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auch dieser Teil war wieder super spannend zu lesen.
Ich kann es so richtig nachfühlen wie du dich bei dem Outing gefühlt haben musst. Meiner Frau gegenüber, die einzige die in Ansätzen etwas weiß, geht es mir auch immer mal wieder so. Und jeder Tag ist auch nicht gleich, mal hat Frau mehr Lust zum reden als an anderen Tagen. Ebenso ist es andere an seinen Gefühlen teilhaben zu lassen. Das ist schlecht zu planen.
Du kannst dich einfach unendlich glücklich schätzen so eine tolle Frau an deiner Seite zu haben.
Wenn Melissa ein kleines Feuer ist, das in mir brennt, dann war das Treffen mit Felice ein Brandbeschleuniger. Es war der Startpunkt einer rasanten Entwicklung, die ich mir so nicht zugetraut hätte. Eigentlich war ich ja ganz zufrieden gewesen mit mir und meinem Tempo, aber Felice hat mich ermutigt und mir ermöglicht mindestens einen Gang höher zu schalten.
Dabei war das Treffen in eine dieser Phasen relativer Zufriedenheit gefallen: ich hatte meine Garderobe um alltagstauglichere Klamotten erweitert, machte beim Schminken keine groben handwerklichen Fehler mehr und hatte mir gerade erst eine neue Perücke bestellt, die mir deutlich besser gefiel als meine erste. Solche Phasen gab und gibt es immer wieder, und sie wechseln sich ab mit Phasen, in denen man seine größten Baustellen genau kennt und gezielt angeht. Hat man ein Thema gemeistert, wird man wieder kritischer und es fallen neue Verbesserungspotentiale auf.
Felice half mir dabei, genau diese Baustellen nach und nach zu identifizieren und mich gezielt zu verbessern. Wir trafen uns immer mal wieder zum Reden, und bei jedem Gespräch lernte ich Neues. Am meisten wahrscheinlich über Make-up: Felice empfahl mir dringend, mich mit Produkten von Kryolan einzudecken. Ich hatte ja bisher nur die wild zusammengewürfelten Schminksachen, die meine Freundin mir vererbt hatte. Es war also egal, dass ich handwerklich besser geworden war, weil mittlerweile das Werkzeug der limitierende Faktor war. Zu meinem eigenen Erstaunen fackelte ich nicht lange und steuerte wenige Wochen später mit einer Einkaufsliste von Felice den Kryolan-Shop in München an. Ich war rückblickend wieder irrational aufgeregt. Eigentlich hatte ich mir ja mal wieder vorgenommen, ruhig zu bleiben, aber in diesen Momenten hatte ich mich noch nicht gut unter Kontrolle. Ich ging also entschlossenen Schrittes genau auf die Tür zu - und bog kurz davor ab. Da waren Kundinnen im Laden; mich verließ sofort der Mut. Ich ging die Straße einfach weiter, weit genug, damit mein Wendemanöver keine Aufmerksamkeit erregen würde. Das fühlte sich ziemlich bescheuert an. Dann atmete ich durch, drehte um und startete einen zweiten Versuch. Dieses Mal war ich standhafter und öffnete die Tür. Wahrscheinlich hatte ich einen knallroten Kopf. Ich hoffte nur, dass man mir meine Nervosität nicht ansah, während ich in der Schlange wartete. Dann kam ich an die Reihe, nahm mein Handy heraus und nuschelte etwas von einer Liste von Produkten, die mir eine Freundin empfohlen hat. Die Verkäuferin arbeitete die Liste kommentarlos und zügig ab und packte alles in eine Tasche. Ich zahlte, bedankte mich schnell und ging - eigentlich alles ganz einfach. Ich war zwar glücklich über den Einkaufserfolg, aber ich schämte mich für meine Aufregung, die mich wahrscheinlich eher unsympathisch hat wirken lassen. Dabei ist gerade das Personal in solchen Läden ja an uns als Kundschaft gewöhnt. Aber diese Dinge lernt man ja zum Glück mit der Zeit.
Im sicheren Umfeld der Wohnung ging es nun darum, die folgenden Melissa-Tage zum Üben zu nutzen. Das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Das neue Make-up deckte zwar hervorragend, aber es war deutlich fester als mein altes und war viel schwieriger zu verteilen. Eine viel zu dicke Foundation war am Anfang die logische Folge. Noch dazu kam, dass es entgegen meiner Erwartung nicht gut hielt: Sobald ich schwitzte, löste es sich zwischen Mund und Nase ab, in dunklen Flecken kam der Bartschatten zum Vorschein. Es brauchte noch ein paar Fehlversuche und ein paar Experimente, bis ich merkte, dass die Kryolan Underbase für mich das Problem war. "Für fast alle Hauttypen geeignet" heißt eben genau das: fast alle. Sie wegzulassen wirkte Wunder, und plötzlich ließ sich alles auch relativ gut fixieren. Mit neuem Make-up und neuen Haaren war ich mit meinem Erscheinungsbild sehr zufrieden. Es wirkte natürlicher und femininer als vorher, es schloss meine damaligen Großbaustellen und brachte mich einen großen Schritt näher zu einer authentischen Optik.
Wenn es nach Felice gegangen wäre, hätte ich sogar einen noch steileren Start hingelegt: Sie fragte mich bei einem unserer ersten Treffen, ob ich nicht zu einem Schminkseminar bei Elli Hunter mitkommen wollte, inklusive Abendessen en femme. Ich beriet das damals kurz mit meiner Freundin, aber wir waren uns einig, dass es dafür noch zu früh wäre. Ich hätte mich vermutlich sehr unsicher gefühlt, war noch nicht hundertprozentig zufrieden mit mir. Ich kann heute gar nicht mehr genau sagen, was mich gestört hat, aber es fühlte sich noch nicht stimmig an. Also sagte ich ab, behielt die Möglichkeit aber im Hinterkopf, denn die Idee, beim ersten Mal draußen etwas professionelle Assistenz zu haben, gefiel mir.
Auch privat lief es gut für mich. Im Sommer 2022 heiratete ich meine Frau. Sie freundete sich immer besser mit Melissa an, unterstützte und kritisierte mich konstruktiv. Immer häufiger machte sie mit mir Fotoshootings an Melissa-Tagen und gab mir Tipps, zum Beispiel bei einem kleinen Lauftraining auf hohen Schuhen. Wir bestellten uns sogar die gleichen Leggings, weil wir sie beide schön fanden. Es klingt heute verrückt, aber wenige Monate zuvor wäre all das noch nicht denkbar gewesen. Es war schön zu sehen, wie so etwas wie Normalität in diesen neuen Teil der Beziehung einkehrte. Ein weiteres Highlight ereignete sich dann im Herbst: Meine Frau schlug mir überraschend vor, mal einen Mädels-Wellness-Tag zu Hause zu machen, an dem wir uns hübsch machen und es uns so richtig gut gehen lassen. Auch wenn wir das bis heute nie umgesetzt haben, machte mich der Gedanke daran sehr glücklich. Dass die Idee von ihr kam, zeugte von einer großen Akzeptanz. Ich hatte das Gefühl, dass auch dieser Teil von mir jetzt in unserem Leben angekommen war.
Meine positive Entwicklung rückte auch meine Ziele etwas näher. So langsam konnte ich mir vorstellen, als Melissa in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich fasste für mich den Vorsatz, es noch im selben Jahr zu versuchen. Konkret dachte ich an Pink Christmas, einen queeren Weihnachtsmarkt in München, wo sich sicher niemand an mir gestört hätte. Für einen Ausflug im Winter wäre auch meine Garderobe am besten geeignet gewesen. Meine Frau war nicht abgeneigt und mein nächster Schritt damit in greifbarer Nähe"¦
nur Mut! Ein perfektes Passing ist wirklich nicht nötig, um als Frau gelesen zu werden. Gerade jetzt im Sommer ist es m.E. einfach, unverkrampft rauszugehen. Perücke, Lippenstift, evtl. etwas Makeup und eine große Sonnenbrille (eh gerade modern). Da fällst du niemandem als andersartig auf. Ich lasse derzeit sogar Perücke und Makeup weg (dafür dünne Mütze gegen hohe Stirn) und man muss schon zweimal hingucken, um den Mann zu erkennen. Und wenn's passiert, dann siehst du diese Person wahrscheinlich eh nie wieder.
Also los, wirf dich ins Leben! Es ist Zeit.
Liebe Grüße, Alicia.
Eine Lebensweise zu erfinden ist nichts. Sie zu verinnerlichen, ein Anfang. Sie zu leben ist alles.
(Frei nach Otto Lilienthal)
keine Sorge: Alles, worüber ich hier schreibe, liegt in der Vergangenheit. Das letzte Kapitel handelt vor (Stand heute) zwei Jahren. Seitdem hat sich einiges getan"¦
Nach der aufregenden ersten Jahreshälfte hatte ich einige Monate lang wenig Zeit für Melissa. Meine Masterarbeit stand an und auch beruflich veränderte sich dadurch einiges. Ich begnügte mich in dieser Phase damit, mich ab und an zu schminken, um nicht aus der Übung zu kommen. Im Winter wurde das zwar wieder besser, meinen Vorsatz, 2022 noch rauszugehen, konnte ich aber nicht einhalten. Ich hatte nicht die Zeit, diesen ersten Ausflug sorgfältig zu planen, und spontan ergab sich vermeintlich keine passende Gelegenheit. Wir besuchten zwar tatsächlich Pink Christmas mit einigen Freunden, aber ein gleichzeitiges, größeres Outing inklusive Live-Konfrontation hätte mich definitiv überfordert. Es war rückblickend eine gute Entscheidung, nichts zu erzwingen, trotzdem war ich damals unzufrieden mit mir. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich mal wieder einen Tritt in den Hintern brauchte - und den bekam ich auch, doch dazu später mehr.
Zunächst legte ich wieder mehr Melissa-Tage ein. Ich kam immer besser mit dem neuen Make-up zurecht und experimentierte zunehmend damit. Außerdem stockte ich meine Garderobe weiter auf. Um die schönen Klamotten irgendwann auch endlich mal ausführen zu können, suchte ich das Gespräch mit meiner Frau. Wir hatten sowieso vorgehabt, 2023 mal wieder nach Hamburg zu fahren. Ich ergriff die Initiative, und so einigten wir uns schnell auf die Option, Melissa dort zum ersten Mal in die Freiheit zu entlassen. Je nachdem, wie sicher ich mich fühlte, könnte ich mich ja auch bei Schwesternzeit schminken lassen. Fremde Stadt, bei Bedarf professionelle Unterstützung: Dieser Plan gab mir Sicherheit. Und ich fühlte zum ersten Mal nicht nur einen Vorsatz, sondern eine gewisse Verbindlichkeit: Dieses Jahr würde es passieren!
Interessanterweise änderte sich auch der Anspruch meiner Frau an mich, je konkreter es mit Melissa wurde. Wir sprachen in dieser Zeit oft über meine Gefühle bei der Vorstellung, nach draußen zu gehen, etwa was mich dabei blockierte, oder womit ich mich nicht wohl fühlte. Das tat sehr gut, im Gegenzug musste ich aber auch oft einstecken. Zum Beispiel wenn sie mir sagte, dass ihr vieles an Melissa zu oberflächlich sei, weil es zu oft um Äußerlichkeiten ging.
Generell bekam ich ab dem Zeitpunkt des Hamburg-Plans viel häufiger Kritik von meiner Frau ab. Das war zunächst hart, weil sie nicht gerade zimperlich und manchmal auch ungewollt verletzend war, aber ich lernte diese Form der ehrlichen Kritik mehr und mehr zu schätzen und versuchte, sie umzusetzen. Oft bewegte sie sich an der Grenze zwischen vermeintlich belanglosen Themen (Outfits, Haarentfernung"¦) und größeren feministischen Fragestellungen wie: Welchen gesellschaftlichen Zwängen beuge ich mich als Frau und reproduziere sie so? Welches Frauenbild transportiere ich durch mein Äußeres? Wer sind meine weiblichen Vorbilder, und warum? Welche Persönlichkeit hat Melissa?
Das waren anstrengende Gespräche, die sich aber für uns beide lohnten. Sie zwangen mich, einige Dinge nochmal genau zu reflektieren und neu für mich herauszufinden, was ich eigentlich wollte. Der Welpenschutz für Melissa war also vorbei, aber der strenge Maßstab, der an mich angelegt wurde, zeigte mir auch, dass ich auf dem Weg war, in dieser Rolle anzukommen.
Der angekündigte Tritt in den Hintern war das aber noch nicht. Den bekam ich - schon wieder - von Felice, auch wenn ich dieses Mal deutlich mehr Eigenleistung beisteuerte. Genau genommen war es ein leichter Schubser: Wir trafen uns weiter regelmäßig und ich erzählte ihr von unseren Plänen für Hamburg. Felice hielt das für eine gute Idee, sie war ja schon ein Jahr zuvor der Meinung gewesen, ich könnte mich ruhig mal trauen. In dem Zusammenhang fragte ich spontan nach einer Neuauflage des Schminkseminars, schließlich hatte ich ja mal überlegt, mich dort anzumelden. Und tatsächlich: Es würde im September wieder stattfinden, aber es sei schon fast ausgebucht, ich müsste mich also beeilen. Das tat ich dann auch, besprach es mit meiner Frau, und ähnlich wie im Jahr zuvor waren wir uns schnell einig. Dieses Mal allerdings mit anderem Ausgang: Ich sagte zu! Damit war mein erster Ausflug in die Öffentlichkeit beschlossene Sache. Es gab nicht nur einen groben Plan, sondern sogar ein Datum.
Die Tage darauf waren aufwühlend. Ich realisierte langsam, dass da gerade ein Traum begann, sich zu erfüllen. Es war immer ein unkonkretes und vages Ziel, so einfach und doch so schwer zu erreichen. Doch jetzt hatte ich mir einen Ruck gegeben und meine innere Einstellung nochmal verändert. Ich erlaubte mir nun noch öfter, mich in den Moment hineinzudenken, in dem ich en femme vor die Tür treten würde. Wie würden die Leute reagieren? Wie würde mein Passing sein? Wie würde es sich anfühlen? Dabei überwogen vielleicht zum ersten Mal die positiven Gefühle. Ängste und Sorgen waren zwar noch da, aber deutlich kleiner. Ich genoss diese Vorfreude so gut es ging und stellte erstaunt fest, wie viel Kraft sie mir gab"¦
Hallo Melissa,
ich habe in den letzten Tagen sehr aufmerksam und teilweise wiederholt deine Memoiren gelesen.
Es hat mich mit jeden Satz mehr fasziniert.
Es gibt eine Menge Stellen in denen ich mich wiederfinden kann, auch im zusammenleben mit meiner Frau.
Die Gespräche, die Ängste, die Euphorie und auch die Unsicherheit die in den vielen Momenten herauswächst.
Um es abzukürzen, leider bin ich als Christiane meiner Frau gegenüber nicht so weit gekommen wie du. Mein Erscheinungsbild als Frau ist bei weitem nicht so gut wie deines, was vielleicht auch am Alter liegt.
Als ich dein Profilfoto das erste Mal gesehen habe war ich schlicht begeistert. Ein ganz großes Lob dafür von mir. Du siehst sehr stimmig aus.
Ich freue mich schon weiter von dir zu lesen und zu erfahren wo du als Melissa heute stehst.
Alles Gute für dich und ganz liebe Grüße
Christiane
Meine Vorfreude auf den ersten Schritt nach draußen zeigte sich nicht nur mental, sondern auch in meinem Handeln: Ich traute mich auf einmal mehr Dinge in der echten Welt. Das Wissen, dass ich Melissa so oder so bald der Welt zeigen würde, ließ ein paar Hemmschwellen sinken.
So stand zum Beispiel im Sommer 2023 der CSD in München an, mein erster überhaupt. Und obwohl klar war, dass ich nicht en femme hingehen würde, wollte ich irgendwie zeigen, dass ich auch zu dieser bunten Welt gehöre. Ich wollte mich nicht mehr verstecken und so tun, als sei ich ein cis Mann. Dabei half mir das Wissen um meinen geplanten Ausflug en femme, denn irgendwie war dadurch klar, dass ich auch auf einem der nächsten CSDs als Melissa sein würde. Ich hatte einfach keine Angst mehr, jemand könnte "etwas merken" oder Verdacht schöpfen, weil mein größtes Geheimnis mittelfristig keines mehr sein würde. Allein diese Erkenntnis war schon eine große Befreiung und ein Schritt der Selbstermächtigung.
Der Plan war also, beim CSD wenigstens ein bisschen Farbe zu bekennen. Ich grübelte relativ lange über der Frage, wie mir das gelingen könnte, ohne zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Bei aller neu gewonnenen Offenheit wollte ich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, außerdem war es gar nicht so einfach, eine Lösung zu finden, mit der ich mich auch wohl fühlte. Der Hybridmodus, also beispielsweise mit Rock statt kurzer Hose, wäre mir schon etwas zu viel des Guten gewesen, außerdem bin das irgendwie nicht ich. Ich machte mir wahrscheinlich wieder viel zu viele Gedanken, schlussendlich hatte ich am Morgen des CSD keine Lösung parat und war kurz davor, doch kein Zeichen zu setzen. Es war ja auch sehr bequem, einfach nichts zu tun und mich, wie immer, zurückzuhalten und nicht aufzufallen. Doch dann machte ich etwas für mich total untypisches: Ich entschied mich spontan, gerade als wir uns fertig machten, mir meine Fingernägel in einem zarten Rosa zu lackieren, passend zu meinem T-Shirt. Meine Frau fand die Idee super. Ich ging also ganz "normal" vor die Tür, eigentlich alles wie immer, nur eben mit dezent lackierten Nägeln. Doch bevor wir auf dem CSD unsere Freund:innen trafen, musste ich so erst mal in die Stadt fahren.
Rückblickend war das eine sehr gute Übung für spätere Ausflüge en femme, weil ich lernte, wie die Leute in meiner Nähe (nicht) reagierten. Obwohl 99% meines Körpers so aussahen wie immer, fühlte ich mich wie ein Paradiesvogel. Jedes Augenpaar schien auf mich gerichtet, alle schienen meine Besonderheit zu bemerken, egal ob in der Bahn oder auf dem Weg zur Demostrecke. Aber ich verstand auch schnell, dass vieles davon hauptsächlich in meinem Kopf passierte. Heute weiß ich: Wenn es fremden Leuten überhaupt aufgefallen war, interessierte es sie wahrscheinlich nicht die Bohne. Genau diesen Rat bekommt man ja oft: Geh raus, es wird niemanden kümmern! Aber es ist nochmal etwas anderes, das am eigenen Leib zu erfahren.
Auch bei unseren Freund:innen sah das Interesse an meinen Nägeln nicht großartig anders aus. Die meisten reagierten gar nicht darauf, wahrscheinlich haben viele es auch gar nicht bemerkt. Nur bei zwei Freundinnen von uns gab es überhaupt eine merkliche Reaktion: Die eine beugte sich in einem ruhigen Moment zu mir und sagte sehr herzlich und so, dass nur ich es hören könnte, dass sie meine Nägel süß fände. Eine andere, die uns den ganzen Tag begleitet hatte, sagte erst nach über drei Stunden: "Oh cool, du hast ja die Nägel lackiert!" Und das war es dann auch schon gewesen. Es machte Mut, diese Akzeptanz, aber auch diese Gleichgültigkeit der anderen zu erleben.
Nach dem CSD gingen meine Frau und ich noch auf das Straßenfest in unserem Ort, und statt mir die Nägel dafür abzulackieren, was ich eigentlich geplant hatte, ließ ich sie spontan einfach wie sie waren. Auch hier: keine Reaktion. Weder beim Bier holen, noch am Dönerstand. Natürlich hätte es auch schief gehen können. Gerade beim Straßenfest ist ja durchaus auch konservatives Publikum unterwegs, zumal in Bayern. Aber es passierte nichts, und das ermutigte mich extrem, an meinem Kurs festzuhalten. Ich war an dem Tag ein kleines Risiko eingegangen, raus aus meiner Komfortzone, und ich war belohnt worden. Und auch wenn das nicht rational ist, war mein Lerneffekt: Mach mehr davon! Deshalb traute ich mich ja schon abends viel mehr, als ich mir morgens vorgenommen hatte. Es waren ganz viele, kleine Schritte nach vorn an diesem Tag.
Und, wie sich in den Tagen darauf erst herausstellen sollte, ein ganz großer. Denn die eine Freundin, die meine Nägel süß fand, sprach meine Frau nochmal darauf an und meinte, sie hätte sich noch viel offener mit mir gefreut und unterhalten, hatte aber die Sorge, dass ich dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommen hätte, als ich wollte. Ich schrieb ihr eine Nachricht und bedankte mich bei ihr. Sowohl für ihre Vorsicht als auch für die lieben Worte. Daraus entwickelte sich dann ein angenehmer Chat, an dessen Ende der Beginn eines weiteren Outings stand. Ich schrieb nämlich, dass ich nicht zum CSD gehen und so tun wollte, als sei ich 100% cis. Näheres wollte ich ihr dann persönlich erzählen. Offen und interessiert wie sie war, trafen wir uns einige Tage später zum Essen in der Stadt. Meine Frau war auch dabei, und dieses Mal erzählte ich selbst von mir. Es fiel mir trotz der Vorbereitung immer noch schwer, die richtigen Worte zu finden und das Gespräch überhaupt auf mein Thema zu lenken. Egal, was ich mir zurecht gelegt hatte, ich sagte es am Ende doch ganz anders als geplant. Das war aber überhaupt nicht schlimm, weil sie fantastisch reagierte und sich sogar richtig freute. Ich zeigte ihr auch ein paar Bilder von Melissa, für die ich viel Lob bekam. Das ganze Gespräch war Balsam für die Seele und ich wusste sofort, dass Melissa eine neue Freundin gefunden hatte.
So wurde aus einer Schnapsidee und einem Mini-Outing, wenn man lackierte Nägel überhaupt so nennen kann, ein sehr schöner Tag mit noch schöneren Folgen. Und das eigentliche Highlight stand erst noch bevor"¦
hallo melissa ich leider dein egeschichten erst die woche entdeckt,ich muss gestehen das ich sie in 2 tagen komplett durchgelesen habe und war sehr begeistert ,da hasst du wirklich toll geschrieben ,respekt,ich hoffe es geht irgendwann weiter,
schönen sonntag
Mit großen Schritten näherte ich mich dem Melissa-Highlight des Jahres: das Schminkseminar bei Elli Hunter im September. Ich hatte für Felice und mich eine Ferienwohnung über AirBnB gebucht, während Felice angeboten hatte, mich mit dem Auto mitzunehmen. Geplant war, dass wir schon freitags zum Vorabendtreffen anreisen würden. Wer wollte, konnte sich zu diesem Anlass von Elli schminken lassen und bei Bedarf auch Kleidung und Perücke ausleihen. Samstag und Sonntag fand dann das Seminar statt, mit einem gemeinsamen Abendessen am Samstagabend als Höhepunkt. Sonntagnachmittag würden wir dann wieder zurückfahren.
So richtig glauben konnte ich nicht, was ich da vorhatte. Ähnlich wie vor weiten Reisen oder großen Ereignissen fühlte sich die Vorstellung, zu diesem Seminar zu gehen und dabei auch zum ersten Mal en femme draußen zu sein, reichlich surreal an. Ich machte mir viele Gedanken, wie sich das Erlebte auf meinen Werdegang auswirken würde und steckte mir dabei zwei Ziele, die miteinander konkurrierten, aber sich (hoffentlich) nicht ausschlossen:
Erstens war mir extrem wichtig, mich rundum wohlzufühlen. Mein erstes Mal in der Öffentlichkeit sollte möglichst perfekt werden. Damit meine ich nicht mal das Passing oder andere objektive Kriterien, sondern ich wollte, dass dieses Erlebnis möglichst positiv in meiner subjektiven Erinnerung blieb. Auf keinen Fall wollte ich in eine Situation geraten, aus der ich am liebsten geflohen wäre oder die mich emotional aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Ich schätzte das Risiko hoch ein, nach einer negativen Erfahrung Abstand von Ausflügen in der Öffentlichkeit zu nehmen und mich gedanklich wieder Jahre zurückzuwerfen. In diesem Kontext schien das Seminar genau das Richtige für mich zu sein: In der großen Gruppe würden wir zwar im Gesamtbild auffallen, aber als Einzelne könnte ich mich gut in der Masse verstecken. Außerdem hatte ich mich dazu entschieden, mich am ersten Abend von Elli schminken zu lassen, es war also sehr wahrscheinlich, dass ich mit meinem Äußeren zufrieden genug war, um die Situation für mich genießen zu können. Es bestand so gut wie keine Gefahr, dass ich es selbst vermasselte und einen Rückzieher machte. Gute Voraussetzungen also für einen gelungenen ersten Ausflug, der Lust auf mehr machen könnte.
Zweitens wollte ich unbedingt vermeiden, mich von professioneller Hilfe abhängig zu machen und fortan einem Idealbild hinterherzulaufen, das ich mit meinen eigenen Mitteln nicht erreichen konnte. Je perfekter das erste Mal werden würde, desto höher läge die Latte beim zweiten Mal. Was, wenn ich das Schminken nicht so schnell lernen würde und mich dann, von mir selbst geschminkt, nicht mehr aus dem Haus trauen würde? Wäre es nicht sogar schlimmer als vorher, sich immer mit dem Ergebnis eines professionellen Umstylings zu vergleichen und dabei zwangsläufig den Kürzeren zu ziehen? Vor diesem Hintergrund schien das Seminar schon gar nicht mehr so perfekt zu passen. Es war also ein sehr schmaler Grat: auf der einen Seite das Ziel, beim ersten Mal volles Selbstvertrauen aus dem assistierten Umstyling zu ziehen, auf der anderen Seite die Sorge, dieses Level in Zukunft nicht selbst erreichen zu können und mich davon lähmen zu lassen.
Quasi als Folge meiner Zielsetzung musste ich im Vorfeld noch ein Problemfeld bearbeiten: meine Haare an den Armen. Ich hatte mich aus Angst vor negativen Reaktionen bisher nicht dazu durchringen können, sie zu rasieren. Aber rundum wohlfühlen, das hieß für mich weder dunkle, lange Haare an den Armen zu haben, noch alles zwanghaft unter langen Ärmeln verstecken zu müssen. Also holte ich mir die Zustimmung meiner Frau und führte vor und während unseres Sommerurlaubs einen Testlauf durch. Der war überaus erfolgreich, denn die glatt rasierten Arme verschönerten nochmal mein Körpergefühl en femme und führten sonst zu keinerlei Reaktionen. Lediglich die kratzenden Stoppeln störten meine Frau, weshalb ich beschloss, die Arme für das Seminar zu epilieren. Irgendwie steigerte diese Kleinigkeit meine Vorfreude nochmal beträchtlich, vielleicht weil sie eine weitere mentale Blockade löste. Ich würde anziehen können was ich wollte, ohne auf meine Körperbehaarung Rücksicht nehmen zu müssen. Ich stellte mir vor, an mir herabzuschauen, mit glatten Armen und Beinen, lackierten Nägeln und einem schönen Outfit, und ich konnte es kaum erwarten, diese Vorstellung endlich umzusetzen. Dafür musste ich allerdings erst noch entscheiden, was ich während des Seminars überhaupt anziehen wollte"¦
Ich besaß mittlerweile eine ordentliche Auswahl an Klamotten, Schuhen und Shapewear. Nicht alles davon war alltagstauglich oder so, dass ich mich darin in der Öffentlichkeit wohlgefühlt hätte. Mein erstes Kleid (zu schick) fiel ebenso raus wie meine Kunstlederleggings (zu auffällig) und meine Pumps (beides davon). Generell verabschiedete ich mich von allen Schuhen mit hohem oder dünnem Absatz, sodass nur jeweils ein Paar schwarze Stiefeletten, schwarze Ballerinas und weiße Sneakers aus dem Männermodus übrig blieben. Klamottentechnisch beschränkte sich meine Vorauswahl auf Jeans in schwarz und blau sowie einen schwarzen Faltenrock als Unterteile, diverse Blusen und Pullover als Oberteile sowie allerlei Shapewear, Strumpfhosen und sonstiges Zubehör.
So wirklich zufrieden war ich damit nicht. Ich hatte zwar schon ein paar Outfits im Kopf, aber ich wollte noch mehr Kombinationsmöglichkeiten. Vor allem fehlten einfarbige Basics, die sich leicht kombinieren lassen. Und meine enthaarten Arme würden noch einmal ganz neue Möglichkeiten öffnen. Ich ließ mich also zu einer Last-Minute-Bestellung hinreißen: Wenige Tage vor Abreise erreichten mich noch ein knielanger, weinroter Faltenrock und zwei weiße T-Shirts, die ich gut kombinieren oder einzeln tragen konnte. Beim Packen machte ich dann Nägel mit Köpfen und nahm einfach alles mit, was ich nicht vorher schon aussortiert hatte. Am Ende musste mein großer Reisekoffer für die zwei Übernachtungen herhalten, aber das war es mir wert. Ich wollte mich ja unbedingt sicher fühlen, und dazu gehörten auch mehrere Rückfalllösungen, falls etwas kaputt ging oder ich mich unwohl darin fühlte. Außerdem waren nicht nur Bekleidung und Schuhe in dem Koffer, sondern auch Schmuck, Make-up, sonstige Kosmetik und mein neuer Schminkspiegel, den ich wie alle Teilnehmerinnen zum Seminar mitbringen musste. Es wäre also im kleinen Koffer auch bei sparsamer Klamottenwahl sehr eng geworden.
Damit waren die Planungen abgeschlossen und ich war endlich bereit für das große Abenteuer"¦
Das ist ja eine spannende Geschichte, Dein Seminar! Ein richtiges Abenteuer! Ich bin davon weit weg, so etwas zu planen, aber ich sehe, dass meine kleinen Schritten zu meiner neuen Identität ähnliche Gefühlslagen und Fragen verursachen. Das Wohlfühlen ist meines Erachtens das wichtigste, nur dann kannst Du den Anlass richtig geniessen.
Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.
Lieber Gruss
Daniela
Ich will einfach der sein, der ich wirklich bin: ein Mann, der seine mittlerweile erkannte sehr bedeutende Weiblichkeit vertieft kennenlernen möchte.
manchmal_melissa hat geschrieben: Mo 9. Sep 2024, 14:09
Quasi als Folge meiner Zielsetzung musste ich im Vorfeld noch ein Problemfeld bearbeiten: meine Haare an den Armen. Ich hatte mich aus Angst vor negativen Reaktionen bisher nicht dazu durchringen können, sie zu rasieren. Aber rundum wohlfühlen, das hieß für mich weder dunkle, lange Haare an den Armen zu haben, noch alles zwanghaft unter langen Ärmeln verstecken zu müssen. Also holte ich mir die Zustimmung meiner Frau und führte vor und während unseres Sommerurlaubs einen Testlauf durch. Der war überaus erfolgreich, denn die glatt rasierten Arme verschönerten nochmal mein Körpergefühl en femme und führten sonst zu keinerlei Reaktionen.
Hallo Melissa, so ging es mir auch sehr lange, habe dann aber einfach mal mit meinen haarigen Armen kurzen Prozess gemacht. Und siehe da; im Männermodus hat das auch in einem komplett männlich geprägten Umfeld niemanden interessiert. Es kam nur einmal eine Nachfrage und auf die Anwort, dass es mir so besser gefällt, war dann das Interesse meines Gegenüber schon beendet.
Selbst meine Frau, die nichts von meinem Dasein als Teilzeitfrau weiß, war mit dieser Erklärung zufrieden. Und das sogar als ich vor einigen Wochen meine Beinbehaarung entfert habe.
Ich denke unsere Gesellschaft hat sich mittlerweile vom Klischee des haarigen Mannes befreit und aktzeptiert auch Männer, die sich nicht nur die Brust sondern auch die Beine enthaaren. Also gut für uns
Das Leben ist zu kostbar um es dem Schicksal zu überlassen
Hallo Melissa,
es freut mich sehr das du weiter schreibst. Ich habe alle Zeilen mehrfach gelesen. Es ist so schön daran Teil zu haben was du erlebst hast. Danke dafür.