Meine derzeitige Lektüre:
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Nun fallt mir nicht gleich vom Heiligen Stuhl
Ich selber bin ja schon vor fast 50 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Aber Benedikt hat mich mit seinem brillianten, stets redlichen Intellekt und mit seiner wohlwollenden Toleranz gegenüber Andersdenkenden bei gleichzeitig eisernem Rückgrat, gerade auch da, wo es ungemütlich wurde, immer wieder beeindruckt - sehr im Gegensatz zu seinem gefühlig verquast mit dem Zeitgeist schwimmenden Nachfolger
Seewald schildert sehr destailliert das Leben und den Werdegang Joseph Ratzingers, eingebettet in das politische und gesellschaftliche Umfeld der Zeit: sein Elternhaus, die ihn prägenden Einflüsse in der Kindheit, die Literatur seiner Jugend und Studentenzeit, seine Lehrer und auch seine teils schon damaligen Gegner. Er stammte aus einfachen Verhältnissen: Sohn eines Polizisten, der als strenger Katholik und erklärter Nazi-Gegner mitsamt der ganzen Familie schwer unter politischen Repressalien zu leiden hatte. Den Krieg hat Benedikt als 15-20jähriger, zum Flakhelfer verdonnerter Gymnasiast mit Not-Abitur erlebt.
Meine (nicht seine

) Mutter stammte aus derselben Gegend in Bayern, zu ungefähr derselben Zeit. Politisch stand sie damals auf der entgegengesetzten Seite: begeistertes HJ-Mädel, Tochter des SA-Ortsgruppenführers in der heimatlichen Kleinstadt - zu dieser Zeit genoss er mehr gesellschaftliches Ansehen als der Bürgermeister... Mit 16 wurde sie aus ihrem klösterlichen Mädcheninternat rausgeschmissen, weil sie verbotenerweise ein Bild des HJ-Jugendführers Baldur von Schirach an die Wand ihres Internatszimmers gehängt hatte. (Mein Vater war dagegen immer schon Nazi-Gegner gewesen - andere Geschichte)
Es ist für mich heute hochinteressant zu lesen, wie sich die damalige Zeit aus Sicht der katholischen Kirche darstellte, wie sich das weiter entwickelte und schließlich mit dem Zusammenbruch radikal umdrehte. Erst durch diese Lektüre wird für mich vieles am Leben meiner eigenen Mutter verständlich: z. B. wie sie dazu kam, nach dem Zusammenbruch des Reichs und dem Verlust ihres ersten Kindes reumütig zum katholischen Glauben ihrer Kindheit zurückzukehren, dem sie dann in tiefer Religiosität bis zu ihrem Tod treu blieb.
Nach dem Kriegsende erlebte das religiöse - insbesondere katholische - Leben in Deutschland einen ungeahnten, noch nie dagewesenen Aufschwung; die Kirchen wurden -erstmals nach der Säkularisation - nicht nur geistig, sondern auch wirtschaftlich und politisch wieder zu einem entscheidenden Machtfaktor. Die Werke der vorherrschenden, kirchlich geprägten Literaten jener Zeit dominierten auch im Wohnzimmer meiner Kindheit den Bücherschrank; die ersten, von mir jemals gelesenen Romane entstammten dieser Epoche.
Aber nicht nur für mich persönlich, sondern auch allgemein politisch und gesellschaftlich ist das Buch aufschlussreich: denn da zeigen sich ungeahnte Parallelen. Genauso wie damals unter den Nazis herrscht auch heute wieder ein zunehmend unversöhnlicher, gehässiger, fundamental kirchenfeindlicher Zeitgeist. Genauso wie damals begeben sich die Kirchen auch heute wieder nur halbherzig in die Defensive, versuchen sich kleinlaut zu arrangieren, biedern sich servil dem Zeitgeist an - wie damals mit gehorsam vorauseilenden Protestanten an der Spitze. Geschichte wiederholt sich...
... wenn man nicht daraus lernt.
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