Oh, nicht "die Politik", also die große, aber die Emanzipations- und Gleichstellungsbewegungen machen der patriarchalen Mehrheitsgesellschaft ihre Deutungshoheiten und ihre Privilegien streitig, die Welt allein zu ihren Gunsten zu nutzen und zu gestalten.Shoshana hat geschrieben: Fr 31. Jan 2025, 09:08 Jetzt konkret: Was hat die Politik der letzten 30 Jahre deiner Meinung nach wem weg genommen?
Ganz platt gesagt: Benachteiligte Menschen fordern von den Bullies Rücksichtnahme.
Das ist wie auf dem Schulhof. Die einen sagen, dass sie es nícht mehr in die Ecke gedrängt werden und ihre Pausenbrote hergeben wollen; die Bullies meinen, das sei schon immer so gewesen und sie seien eben die stärkeren und hätten es auch nicht leicht, weil ihnen ja auch andere ihre Pausenbrote wegnehmen usw.
Der Backlash ist, wie Tadzio Müller formuliert, "das Coming-Out der A***hloch-Gesellschaft", die keine Rücksichten nehmen will, denen Schwächere und Minderheiten egal sind und die deshalb alle Leute die "anders" sind einfach nicht haben wollen. "Die" sollen weg bzw sich unsichtbar fügen, während sie "wie schon immer" ihre vermeintlich berechtigten Ansprüche ("entitlement") ausleben.
Insbesondere ein bestimmter Typ (cis) Männer. Leider einer Mehrheit. Die sind mehr oder weniger der patriarchalen Ideologie verfallen, die allen Jungs und Männern beigebracht wurde. Zum Beispiel, dass sie stets Dinge zu machen und Probleme zu lösen haben. Es geht darum sich und die eigenen Ansprüche durchzusetzen gegen "andere". Erfolg und Status bemisst sich nach Geld, Macht und Sieg. Kampf statt Konsens, Macker statt Mitmensch.
Aber diese Ideologie ist fragil. Die allermeisten sind ja nicht auf dem Treppchen, die angeblichen "alpha males". Das erzeugt Stress, die Fassade aufrecht zu erhalten und die Ansprüche zu erfüllen, um nicht als "Loser" zu gelten (das meint: "die cis-Normativität schadet auch cis Personen"). Ansprüche übrigens auch ihrer Partnerinnen (ich bin hier ganz in der cis-bin-het Welt), die "einen richtigen Mann" wollen. Klingt bekannt?
Und dann kommen Leute, die diese Rollen für sich ablehnen und sogar freiwillig auf ihr "Geburtsrecht" als Mann verzichten. Andere sind "Mann", aber lehnen die Statussymbole ab, das Bully-tum, das "FLAISCH!!!", das Gröhlen, die Kraftmeierei, die Karriere und Beförderungen. Und weitere fordern Rücksichtnahme und Interessenausgleich statt Durchsetzungsvermögen mit Kraft und Lautstärke.
Das alles signalisiert diesen Männern (und den Frauen, die sich in dem System wiederfinden), dass sie möglicherweise nicht auf der richtigen Spur sind. Nicht "die Guten", sondern dass all das, was ihnen beigebracht und vorgelebt wurde von ihren Vätern (und Müttern und Partnerinnen und Peers) möglicherweise nicht mehr gilt - oder noch nie gut war. Denn in seiner (ihrer) Wahrnehmung werfen ihm (ihr) jetzt Menschen vor, dass er (sie) das ganze Leben "falsch" gehandelt hat. Nach falschen Grundsätzen und Werten. Das Internet hat dafür das "Are We the Baddies?"-Meme.
Hinzu kommt, dass auch das gesamtgesellschaftliche Versprechen vergangener Jahrzehnte sichtbar nicht eingelöst wird/wurde. Die Erzählung war doch vor allem für weisse, "autochtone" (hier eingeborene) und insbesondere männliche Menschen, dass sie es mit Fleiss, Leistung und Anstand zu Wohlstand und Glück schaffen können. Mit guter Schulbildung umso mehr. Die vergangenen Jahrzehnte, ich sag mal ab Ende 1970er, haben aber zunehmend Menschen desillusioniert und mit den großen Finanzkrisen ab 2000 brach dieses Bild bürgerlichen Erfolgsmodells ziemlich zusammen. Auch wenn regelmässig 75% der Bevölkerung sagen, es ginge ihnen eigentlich gut, wird wahrgenommen, dass das mit dem Aufsteig durch Fleiss, Anstand und "Leistung" nicht funktioniert. Spoiler: Hat es eigentlich noch nie. Was HeikeCD schreibt ist Ausdruck dieses Gefühls.
Alles in allem erleben diese Menschen eine "narzisstische Kränkung" (die englische Version ist ausführlicher). Ein Angriff auf das Selbstbild, die Bedeutung, die Stellung in der Welt und die Richtigkeit der bisherigen Ansichten und Handlungen.
Sprich: Das kann doch nicht sein! Das darf nicht sein! Die müssen alle falsch liegen. Das sagen doch die eigenen Mehrheits-Peers auch. Das war doch für Jahrzehnte gut und schau, was wir alles aufgebaut haben! Das müssen alles "links-grün versiffte", ideologisch verblendete Radikale sein, die nur neidisch sind und mir alles wegnehmen wollen. Vor allem "die da, die nicht von hier sind".
Die einfachste Reaktion, um das Selbstbild als "guter, hart arbeitender" Mann, Familienvater, Problemlöser, Beschützer, integriertes Mitglied der Gesellschaft zu erhalten ist Reaktanz. Also fundamentaler, hoch emotionaler Widerstand gegen alle Ansätze und Symbole, die auf dieses Dilemma: Vegetarisches Essen, "Gendersternchen", Lastenräder, Windräder. Und das Beharren auf Symbolen und Rezepten, die eigentlich genau die Probleme verursacht haben.
Genau das sehen wir bei den extremen Rechten als Fokuspunkt ganz deutlich in Wort und Bild. Insbesondere natürlich bei autoritären und autokratischen Typen wie Trump, Erdogan, Órban. Aber auch in der Tendenz in der Nachbarschaft, Kollegium, Verein, Stammtisch.
Deshalb nutzen auch Fakten so wenig. So lange das Bauchgefühl nicht dabei ist, werden die ignoriert.