Melissas Memoiren
Melissas Memoiren - # 10

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 136 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Liv hat geschrieben: Fr 14. Mär 2025, 13:16 Vielleicht sollte ich auch mal an meinen Memoiren weiterschreiben.
Hey Liv,

würde mich freuen! Ich habe den Thread damals schon sehr gern und mit einer guten Portion Neid gelesen. Heute kann ich das alles so gut nachvollziehen. Und, so viel kann ich spoilern: Ich konnte meine Stimmung zwar nicht so schnell drehen wie du damals, aber auch bei mir machte sich mit der Zeit eine gewisse Leichtigkeit breit. Allein die Fahrstuhlsituation, köstlich! :lol: Hatte ich zwar so noch nicht, aber früher wäre das eine Horrorvorstellung gewesen. Mittlerweile hätte ich da auch keine großen Schmerzen mehr.

Liebe Grüße,
Melissa
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 137 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Glow-up

Mein Jahr hatte nicht so positiv begonnen, also versuchte ich, das Ruder rumzureißen. Nachdem meine Stiefel kaputt und meine sich auflösenden Stiefeletten nach dem letzten Ausflug endgültig in den Müll gewandert waren, brauchte ich dringend eine wintertaugliche Alternative. Außerdem waren mir meine bisherigen Winteroutfits aus Jeans und Oberteil zu langweilig und zu unbequem. Ich musste also wohl oder übel ein paar Investitionen tätigen. Beim Onlinehändler meines Vertrauens bestellte ich mir zunächst verschiedene schwarze Stiefeletten und ein schlichtes, schwarzes Strickkleid zur Anprobe. Um das Outfit zu komplettieren gönnte ich mir bei DM eine der damals frisch in Mode gekommenen Thermostrumpfhosen, die so tun, als wären sie keine.

Bei den Stiefeletten war tatsächlich ein passendes Paar dabei. Sie sahen ähnlich aus wie ihre Vorgänger, aber waren bequemer und gefielen mir zudem besser. Auch das Kleid passte, mehr noch: Zusammen mit der Strumpfhose und den neuen Schuhen fand ich mich im Spiegel darin sogar ganz süß. Alles spielte so zusammen, wie ich es mir ausgemalt hatte und ich fühlte mein Selbstbewusstsein wieder wachsen. Dass unser nächstes Treffen dann so schnell folgte, war ein Segen für mich. So bekam ich direkt die Gelegenheit, in meinem neuen Outfit meine Sicherheit zurückzugewinnen. Schon beim Fertigmachen hatte ich ein gutes Gefühl: Die Stimmung passte wieder, ich konnte mich prima fallen lassen und einfach genießen. Meine Nägel, das neue Kleid, meine Beine in den Strumpfhosen - alles fühlte sich stimmig und natürlich an. Es war einer dieser Tage, an denen sogar mein eigenes, schwer zu überzeugendes Gehirn glaubte, an einer Frau herunterzublicken.

Wir trafen uns im gleichen Wirtshaus wie zwei Wochen zuvor, aber ich war wie ausgewechselt. Das lag zum einen daran, dass ich gut hinter mir aufgeräumt hatte: Ich wusste meine Lieblingsstiefel frisch repariert zu Hause im Schuhregal, meine Perücke hatte ich mit ausreichend Haarspray gezähmt und meine neuen Klamotten gaben mir die nötige Sicherheit. Zum anderen hatte ich einfach weiterhin einen guten Tag. Jede Bewegung, jedes sensorische Empfinden schien mich in meiner Weiblichkeit zu bestätigen. Und ich bewegte mich nicht so, weil ich versuchte, mich wie eine Frau zu bewegen, sondern weil ich mich nun mal so bewegte! Es war einfach wieder eine einzige Freude.

Nach dem Essen zog der harte Kern unserer Gruppe noch weiter in die Cocktailbar Trisoux. Dort traute ich mich dann, was ich mich zuvor noch nie gewagt hatte: den Gang auf die Damentoilette. Bisher hatte ich es immer tunlichst vermieden, en femme eine Toilette aufzusuchen. Dafür gab es zwei Gründe: Ich hatte keine Lust mit langen Nägeln sämtliche sichtbaren und unsichtbaren Schichten an Oberbekleidung, Shapeware und Unterwäsche rückzubauen, nur um sie eine Minute später wieder aufwändig drapieren zu müssen. Und ich hatte Angst davor, auf der Toilette angesprochen oder entlarvt zu werden und im schlimmsten Fall für Irritationen zu sorgen. Also wartete ich entweder tapfer, bis ich wieder zu Hause war, oder ging nur in Läden wie dem Fesch, wo es ausschließlich genderneutrale Toiletten gibt.

Im Trisoux hingegen gab es nur binäre Toiletten, aber ich war mutig genug und fasste mir ein Herz. Ganz kurz fühlte ich mich wieder beobachtet und durchschaut, als ich zwischen den Tischen hindurch zur Treppe ins Untergeschoss ging. Aber dann bemerkte ich, dass die Leute nicht starrten. Sie schauten maximal kurz, wer da durch den Raum ging, und sahen wieder weg. Vielleicht war mein Passing doch gar nicht so schlecht? Den Gedanken ließ ich in diesem Moment aber nicht zu und konzentrierte mich auf meine Mission. Mit ordentlich Herzklopfen betrat ich die Toilette mit dem Frauenpiktogramm und fand sie zum Glück leer vor. Ich verzog mich rasch in eine der beiden Kabinen. Erst mal durchatmen. Da ich unter dem Kleid mit leicht ausgestelltem Rockteil keine Shapewear trug, dauerte das Aus- und wieder Anziehen gar nicht so lange wie befürchtet. Jetzt nur noch Hände waschen und wieder zurück. Ich trat aus der Kabine vor das Waschbecken, schaute kurz in den Spiegel… Das war jedenfalls mein Plan, aber mein Blick blieb an meinem Spiegelbild hängen. Beziehungsweise an dieser Frau, die mir zwar irgendwie glich und meine Bewegungen verdächtig gut spiegelte, aber das konnte unmöglich ich sein. Oder etwa doch? Sie strahlte mich an. Ich strahlte mich an. Und die Glücksgefühle sprudelten. Man sah mir offensichtlich an, wie wohl ich mich fühlte. Diese positive, feminine Ausstrahlung hatte ich so noch nie an mir wahrgenommen. Ich badete noch kurz in diesem Gefühl, dann wusch ich mir die Hände und verließ die Toilette wieder.

Der Weg zurück zu unserem Tisch wurde zu einem kleinen Triumphmarsch, denn meine Unsicherheit war weg. Diese unverhoffte Begegnung mit mir selbst auf dem Damenklo stellte das Highlight eines vollends gelungenen Tages dar. Ich hatte mir zwar ausdrücklich vorgenommen, mit positiven Erlebnissen gegen meine miese Laune vom letzten Mal zu steuern, aber dieser Überschwinger überraschte mich dann doch. Melissa war wieder da, vielleicht selbstbewusster als je zuvor. Es war schön zu sehen, wie schon kleine Investitionen in mein Wohlbefinden eine so positive Auswirkung haben konnten. Jetzt galt es, von diesen schönen Gefühlen zu zehren und mein neu gewonnenes Selbstvertrauen zu konservieren - schließlich konnte und wollte ich mir nicht alle zwei Wochen ein neues Outfit gönnen.

Glücklicherweise setzte sich mit diesem Tag ein bekanntes Schema fort. Nach einem Rückschlag konnte ich die Dinge oft zum Positiven wenden. Das gab mir viel Zuversicht, denn der Langzeittrend zeigte dadurch unentwegt nach oben. Und vielleicht würde ich mit diesem Wissen zukünftigen negativen Erlebnissen auch etwas gelassener begegnen.
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Elvira
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Re: Melissas Memoiren

Post 138 im Thema

Beitrag von Elvira »

Liebe Liv,

ja, so geht's. Die Aufzug-Geschichte habe ich ein bissel anders erlebt, aber danach bin ich auch "gewachsen" und selbstbewußter geworden. Bei mir war es im Zusammenhang mit einer Selbsthilfegruppe. Wenn wir uns trafen, war niemand mehr im Haus ( fünf Stockwerke!) Unten eine Apotheke, der Rest im Haus alles Büros, Samstag Nachmittag: keiner da. Eine der Teilnehmerinnen hatte sich verspätet und von oben, wo die SHG tagte, konnte man nicht den Türöffner unten bedienen. Ich also runter um auf die Person zu warten. Dann kam der Anruf, "ich schaff' es heute nicht mehr!" Ok, nicht so schlimm, fahr' ich eben wieder hoch.
Genau in dem Moment, wo ich wieder zum Aufzug zurück will, kommen zwei Männer mit Schlüssel zur Haustür hereinspaziert. Ich flöte noch:"Oh, ich dachte, wir sind allein im Haus!" Sagen die beiden nur ganz trocken:" Wir sind von der IT". Na denn, sag' ich (was besseres fiel mir nicht ein).
Und dann sind wir eben zu dritt in dem winzigen Aufzug hochgefahren. Die beiden haben zwar etwas gegrinst, aber kein böses Wort gesagt oder irgendeine dumme Bemerkung gemacht. Danach ging es mir wirklich super.
Ich muß dazu erläutern, wie gestylt ( bzw. eben nicht ) ich war. Wir hatten in der SHG an dem Tag das Thema "Jede zieht mal das an, was sie am liebsten mag" (ohne die andere zu kritisieren, brainstorming sozusagen) (Wir hatten großzügige Umkleidemöglichkeiten mit riesigen, gut beleuchteten Spiegeln). Reden wollten wir dann erst später drüber. Ich war dann die einzige, die einigermaßen (!) passabel angezogen war (und die anderen wollten nicht gehen, die hatten wahrscheinlich eine Vorahnung, was mich dann unten erwartet hat).
Aber mein "Styling" war eben nicht straßentauglich. Transparente Bluse, lange transparente Handschuhe, mein Unterkleid bedeckte kaum die Oberschenkel, so daß man die Strapse sehen konnte, dazu meine höchsten Sandaletten, die ich besitze (mit 12 cm Absatz). Meinen Rock hatte ich kurzerhand oben gelassen, ich war ja der Meinung, es ist keiner im Haus. Geschminkt war ich noch überhaupt nicht und auch ohne Perücke.

Was ich damit sagen will: es war eine sehr ungewöhnliche Situation und ich käme nicht im Traum auf die Idee, mich so "gestylt" irgendwo sonst zu zeigen. Aber dieser "Unfall" hat mir gezeigt, daß die Mitmenschen doch auch da noch Taktgefühl zeigen, wo man es eigentlich nicht so ohne weiteres erwarten kann. Ich war den beiden sehr dankbar für ihr Verhalten.
Daniela04
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Re: Melissas Memoiren

Post 139 im Thema

Beitrag von Daniela04 »

Liebe Melissa

Vielen Dank für Deinen so spannend geschriebener Bericht. Wenn ich Dein Bild ohne Hintergrundinfos betrachten würde, würde ich nie auf ein Mann tippen, auch mit den Hintergrundinfos.
Du siehst so weiblich aus, einfach toll!
manchmal_melissa hat geschrieben: Sa 22. Mär 2025, 08:45 Dort traute ich mich dann, was ich mich zuvor noch nie gewagt hatte: den Gang auf die Damentoilette. Bisher hatte ich es immer tunlichst vermieden, en femme eine Toilette aufzusuchen.
Das hatte ich beim letzten Treffen auch zum ersten Mal, ebenfalls mit Herzklopfen, deshalb habe ich über Deine Bericht lachen müssen, mir gings genau gleich.

Herzlicher Gruss
Daniela
Ich will einfach der sein, der ich wirklich bin: ein Mann, der seine mittlerweile erkannte sehr bedeutende Weiblichkeit vertieft kennenlernen möchte.
petra0103
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Re: Melissas Memoiren

Post 140 im Thema

Beitrag von petra0103 »

Liebe Melissa,

ich kann mich Daniela nur anschließen. Auf dem Foto sehe ich eine hübsche Frau. Nie komme ich auf den Gedanken, dass da ein Mann dahinter steckt.
Deine Geschichte ist richtig gut geschrieben, einmal angefangen muss Frau sie bis zum Ende weiterlesen.

Liebe Grüße
Petra
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 141 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Mein Weg in den Alltag

In den folgenden Monaten entwickelte ich langsam eine Art Routine. Nicht mehr alles war neu, nicht mehr alles war aufregend, trotzdem war es nicht weniger schön. Und einige Premieren gab es auch weiterhin zu feiern.

So auch bei unserem nächsten Treffen Anfang März 2024. Nach dem üblich gewordenen Abendessen war dieses Mal ein Kino unser Ziel. Außerdem hatte ich vorher noch etwas Zeit für eine kleine Fotosession eingeplant. Grund dafür war, dass wenige Tage zuvor mein neuer Personalausweis geliefert worden war. Dieser war zum ersten Mal zehn Jahre lang gültig und kam zu einem perfekten Zeitpunkt. Mein erster Ausflug nach draußen war ein knappes halbes Jahr her und ich war mir sehr sicher, dass ich genau so weitermachen wollte. Also beschloss ich, mir endlich einen DGTI-Ausweis zu bestellen. Und für den fehlte mir jetzt eigentlich nur noch das Foto.

Aber zunächst musste ich mich dafür hübsch machen. Ich war etwas nostalgisch und entschied mich dazu, nochmal mein allererstes Outdoor-Outfit zu tragen: Schwarze Strumpfhose und schwarzer Rock, dazu mein weißes Top, ein schwarzer Bolero und eine Kette mit roter Blüte als kleiner Farbtupfer. Nach dem Schminken nahm ich mir Zeit für mein neues Passbild und ein paar weitere Fotos, den Ausweis bestellte ich nur einen Tag später. Es fühlte sich sehr gut, aber gleichzeitig auch komisch an, mir dieses Dokument zu besorgen. Ich machte Melissa damit quasi offiziell und ließ mir ihre Existenz bescheinigen, der Anblick des Vorschaubildes verwirrte mich jedoch. Das war schon irgendwie ich, nur eben optisch ganz anders als gewohnt und mit neuem Namen. Der Ausweis erschien mir fast schon zu amtlich dafür, dass ich das alles selbst bestimmen und ihn einfach so online bestellen konnte.

Zum Essen trafen wir uns dieses Mal in Schwabing. Der Weg dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln war ein wenig kompliziert, wir mussten mehrfach umsteigen. Wenige Wochen zuvor hätte ich das noch als extrem stressig empfunden. Aber als wir von der U-Bahn zur Bushaltestelle liefen, fühlte ich mich wieder sehr gut aufgehoben in meiner Stadt. Mir wurde klar: Ich war en femme genau so mobil wie sonst auch, also konnte ich en femme auch alles mögliche machen. Nicht nur essen gehen, sondern wie an diesem Tag auch ins Kino, shoppen, oder, oder, oder. Ich war weder an unsere Wohnung gekettet, noch an spezielle Anlässe oder bestimmte Orte. Die Welt stand mir komplett offen. Eigentlich logisch, aber es wurde mir immer mehr bewusst. Melissa war so frei, wie ich sie sein ließ.

Das Essen an diesem Abend war lecker, aber der Service etwas verpeilt. Dadurch bekamen wir nicht nur die Vorspeise nach dem Hauptgang, sondern auch Zeitdruck durch unsere schon gebuchten Kinotickets. Ich merkte dabei wieder, wie ich innerlich etwas verkrampfte und automatisch in eher männliche Bewegungsmuster zurückfiel. Stress und die Frau in mir, das ging noch nicht gut zusammen. Ich brauchte diese innere Ruhe, um mich in meiner Haut wohl zu fühlen und meine weibliche Seite genießen zu können. Das gelang mir an dem Abend leider noch nicht perfekt. Natürlich schafften wir es trotz allem pünktlich ins Kino, aber dort blieb uns wenig Zeit. Karten holen, Getränke kaufen, nochmal auf die Toilette und ab in den Kinosaal. Ich hatte gar keine Zeit mehr, mir über irgendetwas großartig Gedanken zu machen. Das tat mir wiederum gut. Das Personal war freundlich und behandelte mich ganz normal. Und ich ging wie selbstverständlich auf die Damentoilette. Ich genoss es bei aller Hektik, dass diese Automatismen zu greifen begannen und mich nicht mehr jede Alltagshandlung in eine Existenzkrise stürzen konnte. Mit der Zeit lernte ich so immer besser, auch bei Stress einen kühlen Kopf zu bewahren und bei mir zu bleiben. Ich verbannte den leicht reizbaren Mann aus meinem Unterbewusstsein und hörte auf, meine Anspannung auf meine Außenwirkung zu projizieren und mich davon runterziehen zu lassen.

Der Film wiederum war so spannend, dass ich oft komplett vergaß, wie ich gerade im Kino saß. Umso schöner waren dann die seltenen Momente, wenn der Film etwas ruhiger wurde und ich mich kurz wieder selbst wahrnahm. Die Absätze an meinen Füßen, die lackierten Nägel an meinen Fingern und meine übereinander geschlagenen Beine. Dieser kurze Schreckmoment, weil der eigene Anblick so ungewohnt ist, gefolgt von einem warmen Glücksgefühl: Ich bin hier, so wie ich gerade sein will, und niemand stört sich daran.

Auf diese Weise arbeitete sich Melissa langsam in immer mehr Lebensbereiche vor. Als wir eine Woche später wieder mal bei Freunden zum Pizzaabend eingeladen waren, beschloss ich, zum ersten Mal en femme hinzugehen. Einige aus der Gruppe waren bereits bei unseren Ausflügen in München dabei gewesen, entsprechend sicher fühlte ich mich dort. Das bedeutete aber auch, dass Melissa zum ersten Mal mit dem Auto fahren musste. Folglich entschied ich mich für flache Stiefeletten zu meinem lieb gewonnenen Strickkleid. Es war schön, sich mal nicht für ein Event in der Öffentlichkeit zu stylen, sondern für ein privates Treffen. Das nahm mir als Perfektionistin ein bisschen den Druck und ich machte es dadurch auch bewusster. Nicht damit mich Fremde in der Öffentlichkeit als Frau lesen würden, sondern immer mehr für mich. Auch das sorgte dafür, dass sich meine weibliche Seite immer alltäglicher anfühlte. Es wurde wie erwartet ein schöner, entspannter Abend. Mir tat es gut, mir nicht ständig Gedanken über die Umwelt und meine Außenwirkung zu machen. Auch die Autofahrten verliefen unspektakulär, nur der BH und die langen Haare waren ungewohnt und störten anfangs ein wenig.

Nachdem wir in der Garage geparkt hatten und schon fast wieder im Haus waren, passierte dann das, was ich schon oft befürchtet hatte: Wir trafen auf Nachbarn. Bisher war das Treppenhaus jedes Mal leer gewesen, doch ausgerechnet an diesem Abend, es war bestimmt schon nach 23 Uhr, hatten unsere (vermutlich lesbischen) Nachbarinnen beschlossen, nochmal mit dem Hund rauszugehen. Sie kamen uns direkt entgegen, meine Frau grüßte freundlich, ich lächelte nur. Als wir zur Haustür abbogen, drehte sich meine Frau nach ihnen um. Wir huschten schnell hinein und hoch in unsere Wohnung, dann strahlte mich meine Frau an und sagte: „Die haben nichts gecheckt!“ Sie schienen mich tatsächlich für eine Freundin meiner Frau gehalten zu haben.

Das gab meinem Selbstbewusstsein einen ordentlichen Schub. Auch wenn ich bei den beiden die kleinsten Sorgen vor einer negativen Reaktion hatte, war ich erstmal erleichtert. Ob sie mich tatsächlich erkannt hatten oder nicht, war dabei zweitrangig. Viel wichtiger war, dass diese Begegnung stattgefunden hatte und nichts passiert war. So konnte ich in Zukunft wieder ein Stück entspannter zu neuen Abenteuern aufbrechen.
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Joo
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Re: Melissas Memoiren

Post 142 im Thema

Beitrag von Joo »

Mal ganz ehrlich Melissa, wo auf diesem Passbild ist auch nur eine Spur von Mann? Mehr Frau geht wirklich nicht!

LG Joo
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Die Toleranz der Anderen ist meine Freiheit.
laura_naomi
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Re: Melissas Memoiren

Post 143 im Thema

Beitrag von laura_naomi »

Liebe Melissa,
dein Bericht ist so schön.
Ich kann deine Gefühle gut nachvollziehen.
Und dein Passbild ist wunderbar.
Vielleicht treffen wir uns ja mal
Bin aus Augsburg
Liebe Grüße
Laura Naomi
ChristinaF
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Re: Melissas Memoiren

Post 144 im Thema

Beitrag von ChristinaF »

Den Zeilen von Joo kann ich mich nur anschließen. Und deine Ausstrahlung ist bemerkenswert. (super)
LG Christina
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 145 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Normalität und ihre Nebeneffekte

Auf Menschen zu treffen machte mir immer weniger Angst. Einen Monat später, im April 2024, traf sich unsere Gruppe wieder zum Abendessen in der Stadt. Felice und ich verabredeten uns schon nachmittags zu einem Spaziergang durch den Englischen Garten. Es war Frühling und schon recht warm, also trug ich mein gepunktetes Sommerkleid und schwarze Ballerinas. Das Kleid hatte genug Schnitt, dass ich mich auch ohne Polster darunter wohl fühlte. Für die kühleren Abendstunden nahm ich noch eine Lederjacke mit, die mir meine Frau vererbt hatte.

In der Stadt wollte ich erst mal eine Sonnenbrille kaufen. Dieses Accessoire fehlte noch in meinem Schrank und wurde bei dem strahlenden Sonnenschein draußen auch dringend benötigt. Ich war aufgeregt, als wir den kleinen, engen Schmuckladen betraten. Noch nie zuvor hatte ich en femme etwas eingekauft. Aber mein Mut wurde belohnt: Ich fand eine schöne Sonnenbrille und die Kassiererin, die gerade eine andere Kundin beriet, wandte sich mir mit den Worten zu, sie müsse „kurz die Dame bedienen“. Davon beflügelt konnte ich unseren langen Spaziergang durch den Englischen Garten so richtig genießen. Es war sonnig und angenehm warm, aber nicht zu heiß unter der Perücke. Entgegen der Warnung meiner Frau waren meine Ballerinas sehr bequem und trugen mich zuverlässig und stilsicher zum Ziel. Und wie das Sommerkleid und der Wind sich auf meinen glatten Beinen anfühlten, ohne Polster oder Strumpfhose - unbeschreiblich.

Und das alles, obwohl es im Englischen Garten nur so von Menschen wimmelte. Halb München war an diesem Samstag draußen. Aber das brachte mich nicht aus der Ruhe. Nicht mal die vielen Junggesellenabschiede behelligten uns. Einige Wochen später erfuhr ich sogar, dass ein Arbeitskollege bei genau so einem Junggesellenabschied im Englischen Garten unterwegs gewesen war. Gut möglich, dass er uns sogar gesehen hatte und sich nichts weiter dabei dachte. Und selbst wenn wir ihm direkt über den Weg gelaufen wären: Ich war mir mittlerweile sicher, dass mich niemand auf Anhieb erkennen würde.

Im indischen Restaurant trafen wir dann den Rest und wurden fast schon zu freundlich behandelt. Der Kellner war uns sichtlich wohlgesonnen und fragte ständig, ob die Damen noch etwas möchten, ob es den Damen geschmeckt habe etc. Obwohl ich das anfangs, ähnlich wie im Schmuckgeschäft, noch genoss, empfand ich ein immer größeres Störgefühl. Ich erkläre mir das so, dass ich mich nicht richtig ernstgenommen fühlte. Korrekt gelesen und angesprochen zu werden ist zwar schön, aber wenn es inflationär wird, unterstreicht es doch nur wieder den Unterschied, den wir zu cis Frauen darstellen. Meine Laune trübte das jedoch nicht - im Gegenteil: Übertriebene oder unsensible Unterstützung ist mir immer noch viel lieber als keine (oder gar Ablehnung). Als ich wieder zu Hause war, schoss ich noch ein paar Erinnerungsfotos, denn dafür war mittags keine Zeit mehr gewesen. Immerhin schaffte es so meine neue Sonnenbrille direkt mit auf die Bilder.

Kurz vor oder nach diesem Ausflug wurde auch mein DGTI-Ausweis geliefert. Das nahm ich als Anlass für ein kleines Resümee meines ersten halben Jahres als Frau in freier Wildbahn. Mit fiel auf, dass ich mich öfter in Melissa verwandelte als vorher - für mich zunächst ein scheinbarer Widerspruch. Für einen Melissa-Tag zu Hause brauchte es keinen Anlass, eigentlich nur genug freie Zeit. Doch genau hier lag das Problem: Freie Zeit gab es gar nicht so oft, und ich hatte manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ein freier Samstag nur für mich draufging. Den Weg nach draußen zu gehen war eine Befreiung, denn aus Hindernissen für einen Tag en femme wurden plötzlich Anlässe. Dadurch war das schlechte Gewissen weg und ich nebenbei auch sozial besser integriert. Melissa war nun ein fester Teil von mir und ich konnte mir teilweise sogar aussuchen, in welchem Modus ich mich mit den wenigen Freunden treffen wollte, die Bescheid wussten. Je nach Laune und Gefühlen auch äußerlich die Person zu sein, die ich gerade sein wollte - eine absolute Traumvorstellung, die langsam Wirklichkeit wurde. Leider gab es noch zu viele liebe Menschen, die Melissa nicht kannten, aber daran beschloss ich zu arbeiten.

Während sich beim Ausleben meiner weiblichen Seite eine gewisse Normalität einstellte, spürte ich auch Auswirkungen auf mein Leben als Mann. Auch wenn meine Erlebnisse immer weniger spektakulär wurden, zehrte ich umso länger davon. Melissa schien für mich eine unendliche Energiequelle zu sein. Hatte ich mal einen schlechten Tag, reichte der Gedanke an einen vergangenen oder die Vorfreude auf einen bevorstehenden Melissa-Tag oft aus, um meine Stimmung zu heben. Ich fühlte mich in manchen Situationen sogar fast unangreifbar, z.B. wenn es mit Arbeitskollegen mal wieder Streit über Nichtigkeiten gab. Regelmäßig diese maximale Verletzlichkeit zu zeigen machte meinen Panzer zwar nicht härter, aber es führte mir vor Augen, wie dick er war, wie viele stabile Mauern im (männlichen) Alltag zwischen meinem Innersten und der Außenwelt standen. Selbst wenn mich jemand frontal angreifen würde, könnte er damit höchstens an der Oberfläche meiner Persönlichkeit kratzen. Dieses Wissen gab mir eine enorme Sicherheit.

Auch Lampenfieber bekam ich auf diese Weise gut in den Griff. Stand z.B. auf der Arbeit eine größere Präsentation an, machte ich mir meinen Panzer bewusst. Ich dachte daran, wie nervös ich gewesen war, als ich zum ersten Mal en femme die Wohnungstür öffnete oder durch die Fußgängerzone lief. Offen vor etlichen Fremden, in damals noch sehr ungewohnter Aufmachung und vergleichsweise schutzlos. Alle schienen mich anzustarren, ich fühlte mich im Mittelpunkt, obwohl ich mich eigentlich lieber versteckt hätte. Dagegen war jede Drucksituation im Männermodus ein absolutes Heimspiel mit dem Wissen, dass nichts weltbewegendes schiefgehen konnte. Ich hatte gelernt, was langfristig für mein Wohlbefinden wirklich wichtig war. So konnte ich den Vorstandspräsentationen, Streitereien und Wichtigmachern mit der entsprechenden Gelassenheit begegnen.

Natürlich wurde mir durch die neue Normalität auch klar, wie wenigen Menschen gegenüber ich komplett offen war. Ich konnte immer öfter nicht ehrlich antworten, wenn ich auf der Arbeit nach dem letzten Wochenende oder meinen Plänen für das nächste gefragt wurde. Aber das war okay für mich und nebenbei auch ein guter Indikator dafür, wem ich mich als nächstes öffnen wollte. Meine Arbeitskollegen gehörten nicht dazu, auch für meine Eltern war es mir noch zu früh. Aber einige Freunde waren schon in meiner engeren Auswahl, und der nächste CSD näherte sich unausweichlich…
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ChristinaF
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Re: Melissas Memoiren

Post 146 im Thema

Beitrag von ChristinaF »

Deine Bilder sind wieder einmal wunderbar. Für mich bist du eine unbeschreiblich schöne Frau, die stolz auf ihre Ausstrahlung und ihr Aussehen sein kann. (super)
LG Christina
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Re: Melissas Memoiren

Post 147 im Thema

Beitrag von Daniela04 »

Liebe Melissa

Du siehst wunderbar weiblich aus! Und Dein Bericht ist wie immer mitreissend.
(super)

Herzlicher Gruss
Daniela
Ich will einfach der sein, der ich wirklich bin: ein Mann, der seine mittlerweile erkannte sehr bedeutende Weiblichkeit vertieft kennenlernen möchte.
Alexandra S.
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Re: Melissas Memoiren

Post 148 im Thema

Beitrag von Alexandra S. »

Hallo Melissa,
ein wirklich wundervoller Bericht über Deine Erlebnisse! Richtig klasse und spannend geschrieben, da fiebert man voll mit! Einige der Situationen kommen mir irgendwie bekannt vor.....
Ich würde mich sehr über eine Fortsetzung freuen. Wie geht es Dir heute, was hast du wieder alles erlebt?

Liebe Grüße
Alexandra
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 149 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Hallo Alexandra,

Danke für deine lieben Worte!
Alexandra S. hat geschrieben: Mo 3. Nov 2025, 19:31 Ich würde mich sehr über eine Fortsetzung freuen. Wie geht es Dir heute, was hast du wieder alles erlebt?
Mir geht es prima und ich schreibe fleißig weiter an meinen Erlebnissen. Leider bin ich immer noch ein gutes Jahr von der Gegenwart entfernt, es gibt also noch einiges an Material… :wink:

Liebe Grüße,
Melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 150 im Thema

Beitrag von Beatrixtg »

manchmal_melissa hat geschrieben: Do 6. Nov 2025, 20:17 Mir geht es prima und ich schreibe fleißig weiter an meinen Erlebnissen. Leider bin ich immer noch ein gutes Jahr von der Gegenwart entfernt, es gibt also noch einiges an Material…
Gut für uns!
Freue mich auf deinen nächsten Bericht.
Das führt mir auch immer wieder vor Augen, was ich salles verpasst habe. Opfer für die Familie gebracht, Fehler? Oder hätte ichmich mehr öffnen müssen? Auch wenn ich dann leichter zu verletzen war?
Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die früher erkannt haben, das verwinden nicht der beste Weg ist.
Freue mich für Dich, mach weiter so

Liebe Grüsse Beatrix
Ich bin nicht Mann, ich bin nicht Frau, ich bin einfach ich. Und das ist gut so.
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