Anne-Mette hat geschrieben: Fr 27. Jan 2023, 11:01
"Ist ihre Privatsache" kann ich wegen der großen medialen Reichweite nicht sehen.
Privatsache vs. mediale Reichweite. Ui, schwierig. Sehr interessante Frage, aber ich komme da auch nicht weiter.
Privat sehe ich erst mal als Gegenstück zu
öffentlich. Viele im Forum hier bewegen sich in einer Öffentlichkeit mit geringer Reichweite: in der Nachbarschaft, im Ort, in Shoppingmalls usw. Die äußere Erscheinung und das Auftreten sind dann immer noch Privatsache, oder? Halt Privatsache im öffentlichen Raum. Irgendeine Verantwortung damit verbunden? Die für sich selbst, klar. Aber mehr doch nicht. Oder?
Die am stärksten aufgeladenen Formen von Öffentlichkeit sind die mit politischen Ämtern verbundenen. Da ist jeder öffentliche Auftritt das Gegenteil von Privatsache. Kann man jeden Tag in den Medien studieren. Baerbocks Outfit, oder die lustigen Leoparden-Tweets ihres Ministeriums. Alles per Amt mit Verantwortung beladen, da ist nichts rein privat. Bei Tessa Ganserer etwa oder bei Nyke Slawik ist das auch so, aber nicht so ausgeprägt wie z. B. bei einer videobloggenden Verteidigungsministerin. Ganserer und Slawik haben ja auch nicht so hohe Ämter, sondern nur Mandate. Und, hm, mediale Reichweite.
Es gibt eine Menge Leute mit beachtlicher medialer Reichweite, die nicht den Eindruck machen, als seien sie sich irgendeiner Verantwortung bewusst. Ich würde mal behaupten, es gibt in der Gesellschaft so gut wie kein Bewusstsein dafür, dass mediale Reichweite überhaupt mit Verantwortung verbunden sein könnte.
Wir denken trotzdem drüber nach. Warum? Weil wir eine gesellschaftliche Randgruppe sind, die von der Mehrheit zwar gern übersehen, aber nicht ganz so gern respektiert wird? Weil unser sozialer Status alles in allem immer noch fragil ist? Weil wir über alles ein bisschen mehr nachdenken müssen? Vorsichtiger sein? Verantwortungsbewusster?
Ich weiß nicht. Aus der Perspektive politischer Ziele ist mediale Reichweite ganz sicher ein Kriterium für Verantwortlichkeit. Aber als allgemeines Kriterium (
Du hast große mediale Reichweite, du trägst also eine gewisse Verantwortung) entspricht das eher nicht unserem Zeitgeist. Es wäre möglicherweise wünschenswert, dass es sich mehr in diese Richtung entwickelt. Früher soll das ja mal so gewesen sein, als es social media noch nicht gab, und ganz früher, als es noch nicht mal die
privaten Sender gab, sondern lauter verantwortungsbewusste Medien.
Aber selbst wenn es sich in diese Richtung entwickeln sollte, ist noch gar nicht die Frage beantwortet,
wofür eine reichweitenstarke Person Verantwortung tragen soll. Abgesehen von der nicht weniger diffizilen Frage,
wie das geschehen soll.
Anne-Mette hat geschrieben: Fr 27. Jan 2023, 11:01
Natürlich könnte ich sagen: "ist mir egal" oder "geht mich nichts an", aber bei mir entsteht kein gutes Gefühl, wenn ich darauf schaue.
Vielleicht hängt das Unbehagen damit zusammen, dass wir keine einfachen Antworten auf diese Fragen haben.