Malvine hat geschrieben: Fr 29. Mär 2024, 22:08
Jaddy hat geschrieben: Fr 29. Mär 2024, 20:06
Könntest du bitte mal erläutern, welchen Zusammenhang oder Mechanismus du da siehst?
Die Offenheit für jeden und alles polarisiert eben die Menschen recht stark und überfordert oft die "normalen Bürger". Siehe Gender-Debatte, Flüchtlings-Willkommenskultur, Klima-Aktivisten, Alternative Energie, .....
Du siehst doch selber, dass je offener und globaler es wird, um so mehr Zuspruch finden die nationalistischen Parteien - nicht jeder kommt mit dieser grenzenlosen Freiheit zurecht - vor allem, wenn es in die eigene kleine Welt eingreift.
Die Motivation für eine gerechte Welt und eine verantwortungsvollen Umgang mit ihr sind hehre Ziele, die ich nicht verkehrt finde, aber Toleranz braucht es auf beiden Seiten.
Egal, ob links, rechts oder mitte - jeder denkt, dass sein Weg der richtige ist und spricht dem anderen die Kompetenz ab.
Du meinst etwas in der Art von "zu viel, zu schnell, die Leute mitnehmen, sonst werden sie überfordert"? Den Mechanismus kenne ich, auch wenn er meines Wissens nicht wirklich bedeutsam ist, was Zulauf zu rechten Kräften angeht. Aber das ist eher akademisch (und beim Thema kirchliche Feiertage mE nicht wirklich relevant im Gegensatz zu anderen Themen).
Die Art der Betrachtung finde ich aber sehr bedrückend und mehr noch die daraus gezogene Folgerung.
Das heisst doch, Ungerechtigkeit wahrzunehmen, aber die Betroffenen zu vertrösten. Ihre Situation kennen und aktiv verlängern, aus Angst, diejenigen ohne diese Benachteiligung hätten etwas dagegen, dass es anderen besser geht. Kann ich ganz schwer mit leben.
Ich denke wir sind uns einig, dass es in D massive Gerechtigkeitslücken gibt. Die vielen -ismen. Sexismus, Klassismus, Rassismus, Queer- und "Fremden"-Feindlichkeit usw. Wobei... Vielen ist das Ausmass wohl tatsächlich nicht bewusst, bis sie es mal von Betroffenen direkt erfahren. Vielleicht steckt darin ein Problem - und "interessierte Kreise" (Springer, etc) tun viel dafür, lautstark andere Erzählungen zu verbreiten. D.h. Sündenböcke aufzubauen und Themen zu übertreiben.
Für mich war auch lange Zeit vieles unsichtbar. Ich wurde nicht auf der Strasse angepöbelt wegen vermeintlicher Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder dergleichen. Ich musste nie mit dem Schlüssel in der Faust nach Hause gehen, dunkle Strassen vermeiden, mich umschauen oder die Strassenseite wechseln, um potenzielle Gewalttätern zu meiden. Meine Eltern hatten das Glück, in eine "gute" Wohngegend ziehen zu können. Ich wurde in Öffis fast nie kontrolliert und wenn, dann genauso wie all anderen und nicht jedes Mal als einziges. Ich hatte keine Probleme, Jobs zu finden, Wohnungen zu mieten, in Lokale zu kommen, in Geschäften bedient zu werden, denn meine Haut ist hell, mein Name klingt einheimisch, meine Sprache "männlich" tief und ohne Akzent und ich sehe "bürgerlich" aus wenn ich will. Deshalb hatte ich auch im Studium keine Probleme mit Bewertungen durch Lehrende. Mein Elter hat mich zu Bildung ermutigt und sich ein Bein ausgerissen, um sie mir zu ermöglichen, weil klar war, dass ich damit gute Chancen hätte.
Und dann hab ich immer mehr Menschen kennengelernt, bei denen das nicht der Fall war/ist. Freundys berichten von aktiver Benachteiligung. Auf der Strasse, in Geschäften, im Job, in der Schule, in der Ausbildung. Frauen von täglichen Vorsichtsmassnahmen und Vermeidungsstrategien gegen Belästigungen - aus Erfahrung -, schlechterer Bezahlung, nicht ernst genommen im Job, nicht befördert, usw. Ganze resignierte Familien, die seit zwei Generationen in Deutschland sind, aber sich keine Chancen mehr ausrechnen, weil sie nicht meine helle Haut und einen einheimisch klingenden Namen haben. Die keinen Sinn in Bildung mehr sehen, weil sie sich erst dort gegen schlechtere Behandlung durchsetzen müssen, um dann wegen Namen und Aussehen doch keinen Job zu kriegen. Und da bin ich noch nicht bei trans und_oder queer.
Ich kann Menschen, die das erfahren nicht erzählen, doch bitte den Ball flach zu halten, weil jene ohne ihre Benachteiligung, von denen sie aktiv benachteiligt werden, sich sonst gestört fühlen und vielleicht rechts wählen. Ich kann zwar jeden Frust derjenigen verstehen, die sich als als weisse, autochtone, wirtschaftlich Benachteiligte abgehängt fühlen, zumal im Osten, wo inzwischen tatsächlich Landschaften blühen, aber keine Jobs und keine Chancen, und die besser ausgebildeten, flexibleren und die Frauen abgewandert sind. Aber die Frage ist doch, wohin der Frust gerichtet wird. Ob nach unten getreten oder die Ursache von oben verantwortlich gemacht wird. Fehlende Jobs, teure Wohnungen, usw. die letztlich am Profitsystem hängen. Sich unterm Tisch mit ebenso Benachteiligten um die Krümel streiten oder gemeinsam eine gerechte Verteilung des Kuchens fordern - und eine bessere Bäckerei.
Mal ganz abgesehen davon, dass vieles davon einfach aus Anstand nicht passieren sollte. Schon weil es nichts verbessert. Anpöbeln, anmachen, ausgrenzen, fühlbar schlechter behandeln zum Beispiel, einfach so, weil eins es kann.
Da kann ich doch nicht sagen "du komm, ist übel, dass du ständig blöde Bemerkungen abkriegst, angespuckt wirst, von Leuten in Uniform schikaniert oder dauernd belästigt, aber sag es nicht zu laut, sonst wählen die Leute rechts". Da ist doch nichts gewonnen. Diejenigen, die dann rechts wählen würden, handeln doch jetzt schon so. Für ihre Opfer ist die Welt schon vielfach so, als ob rechte regieren würden. Also wovor fürchten "wir" uns? Davor, dass sie für uns genau so mies wird? Und deshalb sollen andere weiter darunter leiden?
Wie gesagt, meines Wissens funktioniert der Mechanismus nicht so, dass Leute rechts wählen, weil sie sich plötzlich überfordert fühlen. Sie finden es bereits okay, dass andere benachteiligt werden und sie bevorzugt. Ihrer Meinung nach muss das so sein. D.h. sind sind bereits rechts. Ich könnte jetzt die Studien raussuchen, aber das wäre wie gesagt akademisch. Die zentrale Aussage ist aber: Leute wählen rechte Parteien nicht trotz deren Rassismen, Sexismen und diverser -Feindlichkeiten, sondern genau deswegen.
Keine Verzögerung oder "die Leute mitnehmen" wird daran etwas ändern, denn genau diese Vertröstungstaktik wird seit Jahrzehnten gefahren. Schliesslich haben wir nicht ohne Grund eine "konservative" Grundstimmung aka "bloss nichts verändern".
"Das geht mir zu schnell" ist letztlich Ausrede, denn eigentlich soll es auch nicht "langsamer" gehen, sondern sich gar nichts verändern.