Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?
Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen? - # 2

Martina
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 16 im Thema

Beitrag von Martina »

Am Zeitverlauf der Diskussion ist vermutlich erkennbar, dass das Thema, so allgemein es formuliert ist, gar nicht einfach abschließend und mit mehrheitlichem Konsens zu einem Resultat führen könnte.

Der Thread ist als Frage formuliert. Meine Antwort darauf: ein entschiedenes JEIN!!!

Kann sich mal wieder nicht entscheiden, die Martina!? Medio tutissime ibis? Nichts davon. Warum? Es ist immer eine Frage des Einzelfalls und es können dabei mehrere Faktoren entscheidungsrelevant sein. Interessant wäre, zunächst möglichst alle Faktoren zusammenzutragen und diese dann in einer Matrix auf gegenseitige Wechselwirkungen zu bewerten, um sodann eine Bewertung zur Antwort auf die Frage des Threads zu erhalten.
Ich bin aber so ehrlich und gebe zu: Auch Martina unterliegt dem Gesetz der Trägheit. 🤭 Das wäre eine gewaltige Fleißarbeit, und ich bin dafür schlicht zu faul. Als Chef*in der Bundesagentur für Arbeit oder Staatssekretär*in im BMAS wär‘s eher ein Thema. Was wären z.B. relevante Faktoren?

Ein wesentlicher Faktor, der mir in tendenziell linksgerichteten Argumentationen häufig zu kurz zu kommen scheint, ist das Selbstbild des AN (Arbeitnehmer) in der betrieblichen Organisation des AG (Arbeitgeber) vor der naturgegebenen Tatsache, dass sämtliche funktionierende und erfolgreiche Prozesse und Strukturen die Summe fraktaler Einzelteile sind. Diese Tatsache kann gleich den Erkenntnissen aus der Bionik in der Praxis integriert werden und führt zu lebendigen Synapsen in einem Netzwerk, das deutlich produktiver ist als eine Organisation, die sich auf die Summe von Bipolaritäten beschränkt. In diesem Sinn halte ich es für gesund, wenn sich ein AN als fraktales Element im System seines AG verstehen kann und gleichermaßen für die Systemziele einsteht, aber eben als fraktaler Teil, der für diesen Teil Verantwortung trägt und rechtfertigt. Dass sich dieses AN-Selbst-Verständnis überall wiederspiegelt, würde ich nicht behaupten wollen. Es tritt in allen Ausprägungen 0 - 100% auf und trifft auf unterschiedlichste AG-Situationen. Schon der Einwand, die AG-Situation könne einem AN doch reichlich egal sein, denn der AG trage hierfür alleine die Verantwortung, greift i.d.R. zu kurz und bewirkt nur ein Beschneiden des Astes, auf dem man selber sitzt. Es gibt nunmal ein Lebensrisiko, auch wenn manche Sozialromantiker sich so verhalten, als sei es Sache des Staates, dieses Lebensrisiko auszuschalten. Es wird sich aber realisieren, zu 100%, früher oder später. Mit Umsicht und Selbstverantwortung gegenüber der individuellen Umwelt kann man darauf teilweise Einfluss nehmen.
Das ist aber lediglich mein Laienverständnis. Ich bin weder Arbeits- noch Wirtschaftswissenschaftler*in, sondern scheinbar „nur“ in ähnlicher Branche unterwegs wie Malvine, die also von Werkverträgen und Werkerfolgen bestimmt wird, zu deren Gelingen es eben auch eine Summe von Dienstverträgen braucht, über deren Auslegung es hier ja eigentlich geht.

Es kann auch die AG-Seite sehr unterschiedlich ausfallen. Das kann ein DAX-Konzern sein, ein familiengeführter großer Mittelständler, ein Kleinunternehmen, eine Anstalt öffentlichen Rechts oder ein staatliches Organ sein, eine Aktiengesellschaft, eine GmbH oder SE, eine KG, OHG oder manches mehr sein, mit oder ohne Gewinnerzielungsanspruch. Das können archaische und extrem auf Vertikalität ausgerichtete Führungsmentalitäten sein oder eine Kultur auf Augenhöhe mit maximaler Offenheit, Transparenz und flachesten Hierarchien nebst aller Zwischenstufen und Grautöne. Das können als Geschäftsmodelle zukunftsweisende gehypte Startups, etablierte zeitgemäße Technologien, regelrechte Dauerläufer (Typ: gestorben wird immer) oder Branchen auf dem absteigenden Ast sein. Schon allein die AG-Seite, mit der sich ein AN befassen muss oder sollte (schließlich macht man mit einem Arbeitsvertrag gemeinsame Sache), gestaltet sich extrem vielfältig.

Die Regel „pacta servanda sunt“ muss gleichwohl gelten und bewahrt werden, wobei eben einerseits das Äquivalenzprinzip, das jedem Vertrag zu Grunde liegen sollte, gewahrt bleiben muss und andererseits eine sinnvolle, diesem Äquivalenzgebot entsprechende Vertragsauslegung in gegenseitigem Einvernehmen gelebt werden sollte. Dabei muss doch klar sein: Das in einem Vertrag Geschriebene kann nie die Summe aller erdenklichen Lebensaspekte, die in der Ausfüllung des Vertrags Einfluss haben, vorhersehen und regeln. Eben deshalb erfolgt in Streitfällen seitens Anwälten und Gerichten eine Vertragsauslegung mit Interessenausgleich nach dem Äquivalenzprinzip - und auch da passieren Fehler. Wer Anspruch auf eine fehlerfreie Welt erhebt, der kann diese in Deutschland nicht finden, und ich wäre höchst interessiert zu erfahren, ob sie wo anders gefunden werden kann. Bekanntlich sterben Träume zuletzt.

Die Tatsache, dass Menschen Fehler machen, dürfte unbestritten sein, und sie dürfte unbestritten gleichermaßen für AG wie AN gelten. Fehler haben immer einen Impact, denn sie müssen, sofern sie überhaupt erkannt und reklamiert werden, beseitigt werden. Sowohl die Dimension eines Fehlers als auch dessen Lokalisation kann unterschiedlichste Konsequenzen bewirken. Fehlerkultur ist etwas, womit sich viele Menschen schwertun, insbesondere wenn es um die eigene Fehlerbilanz geht. Dabei sind es von oft bis immer die Fehler, die zum Scheitern eines Projekts, eines Arbeitsauftrags, eines Unternehmens, eines Konzerns, einer Nation, der Menschheit führen. Die Flughöhe der Betrachtung kann beliebig verändert werden - man wird immer fraktale Muster erkennen, das menschliche Muster.

Allen einen guten Start in die erste Arbeitswoche 2026!!! Im Freistaat Bayern hat das Trägheitsgesetz noch Oberhand, neben Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, und ich unterliege diesem, wie eingangs erwähnt! 😄

LG Martina
Olivia
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 17 im Thema

Beitrag von Olivia »

Hallo,

ich will es mal bewusst ketzerisch formulieren:

Ja, es ist möglich, akademisch verbrämt für die Abschaffung aller Arbeitnehmer*innen-Schutzgesetze zu werben. Arbeitszeitreglungen ade und wir arbeiten wieder von Mo. - Sa. je 16 Stunden und die Kinder gleich wieder mit. Frühkapitalismus lässt grüßen. Und nebenbei: Schutzgesetze wurden auch deshalb geschaffen, um AN*innen auch vor sich selbst zu schützen. Aus gutem Grund darf auf die Schutzregelungen nicht verzichtet werden - Schutz ist Schutz. Es ist ohnehin schon schlimm genug zu sehen, wie viele durch Arbeitskämpfe erreichten Errungenschaften leider wieder der Vergangenheit angehören. Auf nahezu allen Baustellen ist Samstagsarbeit wieder normal und dabei wurde nach dem II. Weltkrieg in langen Streiks die 5 Tagewoche einmal erkämpft. Der Slogan damals hieß: "Samstags gehört Pappi mir". Das wird heute als nicht mehr zeitgemäß und als überzogene "work-life-ballance" belächelt und verspottet. So sind wir auf dem Weg in die Vergangenheit. Begründungen, warum AN*innenrechte gerade hier auf dieser Baustelle, gerade bei diesem Auftrag, gerade in dieser Region, gerade in dieser Branche usw. usw. unpassend sind, gibt es immer. Ausreden zu finden, ist nur eine Frage der Intelligenz.

lG
Olivia
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 18 im Thema

Beitrag von HeikeCD »

Olivia hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 10:38 Auf nahezu allen Baustellen ist Samstagsarbeit wieder normal
Wobei dort zumeist Subunternehmer aus Osteuropa zugange sind, teilweise SubSubSubunternehmer. Die klotzen allerdings wochenlang hintereinander rein um dann 4 Wochen am Stück in ihrer Heimat zu bleiben. Und dann geht's wieder auf die nächste Baustelle.
Schlimm sind allerdings die Zustände mit ebendiesen LKW-Fahrern, die sind monatelang am Stück unterwegs.

LG Heike
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 19 im Thema

Beitrag von edeka »

Marusha hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 09:46 ...
Martina, du gebrauchst sehr viele Worte, und so allgemein will ich dem auch nicht widersprechen, aber unter dem Strich klingt es dann doch so (auch wenn du das nicht so gemeint hast) :
der Arbeitnehmer handelt nur nach seinem eigenen egoistischen Interesse,
Der Arbeitgeber handelt verantwortungsvoll für den ganzen Betrieb samt Angestellten.

Das ist aber eine ziemlich ideologische, irre führende Sichtweise.

Ich sehe es so:
1. Eine Firma ist ein hierarchisches Gebilde (mit Weisungsbefugnis etc), als Arbeitnehmer akzeptiert man das mit unterzeichnen des Arbeitsvertrages.
2. Die Rechte sind klar fest gelegt, Arbeitsrecht ist da einfacher als andere Bereiche. Olivia hat dazu genug gesagt.
3. Arbeitnehmer handeln auch verantwortlich für den Betrieb, nicht nur Arbeitgeber. Schwarze Schafe gibt es manchmal, auch bei Arbeitgebern.
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 20 im Thema

Beitrag von Juliane »

Ich glaube da können viele ihren Senf dazugeben. Ich auch.

Über 40 Jahre im Handwerk, in einem trotz seiner Größe (60 Leute) familiär geführten Betrieb. Dann kam der Junior ans Ruder. Der Druck stieg, die Verantwortung der einzelnen Mitarbeiter wurde erhöht. Kurzfristig (eine Stunde vor Feierabend) wurde Mehrarbeit angeordnet. Überstunden am Wochenende wurden mehr und der Arbeitszeitausgleich immer schwieriger.
Trotzdem klotzten alle ran, man war ja eine Art Familie. Bis zu 20 Stunden am Stück wurde gearbeitet und dem Betriebsratsvorsitzenden, der dagegen angehen wollte, wurde wegen eines fingierten Diebstahls gekündigt.
Das Ende kam mit Schrecken! Insolvenz am Himmelfahrtstag :oops: .
Ein Monatsgehalt war weg, die 180 Überstunden auf dem Konto auch.

Die neu gegründete Firma, mit alten Verantwortlichen und einem Strohmann für den Namen, machte praktisch lückenlos weiter. Aber die guten Leute, die Leistungsträger, die verließen die Firma innerhalb eines halben Jahres.

Gut das ich dann in Rente gehen konnte, bevor der Laden dann endgültig dicht machte. Und hintenrum, über die Handwerkskammer, bekam ich dann noch mit, dass allein die (Originalton) blöden, faulen, undankbaren Mitarbeiter den Karren in den Dreck gefahren hätten.

Aber es ist eben so: If you pay Peanuts, you get Monkeys.

Liebe Grüße, Juliane
Die mich kennen mögen mich. Die mich nicht mögen können mich. Frei nach Konrad Adenauer
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 21 im Thema

Beitrag von Sabrina Verena »

Mehrarbeit ohne Bezahlung hat es in Deutschland in einzelnen Unternehmen immer gegeben.
Meist Kleinbetriebe, die den Wissensmangel ihrer Beschäftigten missbrauchen.
Auch gemeinnützige Unternehmen profitieren von freiwilliger, unbezahlter Mehrarbeit.
Das unbezahlte Mehrarbeit immer schon möglich war, ist das Problem!!!
Eine generelle rechtliche Vorschrift, Mehrarbeit ohne Bezahlung zu leisten, wäre der Beginn von Zwangsarbeit.
Sie ist nicht verfassungskonform, sie widerspricht den Grundprinzipien des Grundgesetzes.
LG Verena
Solange Du in Dir selber nicht zuhause bist, bist Du nirgendwo zu Haus.

Die Natur ist Wakan Tanka. Leider haben das nur Wenige verstanden.

Maka Ke Wakan Die Erde ist heilig
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 22 im Thema

Beitrag von Martina »

Hallo Ascona,

Danke für Deine Zusammenfassung! Richtig, genau so verstehe ich das nicht, aber vielleicht ähnlich. Meine Sichtweise ist sicher nicht in der Mehrheit der AN repräsentiert, aber sei‘s drum. Vielleicht schiebt mich auch gerne wer in das AG-Lager; aber nein, ich bin Angestellte*r seit 33,5 Jahren, davon die letzten 32 Jahren in der selben Firma, Mittelstand mit ca. 350 Beschäftigten - in der Branche (Ingenieurbüro) definitiv ein Dickschiff, mit Durchlauf in fast allen „Hierarchieebenen“, außer Geschäftsführung mit der damit verbundenen persönlichen Haftung. Also weitgehend klassische*r Angestellte*r.
Transformation, Kulturwandel, Innovation - mir vertraut, auch im negativen Sinn, aber dazu mein Statement bei Juliane.
ascona hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 12:37 Martina, du gebrauchst sehr viele Worte, und so allgemein will ich dem auch nicht widersprechen, aber unter dem Strich klingt es dann doch so (auch wenn du das nicht so gemeint hast) :
der Arbeitnehmer handelt nur nach seinem eigenen egoistischen Interesse,

Ja, sofern wir uns auf „verantwortlich egoistisches Interesse“ verständigen können. Das heißt, der AN hat auch die Sphäre seines AG angemessen im Blick. Das setzt gegenseitige Offenheit voraus, die sicher top-down oftmals fehlt. Wenn der AN den AG im Blick haben kann, dann kann das auch umgekehrt klappen; man kann die Kausalität auch um 180° drehen, es funktioniert trotzdem - man kann‘s dann auch gewachsenes (!) Vertrauen nennen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und keine Einbahnstraße - wer auf den anderen wartet, ohne selbst einen Schritt zu gehen, wartet oft lange.
Kann Kulturwandel bedeuten, aber sinnvoll ist der allemal.

ascona hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 12:37 Der Arbeitgeber handelt verantwortungsvoll für den ganzen Betrieb samt Angestellten.
Ja, wobei es im Detail sicher immer zu Meinungsverschiedenheiten kommen mag. Sofern ein Dialog in den Hierarchien auf Augenhöhe möglich ist, kann dieses „verantwortungsvoll“ auch real werden und bleibt keine akademische Floskel. Man muss es ‚nur‘ als Überzeugungstäter tun, nicht im Geist des Opportunisten.
Realbeispiel von mir selbst: Ich habe u.a. Personalverantwortung für gut 20 Mitarbeitende, deren Einsatzorte i.d.R. alle 2-3 Jahre wechselnd sind, in ganz Deutschland. Ich könnte natürlich bei den Einsatzorten die Weisungsbefugnis des AG nutzen, aber wie dämlich bin ich denn!?! Nein, die berufliche Weiterentwicklung und Übernahme neuer Aufgaben / Projekte ist jedesmal ein individueller persönlicher Aushandlungsprozess, bei dem selbstverständlich wegen vieler Auswärtseinsätze die Belange der privaten Lebensführung großes Gewicht haben. Nur wenn ich hier einen adäquaten Ausgleich finde, habe ich nicht nur kompetente, sondern auch loyale Mitarbeitende, die sich verantwortlich fühlen.
Funktioniert das? Ja, es funktioniert. Ich hatte ein Team übernommen, das sehr hierarchisch geführt war und in dem jede*r seine reinen Egoismen hatte. Es bedurfte etlicher Monate intensiven Austausch‘s, bis das erforderliche Vertrauen seinen Grundstock hatte. Das Resultat ist tragfähig und Win-Win für beide Seiten.
Tickt meine Geschäftsführung auch so? Nein, zumindest noch nicht. Also bin ich im Sandwich und kommuniziere klar nach ‚oben‘, was ich für richtig hielte und klar nach ‚unten‘, wo die Kompromisslinien verlaufen können. Das ist ein laufender und ergebnisoffener lebender Prozess mit dynamischen konsensfähigen Nebenwirkungen.
ascona hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 12:37 Das ist aber eine ziemlich ideologische, irre führende Sichtweise.
Ist es nicht. Meine eigene Berufspraxis belegt seit vielen Jahren das Gegenteil (s.o.). Das erkenne ich aus dem Feedback, das ich immer wieder und mindestens jährlich von den Mitarbeitenden erhalte.
Mag schon sein, dass das nicht die Regel ist. Aber wenn‘s die Regel wäre, warum sollte ich dann dazu schreiben!?!?
Ich äußere mich aus einem einzigen Grund: Wir sitzen letztlich alle in einem Boot. Die Horizonte sind nur zu kurz, sodass das oft nicht erkannt und danach gehandelt wird. Es wird sich dann auf Vertragsansprüche zurückgezogen. Und wenn das passiert, kann man‘s eh knicken. „Vertrag“ kommt von „vertragen“, hat unser Firmengründer 1st Generation gesagt - er unterschreibt und legt‘s weg - der Rest müsse von selbst laufen. Das halte ich für ein gutes Leitmotiv.
Sicher gibt‘s in Deutschland viele Arbeitgeber, die da noch einen weiten Weg vor sich haben oder derweil pleite gehen. Ich bin selbst womöglich mit sowas konfrontiert, kann aber aufgrund meines institutionellen Standings auch den Mund nach oben aufmachen - bei allem Respekt.

Ich schreibe das aus einem einzigen Grund: Ich bin mit dem Status Quo nicht zufrieden!!! Aber ich habe eine Vorstellung, wie‘s besser laufen kann, für alle. Das ist eine Vorstellung ohne toxische Alpha-Narzissten in Führungsrollen. Mein Traum: Diese Vorstellung wird mehrheitsfähig, wenn‘s sein muss auch als auch als Graswurzelbewegung. Und: Nein, ich werde keine Partei gründen und auch für nichts kandidieren.
ascona hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 12:37 Ich sehe es so:
1. Eine Firma ist ein hierarchisches Gebilde (mit Weisungsbefugnis etc), als Arbeitnehmer akzeptiert man das mit unterzeichnen des Arbeitsvertrages.
Ja, aber s.o. - Weisungsbefugnis kann sehr unterschiedlich verstanden und gelebt werden.
ascona hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 12:37 2. Die Rechte sind klar fest gelegt, Arbeitsrecht ist da einfacher als andere Bereiche. Olivia hat dazu genug gesagt.
Rechte sind schön und gut. Wenn man sich permanent darauf zurückziehen muss, ist auch permanent der Wurm drin - eine funktionierende und gedeihliche Kooperation sieht anders aus und natürlich: Es gehören mindestens 2 dazu.
ascona hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 12:37 3. Arbeitnehmer handeln auch verantwortlich für den Betrieb, nicht nur Arbeitgeber. Schwarze Schafe gibt es manchmal, auch bei Arbeitgebern.
100% Zustimmung, und umso mehr muss ich ein Bild vor Augen haben, wie‘s besser gehen kann, denn nur Dagegensein ist kein Ausweg.
Martina
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 23 im Thema

Beitrag von Martina »

Juliane hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 13:00
Die neu gegründete Firma, mit alten Verantwortlichen und einem Strohmann für den Namen, machte praktisch lückenlos weiter. Aber die guten Leute, die Leistungsträger, die verließen die Firma innerhalb eines halben Jahres.
Hallo Juliane,

das kann ich bestens nachvollziehen und solche Entwicklungen sind fürchterlich anzusehen, können einen geradezu wütend machen. Aushängeschild für die Menschheit? Nein, das genaue Gegenteil. Einzelfall? Nein, auch das leider nicht.
Der Generationenwechsel ist im Mittelstand ein Riesenproblem, und nicht wenige versemmeln‘s; das zeigt auch Dein Beispiel. Da wird so viel Kapital in die falschen Richtungen gesetzt, von unverantwortlichen Inhabern, die sich aufgrund toxischer Sozialisation ohne nachhaltiges Wertefundament womöglich für die Krone der Schöpfung halten und dieses Narrativ nur mit Lügen und Verleumdung aufrecht erhalten können. Und die verursachen Kollateralschäden ohne Ende. Dein Beispiel zeigt‘s glasklar auf.

Wir sind uns garantiert einig: Die Zukunft sollte das nicht wiederholen.

LG Martina
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 24 im Thema

Beitrag von Martina »

Olivia hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 10:38 Hallo,

ich will es mal bewusst ketzerisch formulieren:

Ja, es ist möglich, akademisch verbrämt für die Abschaffung aller Arbeitnehmer*innen-Schutzgesetze zu werben. Arbeitszeitreglungen ade und wir arbeiten wieder von Mo. - Sa. je 16 Stunden und die Kinder gleich wieder mit. Frühkapitalismus lässt grüßen. Und nebenbei: Schutzgesetze wurden auch deshalb geschaffen, um AN*innen auch vor sich selbst zu schützen. Aus gutem Grund darf auf die Schutzregelungen nicht verzichtet werden - Schutz ist Schutz. Es ist ohnehin schon schlimm genug zu sehen, wie viele durch Arbeitskämpfe erreichten Errungenschaften leider wieder der Vergangenheit angehören. Auf nahezu allen Baustellen ist Samstagsarbeit wieder normal und dabei wurde nach dem II. Weltkrieg in langen Streiks die 5 Tagewoche einmal erkämpft. Der Slogan damals hieß: "Samstags gehört Pappi mir". Das wird heute als nicht mehr zeitgemäß und als überzogene "work-life-ballance" belächelt und verspottet. So sind wir auf dem Weg in die Vergangenheit. Begründungen, warum AN*innenrechte gerade hier auf dieser Baustelle, gerade bei diesem Auftrag, gerade in dieser Region, gerade in dieser Branche usw. usw. unpassend sind, gibt es immer. Ausreden zu finden, ist nur eine Frage der Intelligenz.

lG
Olivia
Hallo Olivia,

Danke für den Parallelaustausch per PN von soeben. Ich denke, ich habe mich missverständlich ausgedrückt, denn Deine Wiedergabe stimmt nicht mit meiner Sichtweise überein. Ich meine da nichts akademisch, aber ich muss natürlich eingestehen, dass ich sicher nicht einen repräsentativen Überblick über die Arbeitsbedingungen aller Branchen habe. Was ich meine, bedarf eines übereinstimmenden Mindsets auf beiden Seiten, AG und AN. Das ist heute sicher eher die Rarität als die Regel, aber die Frage sei erlaubt: mit welchem Kompass will man in die Zukunft steuern? Als Summe von Einzelkämpfern, jeder für ausschließlich sein eigenes Ding? Oder mit einem Gemeinschaftssinn, der aber seine Werte streitbar und konstruktiv zu etablieren sucht? Letzteres wäre eindeutig meine Präferenz, weil der Mensch eine soziale Tatsache ist und das Leben (work+life) gerne möglichst viel Raum für Freude und Glück bringen darf, für mich ebenso wie für alle anderen.
Vielleicht liege ich bei manchem Berufs- oder Lebenssegment mit meiner Vorstellung voll daneben. Das kann schon sein. Ich weiß nicht alles und lerne gerne dazu. Mich würde das dann also schon interessieren! 🤗

LG Martina
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 25 im Thema

Beitrag von Claudia-67 »

Hallo,
Olivia hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 10:38 ich will es mal bewusst ketzerisch formulieren:

Ja, es ist möglich, akademisch verbrämt für die Abschaffung aller Arbeitnehmer*innen-Schutzgesetze zu werben. Arbeitszeitreglungen ade und wir arbeiten wieder von Mo. - Sa. je 16 Stunden und die Kinder gleich wieder mit. Frühkapitalismus lässt grüßen. Und nebenbei: Schutzgesetze wurden auch deshalb geschaffen, um AN*innen auch vor sich selbst zu schützen. Aus gutem Grund darf auf die Schutzregelungen nicht verzichtet werden - Schutz ist Schutz.
gerade bei der Eisenbahn dienen die Arbeitsschutzregelungen auch dem Schutz der Allgemeinheit. Wenn der Kollege Triebfahrzeugführer übermüdet den Zug mit vielen Leuten oder Gefahrgut verunglücken lässt, betrifft das alle. In den Unfallberichten der Eisenbahnunfall-Untersuchungsstelle wird daher auf Arbeits- und Ruhezeiten sehr geachtet. Das ist auch gut so.

Beim Schreibtisch-Job ist das Gefahrenpotential natürlich nicht so extrem, bei sicherheitskritischen Berufen schon. Daher muss man das mit der Mehrarbeit schon differenziert sehen.

Liebe Grüße
Claudia
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 26 im Thema

Beitrag von Marlene »

gerade bei der Eisenbahn dienen die Arbeitsschutzregelungen auch dem Schutz der Allgemeinheit. Wenn der Kollege Triebfahrzeugführer übermüdet den Zug mit vielen Leuten oder Gefahrgut verunglücken lässt, betrifft das alle. In den Unfallberichten der Eisenbahnunfall-Untersuchungsstelle wird daher auf Arbeits- und Ruhezeiten sehr geachtet. Das ist auch gut so.
Hallo Claudia, mit den "Lenkzeiten" bei der Eisenbahn wäre ich mir da nicht sehr sicher. Ich habe oft erlebt, dass gerade im Güterverkehr oder Az- Dienst beim Erreichen der Arbeitszeit dann auf die zweite EFR- Nummer gewechselt wurde... Und schon war ein "neuer" Kollege auf der Lok und es ging weiter mit dem gleichen Personal. Wie willst Du das unterbinden?

LG Marlene
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 27 im Thema

Beitrag von Dolores59 »

Nur mal einige Fakten aus 2024
https://www.destatis.de/DE/Presse/Press ... 38_13.html
Für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland gehören Überstunden zum Arbeitsalltag: Knapp 4,4 Millionen von ihnen haben im Jahr 2024 durchschnittlich mehr gearbeitet, als in ihrem Arbeitsvertrag vereinbart war. Das entsprach einem Anteil von 11 % der insgesamt 39,1 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt. Dabei leisteten Männer mit einem Anteil von 13 % etwas häufiger Mehrarbeit als Frauen (10 %).
Mehrarbeit kann in Form von bezahlten und unbezahlten Überstunden geleistet werden oder auf ein Arbeitszeitkonto einfließen, über das sie später wieder ausgeglichen werden kann. Von den Personen, die 2024 mehr gearbeitet hatten als vertraglich vereinbart, leistete knapp jede oder jeder Fünfte (19 %) unbezahlte Überstunden. 16 % wurden für ihre Überstunden bezahlt. 71 % nutzten ein Arbeitszeitkonto für die geleistete Mehrarbeit. Mehrarbeit wurde teilweise über eine Kombination der drei Formen geleistet.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
(Psalm 139,14)
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 28 im Thema

Beitrag von Claudia-67 »

Hallo Marlene,
Marlene hat geschrieben: Mo 5. Jan 2026, 17:49
gerade bei der Eisenbahn dienen die Arbeitsschutzregelungen auch dem Schutz der Allgemeinheit. Wenn der Kollege Triebfahrzeugführer übermüdet den Zug mit vielen Leuten oder Gefahrgut verunglücken lässt, betrifft das alle. In den Unfallberichten der Eisenbahnunfall-Untersuchungsstelle wird daher auf Arbeits- und Ruhezeiten sehr geachtet. Das ist auch gut so.
Hallo Claudia, mit den "Lenkzeiten" bei der Eisenbahn wäre ich mir da nicht sehr sicher. Ich habe oft erlebt, dass gerade im Güterverkehr oder Az- Dienst beim Erreichen der Arbeitszeit dann auf die zweite EFR- Nummer gewechselt wurde... Und schon war ein "neuer" Kollege auf der Lok und es ging weiter mit dem gleichen Personal. Wie willst Du das unterbinden?
diese Tricks sind durchaus bekannt. Erwischen lassen würde ich mich dabei nicht. Solange nichts passiert, mag das nicht auffallen, aber wenn kann das sehr nach hinten los gehen. Bei anderen Verstößen hat es da ja schon Folgen gegeben, wie Entzug der Sicherheitsbescheinigung oder Berufsverbot für den Tf, der am Rhein den Kesselwagenzug auf die Seite gelegt hat, nachdem der das mit den Geschwindigkeiten im AWB kreativ ausgelegt hatte.

Glücklicherweise ist das hier, anders als beim Straßengüterverkehr, mit den Arbeitszeitüberschreitungen nicht der Regelfall, eher der seltene Einzelfall.

Liebe Grüße
Claudia
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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 29 im Thema

Beitrag von Marlene »

Ja, alles klar. Ich höre von diesen Machenschaften ab und zu von meinen Kollegen die als Fdl arbeiten und es gibt genug Firmen die das dulden, weil sie keine Leute haben und Leistungen trotzdem annehmen. Ich bin da raus. Geht mich zum Glück nichts mehr an. Ich habe meine Zeit als Tf damals gut genutzt und viel an Wissen dazu erworben. Was die heutigen "Fachkräfte" aus der Eisenbahn machen ist mir so ziemlich egal. Ich bin da raus.

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Re: Unbezahlte Mehrarbeit fordern/hinnehmen?

Post 30 im Thema

Beitrag von missy »

Bei mir hieß es, Mehrarbeit einfach machen.
Die wurde nicht gefordert.
Ich habe sie einfach gemacht.
Über 40 Jahre war ich in der offenen Jugendarbeit tätig.
Da gab's keine Stellen.
60 Std. pro Woche - kein Thema.
Wochenendfahrt mit Jugendlichen = 4 Std. Schlaf von Freitag Morgen bis Sonntag Abend. Wenn's gut läuft.
(Ich hatte nie die lieben, braven aus dem Kirchenchor.)
Ich konnte froh sein, wenn ich Geld bekam, um zeitweise studentische Hilfskräfte zu bezahlen.
Wenn ich nicht da war, standen die Jugendlichen wieder auf der Straße.
Ich habe jahrelang Urlaub verfallen lassen.
Keine/r hat mich dazu aufgefordert oder gar gezwungen.
Heute blicke ich auf ein erfülltes, langes Arbeitsleben zurück.
Und das mit Stolz.
Ich sehe ehemalige Jugendliche, die heute einen ordentlichen Job haben,
die Geld verdienen, die meine Rente mitbezahlen.
(Auch viele, von denen ich es nie gedacht habe.)
Ich denke, ich habe das eine oder andere richtig gemacht in meinem Job.
Liebe Grüße, missy
Toleranz ist lernbar, zu viel Toleranz ist heilbar.
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