Hallo ihr Lieben,
Ring frei zur zweiten Runde der halbjährigen Zwischenbilanz.
Zweiter Akt
Wie bereits angekündigt, möchte ich jetzt auf mein Innerstes eingehen, wenn Alicia unterwegs ist, bzw. war.
Die ersten Ausflüge en femme unternahm ich alleine und fühlte mich dabei dermaßen gut, dass ich es immer wieder wollte. Irgendwie war ich bei mir angekommen, oder anders gesagt, irgend etwas hat bisher gefehlt. Eine gewisse Ahnung bekam ich bei den eher kurzen Momenten, wenn ich daheim im Geheimen weibliche Klamotten getragen habe. Um so schlimmer war es, die geliebten Textilien wieder ausziehen zu müssen. Über das Outing gegenüber meiner Frau habe ich bereits viel in diesem Thema geschrieben. Aber es hat mein Gefühlsleben grundlegend auf dem Kopf gestellt. Von nun an ging's jedenfalls bergauf.
Als mein Schatz vorschlug, einige Sachen von Alicia in den Pfingsturlaub mitzunehmen, erzeugte das in mir ein mulmiges Gefühl der Skepsis und auch etwas Vorfreude. Doch es wurde ein Urlaub der Befreiung. Nach einigen Tagen des Tangotanzens im Männeroutfit (mit gut verborgenen farbigen Zehennägeln) ging die Sause richtig los, und Alicia war dauerhaft präsent. Ein Großteil der Männerkleidung blieb unberührt in den Staufächern des Campers, während die (wenigen) weiblichen Teile ergänzt, also zugekauft wurden. Bei den täglichen Ausflügen (damals noch ohne Perücke, aber mit Kopftuch oder Mütze) fühlte ich mich so was von komplett und rund, dass ich die fragenden, teilweise spöttischen Blicke von Passanten locker aushielt. Den meisten Menschen, denen wir begegneten, war es reichlich egal. Zwei Händchen haltende Frauen fallen halt genauso auf wie entsprechend handelnde Männer. Den kleinen Fehler im Bild fanden bestimmt nicht alle.
Das letzte Highlight war der Sommerurlaub im Baltikum, jetzt nur mit Alicia. Den Camper vollgepackt mit allen Insignien zweier Frauen ging es los in den Norden. Bei einigen Gelegenheiten hielt ich es zwar für angebracht, auf Kleid oder Rock zu verzichten und auf eine feminine Hose zu wechseln, um die Akzeptanz der Mitmenschen nicht zu überstrapazieren. Das war meistens der Fall, wenn viele Kinder auf einem Campingplatz zugegen waren. Meinen weiblichen Gefühlen tat es keinen Abbruch, auch wenn mir ein leichtes, schwingendes Kleid lieber gewesen wäre. Ich war einfach nur glücklich, wie im Dauerrausch. Doch es war Realität! Eine wunderbare Mischung aus Sightseeing- und Shopping-Ausflügen in die Städte, Spaziergängen in der Natur und entspannenden Faulenzertagen am Meer.
Aber auch mit der Erfahrung, dass es neben bequemen Alltagslatschen auch Schuhe gibt, die einem mehr abverlangen und auch mal drücken. "
Hoffart muss Zwang leiden, sagte die Mutter der kleinen Mehrjungfrau, als sie die Austern in ihren Fischschwanz zwickte."
Aber wie kann es weiter gehen?
Ein Outing gegenüber dem Rest der mir bekannten Welt kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Somit muss ich im Alltag wieder aus meiner Lieblingsrolle raus, hinein in die Männerwelt, die mir gefühlsmäßig immer fremder wird. Aber deswegen das bisherige Leben aufgeben? Das zu entscheiden, ist mir nach einem halben Jahr intensiver Alicia-Existenz noch nicht möglich. Dafür bin ich viel zu rational gestrickt und wäge manches (viel zu) lange ab. Spontane Entscheidungen sind nicht meine Leidenschaft.
Das mit dem Berufsleben kann ich evtl. abwarten, auch wenn es noch einige wenige (vielleicht lange) Jahre dauern wird.
Privat wird es schon komplizierter, zumal es noch hoffentlich lange wärt. Ich vermute, es wird ein schleichender Prozess, bei dem sich das Äußere zunehmend wandelt. Also über das Androgyne immer mehr hin zum Weiblichen. Die Reaktionen im Umfeld auf diese Änderungen werden bestimmt vielfältig ausfallen. Darauf werde ich mich vorbereiten müssen.
Langfristig kann ich mir in meinen Träumen durchaus vorstellen, äußerlich als Frau zu leben. Ohne operativen Eingriff. Davor hätte ich zu viel Schiss, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt.
Trotzdem gilt es, auch jetzt schon über manche Punkte nachzudenken oder diese schon anzugehen: Da wäre erst mal der Bauchspeck, der weg sollte. Absaugen kommt nicht in Frage (s.o.), also Training und f.d.H. Ohrring(e) ist das nächste Thema, das ich evtl. noch im Herbst angehen werde. Zwecks Frisur mal eine Fachfrau fragen, ob es da hinsichtlich mehr Weiblichkeit etwas zu retten gibt? Das ist dann schon wieder ein halbes Outing. Mal sehen, knirsch.
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen lieben Menschen im Forum bedanken, die mich bisher unterstützt und ermutigt haben, meinen Weg in der eingeschlagenen Richtung zu gehen. Ohne dieses Forum säße ich bestimmt noch in einsamen Minuten daheim mit einer Hand voll Klamotten und würde Trübsal blasen und träumen, wie all die vielen Jahre zuvor. Alleine hätte ich nie und nimmer den Mut aufgebracht, mich selbst zu erkennen und die dringend notwendigen Veränderungen einzuleiten.
Ebenso geht an dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank und ein dickes Bussi raus an meine liebe Frau, die mich in dieser Zeit ununterbrochen mit all ihrer Kraft unterstützt und bestärkt hat.
Liebe Grüße, Alicia.

Eine Lebensweise zu erfinden ist nichts. Sie zu verinnerlichen, ein Anfang. Sie zu leben ist alles.
(Frei nach Otto Lilienthal)