Heidi hat geschrieben:Und alles, was auf Facebook und Co. so geschrieben wird, ist genauso wenig schutzwürdig, wie eine Zeitungsanzeige.
Oder schreibt ihr einen Zeitungsanzeige: "Ich habe gestern mein Auto zu Schrott gefahren. Für ein Neues habe ich kein Geld, denn ich weiss nicht mal, wie ich die nächste Miete bezahlen soll" ???? Aber auf Facebook wird alles geschrieben, was das Zeug hält.
Bezüglich der Schutzwürdigkeit kann man sicher unterschiedlicher Auffassung sein, aber grundsätzlich stimme ich zu, dass man für das einstehen muss, was man so vom Stapel lässt - und es wäre unbestritten klug, wenn sich jeder sehr gut überlegt, was man in sozialen Netzwerken - übrigens auch in diesem Forum - postet.
Bedenklich finde ich aber, wenn Rückschlüsse gezogen werden, die nicht originär sind. Was hat zum Beispiel eine eventuell vorhandene Legasthenie, die sich in entsprechenden Rechtschreibfehlern vermutlich zeigen wird, mit der Kreditwürdigkeit zu tun? Natürlich kann man da konsturieren, dass so jemand keinen gut bezahlten Job haben kann - aber genau da liegt der Hase im Pfeffer, denn vielleicht ist der Betroffene Handelsvertreter, muss nur Bestellungen bearbeiten und verdient prächtig.
Ebenso bedenklich finde ich es, dass die Sache die moderne Wirklichkeit nicht mehr abdeckt. Ein hochbezahlter Projektentwickler, der, weil los und ledig, für seine Projekte seinen Wohnsitz wechselt, gilt schon heute - wegen der häufigen Wohnungswechsel - als weniger kreditwürdig. Hat er dann womöglich noch ein Hobby, welches eher allgemeiner ist - beispielsweise Skat, Poker, Fußball, ... - so werden sich im Facebook-Profil sicher auch Freunde finden, die einen weit geringeren sozialen Status haben; und schon ist die Kreditwürdigkeit hinüber, das kann und darf aber nicht sein. Gleiches gilt für Studenten, die ein - eigentlich gern gesehenes - Auslandssemester machen und dann womöglich für die Promotion noch einmal die Uni wechseln ...
Werden also ausschließlich aus eigenen Äußerungen Rückschlüsse auf die Kreditwürdigkeit gezogen, so finde ich das schon sehr bedenklich - bin ich pro oder contra Atomkraft kreditwürdiger? Wenn aber externe Faktoren wie Freunde und womöglich deren Äußerungen, Wohnorte etc. einbezogen, ist der Rubikon aus meiner Sicht endgültig überschritten.
Ich will nicht leugnen, dass ich ohnehin ein Gegner des Scoring bin, so lange es auf undurchsichtigen Algorithmen beruht. Eigentlich soll doch beurteilt werden, ob ich in der Lage (und vielleicht auch ob ich willens) bin, die Verbindlichkeiten, die ich eingehen möchte, auch zu bedienen. Dazu ist es vor allem wichtig, wie hoch mein Einkommen ist, wie hoch meine bereits eingegangenen oder anderweitigen laufenden Verpflichtungen sind und ob es schon Ausfälle (Mahnverfahren, Insolvenz o.ä.) gab; alles andere grenzt an Kaffeesatzleserei und ist eigentlich nur eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die eben dem Individualfall in keinster Weise gerecht wird - und wer beim Mensch-ärgere-Dich-nicht schon einmal darauf gewartet hat, dass der Würfel eine bestimmte Zahl anzeigt, weiß nur zu gut um die Theorie der Wahrscheinlichkeitsrechnung und dass sie in der Praxis eben unverbindlich ist (bzw. erst bei einer hinreichend großen Trefferzahl wieder stimmt).