Vicky_Roses lesenswerter Post im Thread "Woran mag es liegen, das man zum Crossdresser wird" inspiriert mich zu ein paar grundsätzlichen Gedanken zu diesem Thema.Vicky_Rose hat geschrieben: Di 29. Aug 2023, 07:45 Zunächst, ist Passing wirklich notwendig ? Hier ist meine Haltung, sie ist es nicht.
Zunächst mal: was ist Passing überhaupt? Ich verstehe darunter die Akzeptanz meiner Selbstdarstellung durch die Gesellschaft. Einfacher ausgedrückt: Ich behaupte (mit meinen Äußerungen, meiner Kleidung, meinem Verhalten...), etwas zu sein (z. B. eine Frau) - und wenn man mir das glaubt, habe ich "Passing". Nimmt man mir das nicht ab, dann fehlt's am Passing. Es kommt darauf an, wie mich die Leute wahrnehmen: sehen sie mich so, wie ich mich darstelle, habe ich Passing - sehen sie mich anders, habe ich's nicht, meine Selbstdarstellung ist dann misslungen.
Mit Toleranz hat das übrigens nix zu tun, ganz andere Baustelle. Ich kann durchaus auch mit völlig fehlendem Passing Toleranz genießen, z. B. nach dem Motto "Der ist zwar nie und nimmer eine Frau, aber ansonsten ein netter Kerl - tun wir ihm halt den Gefallen und nennen ihn so". Umgekehrt schützt Passing auch nicht vor Intoleranz: wenn ich mich z. B. öffentlich als Gummifetischist darstelle, werden Leute, die das als "Schweinkram" verabscheuen, mich trotzdem diskriminieren, obwohl ich bei ihnen ein perfektes Passing habe: sie glauben's mir ja aufs Wort, dass ich Fetischist bin.
Und schließlich - für uns Transgender der wichtigste Punkt - bedeutet Passing auch nicht, dass die Leute uns sehen, wie wir sind, sondern nur, wie wir uns darstellen. Ein Hochstapler, der als gelernter Fleischer eine chirurgische Praxis aufmacht, kann bei seinen Patienten ein noch so gutes Passing als "Herr Doktor" haben - er bleibt trotzdem ein Betrüger.
Wie war das nun bei mir im Lauf meines Lebens mit dem Passing?
Als Baby stellt man sich nicht dar - man ist einfach. "Passing" war da noch kein Thema.
Als Kind (bis zur Pubertät) stellte ich mich als Junge dar: ich wußte es nicht besser - woher auch? Aber mein Passing als Junge war denkbar schlecht: in meinem ganzen Gehabe war ich nie ein "richtiger" Junge, das haben sie mir auch nie abgenommen. Als Transsexueller, der ich auch damals schon war (freilich ohne es zu wissen), war ich dagegen (noch) authentisch: ich verhielt mich - unbewußt, ich konnte noch gar nicht anders - eher wie ein Mädchen als wie ein Junge. Und genau so wurde ich von meinen Kameraden auch gesehen. Daher der Spitzname "die(!) Wally", samt weiblicher Personalpronomina, der mir - damals sehr gegen meinen Willen - hartnäckig bis fast ans Ende der Schulzeit anhing.
Mit der Pubertät und in einer äußerst schmerzhaften, jugendlichen Sozialisation, in der ich sehr mühsam lernte, mich wenigstens oberflächlich als Mann darzustellen, änderte sich die Situation allmählich: nun hatte ich endlich ein nahezu perfektes Passing als Mann. Das Problem war bloß: das war nicht authentisch! Ich ging zwar jetzt fast überall als Mann durch - aber ich war nach wie vor kein Mann, und ich wußte das selber noch nicht mal! Ich glaubte, das zu sein, was ich den Leuten erfolgreich vorspielte, weil die mir eben das glaubten und bestätigten... Dabei war ich kreuzunglücklich, fühlte mich permanent unausgefüllt oder überfordert. Vor allem bezüglich Partnerschaft ging so ziemlich alles schief, was nur schiefgehen kann, nichts funktionierte.
Mit 40, nach katastrophal schiefgegangener, erster Ehe - verhalf mir schließlich eine Psychotherapie zur Erkenntnis meiner transsexuellen Veranlagung. Endlich wußte ich: psychisch/emotional bin ich KEIN Mann, sondern eher eine Frau - und ich kann das auch nicht ändern; ich muß mich damit abfinden, damit klarkommen und lernen, auch nach außen dazu zu stehen. Endlich wieder authentisch werden war angesagt: nach außen das darzustellen, was ich wirklich bin - nicht das, was man mir laut Geburtsurkunde zugeschrieben hatte.
Aber wie? Wieder kam das Passing ins Spiel - diesmal auf der anderen Seite, als Frau. Und das war nun leider komplette Fehlanzeige: jemandem mit meinem Körperg'stell glaubt nun mal kein Mensch, eine Frau zu sein, da kann ich mich auf den Kopf stellen. Selbst wenn ich mich durch die komplette chirurgische, endokrinologische, ergotherapeutische und kosmetische Mühle drehen ließ, änderte das nur wenig an dem fast durchweg schief gehenden Passing im Alltag. Was ich darzustellen versuche, ist zwar sehr wohl authentisch - aber die Leute nehmen mir das einfach nicht ab, weil ihnen mein biologisches Äußeres spontan das Gegenteil suggeriert. Okay, viele haben dazu höflich geschwiegen oder mir sogar Mut gemacht und sich still ihr Teil dazu gedacht; aber das ist bloß Toleranz, keine Akzeptanz im Sinne eines gelungenen Passing. Spontan nehmen mich die Leute nach wie vor als etwas anderes wahr, als ich bin und auch darzustellen versuche; das prägt unweigerlich die gesamte, soziale Interaktion, in der ich dann prompt wieder auf der falschen Seite feststecke. Ein Frauenname samt spürbar mühsam herumgedrehter Personalpronomina ist da allenfalls ein läppischer Trostpreis. Das eigentliche Problem liegt ja viel tiefer als in der bloßen, formalen Anrede; es steckt in der gesamten Breite und Tiefe der Sozialisation, in der gesamten verbalen und nonverbalen, sozialen Kommunikation und Interaktion.
Dazu kam, dass der damals - auch in der Transsexuellen-Szene - noch strikt herrschende Geschlechtsdualismus selbst bei gelungenem Passing eine Lösung meiner Probleme verhindert hätte: denn als MzF-Transsexueller bin ich ja nicht einfach eine Frau, sondern Mann UND Frau in einer Person! Ich bin auch mein Körper, der nun mal seit je her männlich ist, ich kann den nicht einfach wegschmeissen, ich muß mich auch damit noch irgendwie identifizieren können. Würden mich die Leute spontan als Frau wahrnehmen - NUR als Frau, wie bei cis-Frauen üblich und richtig - dann wär's auch wieder falsch, auch das ginge an meiner Lebenswirklichkeit vorbei. Deshalb habe ich damals runde zehn Jahre lang Pionierarbeit geleistet und - damals noch als einer von Wenigen im deutschen Sprachraum - bei Fachleuten wie Betroffenen das Konzept eines Gender-Kontinuums, eines individuell variablen Raums zwischen den Geschlechtern, ins Spiel gebracht.
Für mich persönlich habe ich sozusagen eine Salami-Taktik gewählt. Da die bloße, verbale Selbstdarstellung sich als untauglich erwies (potenzielle Partnerinnen sahen in mir trotzdem den Mann, der ich nun mal nicht bin), begann ich, meinen Körper zu verändern: erst mit Hormonen, und als das auch nicht genug bewirkte, schließlich mit chirurgischem Brustaufbau. Auch das war damals noch Pionierarbeit: die Brust aufbauen zu lassen, obwohl ich die "große" Lösung erklärtermaßen nicht vorhatte und trotz weiblicher Brust amtlich und offiziell zumindest vorerst als Mann weiterleben wollte - das war damals unerhört
Der Brustaufbau verbesserte zwar mein Passing als Frau nur sehr marginal (ich hatte das auch gar nicht anders erwartet); aber er zerstörte mein - eh nicht authentisches - Passing als Mann bei Frauen, die mit mir ins Bett wollten. Und das erwies sich für mich als sehr segensreich: es schützte mich nämlich vor den falschen Partnerinnen und schaffte so überhaupt erst Raum für diejenigen Frauen, die wirklich zu mir passten. Seitdem hatte ich erstmals funktionierende, intime Beziehungen und lernte ein paar Jahre später meine liebe Frau kennen, mit der ich inzwischen seit 16 Jahren glücklich verheiratet bin.
Beruflich und offiziell blieb ich bis zur Verrentung in der männlichen Rolle. Im öffentlichen Bereich wurde mein Passing als Mann auch durch die Brustimplantate erstaunlicherweise kaum beeinträchtigt; und obwohl diese "Männlichkeit" nie authentisch war, konnte ich mich angesichts meines inzwischen geglückten Privatlebens damit abfinden. Ich versuchte zwar in dieser ganzen, langen Zeit immer noch, möglichst wenig Männliches zu zeigen und wenigstens unterschwellig hier und da ein Stück Weiblichkeit an mir wahrnehmbar zu nachen, ohne deswegen gleich "tuntig" zu wirken. Aber diese Mühe hätte ich mir sparen können: die öffentliche Wahrnehmung ist da immer noch strikt dual, es machte keinerlei Unterschied in meiner Wahrnehmung als "Mann".
Seit der Verrentung brauchte ich endlich keine beruflichen Rücksichten mehr zu nehmen und wechselte komplett in die weibliche Rolle, inklusive Namens- und Personenstandsänderung. Passing als Frau? The same procedure as every year... Solange ich meinen halbkahlen Kopp nicht komplett hinter einer muslimischen Vollverschleierung verstecke, identifiziert mich immer noch Jeder - zumindest aus der Nähe - als "Mann", und selbst mit Vollschleier würde das Passing auffliegen, sobald ich den Mund aufmache.
Geschenkt: ich bemühe mich gar nicht erst um ein echtes Passing als Frau. Ich weigere mich, einen Fifi zu tragen, mir stundenlang das Gesicht zuzuspachteln und meine Stimme in den "Hach"-Bereich einzukerkern. Wozu denn auch? Ich BIN dieser Kopf und dieses Gesicht, ich war's schon immer. Warum soll mich verstecken? Die "Damenfrisur", die meine Friseurin verzweifelt aus dem bisschen Greisenhaar hinter der Halbglatze zu formen versucht, muß genügen. Okay, von vorne sieht's wie eine Herrenfrisur aus - dafür sieht man die großen Perlmutt-Ohrhänger besser, mit denen ich lauthals demonstriere, dass es da außer dem alten Mann auch noch was anderes gibt.
Der Hals ist bei mir die Geschlechtergrenze: von da abwärts läßt sich das Outfit mit recht überschaubarem, alltagstauglichem Aufwand absolut glaubhaft und überzeugend auf weiblich trimmen: Brüste, Hüftpolster, Kleid, Rock/Bluse, Nylons, Pumps, eine Perlenkette um den Hals, eine Damenuhr am Handgelenk, eine Damenhandtasche an der Schulter...
Warum ich das alles mache, obwohl ich damit trotzdem kein Passing als Frau kriege? Aus zwei Gründen:
Erstens bin ich mir das selber schuldig. Wenn ich an mir runtergucke, bin ich perfekt und vollständig Frau, ich erlebe mich als Frau - ich lebe die Frau, die ich bin und schon immer war. Das tut einfach gut, ich genieße es jeden Tag auf Neue. Meinen eigenen Kopp sehe ich ja nicht, außer wenn ich in den Spiegel gucke - und das vermeide ich nach Möglichkeit
Zweitens erreiche ich damit nun endlich, dass die Leute in mir nicht mehr NUR den Mann sehen, der ja schon da ist und auch gesehen werden darf und soll - sondern AUCH die Frau, die ich ebenso bin, die man mir aber nicht einfach so ohne weiteres ansieht. Dezent mit diskreten Hinweisen funktioniert das nicht - ich hab's ein Viertel Jahrhundert vergeblich versucht. Man muß es den Leuten schon regelrecht um die Ohren schlagen, damit sie es endlich mal zur Kenntnis nehmen. Das einzig authentische, gesunde, auf Dauer für mich verträgliche Passing, das auch meiner Lebenswirklichkeit entspricht, ist weder das Passing als Mann, das man mir zu Unrecht zeitlebens nachgeschmissen hat, noch das als Frau, das man mir zu Recht zeitlebens verweigert hat - sondern das Passing als MANN UND FRAU in einer Person - eben als so ein sonderbarer Mensch, der mit einem männlichen Kopf auf einem weiblichen Körper herumläuft. Genau dieses Passing brauche ich für meine seelische Gesundheit - und mit dieser Methode kriege ich das auch. So ist mein Leben endlich - erstmals seit meiner Kindheit - wieder authentisch.
Nicht jeder findet das gut - muß auch nicht. Wer damit nicht zurechtkommt, soll mich halt in Gottes Namen meiden. Das ist sogar gut für mich: genauso, wie es schon vor 25 Jahren gut für mich war, dass die Mehrzahl der heterosexuellen Frauen vor meinem künstlichen Busen Reißaus nahmen. Das schafft Raum für Leute, die mit mir angemessen interagieren können und wollen. Die gibt's - genauso wie es die passende Partnerin für mich gab; ich mußte sie nur erst finden und mich ihr auch zeigen. Als Rentnerin muß ich mich Gottseidank nicht mehr wahllos mit Jedem abgeben. Ich mache seit nun schon fast drei Jahren sehr gute Erfahrungen mit diesem Lebensstil.
So leiste ich jetzt auf meine alten Tage nochmal Pionierarbeit in Sachen "trans": Ich habe jedenfalls bisher noch niemand Anderen kennengelernt, der das wie ich konsequent so handhabt. Vielleicht gilt's nach weiteren dreißig Jahren als ein Standardkonzept für Transsexuelle - so, wie heute die individuelle Verortung im Gender-Kontinuum, anstatt des ehemaligen, starren "Mann ODER Frau". Wer weiß?