HERZBLUT - MEINE TRANSITION
HERZBLUT - MEINE TRANSITION - # 2

Lebensplanung, Standorte
petra0103
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 467
Registriert: Mo 13. Sep 2021, 20:47
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Erlangen
Hat sich bedankt: 161 Mal
Danksagung erhalten: 92 Mal
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 16 im Thema

Beitrag von petra0103 »

Guten Morgen Annette,

ich finde es ganz toll, dass Du uns an Deinem Weg zur Transition teilhaben lässt. Ich selber sehe mich zwar "nur" als Teilzeitfrau, aber Dein Weg ist für mich trotzdem spannend zu lesen. Da ich aus den Berichten hier weiß, mit welchen Risiken und persönlichen Tragödien das verbunden sein kann, habe ich für jede Frau - hier speziell für Dich - nur Bewunderung übrig.

Liebe Grüße
Petra
Annette
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1380
Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Luxemburg
Hat sich bedankt: 91 Mal
Danksagung erhalten: 297 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 17 im Thema

Beitrag von Annette »

petra0103 hat geschrieben: So 25. Sep 2022, 09:05 ...habe ich für jede Frau - hier speziell für Dich - nur Bewunderung übrig.
Liebe Petra,

das ist ein ganz toll liebes Kompliment! Ich sitze gerade beim Kaffee und dieses Kompliment mundet besser als das teuerste Sektfrühstück!
Vielen lieben Dank!

Annette CS
Annette
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1380
Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Luxemburg
Hat sich bedankt: 91 Mal
Danksagung erhalten: 297 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 18 im Thema

Beitrag von Annette »

ERSTE THERAPEUTIN (Juli 2020 bis heute)

Direkt nach meinem ersten Outing habe ich mir einige Termine bei einer Psychologin besorgt. Ich hab ja bereits erwähnt, dass die Frau ein echter Glücksgriff gewesen ist, stets ist sie sehr offen und verständnisvoll gewesen und hat mir zugleich ihre Unterstützung auf meinem Wege zugesichert. Jedoch handelte es sich nicht um die gesetzlich vorgeschriebene Therapeutin, denn zu Begleittherapie und Ausgabe des zur OP erforderlichen Gutachtens braucht es einen Psychiater (Arzt). Das kommt aber erst noch.

Dennoch fand sich die Psychologin sehr gut mit meinem Anliegen zurecht, bereits während meines ersten Termins fühlte ich mich bei ihr so geborgen, dass ich nicht davor scheute, ihr selbst meine intimsten Geheimnisse preiszugeben. Vieles, das in meiner Vergangenheit schiefgelaufen ist, wurde abgearbeitet. Oftmals war sie auch die Erste gewesen, die mich in neuem Outfit sehen konnte. Gerade zu Beginn war ich viel am Herumexperimentieren mit meinen Kleidern, und auch dabei konnte sie mich manchmal gut beraten. Vor allem aber ist sie eine derart angenehme Person, das ist mitunter sehr wichtig, bereits Tage vor den anstehenden Terminen habe ich mich stets gefreut, sie wiederzusehen. Einmal hatte ich gar den Eindruck, dass ich sie etwas überrumpelt hatte, mit meiner dringlichen Forderung, die Transition so schnell wie möglich mit ihrer Hilfe zu schaffen. Im Nachhinein war mir meine eigene Ungeduld doch etwas peinlich, und ich konnte den folgenden Termin kaum noch abwarten, um mich, na ja, zu entschuldigen. Alles klar soweit.

Und in den entscheidenden Momenten ist sie für mich da gewesen, zum Beispiel hat sie mir die Kontaktdaten des Verantwortlichen unserer Selbsthilfegruppe mitgeteilt. Das war sehr wichtig, umgehend habe ich diesen kontaktiert, und bin damit einen beträchtlichen Schritt weitergekommen. Auch um den richtigen Psychiater zu finden, ist sie mir eine große Hilfe gewesen. Denn nur ihretwegen fand ich den besten und kompetentesten Psychiater überhaupt, was Transsexualität angeht. Auch bei meiner Vä/Pä hat sie hinter mir gestanden und sich bei jedem noch so kleinen Erfolgserlebnis aufrichtig mitgefreut. Doch ich habe bei ihr ebenso viel geweint und brauchte mich deswegen nicht einmal zu schämen. Als der Termin der GaOP immer näher heranrückte, hat sie förmlich mitgefiebert, konnte diesen wichtigsten Termin meines Lebens selbst kaum erwarten, und als ich endlich in der Klinik gewesen bin, haben wir uns öfters unterhalten können. Einmal hat sie erzählt, sie hätte bei mir stets extreme Ungeduld beobachten können, nie jedoch Zweifel.

Vor kurzem hat sie ihren Dienst am Patienten eingestellt und genießt jetzt den wohlverdienten Ruhestand. Und zwar zeitgleich (fast auf den Tag) mit meiner OP. Irgendwie ein guter Abschluss, da schließt sich der Kreis. Die Vollendung ihrer Berufskarriere und meiner Transition. Inzwischen ist sie eine gute Freundin geworden, und ich besuche sie manchmal. Dann trinken wir zusammen Kaffee, plaudern aus dem Nähkästchen und tauschen Erinnerungen aus den vergangenen zwei Jahren aus.

Einer der angenehmsten Menschen überhaupt, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Danke für alles!

Annette CS
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 26974
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 175 Mal
Danksagung erhalten: 1981 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 19 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

es macht mir immer wieder Freude, eure Berichte zu verfolgen - manchmal mit "Mitgefühl" und manchmal mit "Mit-Freude".
Schön, dass es diesen Austausch gibt, der bestimmt einigen Menschen zeigen kann, dass es die unterschiedlichsten Lebenswege gibt.

Danke dafür
Gruß
Anne-Mette
Bibi Melina
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1299
Registriert: Do 4. Okt 2018, 21:00
Geschlecht: Ts MzF
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Friedrichshafen
Hat sich bedankt: 11 Mal
Danksagung erhalten: 104 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 20 im Thema

Beitrag von Bibi Melina »

Anne-Mette hat geschrieben: So 25. Sep 2022, 17:36 es macht mir immer wieder Freude, eure Berichte zu verfolgen - manchmal mit "Mitgefühl" und manchmal mit "Mit-Freude".
Schön, dass es diesen Austausch gibt, der bestimmt einigen Menschen zeigen kann, dass es die unterschiedlichsten Lebenswege gibt.
ich würde ja auch gerne von meiner transition aber ich glaube das wird kein so ein fröhlicher bericht wie den von annette
Glaube an Wunder, Liebe und Glück! Schaue nach vorn und niemals zurück! Tu was du willst, und steh dazu, denn dieses Leben lebst nur du
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 26974
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 175 Mal
Danksagung erhalten: 1981 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 21 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Wir können auch "unfröhliche Themen" vertragen; aber du solltest es neu als eigenes Thema eröffnen.
Sicherlich wirst du wohlmeinende und stützende Antworten bekommen.

Nur Mut!

Gruß
Anne-Mette
Annette
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1380
Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Luxemburg
Hat sich bedankt: 91 Mal
Danksagung erhalten: 297 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 22 im Thema

Beitrag von Annette »

Anne-Mette hat geschrieben: So 25. Sep 2022, 17:36 es macht mir immer wieder Freude, eure Berichte zu verfolgen - manchmal mit "Mitgefühl" und manchmal mit "Mit-Freude" [...] Danke dafür
Danke für die Anerkennung!

Annette CS
Annette
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1380
Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Luxemburg
Hat sich bedankt: 91 Mal
Danksagung erhalten: 297 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 23 im Thema

Beitrag von Annette »

Bibi-Melina hat geschrieben: So 25. Sep 2022, 17:54 ich würde ja auch gerne von meiner transition aber ich glaube das wird kein so ein fröhlicher bericht wie den von annette
Hallo Melina,

wäre bestimmt eine gute Idee, denn solche Lebensgeschichten sind immer interessant zu lesen.

Ich selbst sehe die Geschichte meiner Transition nicht so sehr als fröhlichen Bericht, sondern eher als das Resultat von zwei Jahren Hingabe, Disziplin und Willensstärke, harter Arbeit, Kompromisslosigkeit und absoluter Zielstrebigkeit. Trotz aller positiven Erinnerungen an diese Zeit habe auch ich meine Transition als sehr anstrengend und kräftezehrend empfunden. Während den letzten zwei Jahren habe ich mir nicht einen Tag Ruhe gegönnt, es ging immer nur vorwärts, in schnellen Schritten. Nie habe ich mich zurückgelehnt oder ausgeruht, kein einziges Mal, und habe ich ein kleines Zwischenziel erreichen können, so habe ich im selben Augenblick bereits das nächste Ziel anvisiert. Es war anstrengend, und oft sind auch die Tränen geflossen. Aber am Ende hat es sich gelohnt, seit der GaOP sind mein Kopf und Geist wieder frei, und nun könnte ich mich ja etwas zurücklehnen, doch rastlos es geht weiter, diesmal ganz den schönen Künsten gewidmet. Ohne mentalen Druck aber mit grossem Wohlbefinden!

Meine ganze Vorgeschichte werde ich auch noch abarbeiten, und das wird mit Sicherheit kein Zuckerschlecken und auch keinen fröhlichen Bericht!

Liebe Grüsse,
Annette CS
Malvine
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1747
Registriert: Sa 7. Mai 2022, 21:30
Geschlecht: M+F
Pronomen: du
Wohnort (Name): Bayreuth
Forum-Galerie: gallery/album/645
Hat sich bedankt: 1575 Mal
Danksagung erhalten: 1439 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 24 im Thema

Beitrag von Malvine »

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, das man sich im Rückblick auf die schönen Augenblicke besinnt und die schlechten Zeiten eher ausgeblendet werden. Wenn ich so zwischen deinen Zeilen lese, dann kann ich da auch die "schlechten Zeiten" erahnen.

Malvine
Nicht das schwarze Schaf ist anders, die Weißen sind alle gleich
Malvine
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1747
Registriert: Sa 7. Mai 2022, 21:30
Geschlecht: M+F
Pronomen: du
Wohnort (Name): Bayreuth
Forum-Galerie: gallery/album/645
Hat sich bedankt: 1575 Mal
Danksagung erhalten: 1439 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 25 im Thema

Beitrag von Malvine »

Bibi-Melina hat geschrieben: So 25. Sep 2022, 17:54 ...ich würde ja auch gerne von meiner transition aber ich glaube das wird kein so ein fröhlicher bericht wie den von annette
Das Leben ist kein Ponyhof - mit der Geburt haben wir kein Anrecht auf ein sorgenfreies Leben. Wenn ich mich außerhalb unserer westlichen Welt der Nordhalbkugel umschaue, stelle ich ganz schnell fest, wie Privilegiert wir trotz der aktuellen Situation noch leben können.
In diesem Sinn möchte ich dir Mut machen, auch deinen Lebensweg für andere aufzuschreiben. Was wäre dieses Forum wert, wenn es nur positive Berichte gäbe?

Gruß von Malvine
Nicht das schwarze Schaf ist anders, die Weißen sind alle gleich
Annette
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1380
Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Luxemburg
Hat sich bedankt: 91 Mal
Danksagung erhalten: 297 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 26 im Thema

Beitrag von Annette »

MEINE GARDEROBE (Juli 2020 bis "¦)

Um es gleich vorweg zu nehmen, die "Spezialoperation Garderobe" ist umgehend in Aktion getreten und wird wohl nie ein Ende finden. Aber das soll ja auch so sein, neue Entdeckungen, neue Modetrends, usw. geben immer wieder Anlass uns ständig dieser wundervollen Passion von schönen Kleidern hinzugeben. Ihr versteht mich.

Zu besagter Zeit hatte ich nicht besonders viel, nur einfache Männerklamotten, wie zB. schwarze Cargo-Hosen, T-Shirts und Kapuzenpullis, alles in schwarz, grau oder auch dunkelblau, zwei abgehalfterte Army-Mäntel, gleiche Farbe. Schuhwerk ganz ähnlich. Und eine Garnitur besserer Kleider, für besondere Anlässe. Mit diesem Minimum ausgerüstet habe ich mich viele Jahre durchs Leben geschlagen, legte keinen Wert auf mein Outfit, schämte mich dafür gut auszusehen. Es wurde gar behauptet, ich sähe manchmal etwas verwahrlost aus. Und das war mir völlig egal. Zwar legte ich Wert auf Hygiene, doch in Kleidung bin ich schon ziemlich desillusioniert durch die Welt gelaufen. Und fast immer ganz in schwarz, so wie ich innerlich wohl auch ausgesehen habe. Ich fühlte mich nicht wohl, ein Kleiderwechsel allein hätte niemals gereicht, was ich brauchte, war ein völliger Wandel meines Lebens. Ein unumkehrbares Abstreifen meiner Haut! Jahrelang aufgestauter Frust und Verzweiflung haben mich zu dem gemacht, was ich war und sah eben auch so aus: Ein frustriertes A********! Doch mein längst überfälliges Outcoming war auch in dieser Hinsicht der positive Triggerpunkt meines Lebens.

Sofort habe ich begonnen einiges Zeug auszurangieren, ging erstmals mit der richtigen Einstellung zum Konfektionshaus und besorgte mir, immer noch in der Herrenabteilung, schönere und farbenfrohe Klamotten, doch einen kleinen Umweg durch die Damenabteilung musste dann doch sein. Eine Leggings, Bluse, pinkfarbenes Shirt sowie einiges an Wäsche erfreuten sich der Ehre in Zukunft meinen Körper zu beschönigen. Zwar schämte ich mich noch ein bisschen, hetzte mit gesenktem Kopf umher, aber das sollte sich bald legen. So hat mir meine Frau auch einiges aus ihrem Repertoire überlassen, obgleich es nicht passte. Da ich anfangs damit eh noch nicht hinausging, war dieses Detail nicht weiter tragisch. Erste Ausgänge ganz "en femme", so weit war ich trotz meines frisch gewonnenen Selbstvertrauens nun doch noch nicht.

Einmal bin ich einer Bekannten über den Weg gelaufen, ich trug immer noch Herrenklamotten, aber es ist schicker und bunter geworden. Die Bekannte sah mich etwas komisch an, fragte dann:
"Alles in Ordnung bei dir?"
"Ja, warum?"
"Na, du schaust viel besser aus als sonst!"
Das war mal ein tolles Kompliment, ich empfand aufrichtige Freude dabei, wusste dass ich nun endlich auf dem richtigen Dampfer sass. Und ich beschloss, ein für allemal mit der männlichen Garderobe aufzuräumen, jedoch langsam und schubweise, wollte meinem direkten Umfeld (Frau und Familie) es ermöglichen, Schritt zu halten. Ausgerüstet mit einer Liste aus einem Katalog begab ich mich zu einem großen Konfektionshaus (der Name war irgendwas mit 'nem Greifvogel"¦), präsentierte mich bei einer Verkäuferin und zeigte ihr die Liste mit all den gewünschten Damenartikeln. Sie schaute mich fragend an, es gab wohl Erklärungsbedarf. Ich sagte ihr einfach die Wahrheit, dass ich transgender sei, und der Austausch meiner Garderobe sei ein wichtiger Schritt. Schlagartig war ihr alles klar, ich wurde sehr freundlich und zuvorkommend behandelt. Eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe, offen und ehrlich, mit dieser Einstellung bin ich ganz schnell ganz weit gekommen (hab ich jetzt notiert, denn auch das wird einen kleinen Beitrag wert sein). Zu Anfang erstand ich hauptsächlich Damenhosen, Blusen, Shirts, gaaanz viele Strumpfhosen, Wäsche, sowie einige Röcke und Kleider. Die junge Dame, die mich bedient hat, habe ich danach öfters wieder gesehen, immer offen für einen netten Plausch.

Während den kommenden Monaten bin ich immer selbstsicherer geworden, habe die Herrenabteilung bald gemieden wie der Teufel das Weihwasser, denn ab einem bestimmten Moment habe ich mich zu sehr dafür geschämt, in der Herrenabteilung umher zu scharwenzeln. Und ich wusste: Nie wieder würde ich maskulines Zeug tragen, dies wäre mein sofortiger Untergang. Und das wurde nun auch meinem heimischen Kleiderschrank zum Verhängnis, es wurde ausgemistet. Ab in die Tonne mit dem alten Zeug! Und nur noch Damenkleider tragen, aber wie gesagt, schrittweise. Das hieß, zu Anfang unauffällig dezent mit Hosen, Blusen, usw. Dennoch hat es einigen gedämmert, gerade im Berufsleben ist allmählich Lunte gerochen worden. "Der kleidet sich ja wie ein Mädchen" wurde mal behauptet, doch ich hab's als Kompliment aufgefasst. Und mit zunehmender Freude konnte ich feststellen, dass ich ab nun in der Öffentlichkeit gelegentlich mit "Frau" oder "meine Dame" angeredet wurde, das war die schönste Musik in meinen Ohren und Balsam auf mein völlig überstrapaziertes und geschundenes Nervenkostüm. Mit meiner Garderobe ging es stetig bergauf, seit langer Zeit besitze ich kein einziges männliches Teil mehr, und es war eine einzige Wonne, diese Altlasten aus meinem früheren Leben zu entsorgen.

Nun brauche ich ja nicht aufzuzählen, was ich inzwischen alles in Klamotten investiert habe, doch der bisherige Gesamtbetrag bewegt sich im oberen, vierstelligen Bereich. Gerade eine beträchtliche Menge an Fehlkäufen hat diesen Betrag zusätzlich nach oben getrieben. Ich habe damals so ziemlich alles gekauft, was ich in meiner Größe finden konnte, mir über Stil und Geschmack herzlich wenig Gedanken gemacht, hauptsache feminin. Doch zur Anfangszeit scheinen Fehlkäufe offenbar zum Alltag zu gehören, irgendwie Nachholbedarf, und ich nehme an, viele von euch haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Erst nach einer gewissen "Einstiegszeit" und auch mit hilfe von vielen Ratschlägen meiner Frau habe ich allmählich gelernt welcher Kleidungsstil zu mir passen könnte. Und diese Lern- und Experimentierphase dauert auch heute immer noch an.

Das Foto zeigt die letzten Relikte aus einem längst vergangenen Leben, bloss weg damit!

Annette CS

FB_IMG_1664195097419.jpg
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
Annette
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1380
Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Luxemburg
Hat sich bedankt: 91 Mal
Danksagung erhalten: 297 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 27 im Thema

Beitrag von Annette »

Guten Tag

Zu Beginn dieses Threads habe ich etwas aufgedreht und meine Beiträge in ziemlich kurzen Abständen hier veröffentlicht. Im Moment lasse ich das etwas langsamer angehen, da ich ziemlich viel anderes Zeug um die Ohren habe. In gut zwei Wochen habe ich endlich wieder eine eigene Kunstausstellung und um das vorzubereiten kostet momentan viel Zeit und Arbeit.

Doch meine Berichterstattung wird weitergehen, mein inneres Feuer ist nicht erloschen.

Annette CS
Annette
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1380
Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Luxemburg
Hat sich bedankt: 91 Mal
Danksagung erhalten: 297 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 28 im Thema

Beitrag von Annette »

HAARIGE ALTLASTEN (September 2020 bis ...)

Nachdem in den ersten drei Monaten soweit alles in Ordnung war, habe ich das nächste Ziel ins Auge gefasst: die vollständige Entwaldung meines Gesichtes. Einen Bart hatte ich nie gehabt, allerhöchstens so ein Drei- oder Sechstageding, wenn ich zu faul für 'ne ordentliche Rasur war, und auf gar keinen Fall eine dieser schrecklichen Hipster-Matten. Ich konnte einem Bart nie etwas abgewinnen, für mich nichts weiter als einen aus der Fresse heraushängender Schmuddel-Teppich. Man stelle sich einmal vor, Vollbartträger schlürft genüsslich Minestrone, au weia! Na gut, diese satirische Einlage musste jetzt sein. Haar gehört bei mir ausschließlich aufs Haupt, und sonst nirgends!

Was Brust und Bauch betrifft, bin ich zum Glück verschont geblieben und auch auf meinem Rücken befindet sich kein einziges Haar. Doch dem zerfurchten Stoppelfeld in meiner unteren Gesichtshälfte musste doch beizukommen sein. Hier im Forum, wie auch im Internet las ich von den bestehenden Lösungsmöglichkeiten, von Licht- wie auch von der Nadelepilation. Ich fand die Adressen auf www, meine folgende Fahrradtour habe ich so geplant, dass ich an zwei dermatologischen Studios vorbeischauen konnte. Beide habe ich für gut befunden, entschied mich für das am einfachsten zugängliche. (In der Endversion meiner geplanten Biografie käme nun ein kurzer Exkurs über Haarfollikel, Melanin, Lichtepilation, Elektrologie, usw., doch ich denke, das kann ich an dieser Stelle mal außen vor lassen). Allerdings staunte ich nicht schlecht über die Tarife, der Gesamtbetrag würde sich ja auf eine ganze Packung Moos erstrecken! Und kein Cent davon wird hierzulande zurückerstattet! Doch die Therapie dauert recht lange und würde immer nur stückweise bezahlt werden. Gut machbar also, und auch diesen Aspekt der Feminisation war es mir wert, besser gesagt, es war alternativlos und ging nicht anders!

Vorm ersten Termin hatte ich echt Bammel, wegen den zu erwartenden Schmerzen, und 'nen harten Kerl bin ich ja nie gewesen, viel eher die Heulsuse. Daran hat auch das frühere Krav-Maga-Training wenig geändert. Und sieh mal einer an, da kam er um die Ecke, gleich beim ersten Mal, der zuverlässige Begleiter eines jeden einzelnen Lichtimpulses, dieser stechende Schmerz. Doch es ging sehr schnell, bevor ich Aua schreien konnte, war er wieder weg, nur leider ließen die nächsten paar hundert Impulse nicht lange auf sich warten. Nach dem Termin war ich völlig durchgeschwitzt. Im Laufe der Zeit kam dann auch noch die Nadelepilation hinzu, Sinn und Zweck hierfür dürfte allen bekannt sein. Betonen möchte ich aber auch hier die Schmerzen, die ich als sehr heftig, fast schon als unaushaltbar empfunden habe, und immer noch tue. Und ich bin beileibe nicht die Tochter von Chuck Norris, bei der es ja eher die Nadel ist, die sich vor Schmerzen krümmt. Aber was soll's, nach jeder Sitzung haben sich gleich mehrere Hundertschaften von Haarwurzeln dauerhaft aus meinem Antlitz verabschiedet.

Dennoch, immer noch war die tägliche Rasur fällig, an jedem verdammten Morgen, und das bis zum heutigen Tag! Gelegentlich eine weitere am Nachmittag, je nachdem, was ich am Abend noch vorhabe. Und dann diese verfluchten Rasierklingen! Ich kann mich nicht erinnern, anfangs je eine saubere Bartschur damit zustande gekriegt zu haben ohne Blutbad! Immerzu ein wahres Massaker! Doch mit der Zeit sind all die Verbesserungen nicht unbemerkt geblieben, der Biotop um meine Kinnpartie begann sich allmählich zu lichten. Zur Enthaarung der Gliedmassen habe ich mir diese chemische Entlaubungscreme besorgt, wahrhaftig sehr effizient, doch auch ziemlich aggressiv, wie ich es manchmal zu spüren bekam. Da ich aber nicht so sehr mit Arm oder Beinbehaarung geplagt bin, kann ich gerne auf diese chemische Keule verzichten. Im Dezember ist mir deswegen ja in der Klinik beim Erstgespräch dieses Schlamassel passiert, hier nachzulesen"¦

viewtopic.php?p=353523#p353523

Bis zum heutigen Tag, und das wird bis auf weiteres auch so bleiben, bin ich ständig darum bemüht, allen Spuren dieser haarigen und evolutionären Altlasten zu entkommen. So bleibt mir auch nach der GaOP nichts anderes übrig, als täglich diesem verdammten Pelz im Gesicht den Garaus zu machen, besuche weiterhin das Epilationsstudio, decke mich ein mit Rasierschaum und -klingen und fluche an jedem Morgen. Zu allem Überfluss gibt's diesbezüglich noch ganz andere Problemzonen, meine Gesichtshaut ist geradezu übersät und perforiert von Abermilliarden kleinen Pickelnarben, Relikte aus einer zum Teil verkorksten Jugend. Doch das wiederum ist eine andere Kiste.

Annette CS
lexes
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2174
Registriert: Di 4. Apr 2017, 09:40
Geschlecht: m
Pronomen:
Wohnort (Name): Dortmund
Hat sich bedankt: 70 Mal
Danksagung erhalten: 340 Mal
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 29 im Thema

Beitrag von lexes »

Annette hat geschrieben: Di 18. Okt 2022, 08:46 HAARIGE ALTLASTEN (September 2020 bis ...)

Nachdem in den ersten drei Monaten soweit alles in Ordnung war, habe ich das nächste Ziel ins Auge gefasst: die vollständige Entwaldung meines Gesichtes. Einen Bart hatte ich nie gehabt, allerhöchstens so ein Drei- oder Sechstageding, wenn ich zu faul für 'ne ordentliche Rasur war, und auf gar keinen Fall eine dieser schrecklichen Hipster-Matten. Ich konnte einem Bart nie etwas abgewinnen, für mich nichts weiter als einen aus der Fresse heraushängender Schmuddel-Teppich. Man stelle sich einmal vor, Vollbartträger schlürft genüsslich Minestrone, au weia! Na gut, diese satirische Einlage musste jetzt sein. Haar gehört bei mir ausschließlich aufs Haupt, und sonst nirgends!

Was Brust und Bauch betrifft, bin ich zum Glück verschont geblieben und auch auf meinem Rücken befindet sich kein einziges Haar. Doch dem zerfurchten Stoppelfeld in meiner unteren Gesichtshälfte musste doch beizukommen sein. Hier im Forum, wie auch im Internet las ich von den bestehenden Lösungsmöglichkeiten, von Licht- wie auch von der Nadelepilation. Ich fand die Adressen auf www, meine folgende Fahrradtour habe ich so geplant, dass ich an zwei dermatologischen Studios vorbeischauen konnte. Beide habe ich für gut befunden, entschied mich für das am einfachsten zugängliche. (In der Endversion meiner geplanten Biografie käme nun ein kurzer Exkurs über Haarfollikel, Melanin, Lichtepilation, Elektrologie, usw., doch ich denke, das kann ich an dieser Stelle mal außen vor lassen). Allerdings staunte ich nicht schlecht über die Tarife, der Gesamtbetrag würde sich ja auf eine ganze Packung Moos erstrecken! Und kein Cent davon wird hierzulande zurückerstattet! Doch die Therapie dauert recht lange und würde immer nur stückweise bezahlt werden. Gut machbar also, und auch diesen Aspekt der Feminisation war es mir wert, besser gesagt, es war alternativlos und ging nicht anders!

Vorm ersten Termin hatte ich echt Bammel, wegen den zu erwartenden Schmerzen, und 'nen harten Kerl bin ich ja nie gewesen, viel eher die Heulsuse. Daran hat auch das frühere Krav-Maga-Training wenig geändert. Und sieh mal einer an, da kam er um die Ecke, gleich beim ersten Mal, der zuverlässige Begleiter eines jeden einzelnen Lichtimpulses, dieser stechende Schmerz. Doch es ging sehr schnell, bevor ich Aua schreien konnte, war er wieder weg, nur leider ließen die nächsten paar hundert Impulse nicht lange auf sich warten. Nach dem Termin war ich völlig durchgeschwitzt. Im Laufe der Zeit kam dann auch noch die Nadelepilation hinzu, Sinn und Zweck hierfür dürfte allen bekannt sein. Betonen möchte ich aber auch hier die Schmerzen, die ich als sehr heftig, fast schon als unaushaltbar empfunden habe, und immer noch tue. Und ich bin beileibe nicht die Tochter von Chuck Norris, bei der es ja eher die Nadel ist, die sich vor Schmerzen krümmt. Aber was soll's, nach jeder Sitzung haben sich gleich mehrere Hundertschaften von Haarwurzeln dauerhaft aus meinem Antlitz verabschiedet.

Dennoch, immer noch war die tägliche Rasur fällig, an jedem verdammten Morgen, und das bis zum heutigen Tag! Gelegentlich eine weitere am Nachmittag, je nachdem, was ich am Abend noch vorhabe. Und dann diese verfluchten Rasierklingen! Ich kann mich nicht erinnern, anfangs je eine saubere Bartschur damit zustande gekriegt zu haben ohne Blutbad! Immerzu ein wahres Massaker! Doch mit der Zeit sind all die Verbesserungen nicht unbemerkt geblieben, der Biotop um meine Kinnpartie begann sich allmählich zu lichten. Zur Enthaarung der Gliedmassen habe ich mir diese chemische Entlaubungscreme besorgt, wahrhaftig sehr effizient, doch auch ziemlich aggressiv, wie ich es manchmal zu spüren bekam. Da ich aber nicht so sehr mit Arm oder Beinbehaarung geplagt bin, kann ich gerne auf diese chemische Keule verzichten. Im Dezember ist mir deswegen ja in der Klinik beim Erstgespräch dieses Schlamassel passiert, hier nachzulesen"¦

viewtopic.php?p=353523#p353523

Bis zum heutigen Tag, und das wird bis auf weiteres auch so bleiben, bin ich ständig darum bemüht, allen Spuren dieser haarigen und evolutionären Altlasten zu entkommen. So bleibt mir auch nach der GaOP nichts anderes übrig, als täglich diesem verdammten Pelz im Gesicht den Garaus zu machen, besuche weiterhin das Epilationsstudio, decke mich ein mit Rasierschaum und -klingen und fluche an jedem Morgen. Zu allem Überfluss gibt's diesbezüglich noch ganz andere Problemzonen, meine Gesichtshaut ist geradezu übersät und perforiert von Abermilliarden kleinen Pickelnarben, Relikte aus einer zum Teil verkorksten Jugend. Doch das wiederum ist eine andere Kiste.

Annette CS

Der ganze Text ist wirklich sehr schön geschrieben ... Hab'kurz gelacht. Merci
Annette
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1380
Registriert: Mo 22. Jun 2020, 17:58
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Luxemburg
Hat sich bedankt: 91 Mal
Danksagung erhalten: 297 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION

Post 30 im Thema

Beitrag von Annette »

RÜCKBLICK: 4 MONATE NACH DER GAOP

Nun haben sich alle bisherigen Beiträge mit meiner Transition befasst, doch ich möchte mal einen kleinen Schlenker in die Gegenwart machen, zu meiner jetzigen Gefühlslage also"¦

Wie die Zeit vergeht. Nun sind es schon vier Monate her. Meine GaOP. Und es war gut und richtig, und die mit Abstand beste Entscheidung meines ganzen Lebens, die 15 Tage Klinikaufenthalt die schönste Zeit meines Lebens (rein emotional betrachtet). Während dieser Zeit lebte ich in einer "Blase", habe (außer Sponge-Bob im TV) vom Rest der Welt rein gar nichts mitbekommen. Nur mein eigenes Ding: Vollkommene Glückseligkeit, dieses unwiederbringliche Gefühl, endlich angekommen zu sein, tolle Bekanntschaften, sehr liebenswürdiges KH-Personal, einige kannte ich gar mit Vornamen, und natürlich der Chef mit seinem Team. Meine Retter! Ich liebe sie alle! Und sie fehlen mir! Denn ich vermisse diese wundervolle Zeit im Transgender-Zentrum. Jeden Tag! Oft kommen mir deswegen immer noch die Tränen. Und ich erinnere mich, als eingefleischte Musikliebhaberin hab ich mir damals diese zwei Songs aufgespart, als Soundtrack sozusagen zu meiner OP, "Waiting" von Porcupine Tree für vor, und "Comfortably Numb" von Pink Floyd für direkt nach der OP. Das passte! Und hab ich mir dann auch reingezogen. Nur, im Nachhinein kann ich diese Songs nie wieder hören, ohne gleich in Tränen auszubrechen! Welch eine Emo-Kiste! Jetzt sogar ein Thema bei meiner Therapeutin. Und nun, während ich das hier schreibe, schwelge ich immer noch in grenzenloser Euphorie,... habe mein Lebensziel erreicht,... und vermisse diese wundervolle Zeit in München. Ich freue mich und weine zugleich!

Darf ich fragen, wie (falls betroffen) eure eigenen Erfahrungen sind?

Annette CS
Antworten

Zurück zu „Körper - Gefühle - Empfindungen“