Liebe Tira,Tira hat geschrieben: So 2. Okt 2022, 12:42 Im zweiten Teil der Frage kam auf, was wäre, wenn wir machen dürften wenn wir einfach könnten.
die Frage habe ich mir in ähnlicher Weise schon häufiger gestellt, und zwar, wie weit wir uns, auch unbewusst, bei der Kleidungswahl von gefühlten oder tatsächlichen gesellschaftlichen Erwartungen einschränken?
Das betrifft ausnahmslos alle, die Anzugträgerin ebenso wie den Minirockträger. Alle haben ein Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Ablehnung durch die Gesellschaft wegen unpassender Kleidung kann da schnell zu Problemen führen. Folglich schränken wir uns ein und halten gewisse Konventionen ein. Dabei kann es schwierig sein, die Grenzen (des "guten Geschmacks"? bzw. der gesellschaftlichen Akzeptanz) einzuhalten, weil diese von der Situation abhängig sind, vor allem dann, wenn uns das Umfeld noch nicht vertraut sein sollte. Klar, auf einer Party gelten andere Regeln als im Büro, aber auch jede Party ist anders, und jedes Büro ebenso.
Der Konflikt besteht also zwischen den persönlichen Wünschen nach angemessenem Ausdruck und den gesellschaftlichen Erwartungen. Zum Glück kann man sich in Deutschland über viele Erwartungen recht einfach hinwegsetzen, ohne dass es große Konsequenzen gibt.
Bei mir ist das stimmungsabhängig. Habe ich gerade die Kraft, mich der Konfrontation auszusetzen, Blicke zu ertragen, Kommentare zu kontern (oder zu ignorieren)? Steht der Energieaufwand dafür in einem guten Verhältnis zum erwarteten Gewinn an Lust und Freude? Oder kostet es mich zu viel Kraft, so dass ich keinen Spaß mehr habe, obwohl ich endlich meine absolute Lieblingskleidung ausführen kann, in der ich mich zu Hause extrem wohlfühle, von der ich aber weiß, dass ich damit draußen sehr auffallen werde?
Das sind so etwa die Gedanken, die meine Kleidungswahl im Hintergrund beeinflussen. Die drehen sich hauptsächlich um mich und wie ich mich damit fühle.
Nun könnte man meinen, dass ich meinem Umfeld gegenüber ignorant sei, weil ich seine Befindlichkeiten nicht in Betracht ziehe. Mag sein, aber ich habe jahrelang versucht, auf die vermuteten(!) Befindlichkeiten meiner Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Das kostete aber so viel Kraft, dass dann nicht mehr genug für mich selbst übrig blieb, und diese Gedanken haben mich auch zu stark von dem abgelenkt, um was es mir in erster Linie geht: mich wohlfühlen. Wenn sich deswegen jemand provoziert fühlt und ein Problem damit hat, dann ist das dennoch nicht mein Problem. Ich muss es auch nicht dazu machen.
Bei lieben Menschen, die mir ihr Problem mit meiner Erscheinung im Vorfeld kommuniziert haben, mache ich manchmal eine Ausnahme. Aber nur, wenn es mich selbst in dem Moment nicht zu sehr belastet und mir die betreffende Person wichtig ist.
Ganz schön kompliziert also.
Und ja, du hast natürlich recht, dass es viel einfacher und freier wäre, sich darüber keine Gedanken zu machen. In einer anonymen Umgebung kann man das tatsächlich machen. Da hat man ja keinen Ruf zum ruinieren.
Und im eigenen Umfeld? Würde da nicht was fehlen? Die Möglichkeit, aus den Reaktionen der Umwelt Schlüsse zu ziehen, zu lernen, einen eigenen Stil zu entwickeln? Wo blieben der Reiz, Grenzen auszuloten, das prickelnde Gefühl, wenn der Mut mit Komplimenten belohnt wird?
LGL