Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd
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Anne-Mette
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Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 1 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Raum für Argumente: Warum Hochschulen standhalten sollten

Der Autor war eingeladen, an der Leuphana-Universität in Lüneburg einen Vortrag mit dem Thema: "Transgender Wars – Why Became Biological Facts a Controversy?" zu halten. Allerdings konnte er dies nicht ohne Störungen und Anfeindungen – auch schon im Voraus – tun. In diesem Artikel berichtet er über seine Erfahrungen.


https://hpd.de/artikel/raum-fuer-argume ... lten-23525
Jaddy
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 2 im Thema

Beitrag von Jaddy »

hpd druckt einen Artikel der GWUP ab (die schon seit längerem durch ein sehr eigenes Verständnis von wissenschaftlich aufffällt).

Till R.Amelung weint bzw rantet sich aus, dass sein Vortrag und seine bisherigen Aussagen heftigst kritisiert wurden. Dabei ging es mal wieder um den Strohmann "biologisch zweigeschlechtliche Zeugung", den Amelung genauso wie Jan Feddersen, die "Fisch-Biologin", Dawkins und andere immer wieder aufbauen, um damit Selbstbestimmung und geschlechtliche Vielfalt zu bekämpfen.

Dazu gibt es im Netz diese feine Kachel:
04608817-5CCE-4C14-B417-CC9DBDF5ED77.jpeg
Als ich in der Mittelstufe war, habe ich gelernt, dass es nur zwei Geschlechter gibt.
Als ich meinen Bachelor in Biologie gemacht habe, habe ich gelernt, dass es auch intersexuelle Menschen gibt und wie wichtig das SRY-Gen ist.
Als ich meinen Master in Neurowissenschaften abgeschlossen habe, habe ich gelernt, dass Geschlecht schon schwer zu definieren ist und dass Gender sowohl sozial als auch im Gehirn verankert ist, was alles noch viel komplexer macht.
Wenn Menschen sagen: „Das ist grundlegende Biologie”, dann sagen sie dir damit, dass sie die Mittelschule noch nicht hinter sich gelassen haben.
– Rebecca Helm
Rebecca R. Helm hat (bzw hatte mindestens 2019) eine Assistenz-Professur für Biologie an der University of North Carolina.
Ihr Twitter Thread ging damals viral, hier aufgezeichet auf englisch: https://www.boredpanda.com/biological-s ... ter-thread
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 3 im Thema

Beitrag von Lana »

Jaddy hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 16:42feine Kachel
Ach Jaddy, das Bildchen ist nicht fein, sondern manipulativ.
Ich bin keine Biologin, aber es ist doch sehr offensichtlich, dass zur Zeugung genau zwei Geschlechter notwendig sind. Das schließt allfällige Abweichungen, Variationen und Mischungen doch nicht aus. Und diese Erkenntnis hat nun mal gar nichts mit Mittelschule zu tun, weil sie darum weiß, dass es nicht nur idealtypische Ausprägungen gibt.
Daraus jedoch ableiten zu wollen, dass es im Sinne der Fortpflanzung und Arterhaltung weitere Geschlechter gäbe ist doch, sagen wir mal, ziemlich gewagt.

Wie dem auch sei, welche Meinung man dazu auch hat:
Worin soll das Problem bestehen, diese Frage zu diskutieren? Warum wehrt sich eine kleine, laute Minderheit mit Händen und Füßen gegen diesen Austausch? Was ist die Motivation, solche Diskussionen bereits im Vorfeld zu torpedieren, und, falls sie nicht verhindert werden können, aktiv zu sabotieren? Wovor haben diese Leute so große Angst, dass sie nichtmal Interessierte untereinander ihre Gedanken austauschen lassen wollen und so die Möglichkeit des Gesprächs allgemein verhindern?

Das ist nicht nur schlechter Stil, sondern eine unerträgliche Anmaßung eigener, vermeintlich letztgültiger Wahrheit.

Wenn es denn wirklich so klar wäre, dass Menschen wie Till Amelung so falsch liegen würden wie du behauptest, dann dürfte es doch ein leichtes sein, ihre Positionen argumentativ auseinander zu nehmen. Stattdessen erfolgen regelmäßig Angriffe ad hominem oder Forderungen nach Diskursverbot.

Beides kann mich nicht überzeugen.
Und viele andere wohl auch nicht.

Vielmehr besteht real dieses Problem:
Erschwerend kam hinzu, dass sie diese und alle anderen Themen mit einer unangreifbaren moralischen Überlegenheit und Gewissheit anzugehen pflegten, die keine Diskussion zuließ. Jeder, der Skepsis äußerte, wurde entweder mit alarmierenden, aber irreführenden Statistiken bombardiert, mit Schuldgefühlen überhäuft, angeschrien oder systematisch verleumdet, belogen und mit der extremen Rechten in einen Topf geworfen. Die Bewegung versuchte, weitreichende und unpopuläre Veränderungen durchzusetzen, ohne auch nur zu versuchen, jemanden davon zu überzeugen. Ihre Strategie bestand darin, Menschen öffentlich zu beschämen, zu zensieren, zu exkommunizieren und zu schikanieren. Die Aktivisten verhielten sich auf eine Weise, die keinen Sinn ergab, es sei denn, ihr Ziel war es, die Menschen dazu zu bringen, sie und damit auch ihre Sache zu hassen.
Mir ist es herzlich egal, wer am Ende recht hat. Aber es muss konstruktiv und ergebnisoffen darüber gestritten werden können. Vor allem bei Univeranstaltungen, aber auch bei jedem anderen Format.

LGL
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 4 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lana hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 17:21
Jaddy hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 16:42feine Kachel
Ach Jaddy, das Bildchen ist nicht fein, sondern manipulativ.
Ich bin keine Biologin, aber es ist doch sehr offensichtlich, dass zur Zeugung genau zwei Geschlechter notwendig sind. Das schließt allfällige Abweichungen, Variationen und Mischungen doch nicht aus. [...]
Wie dem auch sei, welche Meinung man dazu auch hat:
Worin soll das Problem bestehen, diese Frage zu diskutieren? Warum wehrt sich eine kleine, laute Minderheit mit Händen und Füßen gegen diesen Austausch?
Weil diese ganze biologistische Herangehensweise kein "Austausch" ist, sondern eine subtile Anknüpfung an transfeindliche Erzählungen. Sie bleiben nämlich nicht bei der Zeugung. Kein Mensch bestreitet diese biologischen Funktionen, obwohl auch die komplexer sind, als das bis inkl Bio-Grundstudium gelehrt wird. Siehe https://www.youtube.com/watch?v=_K5-3Umq6gM - Heinz-Jürgen Voß erklärt das.

Die Argumentation von Amelung & Co ist "Biologische Fortpflanzung geht nur zweigeschlechtlich, deshalb gibt es nur zwei Geschlechter", aber mit der implizierten Folgerung "deshalb ist das ganze Genderzeugs Quatsch". Das ist erstens grob vereinfachend, vor allem aber arbeitet es absichtlich mit der Mehrdeutigkeit von "Geschlecht", biologisch und sozial.

Bereits biologisch ist es nicht möglich, "das Geschlecht" (singular) eines Menschen festzulegen. Dazu muss immer erst mal definiert werden, welche Perspektive relevant ist. Genitalien, Gonaden, Chromosomen (die nicht in allen Zellen identisch sein müssen), die hunderte Gene, die irgendwie "geschlechtliche" Features steuern, Hormone, usw.

Der echte, beabsichtigte Fehlschluss ist aber, vom "biologischen Geschlecht" einer Person - und da meinen sie witzigerweise die Gameten (Spermien, Eizellen) - auf Verhaltensmuster und soziale Geschlechterrollen zu schliessen. Anders gesagt: Das ist genau der Unfug von "Männer bzw Frauen sind eben so (weil: Biologie)". Biologischer Essenzialismus nennt sich diese Ide(ologi)e. Sie behauptet, dass Männer und Frauen in ihrem Verhalten durch ihre Biologie unveränderlich festgelegt seien. Kannste halt nix an machen. TERFs wie Schwarzer, Luis, etc. beziehen sich explizit auf diesen Essenzialismus, wenn sie behaupten, Geschlecht sei nicht änderbar, d.h. trans Frauen blieben eben immer "biologische Männer" (Chromosomen etc) mit allen männlichen (sozialen) Eigenschaften. Das ist unter anderem witzig, weil Amelung selbst trans Mann ist...

Ausserdem natürlich: tertium non datur. Weil biologische Zeugung nur mit zwei verschiedenen Zelltypen möglich ist, gibt es keine nichtbinäre Geschlechtsidentitäten. Hä? (Im übrigens ist es bereits möglich, das Erbgut in Spermien und Eizellen zu tauschen, so dass beide männlich oder beide weiblich oder einfach getauscht sein können. Zwei Männer oder zwei Frauen könnten also ein eigenes Kind zeugen.)

Und zum guten Abschluss behaupten Amelung & Co faktenwidrig, irgendwer würde biologische Grundfunktionen bestreiten; siehe den Titel der Veranstaltung oder den Vortrag von Vollmer. Dem ist nicht so. Der Knackpunkt ist einfach, dass in der Biologie schon Spermien "männlich" genannt werden können, dies jedoch nichts über die "Männlichkeit" des Individuums aussagt. Weder was dessen andere Biologie angeht und schon gar nicht die soziale Geschlechtsidentität.

Der Punkt ist: Geschlechtsidentität hat mit biologischer Zeugung oder körperlichen Features eigentlich nichts zu tun. Konfrontiert mit den vergeschlechtlichten gesellschaftlichen Mustern und wie Menschen dich darin nach ihrer Anschauung einordnen, kommt dein Hirn entweder einigermassen damit klar (yay, cis!) oder eben nicht. Das hat mittelbar mit deinem vergeschlechtlichten Erscheinungsbild zu tun, aber nicht mit deinen Gameten und_oder ob und wie du zeugen oder gebären kannst/willst/sollst.

Diese binäre, biologistische Erzählung ist wirklich schon unzählige Male auseinander genommen worden. Ebenso die perfide Fehlschluss-Kette, von Spermien auf soziale Geschlechterrolle ("an der Backtheke") zu schliessen. Da muss nicht mehr "ergebnisoffen gestritten" werden. Das ist in etwa so "strittig" wie die Kugelgestalt der Erde. Es sind einfach zwei völlig verschiedene Dinge, die entweder aus Unwissenheit oder Bösartigkeit miteinander verknüpft werden. Unwissenheit können wir bei Amelung, Dawkins & Co aber wohl ausschliessen.

Biologische und andere Features können natürlich zwecks besserer Handhabung zusammengefasst und etikettiert werden. Zum Beispiel als "männlich" und "weiblich". Dabei muss aber immer der Geltungsbereich der Label und die Art der Relation beachtet werden. Für was genau gilt dieses Label und welche Spezialitäten werden zwecks Vereinfachung ausser acht gelassen? (Immer wieder gut zu dem Thema: Abigail Thorn, Social Constructs. Ich liebe den Begriff homoeostatic property cluster :wink: ).

Heisst: Wenn irgendetwas in der Biologie "männlich" gelabelt wird und irgendetwas anderes in der Soziologie oder Psychologie ebenso, ist das zwar das gleiche Wort, aber noch lange nicht der gleiche Begriff, noch haben die beiden Cluster automatisch kausal etwas miteinander zu tun. Ausserdem sind sie lediglich deskriptiv, nicht präskriptiv: Sie beschreiben einen beobachteten Ausschnitt der Realität innerhalb eines Fachgebiets, aber definieren keine Norm und schon gar keinen Zusammenhang zwischen den Fachgebieten.

Diese feinen Unterschiede werden von Amelung & Co absichtlich unter den Tisch gekehrt und stattdessen Unfug über eben diese detaillierte Debatte verbreitet. Genau deshalb werden ihre Vorträge inzwischen frühzeitig lautstark kritisiert. Sie sind nämlich keine Aufklärung und kein Beitrag zu einer "konstruktiven und ergebnisoffenen" Debatte, sondern schlicht und einfach TIN*-feindliche Propaganda.
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Beitrag von Val44721 »

Lana hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 17:21 Ich bin keine Biologin, aber es ist doch sehr offensichtlich
„Es ist doch sehr offensichtlich, dass“ ist der Feind jeder Wissenschaft. So viele Sachen wurden mit dieser Begründung gerechtfertigt, und haben daraufhin so vielen geschadet. Und so oft waren sie Schwachsinn. Wozu haben dann diese Menschen gelitten?
Lana hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 17:21 Wovor haben diese Leute so große Angst
Dass sie uns jagen. Wie sie es haben und jederzeit tun werden sobald sie mächtig genug dazu sind.

Hast du deren Vorschläge gelesen? Die Gleichsetzung von trans Frauen mit cis Frauen rechtlich aufheben?
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 6 im Thema

Beitrag von Lana »

Jaddy hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 19:00 Diese feinen Unterschiede werden von Amelung & Co absichtlich unter den Tisch gekehrt und stattdessen Unfug über eben diese detaillierte Debatte verbreitet. Genau deshalb werden ihre Vorträge inzwischen frühzeitig lautstark kritisiert. Sie sind nämlich keine Aufklärung und kein Beitrag zu einer "konstruktiven und ergebnisoffenen" Debatte, sondern schlicht und einfach TIN*-feindliche Propaganda.
Mag so sein oder auch nicht. Da maße ich mir kein Urteil an.

Aber selbst wenn es so wäre wie du schreibst:
Wo ist dann das Problem, das argumentativ herauszufordern? Amelung stellt sich der Diskussion, also warum widerlegt man ihn dann nicht mit Argumenten, wenn das angeblich so eindeutig ist?
Das im Artikel beschriebene Verhalten seiner Gegner zeugt jedenfalls nicht gerade von einem souveränen Umgang mit kontroversen Positionen. Selbst wenn sie recht haben sollten, überzeugen sie auf diese Weise niemanden. Bestenfalls schüchtern sie Menschen ein, ihre Meinung zu sagen.

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Post 7 im Thema

Beitrag von Lana »

Val44721 hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 20:17 Hast du deren Vorschläge gelesen?
Ich habe den verlinkten Artikel gelesen, liebe Val. Da steht nichts von den Dingen, die du behauptest.

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 8 im Thema

Beitrag von Michi »

Lana hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 22:24 Amelung stellt sich der Diskussion, also warum widerlegt man ihn dann nicht mit Argumenten, wenn das angeblich so eindeutig ist?
Mit solchen Leuten zu diskutieren, ist so sinnlos wie der Versuch, mit Tauben Schach zu spielen.
Wenn dir jemand auf den Fuß tritt, schreist du "Aua" und erwartest eine Entschuldigung.
Mir treten andere dauernd auf die Füße und erwarten, dass ich mich dafür entschuldige, dass es mir weh tut.
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Post 9 im Thema

Beitrag von Lana »

Hast du es denn versucht?

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Post 10 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lana hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 22:24 Amelung stellt sich der Diskussion, also warum widerlegt man ihn dann nicht mit Argumenten, wenn das angeblich so eindeutig ist?
Das ist das Charlie Kirk Argument; "aber er hat doch mit allen debattiert" [spoiler: nein, hat er nicht]. Tatsächlich geht es bei solchen "Debatten" nicht um einen fairen Austausch, weil die andere Seite nicht seriös mitspielt. Das ist auch schon vielfach dargelegt worden. Es ist, wie Michi schreibt, Taubenschach: "Die Taube wird auf dem Brett herumstolzieren, alles umwerfen, auf's Brett kacken und dann so tun als habe sie gewonnen".

"Debatte" wird von Menschen wie Amelung, Schwarzer & Co lediglich vorgeschoben. Gemeint ist "Bühne zur Selbstdarstellung", auf der tatsächlich diskussionsbereite Menschen als Staffage und punching ball benutzt werden, um das Votum des Publikums zu gewinnen. "Playing to the crowd" im englischen; "für das Publikum spielen". Denn darum geht's ihnen. Nicht um gemeinsame Wahrheitsfindung. Das ist der Knackpunkt.

Du bist als faktentreuer Mensch mit Anspruch auf seriöse Diskussion immer im Nachteil gegenüber Menschen, die sich einfach was zusammenfabulieren können. Jede grobe Vereinfachung, jede Plattitüde, jeden Appell an "gesunden Menschenverstand", gegen den komplexe Wissenschaft und gründliches Nachdenken nicht ankommt. Schon weil du bei einer Bühnendiskussion gar keine Zeit hast, das Publikum ausreichend abzuholen. Dein Gegenüber wirst du eh schon aus Prinzip nicht überzeugen.

Ich hab den Spass auf mehreren Gebieten beobachtet und auch selbst erlebt. Den Gish-Galopp, die Chewbacca-Verteidigung, Strohmänner, Red Herrings, Derailment und andere. Es gilt Bandolinis Gesetz. Diese Stichworte lassen sich alle in Wiki nachschlagen.

Das alles ist leider eine wirklich lang bekannte Strategie. In den 60ern in K-Gruppen geübt, inzwischen vor allem von Rechten perfektioniert. Es gibt viele Aufarbeitungen dieser Methode.
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 11 im Thema

Beitrag von Lana »

Jaddy hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 23:15 Das alles ist leider eine wirklich lang bekannte Strategie. In den 60ern in K-Gruppen geübt, inzwischen vor allem von Rechten perfektioniert. Es gibt viele Aufarbeitungen dieser Methode.
Hmm, ich sehe diese Phänomene inzwischen fast überall, auf allen Seiten. Daher kann ich auch deiner Antwort wenig abgewinnen, weil sie impliziert, dass allein deine Meinung fundiert und reflektiert ist, die andere jedoch keiner Auseinandersetzung würdig sei. Das behaupten die Anderen aber genau so.

Wie gesagt, mich überzeugt das nicht, und sehr vielen geht es ähnlich. Das Problem bleibt, dass damit das Gegenteil von dem erreicht wird, was angeblich das Ziel wäre. Siehe das Zitat in meinem ersten Beitrag hier.

Wirklich besser wird das erst dann, wenn es gelingt, die Menschen wirklich mitzunehmen und zu überzeugen. Sie dazu zu nötigen, einfach etwas glauben zu sollen, weil die andere Meinung ohnehin nur Blödsinn sei, blockiert aber genau das: sie da abzuholen, wo sie eben gerade sind. Dazu muss man miteinander reden.

Ja, das ist mühsam, aber einen anderen Weg sehe ich nicht.

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 12 im Thema

Beitrag von Val44721 »

Wenn man anfängt Menschenrechte zur offenen Diskussion zu stellen, ist das einzige was man tut, die Position diese abzulehnen als gleichwertig darzustellen. So als könne man ja verschiedene Meinungen dazu haben, ob manche Menschen vielleicht nicht doch diese aberkannt haben können. Als wäre das eine valide Antwort.

Solche Menschen leben davon, zu skandalieren, zu provozieren, und das ganze auf eine Weise zu tun die für ihre Anhänger so wirkt, als würden sie „die Verrückten“ durch ihre übermäßige Kompetenz besiegen. Ist ein riesen Ding in der rechten Kultur. Eigene Überlegenheit demonstrieren. Dabei greifen sie auf wirklich geschickte Tricks und Manipulation zurück, um für leichtgläubige und nicht mit dem Thema vertraute Menschen dazu zu verleiten, sie als die Experten und „Kritische Hinterfrager“ darzustellen. Warum bloß die ganzen rechtsextremen „Debattierer“ immer nur gegen Leute antreten wollen, die jahrzehnte jünger sind und das zum ersten mal machen? Warum sind die beliebten Titel in diesen rechtsextremen Kreisen immer „Debating harvard students“ und nie „Debating harvard professors“? Deswegen heißt seine Gruppe ja auch „die Skeptiker“. Gleiche Taktik.

Wie menschenverachtend das ganze ist merkt man relativ schnell, wenn man anfängt die gleichen Prinzipien auf andere menschliche Merkmale anzuwenden.

„Wann wurde die Realität zur Kontroversität“ und „biologische Fakten“ wurden genauso verwendet gegen schwarze Menschen, um über ihren angeblich deutlich niedrigeren IQ zu „diskutieren“. Wo sie einem dann Schädel zeigten, meinten hier ist die Form anders, und dahinter ist die Intelligenz. Gabs sehr viele Studien zu. Voll wissenschaftlich. Genauso wie gegen Frauen. Weibliche Hysterie war eine Krankheit (also angeblich) die durch die Gebärmutter ausgelöst wurde. „Biologische Fakten“. Frauen seien unterwürfig und durch ihr kleineres Hirnvolumen dümmer. Frauen in Führungspositionen seien zu emotional wegen Östrogen. Und jetzt kommt „Biologischer Fakt Transgender“, von den Machern der anderen „biologischen Fakten“.

Was wir hier sehen ist die meiner Meinung nach bisher erfolgreichste Taktik der Rechten. So tun als würde man Angebote machen. „Wir akzeptieren dich ja, wenn du nur mit uns gegen die Gruppe X bist/wegschaust während wir sie jagen“.

Hier ist die Gruppe X transfeminine Personen und Jugendliche. Dann würde man ja die transmaskulinen Personen akzeptieren.

Gleiches machen sie bei den schwulen und lesbischen Menschen. Dort heißt es dann, man würde sie ja akzeptieren, solange sie die trans Menschen ablehnen. Beispiel „LGB“.

Und die Frauen würde man akzeptieren, solang man nur die Feminist:innen ablehnt, die SPD, wenn man nur die Grünen und die Linke ablehnt, die Migranten der zweiten Generation, wenn man nur die der ersten ablehnt, die zöllibaren Homosexuellen, wenn man nur die aktiven ablehnt, etc etc.

Aber warum machen sie das? Weil sie fürchten sonst nicht dagegen anzukommen, wenn alle vereint stehen. Indem sie uns aufteilen und nur happenweise gegen uns vorgehen. Can‘t fight them all? Nimm sie dir Stück für Stück, und versprich den anderen sie niemals zu holen, wenn sie nur weggucken in diesem Moment dafür. Und am Ende ist keiner mehr da, der den letzten hilft, weil bereits alle anderen weg sind.

Und verzeih mir die harten Worte aber: Du fällst voll drauf rein. Jetzt sagen sie dir, dass wenn man nur die Gleichstellung von cis und trans Frauen aufgibt (das Stichwort da ist Frauenschutzräume, steht im Text), dann würden sie dich ja akzeptieren. Nein. Würden sie nicht. Danach würden sie zu den schwulen und lesben gehen, und denen sagen, dass sie die ja akzeptieren würden, wenn sie dafür deine Würde aufgeben. Und danach gehen sie weiter.

Was wir hier sehen ist das verletze Ego eines Mannes der bei seinem menschenverachtenden Vortrag, mit dem Ziel die Leben von trans Personen weniger lebenswert zu machen, von ein paar Student:innen ausgelacht wurde. Und den das so aufgeregt hat, dass er auf mehreren Seiten selbst Artikel verfasst hat, wie im Recht er doch sei, und der das gerne durch „alternative Medien“ gibt. Das ist aber blöd für ihn, dass bei dem Versuch die Rechte von mir zu schmälern ihn jemand ausgebuht hat.

Opfere nicht andere Gruppen, in dem Glauben, damit selbst mehr von ihnen akzeptiert zu werden. Denn das wirst du nicht. Du wirst nur die nächste sein, die von anderen geopfert wird, in der Hoffnung, dass es sie dafür nicht trifft.
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Post 13 im Thema

Beitrag von Lana »

Val44721 hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 23:49 Opfere nicht andere Gruppen, in dem Glauben, damit selbst mehr von ihnen akzeptiert zu werden. Denn das wirst du nicht. Du wirst nur die nächste sein, die von anderen geopfert wird, in der Hoffnung, dass es sie dafür nicht trifft.
Das hat vor langer Zeit
jemand
in anderen Worten gesagt, und da bin ich voll bei dir. Nur sehe ich das im fraglichen Artikel nicht und frage mich, wieso du allerlei wichtige Themen anführst, die hier gar nicht diskutiert werden.

Ich erwarte einfach, dass man bereit ist, miteinander zu reden, anstatt über einander. Erst recht, wenn man die Anerkennung der eigenen Position anstrebt. Und nein, destruktive Störung ist keine akzeptable Form der Kommunikation. Das gilt für alle Beteiligten.

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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 14 im Thema

Beitrag von Claudia »

Lana hat geschrieben: Sa 1. Nov 2025, 01:11 Nur sehe ich das im fraglichen Artikel nicht und frage mich, wieso du allerlei wichtige Themen anführst, die hier gar nicht diskutiert werden.
Die werden hier gut versteckt diskutiert. Denn es gibt da etwas, das über dem allen steht, das Menschenrecht auf Anerkennung der Gleichwertigkeit.

Aus dem Artikel:
Es ging darum, die Konfliktstellen zwischen einem Geschlechtsverständnis, welches ausschließlich auf Identität zentriert ist, und der nach wie vor gültigen biologischen Begriffsdefinition aufzuzeigen. Diese Konflikte gibt es zweifelsohne
Durch diesen scheinbaren Konflikt spricht er uns trans-Menschen die Existenzberechtigung ab. Wenn ihm das biologische Geschlecht als wichtiger erscheint, ist das allein seine Sache. Er versucht die "Biologen" gegen die "Identitären" gegeneinander auszuspielen. Das ist genau das, was Valerie in ihrem Beitrag anspricht. Lies ihn zur Sicherheit noch einmal.

So wie trans-Menschen sich identifizieren ist es allein ihre Sache. Ich identifiziere mich als gleichwertige Frau, als gleichwertiger Mensch wie alle anderen queer- und cis-Personen, einfach als Mensch. Und da gibt es nichts zu diskutieren.

BTW: Er als trans Mann will ja auch als Mann anerkannt werden. Insofern widerspricht er sich da selbst.

LG Claudia
The greatest act of courage is to be & own all that you are. Without apology.
Without excuses & without any masks to cover the truth of who you truly are.
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Re: Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität | hpd

Post 15 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lana hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 23:43
Jaddy hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 23:15 Das alles ist leider eine wirklich lang bekannte Strategie. In den 60ern in K-Gruppen geübt, inzwischen vor allem von Rechten perfektioniert. Es gibt viele Aufarbeitungen dieser Methode.
Hmm, ich sehe diese Phänomene inzwischen fast überall, auf allen Seiten. Daher kann ich auch deiner Antwort wenig abgewinnen, weil sie impliziert, dass allein deine Meinung fundiert und reflektiert ist, die andere jedoch keiner Auseinandersetzung würdig sei. Das behaupten die Anderen aber genau so.
Das Thema ist ja gerade, dass es hier zwei Ebenen gibt; die inhaltliche Diskussion und den Kontext, in dem sie stattfindet. Bei letzterem sind wir einfach nicht auf einem fairen Spielfeld, so dass auch eine Sach- und Fachdiskussion nicht fair sein kann.

Gegenüber einem (relativ) uninformiertem Publikum kommst du auch mit besten Studien nicht gegen scheinbar plausible (aber falsche) Behauptungen an - die auch mit "Studien" belegt sind. Beispiele sind "Social Contagion" / "ROGD" (Lisa Littman) und eben jene (seriös widerlegten) Thesen, die Amelung in seinem eigenen Artikel bringt: Trans sei bei Jugendlichen lediglich verkorkste Homosexualität und nichtbinäre Geschlechtsidentitäten verwirrte Menschen, die sich einfach nicht entscheiden könnten. Das klingt alles so kompatibel mit dem "gesunden Menschenverstand", dass es nicht mal die (leicht zerpflückbaren) Paper braucht, mit denen Amelung et.al. natürlich auch rumwedeln. (ich hab mir seine Quellenliste angesehen und brauche keine zwei Minuten, um sowohl deren Mängel aufzudecken, als auch Amelungs falsche Schlussfolgerungen bzw rethorische Tricks)

Eine Analogie: Albert Einstein hat zweifellos großes geleistet für die Physik. Ohne seine Erkenntnisse würde zB kein GPS funktionieren. Ohne Quantenmechanik aber auch nicht. Aber die konnte Einstein überhaupt nicht ertragen. Ebenso wie viele andere Physikys und große Teile der populärwissenchaftlichen Gemeinden. Die eher unwissenschaftliche Öffentlichkeit schon gar nicht. Die hatten schon ihre liebe Not mit Einstein. Einsteins "Gott würfelt nicht" ist legendär, obwohl der Satz gleich zwei Falschannahmen enthält und Quantenmechanik nachweislich korrekt funktioniert. Es widerstrebt einfach dem "gesunden Menschenverstand", dass das ganze Universum im Allerkleinsten nicht deterministisch und berechenbar ist, sondern Dinge unvorhersagbar ohne Ursache zufällig entstehen und vergehen. Daran lässt sich in öffentlichen Diskussionen prima anknüpfen und du "gewinnst" easy quasi jede popular vote.

Kurz: Wenn du ein undifferenziertes Publikum mit pseudo-logischen, wissenschaftlich klingenden Thesen beschickst, haben echte Wissenschaft und komplexe Zusammenhänge keine Chance auf der Bühne. Deshalb ist das Spielfeld nicht fair und gerade die sachliche Auseinandersetzung die du möchtest gar nicht möglich.

Es wäre deshalb ganz zuerst mal nötig, eine gemeinsame emotions-reduzierte Basis zu schaffen, wo alle Teilnehmenden ihre Perspektiven darlegen können und alle anderen diese auch verstehen.

Ich möchte auf einen zentralen Knackpunkt eingehen, weshalb das bei bzw von Amelung nicht gewollt ist. Dazu muss ich etwas ausholen. Ca 300 Jahre in die Anfänge der modernen Wissenschaft, der vor allem eines fehlte: Wörter. Bezeichnungen. Sowohl für einzelne Dinge, die als solche entdeckt wurden, als auch für Phänomene, Gesetzmässigkeiten, Kategorien, usw. Eine wissenschaftliche Hauptbeschäftigung war lange Zeit, irgendwie Ordnung in den ganzen Wissenshaufen zu bringen. Und Ordnung heisst hier: Trennen, unterscheiden, einsortieren und benennen. In unterschiedliche Disziplinen und ihre Fachgebiete, die Kataloge erstellen, usw. In der Biologie gab bzw gibt es mehere Ansätze für Taxonomien, aber so richtig glücklich ist man da bis heute nicht, weil sich immer irgendwelche Wesen der eindeutigen Zuordnung entziehen. Das Schnabeltier (s. Abis "Social Contract" Video) ist ein bekanntes Beispiel. Es gibt viele andere, zum Beispiel Arten mit 3, 4, 5 "Geschlechtern". Ähnlich in der Physik, wo verschiedene Modelle (Gleichungssysteme) zwar innerhalb ihrer Definitionsbereiche funktionieren, aber nicht miteinander. Welle/Teilchen, Quantenmechanik/Relativität und die Schwerkraft, die irgendwie gar nicht rein passt.

Im Wiki-Artikel Taxonomie ist auch ein Abschnitt zur Kritik an Taxonomien generell: Sie sind für einen bestimmten, begrenzten Zweck pragmatisch aber gleichzeitig willkürlich. Es gibt keine "natürlichen Regeln". Statt dieser könnte je nach Zweck auch jede andere Kategorienbildung sinnvoll sein. Ausserdem: "Anthropologische Untersuchungen zeigen, dass die in bestimmten Sprach- und Kulturräumen verwendeten Taxonomien in örtliche, kulturelle und soziale Systeme eingebettet sind und unterschiedlichen sozialen Zwecken dienen." - Fun fact: Alphabetische Sortierung für Wissen a'la Lexika ist eine ziemlich neue Idee. Selbst die Sortierung der Alphabete.

Gilt nicht nur für die Biologie, sondern für alle Fachgebiete. Innerhalb der jeweiligen Fächer sind sich die meisten (hoffentlich!) der Willkürlichkeit, Unschärfe, Mehrdeutigkeit und begrenzten Gültigkeit der Begriffe bewusst. Sobald ich nicht "vom Fach" bin oder mehrere Fächer mische, wird es kompliziert. Nochmal Physik als Beispiel: Quarks haben eine "Farbladung" (rot, grün, blau und die "Anti-Farben" cyan, magenta und gelb). Das sind aber nur Bezeichnungen, die mit "Farbe" weder im physikalischen Sinn (Frequenz) noch in der Alltagswahrnehmung zu tun haben. Den Leuten, die das Verhalten beobachtet und mathematisch beschrieben haben, fiel einfach nichts besseres ein. Zitat Richard Feynman: "Diese Physiker-Idioten, unfähig sich irgendwelche wundervollen griechischen Wörter auszudenken, bezeichnen diese Art der Polarisation mit dem unglücklichen Begriff ‚Farbe‘, der nichts mit der Farbe im üblichen Sinn zu tun hat.“ Gleiches für die Eigenschaft "Spin", der nichts mit einer wirklichen Drehung zu tun hat, sondern lediglich mathematisch ähnlichen Gleichungen folgt.

So richtig heftig wird es aber, wenn Fachbegriffe mit einer ziemlich engen, nicht übertragbaren Bedeutung gleichzeitig für ganz andere Dinge in anderen Gebieten verwendet werden, oder gar in der Alltagssprache - und dies bei ideologischen Diskussionen unterschlagen wird. Es geht natürlich um das Wort "Geschlecht", sein vergeschlechtlichten Verwandten und deren vielfältige, ganz unterschiedliche Bedeutungen.

Es wäre eigentlich vollkommen unproblematisch, "Geschlecht" oder "männlich"/"weiblich" in der Biologie zu verwenden, solange allen Beteiligten klar ist, über was im Detail gesprochen wird. Wir können "die großen Gameten" weiblich nennen zur Vereinfachung und die "die kleinen Gameten" männlich. In mikrobiologischen Fachdiskussionen ist klar, dass damit weder auf Chromosomen noch auf geno- oder phänotypische Details eines Individuums geschlossen werden kann - und schon gar nicht auf Kategorien ausserhalb der Mikrobiologie wie soziale Rollenkonzepte oder adlige Abstammung. Stattdessen könnten auch die Bezeichnungen "X-Typ" und "A"/"B" verwendet werden.

Unsere Hirne sind aber nicht so trennscharf, sondern arbeiten mit Assoziations-Netzwerken. Ein Wort aktiviert immer alle Kontexte, in dem wir es je gehört oder gedacht haben. Wir können uns deshalb bei der Sprache über "weibliche" Keimzellen den (unbewussten) Assoziationen zu "Frau", "Schwangerschaft", "Geburt", "Kind" und all den "weiblichen" Rollenbildern nicht entziehen. Alles davon wird mehr oder weniger automatisch mit dem Wort "weiblich" aktiviert (ja, dazu gibt es reichlich psycho-linguistische Fachliteratur mit priming Experimenten) und durch "fachfremde" Verwendung wie zum Beispiel bei elektrischen Steckverbindungen verfestigt.

Es ist deshalb gleichzeitig wahr, dass "wissenschaftlich nach wie vor nicht widerlegte Tatsachen um das biologische Geschlecht" in der Biologie unstrittig sind, auch unter trans-aktivistischen Personen, aber gleichzeitig die Benennungen "weiblich"/"männlich" problematisch sein können, wenn sie in anderen Kontext transferiert werden, ohne sie einzuordnen.

Vereinfacht: Wenn trans Mann Till Amelung jetzt schwanger würde (keine Ahnung wie sein Fortpflanzungssystem real aussieht), wären seine Gameten dann "weiblich"? "Männlich"? Bzw in welchem Kontext ist welche Bezeichnung akkurat? Kommt wohl darauf an, worüber gerade geredet wird und dass die Kontexte sauber definiert werden.

Die tatsächlich wissenschaftliche Diskussion dazu läuft logischerweise in der dafür prädestinierten Wisschenschaft, in wie weit vergeschlechtlichte Wörter in Fachdisziplinen Auswirkungen auf gesellschaftliche Diskussionen haben und in wieweit sie hinterfragt und ersetzt werden sollten, um keine Falschassoziation und unzulässige Verknüpfungen zu schaffen. Kurz: Wo wir im Zusammenhang mit "Geschlecht" stehende Wörter vielleicht besser weglassen sollten, um tatsächlich sachlicher denken und reden zu können.

Das ist der ganze "Konflikt", den Amelung offenbar nicht verstanden hat oder nicht eingestehen will - "... wurden mit den Standardantworten erwidert: Wir seien in einem kapitalistischen System und alles ginge auf alte, weiße Männer zurück. Weshalb dies ein hinreichender Grund sein soll, um etwas als "unwahr" zu etikettieren, konnte nicht geklärt werden". Nicht biologische Phänomene werden als unwahr bezeichnet, sondern ihre althergebrachte ("alte, weisse Männer"), willkürliche Benennung als ungeeignet für übergreifende Diskussionen über die mikrobiologischen Details hinaus.

Ich sehe daher schon den Titel der Veranstaltung als bewusst provokant und irreführend; "Transgender Wars – Why Became Biological Facts a Controversy?" ("Transgender-Kriege – Warum wurden biologische Fakten zu einer Kontroverse?"). Er unterstellt - unzutreffend -, transaktivistische Leute würden biologische Wissenschaft in Frage stellen und_oder einen "Krieg gegen Fakten" führen.
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