Soeben bin ich von einer Radtour an der Donau entlang von Wien nach Budapest zurückgekommen, d. h. zwei Tage in Niederösterreich, 2 Tage in der Slowakei (Bratislava) und eine Woche in Ungarn, begleitet von meiner lieben Frau und einer lieben Freundin, mit der wir schon viele schöne Touren gemeinsam gemacht haben. Unterkunft per AirBNB.
Ich natürlich (wie immer seit dreieinhalb Jahren) en femme: der Kopf mit Halbglatze und bewusst OHNE Perücke klar als "männlich" erkennbar, ansonsten mit explizit weiblicher Kleidung (Rock/Bluse/Kleid) und Figur (Brust und Hüften aufgepolstert). Die gesamte Erscheinung also nach herkömmlichen Maßstäben schon provokant: unverhüllt männlicher Kopf auf ansonsten demonstrativ weiblichem Körper - so, wie ich auch zuhause in Deutschland seit drei Jahren Tag für Tag ohne Probleme herumlaufe. Nur die letzten paar Tage zwang mich das Regenwetter zu eher unauffällig androgyn wirkender Funktionskleidung: Damenhose, Regenjacke.
Inn Österreich war - wie schon erwartet (ich war schon viele Male en femme dort) - mein Outfit kein Thema: die Leute begegneten mir freundlich wie immer, alles ganz normal, keinerlei Komplikationen.
In der Slowakei und in Ungarn war dann aber doch zu bemerken, dass dort die Verhältnisse noch ein bisschen anders sind als bei uns: ich erlebte das dort so ähnlich, wie es bei uns in Deutschland vor ca. 20 Jahren noch war. Es gab schon hier und da mal deutlich irritierte Blicke, und speziell von Männern auch ab und und zu spöttische Zurufe - besonders dann, wenn ich mal allein unterwegs war. Nix wirklich Bösartiges, ich fühlte mich nie ernsthaft bedroht; die mussten halt angesichts des für sie ungewohnten Anblicks ihre homophoben Regungen irgendwie loswerden... Einmal wurden wir in einem Straßenlokal in Bratislava nicht bedient, das Personal ignorierte uns einfach 20 Minuten lang, bis wir kommentarlos gingen; ob's an meinem Outfit oder an irgendwas völlig anderem lag, darüber kann ich nur rätseln: es blieb ein Einzelfall, ansonsten wurden wir überall sehr prompt und freundlich bedient - auch, wenn ich allein irgendwo einkehrte. Für herzklopfende, erste Erfahrungen mit dem Ausgehen en femme kann ich diese beiden Länder unterm Strich also nicht empfehlen, dazu braucht man dort schon ein halbwegs gefestigtes Selbstbewusstsein. Ernsthaft problematisch ist es aber auch nicht.
Bei einer abendlichen Exkursion, die ich in Bratislava allein unternahm, wurde ich erstaunlicherweise gleich mehrfach von alten (= annähernd gleichaltrigen, ich bin selber 75) Frauen angesprochen; sie versuchten sehr freundlich, mich in ein Gespräch zu ziehen. Leider war ich da gerade etwas in Stress wegen unserer Fahrräder und in Zeitdruck wegen einer Verabredung mit meinen Begleiterinnen; ich konnte mich deshalb nicht darauf einlassen. Ich hätte schon sehr gerne gewusst, was die von mir wollten...
Passend zu der gesamten Atmosphäre sah ich in Bratislava und in Budapest auch ein paar MzF-Transsexuelle, die da mit maskenhaft auf weiblich gespachteltem Gesicht herumliefen. In Deutschland habe ich das schon ziemlich lange nicht mehr gesehen, hier hält man sowas offenbar nicht mehr so sehr für nötig.
Ansonsten kann ich die Slowakei und Ungarn als Urlaubsländer nur sehr empfehlen: wunderschöne, alte Städte mit prachtvollen Fassaden, die Straßen mit vielen, originellen Brunnen und Bronzefiguren verziert, alles blitzsauber, die Leute durchweg sehr freundlich und hilfsbereit. Viel abwechslungsreiche Gastronomie auf qualitativ hohem Niveau - bei glatt halb so hohen Preisen für Essen und Unterkunft wie bei uns mittlerweile. Das Personal in den Gaststätten ist hoch qualifiziert und spricht fast immer wenigstens ansatzweise auch Deutsch oder Englisch - die Kommunikation ist da für uns Deutsche weniger problematisch als in so mancher deutschen Gastwirtschaft
Die ungarischen Autofahrer sind gegenüber Fußgängern und Radfahrern auffällig rücksichtsvoll und zuvorkommend; an den sehr häufigen Zebrastreifen hat man da wirklich zuverlässig Vortritt bzw. Vorfahrt, und auch sonst verhalten sich die allermeisten Kraftfahrer (Rowdies gibt's schon auch noch, aber sehr selten) vorbildlich vorsichtig und kooperativ.
Die jungen Frauen kleiden sich sehr körperbetont und sexy; sie wirken überhaupt viel selbstbewusster, fröhlicher und unbekümmerter als bei uns. Afrikaner oder Araber, die hierzulande inzwischen das Straßenbild prägen, sind in Ungarn und in der Slowakei kaum zu sehen - wenn überhaupt, dann meist als Touristen beiderlei Geschlechts. Auffällig oft sieht man dagegen Asiaten, die sich dort recht unauffällig und problemlos integrieren. Man sieht sie fast ausschließlich in irgendeiner beruflichen Funktion. Für asiatische Immigranten scheinen diese Länder deutlich attraktiver zu sein als Deutschland.
Kurz: als Tourist fühlt man sich dort zurückversetzt in Verhältnisse, wie sie bei uns vor der Jahrtausendwende herrschten - ein sehr angenehmes Gefühl. Die noch weitgehend unverspargelte Landschaft tut das ihre dazu. Wie sehr sich das auf das allgemeine Wohlempfinden auswirkt, merkt man erst so richtig, wenn man Ungarn in der Gegend des Neusiedler Sees Richtung Österreich wieder verlässt: man kriegt einen regelrechten Schock, wenn da der ganze Horizont gleich mit Hunderten dieser brutalen Vogelshreddern so dicht zugestellt ist, dass man sich fragt, ob die Flügel nicht miteinander kollidieren. 20 bis 30 Prozent dieser Schreckschrauben sind dabei außer Betrieb - nicht mal die Wartung klappt anständig, für die sündteuren Subventionen.
Ein Hoch auf Victor Orban, den "Bad Boy" der EU-Politik: jedenfalls für mich als Urlauberin erscheint das von ihm geprägte, heutige Ungarn klar attraktiver als Deutschland und Österreich. Es fühlt sich einfach angenehm an, dort zu sein. Auch wenn sie gegenüber uns Crossdressern momentan noch ein wenig altmodisch sind - aber das wird sich auch noch geben.