Evangelikale - mit Gott an die Macht
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Jaddy
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Evangelikale „ mit Gott an die Macht

Post 1 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Arte hat gerade den Dreiteiler "Evangelikale - Mit Gott an die Macht" von 2023 wieder auf der Liste und in der Mediathek. Beschrieben wird die Historie der Bewegung Anfang der 1900er in den USA und ihre Entwicklung weltweit bis 2023.

Dabei geht es vor allem um die Führungsfiguren seit Billy Graham, ihre weltweiten Netzwerke, ihre Sponsoren, ihre Allierten in politischen Systemen, die zusammen einen religiös-politischen Alleinherrschafts-Anspruch verfolgen: Eine autokratische, rein christlich-fundamentalistisch und christlich-nationalistische Regierung, die bibel-basierte Politik verbindlich für alle machen will. Nicht nur in den USA, sondern weltweit. Die "Strategie der sieben Berge". Das lässt sich unter diesem Stichwort massenhaft nachlesen. D.h. Durchdringung und gegenseitige Beförderung von Evangelikalen und schliesslich die Dominanz über sieben gesellschaftliche Bereiche: Religion, Familie, Bildung, Regierung, Medien, Kunst/Unterhaltung und Wirtschaft. Ziel ist der ausschliesslich christliche Gotteststaat, der abgesehen vom anderen Quelltext im Effekt nicht unterscheidbar ist von den Taliban, dem saudischen Regime oder der iranischen Theokratie. Jedenfalls für Menschen, die mit dem christlichen Glaube (jener Ausprägung) nichts anfangen können und_oder wegen persönlicher Dinge inkompatibel mit dem vorgeschriebenen Lebensmodell sind.

Mir persönlich wird dabei Angst und Bange, wenn ich sehe, wie weit sich das aktuell ausbreitet - wobei die Verquickung der russisch-orthodoxen Kirche mit dem Putin-Regime oder eben die islamischen Theokratien nicht weniger schlimm sind. Übrigens dient "christlich" bei allen Unterschieden im Detail auch als generelles Scharnier zwischen verschiedenen Strömungen autokratischer bzw christlich-nationalistischer bis hin zu christlich-faschistischer Ausrichtung. Das sind auch katholische Ultras und andere bei. Annika Brockschmidt und Andres Kemper recherchieren seit Jahren, fast Jahrzehnten dazu. Unter ihrem Namen finden sich massig gute Darstellungen.

Natürlich sind nicht alle Gemeinden und Gläubigen, die sich evangelikal nennen, auf diesem Gottesstaat-Trip. Ich nehme auch vielen ab, sich einfach wohl und geborgen zu fühlen in ihren Gemeinden, unter denen auch liberale sein werden. Gleichzeitig lohnt es sich immer genau hinzuschauen, welche Verbindungen und vor allem welche Geldflüsse es zwischen Gemeinden und christlich-extremistischen Kräften gibt. Ausserdem empfinde ich das Label evangelikal als "verbrannt". Für mich ist das eine red flag, weil das Wort zumindest ausserhalb Deutschlands fast ausschliesslich für anti-liberalen religiösen Fundamentalismus steht, der alle anderen Menschen unterwerfen will. Es kann einfach nicht naiv genutzt werden oder ignorant oder gar entschuldigend gegenüber den Extremisten unter gleichem Label, ohne Assoziationen zu genau denen hervorzurufen. Schliesslich haben die extremen all das erfunden und selbst Billy Graham mit seinen teilweise liberalen Ansichten hätte jederzeit eine "christlich" dominierte Regierung gegenüber einer liberalen bevorzugt.

So wird vielleicht eher klar, warum "evangelikal" nicht-religiöse oder auch nicht-christliche Menschen alarmiert.
Inga
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Re: Evangelikale „ mit Gott an die Macht

Post 2 im Thema

Beitrag von Inga »

Hallo,

Wer sich wirklich informieren will zur Vielfältigkeit der "Evangelikalen", da empfehle ich einen etwas längeren Artikel im englischsprachigen Wikipedia zu "Evangelicalism".

https://en.wikipedia.org/wiki/Evangelicalism

Liebe Grüße
Inga
Jaddy
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Re: Evangelikale „ mit Gott an die Macht

Post 3 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Dazu passt auch diese Meldung: https://www.queer.de/detail.php?article_id=54179

"Mit seiner Äußerung, dass Homosexualität "todeswürdig" sei, hatte Olaf Latzel vor fünf Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Dafür erhielt er eine Mini-Strafe der Kirchenführung. Jetzt stellt seine Gemeinde klar: Homosexuelle sind immer noch ein Feindbild."
Latzel-Gemeinde will sich "dem gerade herrschenden Zeitgeist" entgegenstellen

In der Stellungnahme heißt es, der Pastor habe sich nur an der Bibel orientiert: "Es geht darum, dass Pastor Latzel bestraft wird, weil er in aller Öffentlichkeit an der Bibel in allen Teilen als einzige Wahrheit festhält und sich damit dem gerade herrschenden Zeitgeist entgegenstellt." Die Kirchenführung wolle "bibeltreue Aussagen zu sexualethischen Fragen in der Öffentlichkeit" untersagen. Martialisch heißt es weiter: "Wir stehen in einem Kampf um die biblische Wahrheit." Dabei teilte die Gemeinde auch gegen einen anderen Pastor aus, der die queerfeindliche Haltung Latzels kritisiert hatte.

Die Gemeinde erklärt im dem Text, dass Homosexuelle, die nicht zölibatär leben, grundsätzlich gegen Gottes Gebote verstießen
Inga
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Re: Evangelikale „ mit Gott an die Macht „„„ und andere

Post 4 im Thema

Beitrag von Inga »

Hallo, Jaddy,

Auch diese gibt's:

"...Evangelicals dissatisfied with the movement's fundamentalism mainstream have been variously described as progressive evangelicals, postconservative evangelicals, open evangelicals and postevangelicals. Progressive evangelicals, also known as the evangelical left, share theological or social views with other progressive Christians while also identifying with evangelicalism. Progressive evangelicals commonly advocate for women's equality, pacifism and social justice.[176]

As described by Baptist theologian Roger E. Olson, postconservative evangelicalism is a theological school of thought that adheres to the four marks of evangelicalism, while being less rigid and more inclusive of other Christians.[177] According to Olson, postconservatives believe that doctrinal truth is secondary to spiritual experience shaped by Scripture. Postconservative evangelicals seek greater dialogue with other Christian traditions and support the development of a multicultural evangelical theology that incorporates the voices of women, racial minorities, and Christians in the developing world. Some postconservative evangelicals also support open theism and the possibility of near universal salvation.

The term "open evangelical" refers to a particular Christian school of thought or churchmanship, primarily in Great Britain (especially in the Church of England).[178] Open evangelicals describe their position as combining a traditional evangelical emphasis on the nature of scriptural authority, the teaching of the ecumenical creeds and other traditional doctrinal teachings, with an approach towards culture and other theological points-of-view which tends to be more inclusive than that taken by other evangelicals. Some open evangelicals aim to take a middle position between conservative and charismatic evangelicals, while others would combine conservative theological emphases with more liberal social positions.

British author Dave Tomlinson coined the phrase postevangelical to describe a movement comprising various trends of dissatisfaction among evangelicals. Others use the term with comparable intent, often to distinguish evangelicals in the emerging church movement from postevangelicals and antievangelicals. Tomlinson argues that "linguistically, the distinction [between evangelical and postevangelical] resembles the one that sociologists make between the modern and postmodern eras".[179]
..."
(Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Evangelicalism#Beliefs )

Dei Übersetzung dürfte ernsthaft Interessierten nicht schwer fallen.

Liebe Grüß0e
Inga
Jaddy
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Re: Evangelikale „ mit Gott an die Macht

Post 5 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Ich weiss, ich weiss, Inga: "Not all men"...
Das Thema hatten wir ja gerade in einem anderen Thread.
Gleiches Schema.

Mir ging es darum, auf die Historie und die in der großen Mehrheit inzwischen sogar eher radikaleren Teile der Evangelikalen aufmerksam zu machen. Es ist schön, wenn es auch andere gibt, allerdings bezweifle ich stark, dass die sich wirksam durchsetzen können. Der historische Kern, der eben gerade in den USA mit viel finanzieller und politischer Unterstützung befördert wird und damit auch in anderen Ländern Einfluss nehmen will, ist einfach religiös-autoritär und vollkommen illiberal gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden. Das wird wohl keinein ernsthaft bestreiten wollen. Um genau die (Mehrheit) geht es mir - und im Kern um die Idee, die eigene Religion und Lebensvorstellungen anderen aufdrücken zu wollen, sobald eins die Macht dazu hat. Weil: Man ist ja im Besitz der einzig wahren Wahrheit für alle und in der heiligen Pflicht, alle dazu (zwangs) zu bekehren.

Als liberale Gemeinde in der evangelikalen Gesamtheit zum Beispiel Akzeptanz von queeren Menschen oder körperlicher Selbstbestimmung erreichen zu wollen erscheint mir ähnlich aussichtslos, wie (als zB LSU) in der Union das SBGG als Parteitagsbeschluss durchzusetzen oder einen Pro-Atomkraft-Beschluss bei den Grünen. Es widerspricht dem Kern der Überzeugungen, der Gründungs-DNA.

Weshalb Menschen bzw Fraktionen trotz Ablehnung und Ignoranz das Gruppen-Label weiter tragen wollen, sei es evangeikal oder christ-demokratisch bei der Union oder grün bei den Grünen, erschliesst sich vermutlich nur tiefenpsychologisch.

Ob liberale Evangelikale, Lesben und Schwule in der Union oder "Juden in der Afd" (ja, die gab es tatsächlich), sind solche Dissidenz-Fraktionen meiner Ansicht nach eher Feigenblätter (ha! christliche Metapher!), die praktisch keine Wirkung ausüben, dafür aber von der Mehrheit ab und zu als Entschuldigung genutzt werden: "Guckt mal, wir haben doch unsere Abweichler hier und wir lassen sie am leben". Jedenfalls so lange wie sie nicht wirklich lästig werden. Im Ernstfall wird es in ideologisierten Umgebungen immer auf "No true Scotsman" hinauslaufen; sprich: die Abweichenden müssen sich entweder unterwerfen oder werden entfernt.

Tatsächlich tragen aber auch die Dissident*innen den Hauptkurs mit und damit den eigentlichen, bösen, illiberalen Kern. In diesem Fall den Missionierungs- und Machtanspruch. Ob sie selbst es wollen oder nicht.

Vor allem durch solche Äusserungen - "es sind doch nicht alle so" (doch, die allermeisten und einflussreichsten) -, was früher in anderem Zusammenhang gerne "es war nicht alles schlecht unter..." genannt wurde, wird in meinen Augen versucht, die gefährlichen Kräfte zu relativieren, zu entschuldigen, zu verharmlosen.

Sämtliche Hinweise auf solch vereinzelte Positivbeispiel ändern deshalb überhaupt nichts an der grundsätzlichen Kritik an dem Konstrukt namens Evangelikale selbst. Wer sich das Label trotzdem anheftet, muss auch damit leben, mit all dem Negativen verknüpft zu werden. Wenigstens als (naiv) mitlaufend.
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