michaelaa54 hat geschrieben: Do 22. Aug 2024, 15:34
ich bewundere dich für den mut überhaupt rauszugehen. ich habe ihn noch nicht gehabt. wenn dann so ein zwischenfall dazukommt ist das zwar peinlich, aber am ende doch auch lustig. ich wünschte mir einmal den mut das auch so durchzuziehen. es wäre wahrscheinlich wunderschön.
Liebe Michaela,
Ich lebe nun schon das vierte Jahr 24/7 als Frau: und zwar ganz bewusst OHNE Perücke und Schminke, also auch ohne herkömmliches "Passing" als Frau, mit Halbglatze, Baritonstimme und Adamsapfel. Dafür vom Hals abwärts konsequent und eindeutig weiblich: Rock/Bluse/Kleid, Nylons+Pumps, Brust und Hüften harmonisch passend aufgepolstert, Schmuck und Accessoirs weiblich. Der ganze Stil durchaus sexy figurbetont - aber im Rahmen dessen, was Frauen üblicherweise tragen, nix "schrilles". Der unverkennbar männliche Kopf darüber ist ja schon provozierend genug; da ich ihn sowieso nicht wirklich verstecken kann, stehe ich ganz offen dazu, als Transgender (früher hätte man es "Tunte" genannt) erkennbar zu sein. Ich bin nun mal so. Das in meinem Avatar gezeigte Outfit ist Teil meiner Alltagskleidung.
Wie gesagt: nun schon bald 4 Jahre... Meine Erfahrungen damit in der Öffentlichkeit waren und sind fast durchweg positiv - so positiv, dass ich schon nach dem ersten halben Jahr meine gesamte, männliche Kleidung entsorgt habe: ich war und bin mir sicher, dass ich sie nie mehr brauchen werde. Die Leute begegnen mir fast ausnahmslos unauffällig freundlich, die Männer im Vergleich zu vorher spürbar rücksichtsvoller und hilfsbereiter, die Frauen spontan offener und kommunikativer. Um mit irgendeiner fremden Frau Kontakt aufzunehmen, muss ich seitdem nicht mehr mit einem verkrampften "Entschuldigung" erst eine Glasglocke durchbrechen, ich kriege schon einen offenen Blick und ein freundliches Lächeln, sobald ich mich gezielt auf sie zu bewege. Niemand starrt mich indezent an, niemand grenzt mich aus - alles im grünen Bereich. NULL Probleme. Und ich selber atme auch nach 4 Jahren immer noch jedesmal befreit auf, wenn ich so vor die Tür gehe: endlich darf ich mich offen so zeigen, endlich muss ich mich nicht mehr verstecken.
Gerade weil ich Deine Ängste aus meinen eigenen, früheren Jahrzehnten als Mann sehr gut kenne und nachvollziehen kann, muss ich heute - angesichts meiner letzten vier Jahre - darüber schmunzeln: sie sind völlig gegenstandslos. Es passiert Dir nichts, wenn Du heute als (auch klar erkennbar Trans-) Frau in die Öffentlichkeit gehst. Die Zeiten, als das ein Spießrutenlauf war, sind Gottseidank schon lange vorbei. Nimm Dir ein Herz und tu's einfach. Jeder weitere Tag, den Du davor zurückschreckst, ist ein weiterer, verlorener Tag.