Guten Morgen liebe Frieda,
deine Fragen bewegen mich auch seit langem. Ich finde es gut, dass der Autor keine Gruppe speziell anspricht, denn das Thema ist überall gegenwärtig. Es hat mMn viel damit zu tun, dass persönlich erlebte Wirklichkeit mit der Wahrheit verwechselt wird. Die persönlich erlebte Wirklichkeit ist obendrein von außen beeinflussbar. Kein Mensch, der sich um die begrenzten Möglichkeiten seiner Wahrnehmung weiß, kann ernsthaft das Verhalten, Denken und Fühlen eines Anderen beurteilen. Das ist die Geburtsstunde der Akzeptanz.
Das Dilemma ist, dass wir nur schwer in der Lage sind, unser Weltbild anzupassen, vor allem, wenn äußere Einflüsse unserem Weltbild sehr widersprechen. Das Verständnis für Geschlecht ist tief in uns verankert. Wer Mann ist und wer Frau ist scheinbar offensichtlich. Es ist alles ganz einfach. Warum also daran rütteln ? Dass es Menschen gibt, die hier völlig anders ticken, ist zunächst schwer zu akzeptieren. Hier locken ja auch "Heilsbringer" mit einfachen Lösungen. Man braucht sein Weltbild nicht zu verändern, wenn man ihnen folgt. Nur allzu leicht werden dann Scheinargumente und Lügen, die halbwegs ins eigene Weltbild passen, als Wirklichkeit akzeptiert, denn es entspricht ja der eigenen Wirklichkeit. das ist Stagnation.
Erst wenn man selber bereit ist, die eigene Wirklichkeit zu öffnen und neue Sichtweisen zu integrieren, kann man sich auch weiter entwickeln. Das geht manchmal auch nur langsam. Das ist ja auch das "Geheimnis" der Liebe, wie sie Khalil Gibran versteht. In einer Beziehung muss ich eigene Sichtweisen auf den Prüfstand stellen und Sichtweisen des Anderen in mir Raum geben. Es verändert meine Wirklichkeit. Wer kennt nicht die Beziehungen, in denen es zum Stillstand kommt, weil Jede/r auf die eigene Wirklichkeit besteht und nicht bereit ist, die des Anderen zu betrachten ?
Kann denn ein unbetroffener Transmensch in diesen Fällen wahrhaftig entscheiden? Also entscheiden was gut ist und was schlecht ist?
Was ist "wahrhaftig" ? So, wie ich es oben beschrieben habe, gibt es diese "Wahrhaftigkeit" im generellen Sinn für uns Menschen nicht. Alles ist subjektiv. Kann denn ein Transmensch "wahrhaftig" sagen, was in der Frage nach Geschlecht gut ist oder schlecht ? Er kann ebenso wenig in die Wirklichkeit eines Nichtbetroffenen hinein sehen. Für mich liegt der Schlüssel darin, offen zu sein für die Sichtweise Anderer und zu hören. Wer das nicht will, wird alles dafür tun, es nicht tun zu müssen. Wie heißt es so passend: "Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe". Letztlich geht es nichtum die Frage einer Entscheidung der Wahrhaftigkeit, sondern um Transzendenz. Damit meine ich
Transzendenz (von lateinisch transcendentia "das Übersteigen") beschreibt den Bezug auf einen Gegenstandsbereich, der jenseits möglicher Erfahrung bzw. vorfindlicher Wirklichkeit liegt.
Quelle: Wikipedia
Wünschst Du Dir nicht auch, dass die Welt sich so verhält, wie Du sie in Deiner Wirklichkeit wahrnimmst ? Wir alle haben innere Widerstände, wenn es um die Anerkennung einer Wirklichkeit geht, die unserer eigenen Wirkllichkeit entgegen steht. Wie oft lesen oder hören wir, dass Menschen, die zu uns kommen, sich unseren Regeln (also unserer kollektiven Wirklichkeit) zu unterwerfen haben. Daraus resultieren viele Spannungen. Aber auch im Kleinen, bei mir selber, wirken ähnliche Mechanismen, wenn ich versuche, meine Überzeugungen anderen mitzuteilen. Der für mich wesentliche Unterschied ist, ob ich darüber hinaus bereit bin, Neues in mir aufzunehmen. Das ist auch im Großen so. Deutschland hat sich massiv in den letzten 50 Jahren verändert und wir haben so viel dadurch gewonnen.
Ich glaube auch daran, dass wir Transmenschen es geschfft haben, anders in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden, auch wenn es Rückschläge gibt und das Ziel noch nicht erreicht ist. Wir sind in den letzten Jahren so sehr in das Bewusstsein gerückt, dass wir (in Grenzen) als dazugehörig gesehen werden. Die heftigen Reaktionen der Menschen, die das nicht wahrhaben wollen, ist ein Beleg dafür. Sie würden nicht reagieren, wenn wir unbedeutend wären. Und die heftigen Reaktionen ist ein Katalysator für unsere weitere Anerkennung. Das heißt nicht, dass wir als Individuen nicht leiden und weiteres Leid erfahren.
Aber das ist aus meiner Sicht unser Weg: Wir müssen in die individuelle Wirklichkeit der Menschen. Das können wir nicht erzwingen, sondern wir müssen überzeugen. Wir sind keine Gefahr, sondern Bereicherung. Ich möchte nicht bekehren, sondern einladen, die Welt etwas anders zu sehen. Und ich bin überzeugt: Auf (sehr) lange Sicht werden wir dort sein, wo wir hin gehören: in die kollektive Wahrheit der Gesellschaft und des Einzelnen.
Ich bin Dir sehr, sehr dankbar für Deine Gedankenanstöße.
Dir wünsche ich noch einen schönen Tag.