Dietlind hat geschrieben: Sa 15. Nov 2025, 21:53
Dieser Film ist schon recht seltsam! [...] Aber das hat eigentlich nichts mit dieser Frau zu tun, sie scheint mir nur recht komisch und kompliziert zu sein! Ich war schon oft in Israel und bin dort noch nie belästigt worden. Ich fühle mich dort genau so sicher wie in den USA oder in Deutschland (wie gesagt, es ist ein westliche geführter Staat mit einer demokratisch gewählten Regierung)!
Deine Erfahrungen und Empfindungen sind zweifellos valide - ihre allerdings auch. Ich habe in ihrer Lebensgeschichte sehr sehr viele Parallelen zu persönlichen Freund*innen und vielen bekannten trans Biografien gefunden, die jene Jahrzehnte erlebt haben, in ganz unterschiedlichen "westlichen" Staaten. Betonung auf "jene Jahrzehnte". Die typischen Erfahrungen sind: Rausgeworfen aus der Familie, verprügelt, obdachlos, Polizeigewalt, Einknastung wegen "Sittlichkeit", Vergewaltigungen und andere sexualisierte Gewalt, keine Job-Möglichkeiten, Prostitution (weil sonst nichts zu kriegen), illegale unter der Hand Transition (Efrat berichtet von DIY Hormonspritzen und OP in Casablanca) usw. Folgen dieser traumatischen Erlebnisse häufig Alkohol- und andere Süchte, psychische Erkrankungen und hohe Suizidraten. Das kannst du nachlesen für europäische Staaten, USA und offenbar auch für Israel.
Ich zitiere mal einen Artikel zu einer anderen bekannten Biografie, einer Person, die trotzdem an ein paar Stellen das entscheidende Quentchen mehr Glück hatte als Efrat:
Edouard, 1948 in Scheveningen geboren, stellte früh fest, im falschen Körper zu stecken. Der Vater schlug den hübschen, schüchternen Eduard und schleifte ihn auf den Fußballplatz, um einen Mann aus ihm zu machen. Vergebens: Der Junge fühlte sich als Mädchen, ausgelacht von Mitschülern, missbraucht von einem katholischen Priester ebenso wie von einer Nachbarin - ausgerechnet jener Frau, der sich das Kind in seiner Not anvertraut hatte.
Mit zwölf brannte Edouard erstmals durch, Richtung Paris, um die legendäre Coccinelle zu sehen, eine transsexuelle französische Entertainerin. Edouard legte die alte Identität ab, ließ sich Hormone spritzen und erfand sich neu: als Schönheitstänzerin. Wunderschön, verrucht, männlich nur noch zwischen den Beinen - eine geschlechtsangleichende Operation erst mit Mitte 30.
Die Exotin verdrehte in den Sechzigern halb Paris den Kopf. [...] Und beglückte am Rande einer Gruppensex-Party den Schah von Persien - der habe sie mit einem Samtbeutel voller Edelsteine entlohnt. Die Nachtklub-Schönheit, allseits bewundert, ständig auf der Hut: In Frankreich war es damals verboten, als Frau auf die Straße zu gehen, wenn man, rein juristisch, ein Mann war. Und da Transsexuelle kein USA-Visum bekamen, musste die Entertainerin erst mit dem Botschaftsmitarbeiter schlafen.
"Ich wollte nie ein Freak sein, ich wollte Respekt". Ein "Walk on the Wild Side", bei dem sich Party an Demütigung, Glamour an Gosse reihte.
Auch das eine Ausnahmeperson. Geburtsname Edouard Frans Verbaarsschott, bekannt als
Romy Haag.
Wie die 1960er zum Beispiel in den USA eher aussahen, für diejenigen, die nicht das Glück hatten, zeigt der Film "
Screaming Queens".
Wie gesagt: Ich kenne reichlich ähnliche Lebensgeschichten von Freund*innen hier aus West-Deutschland, nur ein paar Jahre später, mit Geburtsjahren 1958-1980.
Efrats Freundin Vika, geboren 1974, Suizid 2015, hat eine ähnliche düstere Geschichte.
Im TransCafe höre ich aktuell trans Kids zwischen 15 und 18, die zuhause rausgeworfen wurden und heute immerhin mit Jugendamt und Sozialbehörde um Unterhalt, Unterbringung, Schule und Ausbildung kämpfen und um ihre Transition, ganz allein, und ich denke wie obszön privilegiert ich es hab und hatte und halte meinen Mund, weil ich nichts sinnvolles dazu sagen könnte.
Es ist schon sukzessive besser geworden. In den 60ern oder 70ern war es überall mörderisch. Spätestens wenn eins als trans bzw "geschlechtsabweichend" erkannt wurde. Ich weiss nicht, wie du diesbezüglich aufgestellt bist.
Ich denke, wer solche Lebensgeschichten nicht kennt, nicht weiss wie verbreitet diese Erfahrungen unter trans Personen sind oder eigene Erfahrungen solcher Ausgrenzung hat, kann kaum nachvollziehen, wie diese Menschen fühlen - wenn sie noch leben -, warum ihre Leben so aussehen und viele irgendwann keine Kraft mehr haben.
Es ist dann auch schwer zu verstehen, warum sie ganz besonders sensibel auf steigende Anfeindungen reagieren.