ich bin Jadis, 44 Jahre und lese hier schon eine kleine Weile mit. Irgendwann dachte ich mir, dass ich mich vielleicht einfach mal vorstellen sollte. Ehrlich gesagt fällt mir das gar nicht so leicht, weil vieles davon sehr persönlich ist. Aber vielleicht erkennen sich ja manche von euch in einigen Gedanken wieder.
Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, merke ich, dass mich dieses Thema eigentlich schon seit meiner Jugend begleitet. Immer wieder gab es Momente, in denen ich mich zu weiblicher Kleidung, weiblichem Ausdruck und allgemein zu einer weiblichen Rolle hingezogen fühlte. Damals war das alles aber eher heimlich, voller Scham, Unsicherheit und mit vielen Unterbrechungen. Ich konnte es nie richtig greifen oder benennen.
Später gab es erste vorsichtige Gehversuche als „Kim“. Wahrscheinlich war das das erste Mal, dass ich dieser Seite von mir bewusst etwas Raum gegeben habe. Gleichzeitig war ich aber immer voller Zweifel und habe vieles wieder verdrängt oder pausiert.
Dann lernte ich meine heutige Frau kennen.
Sie ist bis heute die große Liebe meines Lebens. Nach vielen gescheiterten Beziehungen und schwierigen Erfahrungen hatte ich damals zum ersten Mal das Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Unsere Beziehung bedeutete mir alles. Ich sagte mir damals sogar bewusst, dass ich dieses Thema hinter mir lasse. Auch Kim. Und lange Zeit funktionierte das irgendwie.
Aber verschwunden war es nie.
Irgendwann wurde aus Kim langsam Jadis.
Heute fühlt es sich für mich nicht mehr wie Verkleiden oder ein Hobby an. Wenn ich Jadis sein darf, fühlt es sich ruhig an. Richtig. Fast wie ein Durchatmen nach sehr langer Zeit. Ich merke immer mehr, dass das ein echter Teil von mir ist.
Anfangs waren es nur kleine Momente zu Hause. Mittlerweile gehe ich auch manchmal draußen als Jadis spazieren oder fahre mit meiner Frau irgendwohin. Diese Abende bedeuten mir unglaublich viel. Es sind oft nur ein paar Stunden, aber in diesen Momenten fühle ich mich vollständig. Gleichzeitig ist da immer auch Traurigkeit, weil ich danach wieder „zurück“ muss.
Das Schwierige ist, dass meine Frau große Angst hat, ihren Mann zu verlieren. Sie sagt offen, dass sie keine Beziehung mit einer Frau führen möchte. Trotzdem unterstützt sie mich in kleinen Schritten sogar dabei. Sie hilft mir manchmal beim Schminken, sucht mit mir Kleidung aus oder begleitet mich nach draußen. Dafür bin ich unglaublich dankbar, denn ohne sie hätte ich mich wahrscheinlich vieles nie getraut.
Gleichzeitig ist genau das auch mein größter innerer Konflikt.
Denn was lange wie ein „Hobby“ wirkte, fühlt sich für mich inzwischen viel tiefer an. Während meine Frau versucht, das Thema eher klein und kontrollierbar zu halten, merke ich immer mehr, dass es in mir größer wird. Nicht im Sinne von „ich will alles hinschmeißen“, sondern eher im Sinne von: Ich möchte einfach mehr Raum zum Atmen haben.
Ich liebe meine Frau wirklich von ganzem Herzen und möchte sie unter keinen Umständen verlieren. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich mich selbst auf Dauer nicht mehr komplett verstecken kann. Im Alltag bleibt für Jadis oft nur wenig Platz. Selbst zu Hause endet vieles damit, dass ich mich wieder abschminken und „zurückverwandeln“ muss, weil unsere Kinder da sind oder der Alltag weiterläuft.
Das tut manchmal mehr weh, als ich erwartet hätte.
Ich denke sehr viel über all das nach. Über Identität, Beziehungen, Freiheit, Sehnsucht und darüber, wie andere Menschen ihren Weg gefunden haben. Manchmal macht mir das Hoffnung. Manchmal macht es mir auch Angst.
Was ich mir wünsche?
Eigentlich nichts Spektakuläres.
Einfach mehr atmen zu können.
Mehr ich selbst sein zu dürfen.
Und vielleicht Menschen zu finden, die ähnliche Gefühle kennen.
Ich freue mich auf einen respektvollen Austausch mit euch
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