Michi hat geschrieben: Do 12. Mär 2026, 20:06
So wie ich Vicky verstanden habe, ist ihr Problem, dass sie meint, sich nicht als Frau fühlen zu können oder zu dürfen, weil nicht die dazu passende Biologie hat, und die damit verbundene Pubertät nicht durchlaufen konnte.
Hi Michi,
nur zur Präzisierung: Ich kann und darf mich als Frau fühlen. Was ich nicht kann, ist eine Frau sein, da mir vieles hierfür fehlt. Ich bin nicht als Mädchen geboren und auch nicht so sozialisiert worden. Auch habe ich keinen weiblichen Körper mit allem was dazu gehört, kann keine Kinder bekommen und Säuglinge ernähren. Nicht mal ansatzweise. Ich will das nicht bewerten, denn das macht keinen Sinn. Was ich aber kann, ist mich als Frau zu fühlen, mir einen weiblichen Körper vorzustellen. Wenn ich ein Bild von mir manipuliere, dass ich diesen auch sehen kann, ist das stimmig für mich. Wenn ich Sillies trage, fühlt sich das real für mich an. Wie die berühmte Gummihand in dem Versuch der Psychologen. Auch das muss ich nicht bewerten, sondern sehe es als eine Fähigkeit eines flexiblen Gehirns.
Darüber hinaus wissen wir nicht wirklich, was in unserem Körper wirklich passiert. Seit ich neulich gelesen habe, dass bestimmte Mikroben in meinem Darm, die ihre eigene Lebensgrundlage schaffen, in dem sie mein Gehirn über Botenstoffe so manipulieren, dass ich Heißhunger auf Süßes bekomme, frage ich mich, wer ist hier die Chefin im eigenen Haus ? Oder anders gesagt, wie kann ich mich steuern ? Im genannten Beispiel ist es die Ernährung, mit der ich den Bestand dieser Bakterien reduzieren kann. Übertragen auf das Transsein frage ich mich, was steuert mich in dieser Frage und kann oder will ich darauf Einfluss nehmen ?
Was macht mich wirklich aus und was ist Beeinflussung durch Mikroben, Hormone, Botenstoffe, Genetik etc. ? Was ist mein Wille und meine wirkliche Identität oder bin ich nur ein Zellhaufen, der unter Kontrolle von irgendwelchen Einflüssen ist ? Irgendwie ist ja etwas an mir dran, denn ich habe Emotionen, Erkenntnisse etc. Doch bevor ich mich in solchen Gedanken verliere, postuliere ich einfach als eine Art Arbeitshypothese: Ich bin meine Emotionen. Ob es die allerdings in "Reinkultur" ohne Beeinflussung gibt, wage ich zu bezweifeln.
Zur aktuellen Diskussion: Merkt Ihr nicht, dass viele, wenn nicht gar alle Kriterien für das Mann-/Frausein gesellschaftlich determiniert sind ? Es ist genau das, was Simone de Beauvoir geschrieben hat. Aus meiner Sicht heißt das, dass wir alle um das ringen, was ich eine Essenz des Weiblichen nennen würde. Was soll das sein ? Offensichtlich ist das, was biologisch von Bedeutung ist, elementar. Wer von uns denkt denn über diese Aspekte nach ? Wieso diskutieren wir denn nicht hierüber, statt über Äußerlichkeiten ? Nicht falsch verstehen, Äußerlichkeiten sind wichtig, weil sie Kommunikation bedeuten. Das fängt mit dem Spiegel an. Ich sehe mich als Frau im Spiegel und fühle mich bestätigt. Gut so. Aber hat das etwas mit der Essenz des Weiblichen zu tun ? Der Gedanke Kinder zu bekommen und sie mit Milch aus meiner Brust zu ernähren, ist schon schön. Aber es ist auch gewagt, mich tief auf diesen Gedanken einzulassen.
Gibt es noch mehr, was als Essenz verstanden werden kann ? Da bin ich schon wieder unsicher. Klar machen die Hormone etwas mit uns und da ist ganz viel Genetik im Spiel. Ich habe im Zuge der Lektüre über Ernährung noch ein anderen Sachverhalt gefunden, der mich nachdenklich stimmt. Man hat einer Ratte im Darm das Mikrobiom entfernt und so keimfrei gemacht. Dann hat man ihr das Mikrobiom eines depressiven Menschen eingepflanzt. Daraufhin hat die Ratte depressives Verhalten gezeigt. ICh will mich nicht über die Ethik des Versuchs auslassen, aber die Wirkung ist doch beeindruckend. Was wäre, wenn irgendwo in meinem Körper ein Bakterium säße, dass über Botensoffe mein Gehirn dahingehend beeinflusst, dass ich mich weiblich fühlen könnte und ich es füttere, in dem ich durch mein Verhalten, z.B. mit Äußerlichkeiten wieder Stoffe produziere, die es füttern.
Warum tun wir Menschen Dinge, die völlig unvernünftig zu sein scheinen ? Ich kann mir zwei Dinge vorstellen. Das eine ist, dass die Natur immer eine Variation von Eigenschaften in unterschiedliche Individueen einpflanzt, um Resilienz und Anpassungsvermögen sicher zu stellen. Das kann man z.B. bei Fischen beobachten, die unterschiedlice Charaktere zu besitzen scheinen, wenn es darum geht, Neues zu entdecken. Manche sind mutig und bekommen die Chance als erste neue Nahrung zu finden, manche sind zurückhaltend für mehr Sicherheit. Das ist ein Baustein für die Evolution einer Art. Der andere Grund ist, dass wir soziale Wesen sind, die alleine nicht leben können. Durch die Interaktion bekommen wir viel bessere Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Das macht es für mich erklärbar, dass wir existieren, egal, was uns gerade dazu bringt, so zu fühlen. Wir können eine Erweiterung für eine Gesellschaft sein, wenn sie es annimmt. Die Gesellschaft ringt ja auch darum, in dem es Beiträge gibt, die zeigen, dass sie uns tolerieren und sogar akzeptieren will. Auf lange Sicht wird sich davon viel auch gegen die aktuellen Widerstände durchsetzen, denn es ist ein Konzept, dass das Überleben der Menschheit möglich macht, während die radikalen Kräfte in Gefahr laufen, sich in ihrem Wahn selber auszurotten. Wer am Ende die Nase vorn hat, ist noch nicht ausgemacht.
Jetzt habe ich ein halbes Buch geschrieben und ich weiß nicht, ob die Gedanken helfen können. Für mich ist es entscheidend, wie ich Dinge bewerte. Die Zuckerbakterien kann ich nicht brauchen, also füttere ich sie nicht. Meine gefühlte Weiblichkeit kann ich aber zu meiner Freude und zum Nutzen einsetzen. Das finde ich gut, also lebe ich es, wie sich mir meine Möglichkeiten bieten. Meine Gefühle sind nicht mein Problem, wenn ich sie nicht zum Problem machen lasse oder sie mir selber zum Problem mache.