Dabei sind wir uns vermutlich (hoffentlich) alle einig, dass Sex und Schwangerschaft auf Einvernehmlichkeit beruhen.
Alles andere wäre Vergewaltigung.
Da wirft dieser Text ein interessantes Thema auf: "Did Mary Really Consent to Giving Birth to Jesus? - How Christianity built its moral authority on a poor girl from the 'hood who was never allowed to say no".
Dabei wird nicht nur die Frage der Zustimmung an sich diskutiert, sondern auch ob überhaupt die Möglichkeit der Ablehnung bestand; also: Hätte Maria überhaupt nein sagen können? Wie wirken sich patriarchale Tradition, religiöse Indoktrination, die Realität der römischen Besatzung etc aus? In wie weit ist Opposition denkbar und machbar gegenüber einem omnipotenten Wesen, das sich deinen Körper zur Verwirklichung seiner Pläne ausgesucht hat? Wo ist der freie Wille hier?
Ich finde die Perspektive wertvoll, weil sie einerseits die historische Realität der Zeit einbezieht, andererseits die religiöse Überlieferung als tatsächliche Geschichte im Sinne von "wenn es tatsächlich so gewesen wäre" (und keine später erfundene bzw ausgeschückte Fantasie). Das ganze im Angesicht heutiger Ethik macht mE deutlich, was gläubige Christ*innen heute quasi als moralischen Beifang akzeptieren müssen, damit das ganze Gebäude funktioniert.
Interessant finde ich auch die beschrieben historische Abfolge der Berichte, in der die Jungfräulichkeit erst aufgebaut wird. Maria wird über die Jahrzehnte der Erzählungen immer heiliger und immer sexloser, denn:
Auffällig ist, wie spät die Frage nach Marias Zustimmung tatsächlich zu einem zentralen Thema der christlichen Theologie wird. Das früheste Evangelium, Markus, erwähnt die Geburt Jesu überhaupt nicht. Paulus, dessen Briefe älter sind als alle Evangelien, erwähnt niemals eine jungfräuliche Geburt. Matthäus führt das Wunder ein, verweigert Maria jedoch jegliche Stimme. Uns wird erzählt, dass ein Engel nur zu Josef spricht. Marias Zustimmung ist für das frühe Christentum nicht von grundlegender Bedeutung. Sie gewinnt erst später an Bedeutung, als sich die Lehre verfestigt und die Kirche sich zunehmend für Reinheit, Gehorsam und die Regulierung weiblicher Körper einsetzt.
Das Lukasevangelium ist der einzige Ort, an dem Maria überhaupt zu Wort kommt. Ein Engel erscheint. Er sagt ihr, dass sie schwanger werden und den „Sohn Gottes“ gebären wird. Sie ist verwirrt. Der Engel beruhigt sie. Und dann antwortet sie mit Gehorsam. Die Szene ist kurz, ausgefeilt und unverkennbar theologisch. Sie folgt einem bekannten alten Muster: Ein göttlicher Bote erscheint, es gibt menschliches Zögern und schließlich die Unterwerfung unter das Schicksal. Gelobt sei der Herr. Amen. Halleluja. Dies ist eine literarische Konstruktion, die Heiligkeit vermitteln soll, nicht persönliche Autonomie.
Was Lukas Maria niemals gibt, ist eine Wahlmöglichkeit.
Es gibt kein „Möchtest du?“ Es gibt kein „Wenn du dich dagegen entscheidest“. Es gibt keine alternative Zukunft, die für sie in Betracht gezogen wird. Die Schwangerschaft wird als bereits beschlossen dargestellt, bereits durch göttlichen Willen in Gang gesetzt. Ihre Antwort ändert nichts am Ergebnis, sie heiligt es. Und dieser Unterschied ist wichtig. Zustimmung erfordert die Möglichkeit zur Ablehnung. Die Geschichte lässt niemals zu, dass Ablehnung als sinnvolle Möglichkeit existiert.
Ganz zu schweigen davon, dass die gesamte moralische Ordnung des Christentums zusammenbricht, wenn Maria tatsächlich Sex hatte.
Das Christentum braucht Maria, um ohne Sex schwanger zu werden, denn Sex bringt Handlungsfähigkeit, Begehren, Zustimmung und gegenseitige Beteiligung mit sich. Das sind Dinge, mit denen die christliche Tradition nie ohne Panik umzugehen wusste. Sex impliziert Wahlfreiheit. Er impliziert einen Körper, der handelt, anstatt einen Körper, auf den eingewirkt wird. Und das Christentum, insbesondere in seinen prägenden Jahrhunderten, verlangte, dass Marias Körper brauchbar, aber nicht begehrenswert, produktiv, aber nicht handlungsfähig war.
Eine sexuell aktive Maria würde unerträgliche Fragen aufwerfen. Wollte sie es? Hat sie sich dafür entschieden? Hat sie es genossen? Durfte sie es ablehnen? Hatte Gott Sex? Diese Fragen destabilisieren ein System, das auf der Heiligung der Unterwerfung aufgebaut ist. Deshalb entfernt die Geschichte den Sex vollständig und ersetzt ihn durch ein Wunder, denn Wunder machen Verhandlungen überflüssig. Sie umgehen die Zustimmung und verlangen dennoch Gehorsam.
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Eine Schwangerschaft ohne Sex ermöglicht es dem System, Maria „rein“ zu halten und gleichzeitig ihre reproduktive Arbeit auszunutzen. Sie wird zu einem Gefäß, nicht zu einer Teilnehmerin.
Sex impliziert auch Männer. Hätte Maria Sex gehabt, gäbe es einen Mann, dessen Begierde, Verantwortung und Rechenschaftspflicht thematisiert werden müssten. Stattdessen ersetzt das Christentum dies durch göttliche Penetration ohne Schuld. Gott wird zum Befruchter, der nicht hinterfragt, verklagt, bekämpft oder abgelehnt werden kann. Es werden keine körperlichen Grenzen verletzt, weil die Erzählung darauf besteht, dass Heiligkeit über ihnen steht.
Dieser narrative Schachzug leistet schwere moralische Arbeit. Eine echte sexuelle Begegnung zwischen einem mächtigen Wesen und einem armen Teenager-Mädchen unter Besatzung würde sofort Vorwürfe aufkommen lassen, die das Christentum nicht unbeschadet überstehen könnte. Fragen nach Nötigung, Missbrauch, Vergewaltigung und Pädophilie. Die jungfräuliche Geburt fungiert als theologische Fluchttür. Indem sie darauf besteht, dass „kein Sex stattgefunden hat”, stellt die Tradition sicher, dass Gott niemals den moralischen Standards unterworfen ist, die menschlichen Männern auferlegt werden.
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Vor allem würde eine nicht jungfräuliche Maria den langjährigen Kampf der Kirche gegen weibliche Sexualität gefährden. Wenn Gott durch einen gewöhnlichen Geschlechtsakt in die Welt kommen kann, dann ist Sex nicht die moralische Schande, als die ihn das Christentum darstellt. Die jungfräuliche Geburt hält Sex für sündhaft, Frauen für verdächtig und Fortpflanzung nur dann für heilig, wenn sie vom weiblichen Verlangen losgelöst ist.
Christen brauchen also keine jungfräuliche Maria, um Jesus göttlich zu machen. Sie brauchen ihre Jungfräulichkeit, um Gehorsam moralisch, Sex kontrollierbar und Macht unkontrollierbar zu machen. Das Wunder schützt das System, nicht das Mädchen.