Innerhalb von zehn Jahren ließen fast 2000 Niedersachsen ihr Geschlecht im Pass ändern | BILD
Innerhalb von zehn Jahren ließen fast 2000 Niedersachsen ihr Geschlecht im Pass ändern | BILD

Informationen, Termine und Artikel zu Transsexualität und Transidentität
Forum-Diskussionen transsexueller Menschen; Peerberatung
Antworten
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 27033
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 183 Mal
Danksagung erhalten: 2028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Innerhalb von zehn Jahren ließen fast 2000 Niedersachsen ihr Geschlecht im Pass ändern | BILD

Post 1 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Jaddy
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3970
Registriert: Fr 24. Okt 2014, 21:38
Geschlecht: a_binär / a_gender
Pronomen: en/en/ens
Wohnort (Name): nahe Bremen
Hat sich bedankt: 280 Mal
Danksagung erhalten: 1227 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Innerhalb von zehn Jahren ließen fast 2000 Niedersachsen ihr Geschlecht im Pass ändern | BILD

Post 2 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Hm, mal überschlagen: 200 Änderungen pro Jahr, Niedersachsen hat 8,1 Mio Einwohnys. Setzen wir mal das Durchschnittsalter bei Änderung eher tief, bei 20 Jahren (das rechnet sich besser) und eine Lebenserwartung von optimistischen 80 Jahren und gehen 20 Jahre in die Zukunft, wenn die ersten Änderungen von 1981 diese Erwartung erreicht haben werden. Also 60 Lebensjahre mit geändertem Personenstand.

Macht unter diesen sehr aufgerundeten und für die Jahre vor 2013 sicherlich viel zu hohen Annahmen im Jahre 2043 insgesamt 12000 offiziell registrierte trans Personen, also 0,15%. "Inzidenz 150", wer sich noch an Pandemiemaße erinnert ;) Das ist ungefähr die Quote an Menschen mit Professorentitel in D.

Das beisst sich allerdings ein bisschen mit den Studien zur Gesamtprävalenz, die bei der Frage nach Gender Inkongruenz eher bei 1-3% heraus kommen; sogar weltweit. Vermutlich ist die Quote derer, die bisher Personenstand und Vornamen nicht ändern liessen, also ca. zehnmal höher. Ob die nach EInführung des SBGG alle zum Amt gehen darf aber bezweifelt werden.

Es wird aber wohl auf eine ähnliche Kurve wie diese[1] hinauslaufen...
Bildschirmfoto 2023-09-21 um 12.31.28.png
... mit dem Plateau vielleicht bei 2%, je nach gesellschaftlichem Klima.

Das heisst aber auch, dass wir uns für die kommenden Jahre, während der Steigung bis dorthin, noch auf reichlich Desinformation und Alarmismus einstellen müssen, wegen "dramatisch steigender Zahlen".

Leicht irreführend übrigens der Umgang mit den OP-Zahlen. Zum einen natürlich, weil es diverse angleichende OPs gibt. Sind da jetzt alle enthalten oder nur genitalangleichende? (Auflösung siehe unten). Vor allem aber sind die Zeitraster verschieden: Die OP-Zahlen beziehen sich auf vier Jahre: 195, also ~49 pro Jahr bei ~200 Personenstandsänderungen. Machen also nur 25% eine Operation? (Auflösung siehe unten)

Immerhin kommt der Unterschied beim coming out Alter einigermassen heraus: Trans Männer sind aus diversen Gründen in der Regel früher out und "im System erfasst". Korte u.a. interpretieren das regelmässig als "dramatisch steigende Zahlen junger Mädchen" (es sind eigentlich trans Jungs), während es lediglich eine Frage der betrachteten Altergruppen ist.

Also mal nach der Quelle suchen, die Bild nicht angibt: (PDF), zu finden über NILAS. Mein Eindruck: "Die Zielgruppe nur nicht mit Fakten überfordern".

Die Auflösung zu den OPs: Es sind nur die genitalangleichenden. OP-Schlüssel 5-646.0 und 5-646.1. Die Antwort der Landesregierung sagt auch: "Vermutlich wurden weitere geschlechtsangleichende Operationen nach den amtlichen OPS 5-613, 5-628, 5-643, 5-645, 5-705, 5-706, 5-713, 5-716 und 5-718 codiert".

Das Zahlenverhältnis 3:1 ist seltsam, denn normalerweise lassen trans Frauen häufiger eine GaOP durchführen als trans Männer, siehe Journalmed. Das Gesamtverhältnis ist nämlich völlig anders. Ich vermute, das könnte mit der Anzahl entsprechender Kliniken in Niedersachsen ggü Gesamtdeutschland zusammenhängen. Ein Indiz dafür ist, dass in ganz D zwischen 2017 und 2020 insgesamt 7771 GaOP durchgeführt wurden (<2000/Jahr), in Nds aber nur die 195. Bevölkerungsverhältnis: 1:10, OP-Verhältnis 1:40.

Wer die gesamtdeutschen Zahlen für 2021 mal nachlesen will, hier ist der Bericht des statistischen Bundesamts für alle OPs: (PDF).

Interessante Details zu GaOP auch im Sachstandsbericht des wiss. Dienstes des deutschen Bundestags "Einzelfragen zu geschlechtsangleichenden Operationen" von 2022 (PDF). Dort insbesondere Seite 10 und ihre Fussnoten 31 und 32:

"Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass die Anzahl der durchgeführten Operationen und Prozeduren und nicht die Zahl der Fälle dargestellt wird. Pro Patient seien mehrere Operationen und Prozeduren möglich. Für die Abbildung komplexer Eingriffe und Teilmaßnahmen sei bei Operationen in verschiedenen Bereichen eine Zuordnung von mehreren Kodes (ohne Duplikate) vorgesehen. Dementsprechend seien gegebenenfalls Mehrfachkodierungen je Behandlungsfall nachgewiesen" - d.h. es sind weniger Personen betroffen als die OP-Zahlen angeben.

"Umfasst sind die OPS-Kodes 5-646.0, 5-646.1, 5-646.x und 5-646.y." - letztere stehen für "Sonstige" und "nicht näher bezeichnet".

Fazit: Bei meiner Recherche bin ich auf zahlreiche "Anfragen" der Partei in vielen Landesparlamenten und dem Bundestag gestossen. Alle tendenziös formuliert und die üblichen Narrative und Behauptungen unterstellend; von "Trans-Hype" über "RODG" und "social contagion" bis "die Ärzte der Translobby operieren unsere Mädchen um". Sie versuchen ganz spezifische Antworten zu erhalten, um genau ihre Thesen zu verbreiten. Glücklicherweise gelingt das in der Regel nicht, hindert aber Kanäle wie Bild - die bestimmt nicht von allein auf diese Anfrage/Antwort gekommen sind - nicht, einfach ein paar Zahlen raus zu hauen und einige davon per Fettdruck hervorzuheben, obwohl sich das Gesamtbild eigentlich völlig anders darstellt.

Bereits die Rohdaten sind äusserst unscharf. Die Vermischung von Personenzahlen, OP-Zahlen und standesamtlichen Änderungen ist ... ungünstig für ein schlüssiges Bild. Vieles wird gar nicht erfasst oder falsch zugeordnet. Zum Beispiel OP-Schlüssel statt Indikation. Ich selbst habe meinen Personenstand in Bremen ändern lassen, weil Geburtsstandesamt, wohne in Niedersachsen, bekomme meine HET in Hannover und hatte meine OP in NRW, bin also aus mehreren Gründen nicht in den Bild-Zahlen.

Ach ja: Ca. ein Drittel aller trans Personen wird gar nicht richtig einsortiert, weil nichtbinäre überall unter den Tisch fallen.

Also: Zahlen immer hinterfragen :) Vor allem, wenn sie aus fragwürdigen Medienkanälen kommen.


[1] Gesamt-Quote "Linkshändigkeit" nach Geburtsjahr in "The history and geography of human handedness", S.40 (PDF). Der starke Anstieg geht darauf zurück, dass die religiöse und pseudo-medizinische Verdammung von Linkshändigkeit und daraus folgend die Umerziehung (Konversionstherapie) von Kindern stark zurückging. Das Plateau liegt seit ca 80 Jahren bei 10-12% linkshändiger Menschen.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
Antworten

Zurück zu „Transsexuelle Menschen: Transsexualität - Transidentität, trans“