:innen in Bus und Bahn gedacht haben das wäre das Ticket von jemand anderem.

Dokumentkontrolle für den Zugang zu irgendwelchen Räumen habe ich es Hand auf mein Herz noch nie gehört von Menschen die ich kenne und auch noch nie erlebt. Dabei entspreche ich sicherlich bei weitem nicht dem gesellschaftlichen weiblichen Idealbild und bin ja auch durch die (für mich damals) unschönen Zwischenstufen gegangen wo es noch extremer war.

Vielleicht wäre das mal ein Post wert, maybe passiert das ja tatsächlich öfters nur eher woanders oder eher an Orten wo sich meine Cliquen sich nicht so aufhalten. Wer weiß was die in anderen Orten der Republik so machen. Würde ich krass finden wenn das öfters als die paar mal wos durch die Zeitung geht passieren würde. Hier gucken ja die meisten wahrscheinlich nicht mehr rein.
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Re: Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations

Post 20 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Val44721 hat geschrieben: Fr 10. Jul 2026, 23:20 Was ich mich jetzt tatsächlich frage ist, wie viele hier wohl jemals irgendwie ihren Ausweis vorzeigen mussten oder sollten für irgendwas geschlechtsbezogenes. Wir sind ja hier relativ viele Menschen die das in der Theorie betreffen könnte. Ich kenne genug die so einen Ergänzungsausweis haben oder hatten, aber eigentlich immer nur weil sie damit auch ihre Uni-Unterlagen anpassen konnten oder weil sonst Kontrolleur:innen in Bus und Bahn gedacht haben das wäre das Ticket von jemand anderem.
Das wäre durchaus mal interessant, ja.

Ich vermute mal, dass mit der Frage nach der Identität (Dein Ticket?) auch implizit die Frage nach dem "korrekten" Geschlecht beinhaltet ist.

Also, wenn ich jetzt männlich gelesen ein Ticket eines Kommilitonen vorzeige, wird das die Kontrolle mit Sicherheit eher akzeptieren, als wenn ich das Ticket einer Kommilitonin vorweise. Insofern spielen Name auf Ausweis inklusive passendem Foto eine entsprechende Rolle und gleichzeitig "Nachweis" des "korrekten" Geschlechts.

Und in der Zeitung/den Medien landen ja eh nur die Fälle, in denen eine derer Parteien soweit eskaliert. Dazu gehört eine Menge Wut/Verzweiflung/Mut/..., den haben viele nicht unbedingt. Es ist ja nun oft schon unangenehm genug, aufzufallen und sich dann erklären zu müssen. Das Ganze dann bis in die Zeitung zu tragen... ich für mich würde soweit vermutlich nie gehen. Werde ich abgewiesen, suche ich mir was anderes. Das mag feige klingen, meiner Erfahrung nach wird das Verhältnis aber nach einem erstrittenen Rechtsanspruch nicht besser. Dann lieber einen Ort/Menschen finden, die mich so nehmen, wie ich bin.

Es bleibt also zu hoffen, dass die medial bekannt werdenden Fälle auch wirklich die Fälle sind, und es keine große Dunkelziffer gibt.

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Re: Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations

Post 21 im Thema

Beitrag von Claudia »

Val44721 hat geschrieben: Fr 10. Jul 2026, 23:20 Dokumentkontrolle für den Zugang zu irgendwelchen Räumen habe ich es Hand auf mein Herz noch nie gehört von Menschen die ich kenne und auch noch nie erlebt.
Das passiert mir fast täglich bei meiner Karte für den ÖPNV. Die ist ja personenbezogen, wenn auch ohne Bild. Aber da wird dann schon genauer geguckt, ob der Vorname zum Erscheinungsbild passt als Prüfung, dass das wirklich meine Karte ist. Wie bei vielen Dokumenten/Ausweisen gibt es dort keinen Geschlechtseintrag, aber diese Prüfung über den Vornamen findet dann in den Köpfen der Prüfer statt.

Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 10. Jul 2026, 23:40 PS: nice, übrigens, dein Avatar :) Freut mich, dass Du dich auch mal zeigst
Dem kann ich mich nur anschließen.

LG Claudia
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Re: Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations

Post 22 im Thema

Beitrag von Shoshana »

Werde einfach den Eindruck nicht los, dass es sich hier um eine Phantomdiskussion handelt. Die eine Seite hat das Gefühl das SBGG würde ihnen etwas weg nehmen. Getreu dem Motto: man selbst hatte es ja viel schwerer und das muß doch mehr wert sein. Frage mich nur was weg genommen werden könnte. Ob da ev. ein wenig Neid und Mißgunst mit rein spielt? Aber Gefühle brauchen auch nicht unbedingt unterstützende Fakten.
Die andere Seite konstruiert fleißig Worst-Case-Szenarien die mich stark an die unselige Gewissensprüfung bei der Wehrdienstverweigerung erinnern. Ob die dann realistisch sind? Spielt keine Rolle, Hauptsache es macht Stimmung.
Dann gibt es natürlich auch noch diejenigen die gut darin sind jedes Gesetz bis zum Anschlag zum eigenen Vorteil zu nutzen. Manche legen es dann noch auf Provokation an und würden sich - wenn möglich und vorteilhaft - auch als Außerirdischer registrieren lassen.
Hinzu kommt, dass Menschen die selbst über ihr Leben bestimmen wollen in Deutschland eh suspekt sind. - Unerhört! Da denke jemand selbst und braucht keine Freigabe von oben! -
Es hat halt schon seine Gründe warum die Existenzgründerquote in Deutschland so konstant niedrig ist.
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Re: Selbstbestimmung ohne Kontrolle? | queernations

Post 23 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lana hat geschrieben: Do 9. Jul 2026, 11:56 Die Frage ist also nicht, ob das rechtlich relevant ist, sondern ob der amtliche Geschlechtseintrag bei der Auflösung von Widersprüchen zwischen Fremdwahrnehmung und eigener Behauptung nützlich sein kann. Diese Erwartung wird von Unbedarften an das Gesetz herangetragen, obwohl es dafür nicht vorgesehen ist. Daher kommt meines Erachtens ein großer Teil des Unmuts über Ausgestaltung des SBGG.
Das ist mir schon klar. Deshalb ja mein Hinweis, dass einerseits juristisch der Eintrag im Privatleben noch nie eine wirklich relevant war, sondern bei einem Rechtsstreit allenfalls ein Indiz unter anderen Gesichtspunkten, andererseits in der -nunja- rechtlich unzureichend informierten Bevölkerung (also 99,98%...) die Vorstellung existiert(e), dass dieser Eintrag mit irgendwelchen Privilegien oder Erlaubnissen verknüpft sei, die rechtlich durchgesetzt werden könn(t)en.

Ich finde es durchaus wichtig, diese Falschannahmen sehr durchgreifend aufzuklären. Auch jene bzgl der Folgen einer Änderung per SBGG. Und zwar inklusive der Tatsache, dass der Eintrag noch nie eine solche Bedeutung hatte. Egal ob cis oder trans und_oder nichtbinär. Wie gesagt: Ich halte diese rückwirkende Klarstellung jetzt buchstäblich in einem Gesetz für die zweite und nicht weniger bedeutsame Revolution beim Thema staatliche Geschlechts-Zwangs-Erfassung.

(Die erste, und über die sollten wir auch immer wieder aufklären, ist, dass soziales Geschlecht weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Ebenso wenig wie non-hetero-Sexualität. Es kann auch nicht "wegtherapiert" werden und es hat keine "Ursache in der Kindheit" o.ä.)

Das mit dem neueren Phänomen: "Früher gab's keine Schwulen und Lesben" wird immer noch von einigen behauptet. Bei "uns" gibt es den Satz "Du kennst keine trans Personen? Aber trans Personen kennen dich". Natürlich gab es die ganze Buchstabensuppe schon immer. Nicht unter den heutigen Labels, aber dem Sinn nach. Und sie haben gelitten: Unter staatlicher, polizeilicher, medizinischer, psychiatrischer und allgemein gesellschaftlicher Unterdrückung und Ausgrenzung. Nur die Privilegiertesten, die mit genug Geld und Resourcen und_oder Körpern, die ein Passing ermöglichten, konnten sich "raus" trauen. Immer in der Angst, "erweischt" zu werden. Wenn es um gleiche Rechte und gleiche Teilhabe geht, kann es nicht anders gehen, als dass wir aufklären und sichtbar sichtbar, bis sich die cis Leute an uns gewöhnt haben. Alles andere würde wieder zurück in den Schrank führen - oder schlimmer.

Ich sehe die Zwischenmenschlichkeiten sehr wohl. Ich kann sie auch in Beziehung setzen zum Beispiel zu unserem Rechtssystem oder auch dekonstruieren. Gerade deshalb akzeptiere ich den Status Quo nicht, so wie die Generationen vor uns, die es zB allen hier im Forum ermöglicht haben, sich weitgehend unproblematisch "draussen" aufzuhalten.
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