Sind wir "falsch" oder wertvoll ?
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Lebensplanung, Standorte
ExUserIn-2026-04-08
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Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 1 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Moin,

in einem Beitrag von Sophia fand ich folgenden Satz:
Sophia69 hat geschrieben: Di 17. Okt 2023, 01:22 dass ich eine Frau bin, aber dass leider bei meiner Zeugung etwas schief gelaufen sein muss und ich den falschen Körper zugeschneidert bekommen habe :o .
So ähnlich habe ich auch einmal gedacht, dass etwas nicht mit mir stimmt. Ich habe im Laufe der Zeit mir eine andere Haltung angewöhnt, die für mein Wohlbefinden viel besser ist. Die Natur hat schon immer die unterschiedlichsten Charaktere, Formen, Größen etc. in den Tier- und Pflanzenarten hervor gebracht und alle haben ihre Berechtigung, da in den unterschiedlichsten Randbedingungen unterschiedliche Individuen gefordert sind. In Gruppen ist es gerade die Mischung der Fähigkeiten, die das Überleben sichert.

Im Volksmund sagt man, jeder Jeck ist anders. Andere sagen, in jedem Menschen stecken männliche und weibliche Anteile und die neuronale Forschung kommt auch immer mehr dahinter, dass es kein männliches oder weibliches Gehirn gibt, sondern jeder Mensch ist aus den verschiedensten Elementen zusammen gesetzt. Dsa macht unsere Individualität aus.

Vor diesem Hintergrund bekommt für mich der Eingangssatz eine andere Bedeutung. Wenn etwas "schief" gelaufen ist, als ich irgendwo zwischen Zeugung und Geburt nicht meinem Körper gemäß empfinde, mache ich mich unnötig schlecht. Ich sehe mich eher als ein Experiment der Natur an. Gerade in meiner individuellen MIschung aus Körper und Empfinden, kann ich einen Beitrag leisten, den Andere so nicht leisten können. Diese Fähigkeit macht mich nicht schlecht, sondern wertvoll.

Mit dieser positiven Einstellung kann ich viel besser durch das Leben gehen, da nicht ich das Problem bin, sondern die (vermeintlich ?) fehlende Anerkennung durch andere. Das ist meine persönliche Einstellung, die nicht zu anderen passen muss. Aber ich empfehle darüber nachzudenken, ob nicht vielleicht eine positivere Einstellung zum eigenen Körper oder dem eigenen Empfinden für das eigene Selbstbewusstsein oder den eigenen Selbstwert hilfreich sein könnte. Es macht einen Unterschied, ob man auf andere mit der Haltung zugeht, "falsch" oder eine wertvoller Mensch zu sein.

Und was ich ganz wichtig finde, mit einer negativen Einstellung zu sich selber, tun wir auch anderen Trans-Betroffenen keinen Gefallen. Wir spielen unseren Gegnern und Gegnerinnen in die Karten, wenn wir uns falsch titulieren.

Wir sind außergewöhnlich und können deshalb manche außergewöhnlichen Aufgaben besser wahrnehmen als andere. Hier liegt unser Wert. Und genau den müssen wir in der Diskussion verkaufen. Nicht unser "Anderssein" ist das Problem, sondern die Unterdrückung durch andere. Und die Unterdrückung fördern wir, in dem wir uns als "falsch" betrachten.

Wie seht Ihr das ?
Viele Grüße
Vicky

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Sophia69
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 2 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Vicky_Rose hat geschrieben: Di 17. Okt 2023, 07:09


Vor diesem Hintergrund bekommt für mich der Eingangssatz eine andere Bedeutung. Wenn etwas "schief" gelaufen ist, als ich irgendwo zwischen Zeugung und Geburt nicht meinem Körper gemäß empfinde, mache ich mich unnötig schlecht. Ich sehe mich eher als ein Experiment der Natur an. Gerade in meiner individuellen MIschung aus Körper und Empfinden, kann ich einen Beitrag leisten, den Andere so nicht leisten können. Diese Fähigkeit macht mich nicht schlecht, sondern wertvoll.
Hallo Vicky_Rose,
danke für deinen Beitrag. Meine Formulierung mit "schief gelaufen" sollte er flapsig sein, um den nicht immer ganz ernst gemeinten Beitrag, siehe Smileys, zum Ausdruck zu zu verhelfen. Aber dennoch macht es vielleicht einen Unterschied, wenn du dich als Frau siehst und den weiblichen Körper als den für dich begehrenswerten empfindest, dann hätte ich mich im Rückblick äußerst ordentlich gefreut, wenn ich an mir herunter schaue und in einem Frauenkörper stecken würde. So bleibt die Sehnsucht danach und das ständige Gedankenspiel um eine GaOp etc.. Somit hilft es mir auch wenig, mich als etwas anderes, positives zu betrachten, solange ich am liebsten cis Frau geworden wäre. Deshalb stürze ich mich nicht in Depressionen, sondern mache das Beste draus und erfreue mich weiterhin meines Lebens. Da du dich als "überwiegend Frau betrachtest", ist dies natürlich eine gute Strategie für dich, leider für mich nicht.

Liebe Grüße
Sophia
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 3 im Thema

Beitrag von Laila-Sarah »

Absolut:
Positives Denken ist sehr wertvoll für ein glückliches Leben. Und all diese Prädikate wie schlecht, falsch etc. sind Ansichtssache.
The trick is to keep breathing

I have big dreams and a small world in between
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 4 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Oh, Mist, ich habe gerade einen längeren Beitrag gelöscht ... Vielleicht nur soviel, den Wunsch, mich körperlich zu verändern (auch mir wäre ein weiblicher Körper wichtiger als ein männlicher), hat nichts damit zu tun, wie ich mein Erfahrungen und Vergangenheit bewerte. In der Psychologie nennt man eine Perspektivänderung "Reframing" (https://de.wikipedia.org/wiki/Umdeutung_(Psychologie)). Es war für mich entscheidend, meine Situation anders zu betrachten und damit ein besseres Grundgefühl zu bekommen. Es hat nichts daran geändert, das mir mein Frausein weniger wichtig ist. Es hat nur den Umgang damit erleichtert und fähig gemacht, es auch zu kommunizieren (zumindest ansatzweise).
Viele Grüße
Vicky

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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 5 im Thema

Beitrag von Magdalena »

Hallo,

grundsätzlich habe ich eine positive Lebenseinstellung. Was aber nicht bedeutet, immer alles rosig zu sehen. Gerade in meiner Kindheit war es nicht leicht mich einzuordnen. Wo gehöre ich hin. Unsicherheit machte sich breit. Ich dachte noch, ich bin der Einzige, der ein Problem hat. Ich fühlte weniger wert zu sein. Warum? Ja meine Eltern haben mich geliebt. So wie alle Eltern ihr Kind lieben. Doch es fehlte die Anerkennung durch die Anderen in der Klasse. Ich war ein Außenseiter. Und doch habe ich mich durch gekämpft. Heute bekomme ich gerade von meinen ehemaligen Mitschülern die Anerkennung. Unsere Klasse veranstaltet aller fünf Jahre ein Klassentreffen und hat eine WhatsApp-Gruppe. Warum erst jetzt? Ganz einfach, damals fehlte es an Informationen. Ich selbst konnte es noch nicht beschreiben. Meine Mitschüler aber bemerkten schon mein Anders sein. Nur wie sollten sie damit umgehen. Als ich die Schule beendete, war das Jahr 1980. Dann bin ich im Osten aufgewachsen, es passte nicht in das damalige System.

Dann der Mauerfall! Plötzlich strömten Informationen herein. Ich sog damals alles auf wie ein Schwamm. Manches hat mich abgestoßen, weil Transgender sich oft in eine soziale Notlage hineinschlidderten. Sie als Menschen nicht anerkannt waren. Sie nicht als wertvoll angesehen wurden. Heute hat sich die Sichtweise geändert. Transgender können genau so einer "normalen" Arbeit nachgehen, einen Beruf erlernen, studieren. In diesem gesellschaftlichen Umfeld fällt es leichter sich selbst als wertvoll anzusehen. Was sich auch im eigenen Selbstwertgefühl zeigt. Offen zu sich und seinem Lebensgefühl zu stehen. Anderen nichts mehr vormachen. Dieses offen auf Andere zugehen hat mir auch Respekt eingebracht.

Viele liebe Grüße von Magdalena
Lebe jeden Tag.
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 6 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Meine drei Perspektiven.

Erstens. So ganz persönlich sehe ich Diversität als notwendige strukturelle Eigenschaft jeder Gruppe und Gesellschaft. Nicht nur geschlechtliche, sondern auch kulturelle, usw. Prinzip StarTrek: Für jede Situation ist unter der Besatzung ein Wesen an Bord, das die benötigten Fähigkeiten hat oder einen wichtigen Beitrag leistet. Sei es auch als Beispiel und Anregung für andere. Monokulturen sind einfach anfällig für Fehler, die sich fatal auswachsen und für Anpassungsschwierigkeiten, weil Impulse fehlen.

Zweitens. Philosophisch ist "der Mensch stets Zweck, nie Mittel". So ungefähr Herr Kant, Begründer der Aufklärung. Soll heissen, Menschen dürfen nie nach ihrer Nützlichkeit beurteilt werden, was ihr Existenzrecht usw betrifft. Aus diesem Gedanken folgen die Grund- und Menschenrechte, der ganze Humanismus und jede moderne Demokratie - auch wenn einzelne dies nicht optimal umsetzen. Wird das Prinzip aber regelrecht aufgegeben, ist jede Willkür aus jedem hergeholten Grund machbar. Religiöse Ideologien, politische, sogar technokratische. Die Folge sind Pogrome oder organisierte Vernichtung. Ob wertvoll oder nicht: Kein Mensch ist "falsch" oder "unwert". Ob sein Handeln legitim ist, ist eine ganz andere Sache. Legitimität geschlechtlicher und sexueller Vielfalt könnte ich aber auch herleiten, genauso wie die Illegitimität ihrer Unterdrückung ;)

Drittens. Ich fühle mich in sehr homogenen Gruppen fehl am Platz. Je mehr cis-bin-het und eingeschlechtlich, desto mehr. Ich bin nicht falsch (als Mensch), sie sind nicht falsch (als Menschen), aber die Mischung ist es für mich, wenn ich als einzige Person heraussteche. Ich weiss, dass ich immer meine eigene kleine Demo bin, auch meist als einziges Beispiel für trans, nichtbinär, usw. Das erzeugt Anspannung in mir, weil das was ich präsentiere auf andere hochgerechnet wird. Je größer aber die Vielfalt, desto mehr kann ich entspannen, weil die vielen anderen auch ihre besonderen Eigenheiten haben. Wir teilen ähnliche Erfahrungen.

Bonus: Philosophie und Diversitäts-Theorie beiseite, fühle ich mich wertvoll mit meinen Eigenheiten und ihrer Kombination. Dadurch kann ich Perspektiven anbieten, die anderen fehlen. Vielleicht kann ich dadurch auch andere Variationen besser verstehen, wertschätzen und integrieren. Mein Lieblingsmotto ist "I.D.I.C.". Infinite Diversity in Infinite Combinations. Ja, ist aus StarTrek, aber erdacht von Roddenberry (Erfinder und Autor der Serie) und Nimoy ("Spock"), die beide wunderbar humanistisch gedacht und gelebt haben. In diesem Sinne: Lebt lange und gedeihlich 🖖
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 7 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Ach Jaddy, das hast Du schön ausgedrückt... ;-)

Wer sich mit der "Selbstzweckformel" beschäftigen will, findet u.a. hier etwas: https://freidenker.cc/immanuel-kants-se ... l/4301#_i4

Sich mit Kant zu beschäftigen ist nicht einfach, aber es lohnt sich.
Viele Grüße
Vicky

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Helga
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 8 im Thema

Beitrag von Helga »

Liebe Vicky,
vielen Dank für das Thema, das mich auch seit längerer Zeit bewegt. Auf deine Eingangsfrage, die eingentlich zwei Fragen ist, weil diese Prädikate sich gegenseitig weder bedingen noch widersprechen, gibt es aus meiner Sicht nur zwei mögliche Antworten:
1. Nein
2. Ja
zu 1.: Eine geschlechtsreife Frau hat 300.000 bis 400.000 Eizellen, von denen jeden Monat einige 100 bis 1.000 heranreifen, aber nur eine einzige (in der Regel) überhaupt die Chance hat sich zu vermehren. In einem Samenerguss sind bis zu 600.000.000 Spermien, von denen auch nur ein einziges die Chance hat sich mit der Eizelle zu verschmelzen. Bereits zu Beginn der Entwicklung unseres Körpers haben sich damit zwei einzelne Zellen gegen eine völlig übermächtige Konkurrenz durchgesetzt um ein neues Lebewesen zu bilden. (Die Chance auf 6 Richtige beim Lotto mit 1:140.000.000 erscheint dagegen lächerlich hoch) Aus diesen beiden Zellen bildet sich jetzt unter dem Einfluss komplexer biochemischer Prozesse, die wir vermutlich nur ansatzweise verstehen ein neues Individum, dass zunächst 9 Monate im Mutterleib heranwächst, dann aber noch weitere 16-17 Jahre benötigt um die körperliche Entwicklung abzuschließen. Bei der Entstehung unseres Körpers hat bereits eine Auslese unvorstellbaren Ausmaßes stattgefunden um uns den bestmöglichen Start zu geben. Auch wenn die Wissenschaft einige Details nüchtern erklären kann, ist unser Körper mit unserem komplexen Bewusstsein noch immer ein kleines Wunder.
Was soll daran verkehrt sein? was kann daran verkehrt sein? Wären es nicht genau diese Eizelle und genau diese Samenzelle gewesen, wäre ein anderes Individum entstanden. Ein anders, aber nicht ich, oder wir, die wir kritisch jedes Detail unseres Körpers hinterfragen.
Sophia69 hat geschrieben: Di 17. Okt 2023, 08:21 Aber dennoch macht es vielleicht einen Unterschied, wenn du dich als Frau siehst und den weiblichen Körper als den für dich begehrenswerten empfindest, dann hätte ich mich im Rückblick äußerst ordentlich gefreut, wenn ich an mir herunter schaue und in einem Frauenkörper stecken würde.
Dieser Satz liefert einen wichtigen Anhaltspunkt darüber, was eigentlich falsch ist. Was haben wir im Sinn, wenn wir von Frauenkörper schreiben oder reden? Vermutlich eine 90-60-90 Figur mit schmalen Schultern, breiten Hüften, schlanker Taille, langen Beinen, die in gleichmäßig geschwungener Linie in einen wohlgeformten Po übergehen, einem schlanken Hals, weichen Gesichtszügen mit kleiner Nase, einer Körpergröße von 170cm, Füßen in Schuhgröße 38, Händen in Handschuhgröße 7, einem Busen in Körpchengöße B-C, Haare nur auf dem Kopf, dort aber schön füllig, und natürlich eine Vagina, die allerdings nur sichtbar wird, wenn der Betrachter sich in eine Position begibt, die sehr intimen Beziehungen vorbehalten ist.
Woher kommt dieser Sinn, diese Vorstellung davon, wie ein Frauenkörper beschaffen zu sein hat? Klar, wir haben es im Zuge unserer Sozialisierung gelernt. Heisst: Wir haben von anderen ein Klischee übernommen, wie ein weiblicher Körper auszusehen hat. An diesem Klischee richten wir uns selber aus, wenn (und solange) wir uns als weiblich definieren. Ich gebe unumwunden zu, dass auch ich mich (weitgehend) an diesen Klischees orientiere.
Aber sind diese Klischees überhaupt zutreffend oder unterliegen wir hier einem gewaltigen Trugschluss? Um dies zu klären, müssen wir einfach nur überprüfen, ob die Klischees in unseren Köpfen mit der real existierenden cis- Weiblichkeit überein stimmen. Und siehe da: Bei so ziemlich jeder Frau, die wir kennen oder der wir begegnen, passt irgendetwas nicht: Der Po ist zu klein, die Schultern zu breit, die Nase zu groß, der Bauch zu dick, der Busen zu flach, die Haare zu schütter, das Kinn zu kantig... . Vielleicht 5-10% der cis- Frauen können unser Klischee komplett abdecken, was allerdings nicht bedeutet, dass wir den restlichen 90-95% ihre Weiblichkeit absprechen würden.
Jetzt mal konsequent weitergedacht: Wenn ein wohlgeformter Körper statt eines B-C Körpchens nur ganz flache Hügel und kleine seitlich versetzte Brustwarzen trägt, und wenn zwischen den Beinen ein kleiner hängender Hautlappen sichtbar wird, warum müssen wir diesem dann die Weiblichkeit absprechen? Frauen ohne Brust die Weiblichkeit abzusprechen ist mittlerweile zum Glück ein absolutes No-Go. Warum legen wir diesen Maßstab dann bei uns selbst an?
Und warum in aller Welt darf eine Frau keinen Penis haben?
Weil wir es vor 50 Jahren so gelernt haben? Weil wir uns gegenseitig in dieser Ansicht bestärken? Weil leider auch Selbsthilfegruppen und Trans- Verbände darauf bestehen, weil leider auch therapeutisches Fachpersonal noch immer mit dieser antiquierten Idee arbeitet, weil eine schlecht informierte aber Helfersyndrom- getriebene Öffentlichkeit diese Idee von Generation zu Generation weiterträgt.
Leider müssen wir noch immer in (nicht fachspezifischer) Presse die Mär von der "Geburt im falschen Körper" lesen. Kein Fachverband und keine Pressure- Groupe schreitet dagegen ein, obwohl dieser Unsinn soviel unnötiges Leiden verursacht.
Es ist wie bei der Kindererziehung: Wenn Kindern lange genug eingeredet wird, dass sie dumm, unnütz oder lästig sind, werden sie dieses Attribut früher oder später für sich annehmen. Wird Menschen lange genug eingeredet, dass sie sich im falschen Körper befinden, werden sie sich früher oder später im falschen Körper fühlen.
Falsch ist nicht der Mensch oder der Körper, falsch ist die Einstellung zu diesem Körper. An dieser Einstellung müssen wir und andere arbeiten, nicht daran aus den Solidarsystemen noch mehr Zusagen für "anpassende" medizinische Maßnahmen herauszupressen.
Die Botschaft muss eigentlich sein: Du bist richtig, genau so wie du jetzt dastehst. Egal, ob du Mann, Frau, NB oder irgendetwas anderes bist. Bauch rein, Brust raus und erhobenen Hauptes der Gesellschaft gegenübertreten.
Es gibt ein Fortpflanzungsgeschlecht. Das können wir mit keiner medizinischen Maßnahme dieser Welt verändern. Jedes andere Geschlecht ist beliebig veränderbar, weil es völlig unabhängig vom Körper und damit reine Kopfsache ist. Eine Kopfsache an körperlichen Merkmalen festmachen zu wollen ist ein völlig falscher Ansatz.
Es wäre schön, wenn eine gesellschaftliche Kollektiv- Ansicht (sowohl populär als auch wissenschaftlich) zu der Einstellung käme, dass männlich oder weiblich nur rudimentär mit Penis oder Vagina zu tun hat.
Zu Punkt 2. melde ich mich später.
Liebe Grüße
Helga
Was bin ich?- Zunächst einmal bin ich ein Mensch!
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 9 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Hallo Helga,
sehr interessiert habe ich deine Gedanken und deine Meinung zu diesem Thema gelesen. In vielen stimme ich dir sofort zu, als selbst Betroffene, ein paar Anregungen im Hinblick auf deine Wahrnehmung möchte ich vielleicht noch hinzusteuern.
Leider werde ich erst Anfang der nächsten Woche dazu sicherlich Muße finden, denn das Thema und deine Gedanken dazu sind mir zu wichtig, um Mal eben kurz zu antworten.
Aber erstmal danke für deinen hoch interessanten Beitrag für mich.

Ganz Liebe Grüße
Sophia
Wally
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 10 im Thema

Beitrag von Wally »

Helga hat geschrieben: Fr 20. Okt 2023, 20:38 Bei so ziemlich jeder Frau, die wir kennen oder der wir begegnen, passt irgendetwas nicht: Der Po ist zu klein, die Schultern zu breit, die Nase zu groß, der Bauch zu dick, der Busen zu flach, die Haare zu schütter, das Kinn zu kantig... .
... - aber bei so gut wie keiner Frau, der wir begegnen, stimmt das alles gleichzeitig nicht! In dieser Form haben das Problem nur Transsexuelle - und die wiederum ziemlich regelmäßig.

Die o. g. Eigenschaften sind keine "Klischees", sondern sekundäre Geschlechtsmerkmale, an denen (in der Summe) wir tagtäglich und in nahezu jedem Einzelfall das Geschlecht unserer Mitmenschen erkennen. Es bringt nix, das wegreden zu wollen.
Herzliche Grüße
Wally
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 11 im Thema

Beitrag von Nicole Fritz »

Helga hat geschrieben: Fr 20. Okt 2023, 20:38 Es ist wie bei der Kindererziehung: Wenn Kindern lange genug eingeredet wird, dass sie dumm, unnütz oder lästig sind, werden sie dieses Attribut früher oder später für sich annehmen. Wird Menschen lange genug eingeredet, dass sie sich im falschen Körper befinden, werden sie sich früher oder später im falschen Körper fühlen.
Hallo Helga,

diese Erziehung ist aus meiner Sicht ursächlich für den derzeitigen Zustand der gesamten Menschheit verantwortlich. Die Richtlinien dazu wurden vor über 100 Jahren geschaffen, um gehorsame Arbeiter und Soldaten für die vielen Kriege heran zu ziehen. Wer nur gelernt hat, auf Anordnungen etwas zu tun, löst nicht die Probleme, die sich aus den Zusammenleben einer Population ergeben. Bei einem Ameisenhaufen ist das noch anders. Ergebnis: Überbevölkerung, Müll-Berge, Gift in der Nahrung, Krankheiten, Kriege, usw.. Wir zerstören uns selbst.

Wir lernen es nicht, unser Leben selbst-verantwortlich in die Hand zu nehmen. Als angepasster Konsument suchen wir immer nur etwas passendes aus einem riesigen Angebot. Wer also mit seiner männlichen Rolle nichts anfangen kann, erfährt aus den Medien oder von einer Selbsthilfegruppe: Lass dich körperlich zur Frau angleichen, und du wirst endlich glücklich. Aber Vorsicht. Schokolade macht angeblich auch glücklich. Oder doch nicht? Lässt sie vielleicht letztlich nur die Kleidergröße ständig anwachsen, und sorgt für gesundheitliche Probleme durch Übergewicht? Wem nützt es also? - Ich denke, zuerst den Schokoladen- und Kleider-Produzenten und dann den Ärzten und der Pharma-Industrie. Und jede Art von massenhaftem Konsum ist mit einem Sucht-Faktor verknüpft - nicht nur bei Tabak und Alkohol.

Als es 2017 bei mir mit Nicole anfing, steig mein Konsum bei Kleidung und Schuhen um ein Vielfaches an. Bei dem langweiligen Männer-Zeug war es immer nur gerade so viel wie nötig. Das Geld gab ich für anderes aus: Motorräder, Modell-Eisenbahn und -Flugzeuge, ... . So langsam begriff ich aber, das mich das auch nicht wirklich glücklich machte. Zur "körperlichen Angleichung" schminkte ich mich, ließ die Haare lang wachsen, färbte sie, und lackierte die Fingernägel. Einen Eingriff in meinen Körper mit Hormonen und OP lehnte ich von Anfang an ab. Damit habe ich mir viel Leid erspart. Glücklich gemacht hätte es mich auf Dauer ganz sicher nicht.

Interessant ist, dass ich anfangs, als ich noch betont weiblich - oder vielleicht besser einem männlichen Klischee vom Weiblichen folgend - herum lief, mehr schräge Blicke auf mich zog als jetzt erkennbar männlich in Frauenkleidern.

Also dann zum eigentlichen Thema: Ab etwa dem 10. Lebensjahr fühlte ich mich immer mahr falsch. Meine Eltern waren vom Krieg traumatisiert, und zogen sich ins Privatleben zurück. Ich sollte aber etwas Besseres werden, und dabei "meinen Mann stehen". Was ist aber ein Mann? So etwas wie Old Shatterhand oder ein Held im Krieg wie "der Rote Baron"? (https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_von_Richthofen; woher kommt wohl die Idee zu meinem blauen Doppeldecker-Modell? - "der Blaue Klaus"?) Mein Vater war da kein Vorbild. Meine Mutter sagte immer, er sei ein Hampelmann. Dann lernte ich viele der "Besseren", zu denen ich aufsteigen sollte, als brutale, eingebildete Arschlöcher kennen. Das trieb mich in Einsamkeit und Verzweiflung. Und mit abgeschlossenem Studium an einer Hochschule wollte das einfache Volk, aus dem ich einmal hervor ging, nichts mehr mit mir zu tun haben. - Und ich verstand deren Denken auch nicht mehr.

Zum Thema Genetik habe ich ein ganzes Kapitel in meinem neuen Buch geschrieben. Hier nur ganz kurz: Das mit dem Wettbewerb um das stärkste Spermium ist aus meiner Sicht gefährlicher Unsinn! Es geht im Zusammenhang mit der Epigenetik um die best-mögliche Kombination der Gene. Beim Orgasmus wird durch die Erregung ein starkes elektromagnetisches Schwingungsfeld erzeugt. Dabei erreicht das Spermium die Eizelle, das am meisten in Resonanz kommt. In Kombination mit der Wahl des am besten passenden Partners kommt es dann zu einem Kind, das alle Voraussetzungen für eine starke und verantwortungsvoll handelnde Person mit sich bringt - wenn das nicht mit der Erziehung bereits im Kindergarten beginnend wieder zerstört wird.

Heute ist es häufig so: Man hat Sex nur zum Spaß. Dann bekommt die Frau irgendwann Angst, dass ihre biologische Uhr abläuft, und lässt sich bei einer "Nachlässigkeit bezüglich der Verhütung" ein Kind andrehen. Dieses Kind ist dann ein idealer Kandidat für einen willenlosen Konsumenten. Die Epigenetik hat versagt. Was ist das nun? Für mich ist es narzisstischer Egoismus der Mutter. Spaß kann man auch bei gleich-geschlechtlichen Spielen haben. Dabei kann nichts schief gehen. Warum verteufelt man das also wohl immer von oben herab? Im Klartest aus meiner Sicht: Eine "perverse Schwuchtel-Transe" genannt zu werden, ist mir lieber als ein Kind in die Welt gesetzt zu haben, das schon von den Genen her so gut wie keine Chance auf die Entwicklung einer echten eigenen Persönlichkeit hat.

Liebe Grüße
Nicole
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 12 im Thema

Beitrag von Helga »

Wally hat geschrieben: Sa 21. Okt 2023, 09:20 Die o. g. Eigenschaften sind keine "Klischees", sondern sekundäre Geschlechtsmerkmale, an denen (in der Summe) wir tagtäglich und in nahezu jedem Einzelfall das Geschlecht unserer Mitmenschen erkennen. Es bringt nix, das wegreden zu wollen.
Hallo Wally,
warum nicht? Noch vor wenigen Jahren haben kluge Menschen mit Bestimmtheit gesagt: "Ein Mensch mit einem Y- Chromosom ist ein Mann. Es bringt nix das wegreden zu wollen." Heute sind wir, und zum Glück auch große Teile der Gesellschaft, deutlich weiter, indem sich das Geschlecht ein Stück weit vom Körper gelöst hat. Da wäre es eigentlich auch nur konsequent einen Schritt weiter zu gehen und das Geschlecht auch von körperlichen Merkmalen zu trennen. Wie lange es dauert, bis solche Einstellungen bis in die Durchschnittsgesellschaft durchdringen steht auf einen ganz anderen Blatt, aber gerade die Trans- Community, die hiervon direkt betroffen ist, könnte sich hierdurch eine Menge Leid ersparen.
Der Begriff "sekundäre Geschlechtsmerkmale" führt meines Erachtens ein Stück weit in die Irre, weil er impliziert eine wissenschaftlich erforschte und beschriebene Sammlung von Merkmalen zusammen zu fassen. Tatsächlich sind dies aber zum Teil nur mögliche Merkmale. Das Fehlen eines Merkmales ist keineswegs ein Auschlusskriterium. Zudem zählt jede Internetquelle hier teilweise unterschiedliche Merkmale (soweit sie nicht voneinander abschreiben) auf, was auf eine gewisse Beliebigkeit hindeutet, womit wir sehr schnell wieder bei den Klischees wären.
Als Anstoß: Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtsmerkmal) erwähnt tertiäre Geschlechtsmerkmale, zu denen geschlechtsspezifische Verhaltensweisen, psychische und soziale Merkmale zählen. Vielleicht wäre es sinnvoll sich hierauf zu fokussieren, denn hier finden sich Transmenschen auf jeden Fall wieder.
Liebe Grüße
Helga
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 13 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Helga hat geschrieben: Fr 20. Okt 2023, 20:38 Es ist wie bei der Kindererziehung: Wenn Kindern lange genug eingeredet wird, dass sie dumm, unnütz oder lästig sind, werden sie dieses Attribut früher oder später für sich annehmen. Wird Menschen lange genug eingeredet, dass sie sich im falschen Körper befinden, werden sie sich früher oder später im falschen Körper fühlen.
Falsch ist nicht der Mensch oder der Körper, falsch ist die Einstellung zu diesem Körper. An dieser Einstellung müssen wir und andere arbeiten, nicht daran aus den Solidarsystemen noch mehr Zusagen für "anpassende" medizinische Maßnahmen herauszupressen.
Die Botschaft muss eigentlich sein: Du bist richtig, genau so wie du jetzt dastehst
Hallo Helga, noch einmal danke für deinen Beitrag, er regt zum Nachdenken an.
Sich selber positiv zu begegnen und zu akzeptieren ist für mich der Schlüssel dazu nicht zu verzweifeln.Deinen Gedankengang vom Klischee einer Frau und das nur ein verschwindend geringer Prozentsatz, dieses Klischee überhaupt annähernd erfüllt, sehe ich auch so. Noch differenter wird es sicherlich, wenn ich z.B. sage, dass ich mich als Frau fühle. Kritisch betrachtet könnte frau Fragen, was heißt es denn, sich als Frau zu fühlen? Diese Frage cis Frauen gestellt erhalten wir sehr wahrscheinlich kein einheitliches Meinungsbild. Aber ich fühle mich als Frau, dies ist die perfekte Steilvorlage dann für alle die nur eine binäre Gedankenwelt zulassen und alles andere verteufeln und bekämpfen.
Zurück zu deinen Aussagen, nur weil ich keine Vagina habe, kann frau mir ja nicht absprechen, dass ich keine Frau bin. Ähnlich wie in dem Brigitte Artikel: "Ich liebe eine Trans Frau", "arbeite ich für meine Selbstakzeptanz damit, dass mein Körper weiblich ist und nur weil ich ein Penis habe kann dadurch nicht abgeleitet werden, dass ich keine Frau bin. Ähnlich wie die meisten Frauen, die um dem Klischee der Weiblichkeit zu entsprechen, auch die Beine rasieren, deshalb ja keine Männer sind.
Wenn dem alles so wäre, wäre es schön und einfach. Ist es aber leider für mich nicht.
Es hat nichts mit irgend einem Klischee zu tun, wenn ich als 6 Jähriger, mich nicht mit den anderen Jungen als Junge identifizieren konnte und wenn noch heute der riesige Wunsch existiert den Körper einer cis Frau haben zu wollen. Ich muss einfach akzeptierend und annehmen, dass dies so ist! Für mich gibt es bisher nur einen Grunde keine GaOp durchführen zu lassen, nämlich der, dass ich viel zu viel Angst vor den Komplikationen, die auftreten können, habe und ich dann damit auch letztendlich das wunderbare "Liebesleben" mit meiner Frau nicht aufs Spiel setzen möchte.
Letztendlich fühle ich mich als Frau, wenn frau es so sagen möchte, einfach weil es so gekommen ist und völlig unabhängig von welchem Klischee auch immer, ist in mir der tiefe Wunsch verankert einen cis Frauenkörper haben zu wollen. Da läßt sich für mich auch nichts "schön reden". Diese Sehnsucht bleibt bestehen. Und bitte jetzt nicht für " die 100 Prozentigen" hier im Forum, in dem Wort Sehnsuch, steckt Sucht und könnte dies nicht eine Sucht nach den Klischees einer..., bitte nicht. Es würde ja auch nichts helfen.
Was wirklich hilft ist der offene und ehrliche Austausch mit meiner Frau darüber, dass sie plötzlich statt einem Mann eine Frau an ihrer Seite hat und "die Politik der kleinen Schritte", damit sie mich so akzeptieren kann wie ich bin und somit mir ein Leben viel leichter gemacht wird (was sie aber leider vor immer neuen Herausforderungen stellt und ihr Leben nicht unbedingt leichter macht). Aber solange ich keine GaOp durchführen lasse, wird der Wunsch nach einem weiblichen Körper mit Brüsten und Vagina nicht für mich zu stillen sein.

Liebe Grüße
Sophia
ExUserIn-2026-04-08
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 14 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Liebe Sophia,

Du hast wunderbar die Situation ausgdrückt, in der ich mich zu sehr weiten Bereichen auch wiederfinde. Letztendlich geht es um die Akzeptanz. Zum einen, dass wir uns annehmen, wie wir sind und uns auch als wertvoll betrachten (dazu habe ich diesen Fred gestaartet), aber auch durch andere Menschen, besonders die, die in unserem Umfeld leben und uns nahe stehen. Die Selbstakzeptanz sehe ich dabei als Voraussetzung, von anderen Menschen akzeptiert zu werden.

Hallo Helga,

vieles von dem, was Du schreibst, kann ich nachvollziehen. Aber den Satz
Helga hat geschrieben: Mo 23. Okt 2023, 20:43 Da wäre es eigentlich auch nur konsequent einen Schritt weiter zu gehen und das Geschlecht auch von körperlichen Merkmalen zu trennen.
sehe ich in einem etwas anderen Licht. Du meinst vermutlich, das "gefühlte Geschlecht von körperlichen Merkmalen zu trennen", also, dass ein körperlicher Mann sich als Frau fühlen kann. Jetzt kann man den Spieß herum drehen und fragen, wenn sich ein körperlicher Mann sich als Frau fühlt, nicht darauf verzichtet, körperlich weibliche Merkmale an sich zu generieren (künstliche Brüste, Taping, was auch immer). Ich glaube, Geschlecht und körperliche Merkmale sind nicht unabhängig. Was aber "frei" ist, ist das eigene Selbstverständnis von Geschlecht. Es ist aber nicht frei wählbar, sondern liegt irgendwo in den Veranlagungen. Daraus resultiert dann der Wunsch, oder "Sehnsucht", wie Sophia schreibt, nach Geschlechtsmerkmalen, die nicht zum eigenen Körper passen müssen. Es ist dann eine persönliche Frage, wie weit man dann mit der "Angleichung" geht, ob mit Hilfsmittel, Hormonen oder einer GaOP.

Unabhängig von unserem Fühen und wie wir mit unseren Gefühlen umgehen und zu Maßnahmen greifen, ist für mich aber die Kernbotschaft an uns und an die Welt:

Jede/r von uns ist wertvoll und jede/r von uns hat das Recht geliebt zu werden, nicht, obwohl wir so sind, sondern weil wir so sind, wir wir sind.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
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Re: Sind wir "falsch" oder wertvoll ?

Post 15 im Thema

Beitrag von Helga »

Hallo Vicky
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 24. Okt 2023, 06:59 Du meinst vermutlich, das "gefühlte Geschlecht von körperlichen Merkmalen zu trennen"
Geschlecht spielt sich auf sehr vielen Ebenen ab. Im Grunde ist jede Art von Geschlecht, die nicht unmittelbar der Fortpflanzung dient, mehr oder weniger gefühlt. Darum ging es mir hier aber nicht.
Was ich hier sagen wollte an einigen Beispielen:
Ein (cis) Mann, der nur 1,60m Körpergröße erreicht, oder ein Mann, dessen sportliche Leistungen trotz aller Anstrengungen nie auszeichnungswürdige Ergebnisse erzielen, soll keine Minderwertigkeitskomplexe haben müssen.
Eine (cis) Frau, die an Apolepsie leidet oder eine Frau, die sich aufgrund einer Krebserkrankung die Brüste ausschälen lassen musste, darf sich deswegen nicht weniger als Frau fühlen.
Einem (cis) Mann, der sich wegen Hodenkrebs einer Orchiektomie unterziehen musste, darf niemand die Männlichkeit absprechen.
Eine (cis) Frau, die keinen, oder nur unter Schmerzen Sex haben kann, weil sie als Kind unter bestialischen Ritualen an der Vagina beschnitten wurde, ist dennoch eine vollwertige Frau.
Die Aufzählung lässt sich noch beliebig fortsetzen.
Genauso soll sich die Transfrau ohne Vagina oder der Transmann ohne Penis sich aufgrund ihrer "Abweichungen" nicht weniger wert fühlen. Völlig egal, ob dies primäre, sekundäre oder tertiäre Geschlechtsmerkmale betrifft.
Wenn die Frau mit Apolepsie für das persönliche Wohlbefinden eine Perücke trägt, oder die Frau mit glücklich überstandener Brustkrebs- Erkrankung sich Silikon- Einlagen implantieren lässt, dann ist dies völlig in Ordnung, es darf aber nicht so sein, dass diese Hilfsmittel notwendig sind um das eigene Selbstwertgefühl aufzubauen. Unsere Selbstsicht darf nicht davon abhängig sein, wie andere uns sehen oder sehen könnten. Unser Selbstwertgefühl darf sich nicht durch (globale) Klassifizierungs- Versuche von außen beeinflussen lassen, sondern muss sich auf unsere persönlichen Skills fokussieren, die zum größten Teil auch noch geschlechtsunabhängig sind.
Liebe Grüße
Helga
Was bin ich?- Zunächst einmal bin ich ein Mensch!
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
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