Liebe Vicky,
vielen Dank für das Thema, das mich auch seit längerer Zeit bewegt. Auf deine Eingangsfrage, die eingentlich zwei Fragen ist, weil diese Prädikate sich gegenseitig weder bedingen noch widersprechen, gibt es aus meiner Sicht nur zwei mögliche Antworten:
1. Nein
2. Ja
zu 1.: Eine geschlechtsreife Frau hat 300.000 bis 400.000 Eizellen, von denen jeden Monat einige 100 bis 1.000 heranreifen, aber nur eine einzige (in der Regel) überhaupt die Chance hat sich zu vermehren. In einem Samenerguss sind bis zu 600.000.000 Spermien, von denen auch nur ein einziges die Chance hat sich mit der Eizelle zu verschmelzen. Bereits zu Beginn der Entwicklung unseres Körpers haben sich damit zwei einzelne Zellen gegen eine völlig übermächtige Konkurrenz durchgesetzt um ein neues Lebewesen zu bilden. (Die Chance auf 6 Richtige beim Lotto mit 1:140.000.000 erscheint dagegen lächerlich hoch) Aus diesen beiden Zellen bildet sich jetzt unter dem Einfluss komplexer biochemischer Prozesse, die wir vermutlich nur ansatzweise verstehen ein neues Individum, dass zunächst 9 Monate im Mutterleib heranwächst, dann aber noch weitere 16-17 Jahre benötigt um die körperliche Entwicklung abzuschließen. Bei der Entstehung unseres Körpers hat bereits eine Auslese unvorstellbaren Ausmaßes stattgefunden um uns den bestmöglichen Start zu geben. Auch wenn die Wissenschaft einige Details nüchtern erklären kann, ist unser Körper mit unserem komplexen Bewusstsein noch immer ein kleines Wunder.
Was soll daran verkehrt sein? was kann daran verkehrt sein? Wären es nicht genau diese Eizelle und genau diese Samenzelle gewesen, wäre ein anderes Individum entstanden. Ein anders, aber nicht ich, oder wir, die wir kritisch jedes Detail unseres Körpers hinterfragen.
Sophia69 hat geschrieben: Di 17. Okt 2023, 08:21
Aber dennoch macht es vielleicht einen Unterschied, wenn du dich als Frau siehst und den weiblichen Körper als den für dich begehrenswerten empfindest, dann hätte ich mich im Rückblick äußerst ordentlich gefreut, wenn ich an mir herunter schaue und in einem Frauenkörper stecken würde.
Dieser Satz liefert einen wichtigen Anhaltspunkt darüber, was eigentlich falsch ist. Was haben wir im Sinn, wenn wir von Frauenkörper schreiben oder reden? Vermutlich eine 90-60-90 Figur mit schmalen Schultern, breiten Hüften, schlanker Taille, langen Beinen, die in gleichmäßig geschwungener Linie in einen wohlgeformten Po übergehen, einem schlanken Hals, weichen Gesichtszügen mit kleiner Nase, einer Körpergröße von 170cm, Füßen in Schuhgröße 38, Händen in Handschuhgröße 7, einem Busen in Körpchengöße B-C, Haare nur auf dem Kopf, dort aber schön füllig, und natürlich eine Vagina, die allerdings nur sichtbar wird, wenn der Betrachter sich in eine Position begibt, die sehr intimen Beziehungen vorbehalten ist.
Woher kommt dieser Sinn, diese Vorstellung davon, wie ein Frauenkörper beschaffen zu sein hat? Klar, wir haben es im Zuge unserer Sozialisierung gelernt. Heisst: Wir haben von anderen ein Klischee übernommen, wie ein weiblicher Körper auszusehen hat. An diesem Klischee richten wir uns selber aus, wenn (und solange) wir uns als weiblich definieren. Ich gebe unumwunden zu, dass auch ich mich (weitgehend) an diesen Klischees orientiere.
Aber sind diese Klischees überhaupt zutreffend oder unterliegen wir hier einem gewaltigen Trugschluss? Um dies zu klären, müssen wir einfach nur überprüfen, ob die Klischees in unseren Köpfen mit der real existierenden cis- Weiblichkeit überein stimmen. Und siehe da: Bei so ziemlich jeder Frau, die wir kennen oder der wir begegnen, passt irgendetwas nicht: Der Po ist zu klein, die Schultern zu breit, die Nase zu groß, der Bauch zu dick, der Busen zu flach, die Haare zu schütter, das Kinn zu kantig... . Vielleicht 5-10% der cis- Frauen können unser Klischee komplett abdecken, was allerdings nicht bedeutet, dass wir den restlichen 90-95% ihre Weiblichkeit absprechen würden.
Jetzt mal konsequent weitergedacht: Wenn ein wohlgeformter Körper statt eines B-C Körpchens nur ganz flache Hügel und kleine seitlich versetzte Brustwarzen trägt, und wenn zwischen den Beinen ein kleiner hängender Hautlappen sichtbar wird, warum müssen wir diesem dann die Weiblichkeit absprechen? Frauen ohne Brust die Weiblichkeit abzusprechen ist mittlerweile zum Glück ein absolutes No-Go. Warum legen wir diesen Maßstab dann bei uns selbst an?
Und warum in aller Welt darf eine Frau keinen Penis haben?
Weil wir es vor 50 Jahren so gelernt haben? Weil wir uns gegenseitig in dieser Ansicht bestärken? Weil leider auch Selbsthilfegruppen und Trans- Verbände darauf bestehen, weil leider auch therapeutisches Fachpersonal noch immer mit dieser antiquierten Idee arbeitet, weil eine schlecht informierte aber Helfersyndrom- getriebene Öffentlichkeit diese Idee von Generation zu Generation weiterträgt.
Leider müssen wir noch immer in (nicht fachspezifischer) Presse die Mär von der "Geburt im falschen Körper" lesen. Kein Fachverband und keine Pressure- Groupe schreitet dagegen ein, obwohl dieser Unsinn soviel unnötiges Leiden verursacht.
Es ist wie bei der Kindererziehung: Wenn Kindern lange genug eingeredet wird, dass sie dumm, unnütz oder lästig sind, werden sie dieses Attribut früher oder später für sich annehmen. Wird Menschen lange genug eingeredet, dass sie sich im falschen Körper befinden, werden sie sich früher oder später im falschen Körper fühlen.
Falsch ist nicht der Mensch oder der Körper, falsch ist die Einstellung zu diesem Körper. An dieser Einstellung müssen wir und andere arbeiten, nicht daran aus den Solidarsystemen noch mehr Zusagen für "anpassende" medizinische Maßnahmen herauszupressen.
Die Botschaft muss eigentlich sein: Du bist richtig, genau so wie du jetzt dastehst. Egal, ob du Mann, Frau, NB oder irgendetwas anderes bist. Bauch rein, Brust raus und erhobenen Hauptes der Gesellschaft gegenübertreten.
Es gibt ein Fortpflanzungsgeschlecht. Das können wir mit keiner medizinischen Maßnahme dieser Welt verändern. Jedes andere Geschlecht ist beliebig veränderbar, weil es völlig unabhängig vom Körper und damit reine Kopfsache ist. Eine Kopfsache an körperlichen Merkmalen festmachen zu wollen ist ein völlig falscher Ansatz.
Es wäre schön, wenn eine gesellschaftliche Kollektiv- Ansicht (sowohl populär als auch wissenschaftlich) zu der Einstellung käme, dass männlich oder weiblich nur rudimentär mit Penis oder Vagina zu tun hat.
Zu Punkt 2. melde ich mich später.
Liebe Grüße
Helga