Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...
Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ... - # 12

Lebensplanung, Standorte
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ExUserIn-2026-04-08
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Reha, der Abschluss

Post 166 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

So, heute kommt die letzte Mail aus der Reha. Am Dienstag geht es nach 4 Wochen wieder heim. Ich werde als arbeitsunfähig entlassen und bekomme eine Empfehlung für eine Reha. Das Problem: es gibt so gut wie keine Plätze. Eine Therapeutin schrieb mir, dass sie voll sei und noch nicht einmal eine Warteliste hat. Eine andere war am Telefon (Email akzeptiert sie nicht) ständig besetzt und als es direkt danach frei wurde, ging niemand ans Telefon. Nach dem Auflegen war wieder unmittelbar danach besetzt. Das ist mir dort zweimal passiert. Was denkt sich eine Psychologin bei solch einem Verhalten ?

Es ist schon ein seltsames Gefühl. Einige von den Leuten, mit denen ich mich verstanden habe, sind schon abgereist. Andere gehen mit mir. Die Zeit hier hat sehr viele persönliche und bereichernde Kontakte mit sich gebracht. Immer war jemand ansprechbar, ständig konnte ich etwas für mich tun. Das habe ich schon beschrieben und will es nicht wiederholen. Das Leben wurde für mich hier normal. Da ist keine Aufregung mehr und kein ständiges Hinterfragen, ob ich denn auch noch als Frau rüber komme. Ich wurde ein paar Mal misgendert. Das scheint mir normal, da es für die Leute klar ist, wen sie vor sich haben. Das in den Köpfen umzuswitchen, ist sicherlich nicht ganz einfach, zumal ich auf besonders "weibliche Attitüden" keinen Wert gelegt habe. DAmit konnte ich gut umgehen.

Ich bin nach 4 Wochen en femme immer noch gerne so unterwegs. Es ist selbstverständlich geworden und da sich niemand hier für mich erkenntlich daran gestört hat, habe ich mein Leben so gelebt, wie es mir gefällt. Vielleicht noch interessant, weibliche Kleidung zu tragen, ist für mich völlig normal. Ich trage, was mir gefällt und es ist nichts besonderes. Meine Sillies haben mich tagsüber immer begleitet. Sie sind schon fast "festgewachsen" LOL.

Das wird sich sicherlich am Dienstag wieder ändern. Dann geht es heim und es stehen sicherlich einige schwierige Gespräche an und die Leichtigkeit, die ich hier hatte, wird sich so erst einmal nicht mehr einstellen. Das macht auch erst einmal nichts. ICh bin so voll von Eindrücken und Erlebnissen, dass ich sehr lange davon zehren werde. Es ist für mich eine neue Basis mein Leben zu ordnen. Mal sehen wohin das führt.

Dann ist jetzt Schluss mit meinem Berichten aus der Reha. Wenn jemand Fragen hat, kann er/sie gerne stellen.

Bis demnächst. Ich muss jetzt packen ...
Viele Grüße
Vicky

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Anne-Mette
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 167 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Guten Abend Vicky,

ich hoffe, du verkraftest die Umstellung auf den Alltag und wirst die bestimmt anstrengenden Gespräche recht gut überstehen und vielleicht sogar etwas Gutes daraus ziehen. Sicherlich hast du durch die Reha etwas "Rückenstärkung" bekommen - und das ist gut so.
Du hast vier Wochen als die gelebt, die du bist; das kann dir niemand nehmen oder mies machen. Du wirst weiter deinen Weg gehen.

Alles Liebe und Gute für die nächste Zeit (und überhaupt)
Herzliche Grüße
Anne-Mette
ExUserIn-2026-04-08
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 168 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Hallo in die Runde,

man sagt ja, der Weg sei das Ziel. Ich kann dem nur zustimmen. Immer wieder bin ich in neue Situationen gekommen, habe mich verändert und doch gibt es Konstanten. Dazu gehört auch immer wieder ein Auf und Ab. So auch dieses Mal. Meine Erfahrungen aus der Reha habe ich erst einmal sacken lassen. Die Intensität, mit der ich dort gelebt habe, war eine wundervolle Erfahrung. Gerne hätte ich eine Psychotherapie gemacht, denn ich habe gemerkt, wie die wenigen Termine vor Ort mir Kraft und Mut gegeben haben. Leider ist in meinem Umfeld es nicht möglich gewesen, einen Therapieplatz zu bekommen. Teilweise haben habe ich keine Antwort auf meine Anfrage bekommen. Ich frage mich, was passiert gerade in unserer Gesellschaft ?

Aber das soll jetzt nicht Thema sein. Ich habe mich nach der Reha vom Transthema zurück gezogen. Ich habe erfahren, dass für mich ein Leben als Frau möglich ist und dass das eine völlig neue Perspektive eröffnet. Ich kann wählen, wie ich leben will. Das stellt mich natürlich auch vor die Herausforderung, eine Entscheidung zu treffen. Ich kann mich nicht mehr hinter ominöse Anforderungen von außen verstecken. Also, was will ich ?

Die Reha wirkt noch immer in mir. Ich bin dort ernst genommen worden. Ich bin kein Freak, eben nur anders. Mein Eindruck aus der Reha war, dass die Menschen dort alle für sich erkannt haben, dass sie einen "Defekt" haben. Sie sind nicht perfekt im Sinne allgemeiner Vorstellungen. Das macht die Menschen offen und toleranter. Sie akzeptieren viel leichter, dass andere Menschen eben auch ihre persönlichen Aspekte in Form von Einschränkungen und Stärken haben. Und genau diese Erfahrung lässt mich vermuten, dass Menschen, die auf "vollkommene" Normierungen Wert legen, sich also intolerant gegenüber "Andersartigen" verhalten, Ängste bezogen auf ihre eigenen "Unvollkommenheiten" haben.

Mir hat das Leben komplett im Frauenmodus viel gegeben, aber ich weiß auch, dass das nicht mein ganzes Leben ist. Ich freue mich auch, wenn ich meine handwerklichen oder kreativen Elemente leben kann. Dazu brauche ich mich nicht als Frau zu fühlen. Tatsächlich habe ich das im letzten Vierteljahr nach der Reha auch nicht getan. Ich habe so viel Energie in mir gespürt und die in viele Dinge gesteckt, die mir Freude und Befriedigung gegeben haben. Mein Transsein gehörte nicht dazu. Grundsätzlich kenne ich das von mir. Und auch, dass ich jetzt wieder mein Transsein als wichtiger wahrnehme. Es gibt aber einen Unterschied. Ich gehe viel gelassener damit um, denn die Erfahrungen meiner Reha stärken mich. Ich möchte dieses Leben als Frau nicht missen und will und werde es auch ganz in diesem Bewusstsein leben. Das fühlt sich gut, richtig und schön an. Aber es ist auch nur ein Teil in meinem Leben. Es ist keine Beschränkung meines "übrigen" Lebens, sondern ein Teil und eine Bereicherung.

Mein Frauenleben ist ruhiger geworden. Und wenn ich dieses stärker wahrnehme, ist es kein Gefühl des "Marionettendaseins", sondern ein Geschenk, das ich von der Natur mitbekommen habe. Es wäre ein Frevel, es nicht anzunehmen. Damit relativieren sich viele Themen für mich, die in diesem Forum an der Tagesordnung sind und für mich auch waren. Deshalb ist es auch Zeit für mich, mich hier weiter zurück zu ziehen, denn ich brauche meine Zeit an anderer Stelle. Gelegentlich werde ich herein schauen, aber ob ich noch viel schreiben werde, weiß ich nicht. Für mich war das Schreiben eine Form der eigenen Auseinandersetzung und sehr hilfreich, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Die Offenheit und Eure Reaktionen darauf haben mir viel gegeben und ich hoffe, auch gegeben zu haben, was für die Ein oder Andere von Euch hilfreich war. Ich möchte das Thema "Auseinandersetzung mit Trans" abschließen können. Das heißt nicht, dass ich das Transsein abschließen will. Da steckt in mir eine gehörige Portion Frau in mir ohne dass ich jemals physisch eine Frau sein kann. Ich habe mich oft gefragt, was aus mir geworden wäre, wenn ich als Mädchen auf die Welt gekommen wäre. Wäre da ein Wunsch nach einem Jungen in mir ? ICh glaube das, denn ich fühle mich dem Frausein nicht zu 100% zugehörig. Da ist eine Welt, die ich wegen physischen Gegebenheiten und auch wegen Erfahrungen, die Frauen machen bzw. machen können, nie erreichen werde. Das wird ewig in meinem Reich der Phantasie spielen müssen. Aber letztlich geht es ja jedem Menschen so. Ich denke, es ist weise, sich auf seine Möglichkeiten zu konzentrieren. BH und Lippenstift sind ja auch noch da und der Rest in meinem Kopf gehört ja auch zu mir. Darauf beschränke und konzentriere ich mich. Das Hadern was nicht ist und nie sein kann, lasse ich los. Ich überlasse mich meiner Welt, auch wenn das andere Menschen nicht so sehen. So muss ich mich z.B. nicht länger mit Fragen quälen, ob und wann ein Selbstbestimmungsgesetz kommt. Ich bestimme heute und jeden Augenblick über mich selber. Und so ist das auch bei den anderen Themen. Deshalb werde ich hier wahrscheinlich nur noch selten zu lesen sein. Alles hat seine Zeit.

DIe Reha hat mir gezeigt, dass ich mein Leben so leben kann, wie es mir gerecht wird. Ich habe mich jeden Morgen nach dem Aufwachen gefragt, ob ich den Tag als Frau leben will und ich habe es immer als eine Chance und Privileg gesehen, es zu bejahen. Aus dieser Zeit ist heute noch viel übrig, auch wenn der Alltag wieder eingekehrt ist. Und das hat auch das Gesicht des Alltags verändert. So paradox es klingt, mein Gehörschaden hat mir gezeigt, viel genauer auf mich zu hören. Ich bin anders im Kopfals ich dachte, sein zu müssen und das ist gut so. Mal sehen was daraus wird ...

So long ...

P.S. Zum Thema "Anders im Kopf" gibt es eine sehenswerte Produktion: https://www.3sat.de/wissen/wissenschaft ... o-100.html
Viele Grüße
Vicky

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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 169 im Thema

Beitrag von Alicia »

Hallo Vicky,

ich wünsche dir ganz viel Kraft und Zuversicht für dein weiteres Leben, so wie es dir gerade passt. Nach gerade mal einer Woche "Probelauf" als Frau kommen bei mir schon ähnliche Gedanken auf. Mal sehen, wie es sich entwickelt.
Lass doch trotzdem mal wieder was von dir lesen im Forum, wenn es dir danach ist. Ich würde mich auf jeden Fall drüber freuen.

Liebe Grüße, Alicia. (ki)
Eine Lebensweise zu erfinden ist nichts. Sie zu verinnerlichen, ein Anfang. Sie zu leben ist alles.
(Frei nach Otto Lilienthal)
Helga
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 170 im Thema

Beitrag von Helga »

Liebe Vicky,
ich gratuliere dir zu deinen Erkenntnissen, die aus meiner Sicht völlig richtig sind. Einen Begriff möchte ich trotzdem zurechtrücken:
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 29. Mai 2024, 11:42 dass die Menschen dort alle für sich erkannt haben, dass sie einen "Defekt" haben
"Defekt" impliziert, dass irgendetwas nicht korrekt ist und in "Ordnung" gebracht werden muss. Das ist Denke aus einem früheren Jahrtausend. Ich würde lieber von "Variante" sprechen, Variation von einem Zustand der zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Gesellschaft als "normal" empfunden wird.
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 29. Mai 2024, 11:42 Und genau diese Erfahrung lässt mich vermuten, dass Menschen, die auf "vollkommene" Normierungen Wert legen, sich also intolerant gegenüber "Andersartigen" verhalten, Ängste bezogen auf ihre eigenen "Unvollkommenheiten" haben.
Aus gutem Grund: Auch jenseits des LGBTQ+ Spektrums trägt jeder Mensch eine Variation oder Abweichung vom "Normalzustand" mit sich herum, die teilweise mit Ablehnung, teilweise mit Gleichgültigkeit oder auch garnicht zur Kenntnis genommen wird.
Beispiel: Extremsportler, die sich einen Kick aus immer riskanteren Sportarten holen. Ist das "normal"?
Beispiel: Phobiker, die bei kleinen Tieren, engen Räumen, weiten Plätzen in Panik ausbrechen. Ist das "normal"?
Beispiel: Menschen, die in ihrem Tun und Handeln so selbstunsicher sind, dass sie ständig nach der Bestätigung durch andere suchen. Ist das "normal"?
Diese Liste lässt sich bis in die Unendlichkeit fortschreiben, was nur zu dem Schluss führen kann, dass es eigentlich keine "normalen" Menschen gibt. Jeder weicht irgendwo in seiner persönlichen Variante vom "Normalzustand" ab.
Was bin ich?- Zunächst einmal bin ich ein Mensch!
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 171 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Helga hat geschrieben: So 2. Jun 2024, 00:23 "Defekt" impliziert, dass irgendetwas nicht korrekt ist und in "Ordnung" gebracht werden muss.
Hallo Helga,

ich bin mir dessen bewusst und habe es genau aus diesem Grund in Anführungszeichen gesetzt. Das "Defekt"-Denken ist auch heute noch tagtäglich in den Köpfen. Man geht nur anders damit um ...
Viele Grüße
Vicky

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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 172 im Thema

Beitrag von Frieda »

Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 29. Mai 2024, 11:42 Das Hadern was nicht ist und nie sein kann, lasse ich los.
Das ist für mich DER Schlüsselsatz bzw DIE Erkenntnis für jeden❣️


Michi&ich wir wünschen dir von Herzen alles alles Gute, liebe Vicky❣️
•Liebe & Mitgefühl sind die höchsten Formen von Intelligenz.
•Du musst selbst zu der Veränderung werden, die du in der Welt sehen willst. Mahatma Gandhi
•Irgendwo ist Jemand glücklich mit weniger als du hast!

*Wer mag, ich bin gerne da mit 💖,👂und📝*
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 173 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Frieda hat geschrieben: Mo 3. Jun 2024, 09:28 Das ist für mich DER Schlüsselsatz bzw DIE Erkenntnis für jeden❣️
Vielen lieben Dank für Eure guten Wünsche. Aber genau das ist, zumindest für mich, manchmal so schwer zu erreichen. Für Außenstehende ist das schwer zu begreifen, aber es geht um die eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Aber letztlich wollen genau die transformiert werden. Nur wohin und wofür ? Das ist die persönliche Aufgabe. Für mich bedeutet das, die Energien, die in mir wohnen, in andere Bahnen zu lenken. Das schließt "Rückfälle" nicht aus. Warum auch ? Es gehört zu mir. Ein krampfhaftes Hin zum Weiblichen ist genau so falsch wie ein krampfhaftes Weg davon. Das Weibliche ist ein Teil von mir, genauso wie viele andere Dinge wie Kreativität, Denken, Schaffenskraft etc. Es fällt mir schwer, diese Dinge zusammen zu bringen, also geht es um die richtige Balance. Und genau dann fühle ich die Energie und die Kraft, all die Dinge zu tun, die mir wichtig sind. Das Hadern hat mich blockiert. Das Akteptieren und erlauben befreit die Kräfte, die in mir stecken. Anders kann ich es nicht ausdrücken ...

(flo) (flo) (flo)
Viele Grüße
Vicky

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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 174 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Es ist mal wieder Zeit für eine Nabelschau ...

Die Zeit der Reha wirkt noch immer. Viele Briefe und Beiträge habe ich geschrieben und Antworten erhalten. Was ist heute anders ?

Ein kurzer Blick zurück. In die Öffentlichkeit bin ich schon seit Ende der 1990er-Jahre gegangen. Da war viel Scham dabei, aber die Ausfüge haben mir gezeigt, dass es eine Bedeutung für mich hat. Vor ca. 9 Jahren stellte ich mich der Frage, ob ich nicht nur ein "CD", sondern tatsächlich transident bin und habe meine erste Reise auf meinem kleinen Boot en femme gemacht. Ich habe dazu ein Tagebuch geschrieben, um die ganzen Eindrücke zu verarbeiten. Und wäre nicht mein Boot so stabil, ich hätte es geschrottet. Es folgten weitere Reisen und mit jedem Mal wurde es selbstverständlicher en femme zu sein. Kontakte mit anderen Menschen wurden "normaler" und ich wurde als Frau anerkannt. In meinem Kopf begann sich eine Veränderung abzuzeichnen. Aus "Ausflügen" en femme wurde langsam ein Leben als Frau sichtbar. Eine Selbstdiagnose "transident" war aber noch nicht in Sicht.

Davon ermutigt trat ich meine Reha an und lebte die 4 Wochen wieder als Frau in der Klinik. So lange und vor allem mit ständigem Kontakt zu anderen Menschen hatte ich vorher noch nie. Und das Fazit lautete, dass ein Leben als Frau möglich ist. Es liegt nur an mir, mich dafür zu entscheiden. Aber so ganz konnte ich es noch immer nicht. Da sind natürlich die üblichen Gründe, die keine sind. Eine Fraundin schrieb mir, was ich denn bereit wäre aufzugeben, wenn eine Fee mir die Möglichkeit gäbe, zur Frau zu werden. Schwerer Tobak. Ich kann und will es nicht leugnen, es steht im Mittelpunkt meines Lebens. Was ich bemerkenswert finde, ist die Veränderung der eigenen Wahrnehmung in mir. In dem Maße, wie Scham, Angst und Schuld abnehmen, um so freier fühle ich mich im Kopf, was auch Einfluss auf die Wahrnehmung meiner Weiblichkeit hat. Es ist schwierig zu beschreiben. Sie ist substanzieller, gleichzeitig auch weniger zwanghaft. Sie ist einfach da, ohne dass ich groß darüber nachdenke.

Stand heute: Meine Frau war von Anfang an darüber informiert, dass Weiblichkeit ein Thema für mich ist. Aber weder sie noch ich haben das Ausmaß seinerzeit erkannt und sie hat das nur begrenzt ernst genommen. So nach und nach schob sich das immer mehr in den Vordergrund und wurde problematischer. Sie hat eine Frau an ihrer Seite kategorisch abgelehnt. Dachte ich. Dachte wahrscheinlich auch sie. Es herrschte lange Zeit Schweigsamkeit zu dem Thema. Heute hat sich die Situation so weit entspannt, dass es, vielleicht noch nicht ganz, problembefreiter für mich ist, auch zuhause en femme zu leben. Das geht jetzt seit einer Woche so. Und wieder spüre ich die Entwicklung in mir, die von einer inneren Aufregung zu einer selbstverständlicheren Gelassenheit geht. Von ihrer Seite spüre ich keine Irritationen mehr. Wir haben noch einen Berg abzuarbeiten und ich bin mir sicher, dass wird auch nicht ohne Probleme abgehen. Der Anfang ist gemacht.

Was noch bleibt, ist die Frage, ob ich den Weg ganz gehen werde. Da bin ich mir noch nicht sicher genug. Zu oft habe ich meine inneren Schwankungen erlebt, die von totaler Annahme meiner Weiblichkeit bis zu einem indifferenten Geschlechtsempfinden geht. In der Reha habe ich mich jeden Morgen gefragt, ob ich mich gut dabei fühle, die Frau in mir zu leben. Das war auch nicht immer gleich, aber immer positiv bis fast neutral. Etwas ähnliches stelle ich gerade auch wieder fest. Mein aktuelles Fazit: Es gibt kein Zurück. Die männliche Rolle habe ich mein Leben lang gespielt. Mein weibliches Dasein mag mir mal stärker, mal schwächer bewusst sein, es ist mir ständig präsent. Die Repräsentation dieser Weiblichkeit durch Körperform, Kleidung und anderer Attribute ist daher in unterschiedlichem Maße für mich wichtig. Aber das ist vielleicht das Gute. Ich kann jeden Tag wählen...
Viele Grüße
Vicky

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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 175 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Es sind jetzt fast 4 Monate seit meiner letzten Nabelschau. Wo stehe ich heute ?

Im letzten Beitrage habe ich geschrieben:
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 7. Feb 2025, 10:57 Eine Fraundin schrieb mir, was ich denn bereit wäre aufzugeben, wenn eine Fee mir die Möglichkeit gäbe, zur Frau zu werden.
Die Frage kann ich zwar immer noch nicht beantworten, aber je länger ich nachdenke, merke ich dass diese Frage eine Perspektive enthält, die typisch ist für unsere Welt, die ich aber nicht teilen kann. Sie zielt auf eine Kategorisierung in Mann und Frau. Für mich ist ziemlich klar, dass es diese Kategorisierung nicht gibt. Ich unterscheide in "Fühlen" und "Sein". ICh fühle nicht in den Kategorien, sondern bin fluid. Ich fühle das Frausein und dann auch wieder weniger. Körperlich bin ich immer Mann und daran kann nur sehr beschränkt etwas ändern. Eine OP oder/und HRT sind zwar Methoden, Äußerliches zu ändern, und manche mag sich darüber freuen, aber damit werde ich nicht zur Frau. Es fehlen die Sozialisation und die biologischen Hintergründe. Ich sehe hierin auch den wesentlichen Unterschied zwischen der Sichtweise von den Menschen, die das Frausein Transmenschen absprechen möchten und denjenigen, die das Frausein in sich spüren, ohne den Körper dafür zu haben. Im Alltag ist das meiner Erfahrung nach aber nicht entscheidend. Egal ob auf meinen Reisen oder in der Reha. Ich bin immer so behandelt worden, wie ich mir das wünsche. Es gibt den öffentlichen Lärm, der zunimmt, aber mein Leben als Frau ist bisher davon unbeeindruckt. Ich habe erlebt, dass ich nur wählen muss, wie ich leben möchte. Damit kann ich mich nicht mehr auf eine Position zurückziehen, dass ich so wie ich bin, nicht gewollt sei. Jedes Hemmnis meine persönliche Weiblichkeit frei zu leben, liegt ausschließlich in mir. Es ist nach wie vor die Angst, nicht akzeptiert zu werden.

Ich sitze vor dem Rechner und trage den Ring meiner Frau, den meiner Schwester und den meiner Mutter. Wenn ich in meiner Werkstatt stehe, denke ich oft an meinen Vater. Mit wem kann ich mich identifizieren ? Wenn ich es so betrachte, sind in diesem Sinne alle für mich von großer Bedeutung. Ich habe von allen viel bekommen, was für meine Identität wichtig ist. Ob ich das will oder nicht.

Um zur Eingangsfrage zurück zu kommen. Wäre ich eine Frau, sähe mein Leben anders aus. ICh hätte wahrscheinlich irgendwann über eine Familiengründung und eigene Kinder nachgedacht. Wäre ich als Mutter damit glücklicher ? Ich glaube das nicht wirklich. Die Perspektive wäre eine so grundlegend andere. Ich kann das nur erahnen. Beschreiben lässt sich das nicht. Ich glaube nicht, dass mir in den Sinn gekommen wäre, ein Mann sein zu wollen, auch wenn das Leben als Mann in vielen Dingen viel einfacher ist. Aber reicht das für einen Wunsch, eine Frau zu sein ? Es gibt Momente, da könnte ich das bejahen. Wie ist das, in einem weiblichen Körper zu wohnen ? Ich habe vieles probiert, um das auszuprobieren und ja, es fühlt sich sehr gut an. Aber in einem weiblichen Körper wäre ich ein anderer Mensch, nicht mehr ich. Mein Denken und Fühlen wäre ein anderes. Das lässt sich nicht mit Kleidung und Schminke simulieren. Es gibt keine Fee, die kommen würde, sondern nur ein/e Chirurg/in oder Endokrinologe/in. Das ist nicht dasselbe. So werde ich also weiter machen, wie bisher: Ich lebe die Frau in mir, wann immer ich sie spüre.

Und jetzt die Frage an Euch: Ist Euch bewusst, dass ihr das allgemein bestehende binäre Denken unterlauft, aber Euch gleichzeitig genau den Standards und Normen unterwerft, die damit verbunden sind ? Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn alle Menschen Einheitskleidung z.B. a la Mao tragen würden und keine Geschlechtsunterschiede äußerlich erkennbar wären ? Was bedeutet Weiblichkeit jenseits der Normen ?
Viele Grüße
Vicky

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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 176 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 10:58 Und jetzt die Frage an Euch: Ist Euch bewusst, dass ihr das allgemein bestehende binäre Denken unterlauft, aber Euch gleichzeitig genau den Standards und Normen unterwerft, die damit verbunden sind ? Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn alle Menschen Einheitskleidung z.B. a la Mao tragen würden und keine Geschlechtsunterschiede äußerlich erkennbar wären ? Was bedeutet Weiblichkeit jenseits der Normen ?
Hallo Vicky,

mir ist vieles von dem was Du und einige andere so über ihre "Weiblichkeit" schreiben oft etwas esoterisch. Ich frage mich dann, warum ihr euch so viele Gedanken um dieses Thema macht, Begründungen und Erklärungen sucht.

Um auf deine Frage zu anworten: ja natürlich bin ich mir dessen bewußt. Ich habe damit aber auch gar kein Problem. Ich bin, merke ich, selbst recht binär geprägt und das ist für mich total okay. Ich kann, bis zu einem gewissen Grad, nicht-binäres, fluides oder "a" - Empfinden nachvollziehen, dennoch bleibt es mir in der Tiefe der Empfindung auch immer fremd. Was auch total okay ist - diese Empfindungen sind ja deswegen nicht weniger real oder legitim.

In so fern habe ich auch eben kein Problem damit, mich den Standards und Normen zu "unterwerfen". Am Wochenende hatte ich auf einer Familienfeier eine nette kurze Begegnung - eigentlich sogar zwei - wo mich einer der Gäste auf der Strasse vor dem Haus erstmal nicht wiedererkannt hat und nur meinte "boah, tut mir echt leid, aber man erkennt dich ja wirklich kaum wieder" - was ihm unangenehm war, aus meiner Sicht aber ein schönes Kompliment ist. Und eine andere Situation, wo eine der Frauen meinte "ganz ehrlich, wenn ich es (mein trans* sein) nicht gewußt hätte - ich hätte es nicht wahrgenommen. Hätte ich dich jetzt einfach so kennen gelernt, wärst Du einfach eine weitere Frau in der Runde."

So, heißt in kurz und knapp: sowohl was das Äußere angeht (ein großes DANKE nach da oben dafür), aber eben vor allem auch was Habitus (Gestik, Mimik, Sprache, Bewegung, Haltung,...) angeht, "erfülle" ich die (un)bewussten Erwartungen von Menschen an das Imago "Frau".

Ist das jetzt besonders aufwendig erlernt? Nein. Faktisch habe ich nur die Zügel losgelassen, die ich vorher stramm gehalten habe, um nicht auf zu fallen. Naja, und Hormone.

Und müssten wir jetzt alle Einheitskleidung tragen, würde mich mein Anhängsel unten immernoch stören. Ich mache meine Identität ja nicht an den Klamotten fest, die ich (oder andere) trage. Klar, ich bevorzuge Kleidung, die für Frauen gedacht ist, denn sie machen es leichter, auch ohne große Erklärung als solche gelesen zu werden. Sie ist (subjektiv) schicker, vielfältiger und angenehmer zu tragen - ich zwänge mich aber auch nicht in Bleistiftröckchen und Stieletto-Pumps (/subjektiv).

Was Sprache, Verhalten usw (Habitus) angeht, das funktioniert auch im Einheitskolchosenkasak. Oder im Kartoffelsack.

Und was die "Weiblichkeit jenseits der Normen" angeht, müsstest Du bitte erstmal erklären, was "Weiblichkeit innerhalb der Normen" für Dich heißt. Denn meine Normen - oder mein Verständnis davon - sind mit großer Wahrscheinlichkeit anders als deine.

[Disclaimer] bevor jetzt wieder rumgeheult wird: nein, das oben geschriebene macht mich nicht "besser"/"valider"/"echter" oder "mehr" trans* Frau als irgendwen anders. Darin ist keinerlei Wertung über die Wege anderer trans* Menschen enthalten.
Sapphic | Trans* | Femme
Lana
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 177 im Thema

Beitrag von Lana »

Huhu liebes Knäckebrötchen,
Knäckebrötchen hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 11:50 mir ist vieles von dem was Du und einige andere so über ihre "Weiblichkeit" schreiben oft etwas esoterisch.
ich finde Vickys Beiträge meist sehr bereichernd, weil auch ich mir sehr viele Gedanken über meine Identität mache. Das hat weniger mit Weiblichkeit zu tun, als man meinen könnte. Es ist eher so in mir angelegt, dass ich mich mit mir auseinandersetze, mit dem, was ich bin in dieser Welt, in dieser Gesellschaft, woher ich komme und wohin ich noch möchte. Das geht weit über den Aspekt des Gender hinaus, zumindest bei mir.

Dennoch ist Gender und das Bewusstsein dafür, ein sehr wichtiger Punkt in meinem Leben geworden, um den vieles andere kreist. Letztlich war die Entdeckung und das Zulassen meiner wirklichen Identität nur deshalb möglich, weil ich jahrelang intensive Nabelschau betrieben habe (weil ich einfach bestimmte Aspekte meiner Persönlichkeit besser kennen und verstehen wollte, die Gendergeschichte war dabei eher ein "Zufallsfund"). Auch hat sich dadurch in meinem Leben so viel verändert wie selten zuvor, weshalb ich diesen Aspekt meiner Persönlichkeit für sehr zentral halte.

Ich kann ihn aber schwer fassen, weil ich mich in vielem wiederfinde, was Vicky schreibt, zum Beispiel hier:
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 10:58 Sie zielt auf eine Kategorisierung in Mann und Frau. Für mich ist ziemlich klar, dass es diese Kategorisierung nicht gibt. Ich unterscheide in "Fühlen" und "Sein". ICh fühle nicht in den Kategorien, sondern bin fluid. Ich fühle das Frausein und dann auch wieder weniger.
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 10:58 Mit wem kann ich mich identifizieren ? Wenn ich es so betrachte, sind in diesem Sinne alle für mich von großer Bedeutung. Ich habe von allen viel bekommen, was für meine Identität wichtig ist. Ob ich das will oder nicht.
Vielleicht liegt genau hier der Unterschied im Fühlen zwischen dir und mir. Für dich passen all die Dinge, die gemeinhin von einer Frau erwartet werden, sehr gut zu deiner Person. Damit wirst du von anderen intuitiv als Frau wahrgenommen und akzeptiert. Ich empfinde es anders, nämlich, dass zwar die Akzeptanz da ist, die Wahrnehmung aber nicht überzeugend ist. Oder nur manchmal. Und das liegt an der Fluidität, die es mir mal mehr mal weniger leicht macht, dem "Imago Frau" zu entsprechen. Und das sind nunmal Klischees, schreibst du ja implizit selber:
Knäckebrötchen hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 11:50 sowohl was das Äußere angeht (ein großes DANKE nach da oben dafür), aber eben vor allem auch was Habitus (Gestik, Mimik, Sprache, Bewegung, Haltung,...) angeht, "erfülle" ich die (un)bewussten Erwartungen von Menschen an das Imago "Frau".
Damit hast Du es natürlich einfacher und musst dich weniger mit der Wirkung deines Verhaltens auseinandersetzen als ich, wo das schon auch mal vorkommt, dass ich als Frau einfach so akzeptiert werde, aber sehr häufig eben nicht. Dann habe ich das Gefühl, nur toleriert zu sein. Und das macht natürlich etwas mit mir. Diese Toleranz stellt mich ja in Frage - in meinen Genderausdruck, ja sogar gelegentlich als Person insgesamt.

Dabei habe ich auch das Glück, physisch weitab vom männlichen Phänotyp gelandet zu sein. Aber das führt ganz oft zur Enttäuschung beim Gegenüber, sobald sich bei näherer Betrachtung herausstellt, dass da gar nicht "Frau" drin ist, obwohl die Verpackung dies nahelegt.

Dann bin ich dann wieder am Anfang, wo ich mir "esoterische" Gedanken über mein Sein mache, die natürlich um den Punkt Weiblichkeit kreisen. Das scheint ja der wunde Punkt zu sein, sonst hätten nicht so viele ihre Probleme damit, und ich auch nicht, oder?

Oder doch nicht? Manchmal denke ich, dass ich mir da selbst im Weg stehe, weil ich es nicht vorbehaltlos annehmen kann, wenn ich einfach als Frau gelesen werde. Das ist für mich immer noch so ungewöhnlich, dass ich es kaum glauben und ernst nehmen kann. Mir fehlt dann auch das soziale Rüstzeug, um mit der Situation angemessen umzugehen. Das ist die mangelnde Sozialisation als Mädchen, als Frau, die Vicky anspricht. Oder auch das, was Beauvoir mit ihrer berühmten Aussage meinte. Mich hat jedenfalls niemand zur Frau gemacht, im Gegenteil, es wurde in meiner Kindheit eher verhindert.

Das ist es, was mich bis heute in diesem Zwischenraum zurückhält. Und was mir endlose Gedanken darüber einbringt, die bisher zwar viel Klarheit gebracht haben, aber noch nicht an ihr Ende gekommen sind.

LGL
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Diana.65
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 178 im Thema

Beitrag von Diana.65 »

Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 10:58 ... Und jetzt die Frage an Euch: Ist Euch bewusst, dass ihr das allgemein bestehende binäre Denken unterlauft, aber Euch gleichzeitig genau den Standards und Normen unterwerft, die damit verbunden sind ? Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn alle Menschen Einheitskleidung z.B. a la Mao tragen würden und keine Geschlechtsunterschiede äußerlich erkennbar wären ? Was bedeutet Weiblichkeit jenseits der Normen ?
Hallo Vicky.

Danke, dass du uns wieder so intensiv an deinem Gefühlsleben teilhaben lässt. Es tut mir immer mal wieder gut, auch andere Perspektiven zu lesen und mich dabei selbst zu reflektieren.

Zu deiner Frage an uns kam mir spontan eine Situation aus meiner Reha 2023 in den Sinn. Meine Therapeutin fragte mich, an was ich denn das Frau sein fest mache. 🤔
Ich kann es nicht genau definieren.
Ich kann für mich da momentan nur sagen, dass ich mich, soweit wie ich jetzt in Richtung Frau gekommen bin, wohler fühle, als zu der Zeit als ich noch nach außen hin als Mann unterwegs war. Die Kleidung spielt da nur eine Nebenrolle.
Sicherlich spielt es in vielen Situationen des Lebens keine entscheidende Rolle, ob ich Mann oder Frau bin. Aber in einigen Bereichen merke ich für mich, dass die Rolle "Frau" besser zu meinem Inneren passt.
Auch wenn es momentan nach der GAOP ein paar Schwierigkeiten gibt, bereue ich noch keinen Schritt, den ich bis hierher gegangen bin.

Grüße, Diana.
Ich bin und bleibe ich.
Und ... genieße mein neues Leben.
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 179 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Hey Lana,

zu aller erst mal vielen Dank für diese sehr offene Antwort. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich in allen Aspekten richtig verstehe, darum sei mir bitte nicht bös, wenn ich irgendwo mal daneben greife. Ich habe jetzt fünf oder sechs Anläufe für eine Antwort gebraucht und bin immernoch nicht da, wo ich eigentlich hin möchte. Also entschuldige bitte, wenn es noch ein oder zwei Tage dauert, aber da steckt so viel drin und das muss ich selbst erstmal durchdringen, merke ich.


Vickys Frage - bzw. die ihrer Freundin, was ich opfern würde, wenn ich eine Frau werden könnte, habe ich lange Zeit (für mich) so beantwortet: und wenn ich nur den 1 Tag als Frau hätte, ich hätte nicht gezögert.

Das hat sich inzwischen etwas geändert, immerhin habe ich vier richtig coole Kinder und so egoistisch kann ich einfach nicht mehr sein. Aber das war mal meine Antwort.


@Diana: so eine ähnliche Antwort habe ich damals auch gegeben, bzw. gebe sie heute immer noch.
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Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 180 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Knäckebrötchen hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 11:50 Ich frage mich dann, warum ihr euch so viele Gedanken um dieses Thema macht, Begründungen und Erklärungen sucht.
Lana hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 14:20 Letztlich war die Entdeckung und das Zulassen meiner wirklichen Identität nur deshalb möglich, weil ich jahrelang intensive Nabelschau betrieben habe
Für mich habe ich das Gefühl, dass in Lanas Antwort genau das steckt, was Knäckebrötchen nicht versteht. Was ist meine "wirkliche Identität" ? Es geht darum, dass es mich ständig hin und her wirft in dem, was ich empfinde. Ich habe ziemlich die Nase voll davon. Es ist wahnsinnig anstrengend, nicht eindeutig sagen zu können, ich bin so, wie ich bin. Das einzig Eindeutige ist die Uneindeutigkeit. Das bringt mich ständig an mein Limit und kann dem doch nicht entkommen. Ich habe schon öfter den Satz gehört, dass ich es doch einfach annehmen kann, wie es ist. Würde ich gerne, wenn ich wüsste, was es ist, was ich annehmen soll. Sage ich ja zur Weiblichkeit, empfinde ich plötzlich die Verschiebung in meiner Perspektive zu anderen Prioritäten. Weiblichkeit ist nicht etwas, was ich so "nebenbei" und alltäglich leben kann. Es bindet meine Aufmerksamkeit. Damit treten andere Dinge in den Hintergrund, die mir auch wichtig sind.

Ich spüre heute immer mehr, wie das meine Kräfte bindet, obwohl ich schon viel besser damit umgehen kann. Und im Hintergrund lauert immer die Angst abgelehnt zu werden. Vielleicht ist das sogar der Kernpunkt. Was wäre, wenn jede/r sagen (und ernst meinen) würde, lebe wie Du Dich gerade fühlst, es ist ok für mich ? Der Gedanke macht mich schwindelig. Es erinnert mich an die Situation kleiner KInder, denen Mut gemacht wird, wenn sie etwas gemalt oder gebaut haben. Vielleicht habe ich hier Defizite, aber es macht wenig Sinn, die Schuld bei etwas oder jemand anderes zu suchen. Ich lebe heute und trage Verantwortung für mein Leben. Und das bedeutet, dass ich mich mit meiner Situation auseinandersetzen und Wege finden muss. Deshalb bin ich so auf der Suche nach mir. Was für Kinder scheinbar noch einfach geht, ist für mich eine Kraftanstrengung.

Zu lohnenden Zielen gibt es keine Abkürzungen.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
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