Hallo Helga,
ich möchte dir sehr sehr entschieden widersprechen.
Helga hat geschrieben: Fr 22. Jul 2022, 21:50
Hat dich jemand vorgewarnt, dass im Zuge der Transition aus einer Geschlechtsinkongruenz eine massive Körperdisphorie werden könnte? Vermutlich nicht. Ob du dich dann anders entschieden hättest steht auf einem ganz anderen Blatt, aber zumindestens wärst du vorbereitet gewesen.
Ist Dir eigentlich bewusst, dass viele von uns bereits lange vor der Transition unter der Geschlechtsdysphorie leiden, die du hier als Körperdysphorie bezeichnest? Das ist sehr oft der Grund, warum wir in die Transition gehen und das ganze Prozedere über uns ergehen lassen.
Helga hat geschrieben: Fr 22. Jul 2022, 22:28
Da ich nicht über die Begriffshoheit verfüge, muss ich dir wohl Recht geben. Ich darf dir aber versichern, dass "Crossdressen" nicht einfach Verkleiden ist. Bei jedem "Zurechtmachen" geht in mir etwas vor, was diesem Begriff durchaus nahe kommt: Ich bewege mich anders, meine ganze Haltung verändert sich, ich fühle anders, mein ganzes Wesen verändert sich. Auf Personen, die mich in beiden Modi kennen, kann dies sehr irritierend wirken. Was da in mir passiert? - Keine Ahnung. Die Forschung beschäftigt sich nicht mit Crossdressern, da es hier nichts zu verdienen gibt.
Liebe Grüße
Helga
Ja, auch mir ging es nicht anders, ich veränderte mich und wurde laut meiner damaligen Lebensgefährtin zu einer anderen Person. Nur war der Schmerz bei der Rückkehr in das "normale" Leben schier unerträglich. Und dennoch war es nur eine Verkleidung und nicht das Leben, welches ich führen wollte. Das ist vermutlich einer der Unterschiede, warum du für das Crossdressing bist und ich mich als eine Frau sehe.
Helga hat geschrieben: So 24. Jul 2022, 00:09
Ich hinterfrage Dinge, die irgendwo als "gottgegebene" Tatsachen gehandelt werden. Sowohl in der cis- Gesellschaft als auch in der Trans- Community.
Ich hinterfrage nicht die Transsexualität an sich, dafür bin ich dem Thema selbst viel zu nahe. Ich hinterfrage aber warum die erste Wahl im Umgang mit Transsexualität bei medizinischen und operativen Maßnahmen liegt und jeglicher anderslautender Vorschlag ungeprüft als ungeeignet abgetan wird.
Es ist mir durchaus bewusst, dass ich damit eine Lehrmeinung hinterfrage, die in der Trans- Community, den Verbänden und den betreuenden Therapeuten fest verankert ist.
Ab und zu müssen Dinge evaluiert, also hinterfragt und überprüft werden, damit es eine Weiterentwicklung gibt. Ich schließe damit nicht aus, dass für eine Teil der Transsexuellen nach wie vor medizinische Maßnahmen erforderlich sind.
Niemand würde auf die Idee kommen eine Krebserkrankung, einen Herzinfarkt oder eine Schizophrenie genauso zu behandeln wie vor 100 Jahren. Aber auf dem Gebiet des Umgangs mit Transsexualität hat sich seit Lili Elbe nichts grundlegendes mehr getan. Die Medikamente haben weniger Nebenwirkungen und die Operationsmethoden wurden deutlich verfeinert, aber vom Grundsatz wird damals wie heute auf Hormonpräparate und angleichende Operationen gesetzt. Es ist mittlerweile sogar erklärtes Ziel mit einer Hormontherapie möglichst schnell zu beginnen, vorgeblich um unnötiges Leiden zu ersparen. Dadurch bleibt allerdings für andere Behandlungsmethoden keine Zeit.
Hormontherapie und GaOP nehmen in jeder Berichterstattung und in jeder Kommunikation einen derart breiten Raum ein, dass völlig unklar bleibt, ob die Betroffenen sich hiermit wirklich auseinandergesetzt oder einfach nur die Lehrmeinung übernommen haben. Natürlich musst du diese Lehrmeinung verteidigen, da das, was du jetzt darstellst, ein Stück weit Ergebnis dieser Lehrmeinung ist.
Vermutlich sind viele maßgebliche Personen und Institutionen der Ansicht, an dieser Lehrmeinung sollte auch nicht gerüttelt werden. Würde die Lehrmeinung angepasst werden könnten sich Menschen, die sich blind auf den alten Stand verlassen haben, betrogen fühlen.
Ich wage nicht zu beurteilen, ob Mirjam und Patricia sich ernsthaft mit der Möglichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung ihrer Körperdysphorien beschäftigt haben, oder ob sie sich einfach die Lehrmeinung der Trans- Community zu eigen gemacht haben.
Das Beispiel der Magersucht kam nicht von ungefähr. Auch hierbei handelt es sich um eine Form von Körperdysphorie. Hier kann aber keine OP Abhilfe schaffen. Abhilfe schafft Psychotherapie.
Wenn diese Fragen aus einer anderen Ecke gekommen wären könntest du sie einfach als transphob abtun. Die Fragen haben aber keinen transphoben Hintergrund. Hintergrund ist einfach nur die Befürchtung, dass der meistens eingeschlagene "harte Weg" nicht unbedingt der beste Weg sein muss. Warum geht es so vielen Transsexuellen insgesamt nicht besser als vor vor ihrer Transition?
Neue Generationen von Transsexuellen müssen auch die Chance haben zu neuen Formen des Umgangs mit ihrer Situation zu kommen, ohne dass ihr Weg von außen vorgezeichnet wird.
Liebe Grüße
Helga
Sorry, aber dieser Abschnitt untermauert in meinen Augen regelrecht das, was Aria geschrieben hat. Du sprichst uns die Transsexualität zum Teil ab, und was ich aber noch schlimmer finde ist, dass deine Aussage in diesem Fall sehr pathologisierend ist. Ja ich weiß, es ist die gängige Lehrmeinung, die du kritisierst, aber die Ärzte sind sich einig, dass Geschlechtsinkongruenz bzw. Transsexualismus KEINE Krankheit ist. Erst der Leidensdruck ist die Grundlage für jegliche Behandlung und nicht die bloße Diagnose der Transsexualität.
Ich weiß seit ich 11 oder 12 bin, dass ich trans bin. Ich habe mehr als 30 Jahre lang versucht damit zu leben und zu akzeptieren was ich bin. Es ist mir nicht gelungen. Ich behaupte, ich war lange vor meiner Transition sehr gut darüber informiert, denn ich habe jede Information dazu verschlungen. Ich bin sehr bewußt in die Transition gegangen, denn es war für mich die Wahl zwischen Leben und Tod. Ja, denn ich wollte als Mann nicht mehr leben!
Und auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen. Sich ab und zu zu verkleiden ist und war für mich keine Lösung, denn so ähnlich wie Céline es geschrieben hat sind die Klamotten egal, es geht darum WER ich bin. Was soll da bitte eine Psychotherapie helfen?
Die Dysphorie begleitet mich auch schon seit meiner Kindheit, ist also nicht erst durch meine Transition entstanden, sondern liegt in meiner Transsexualität. Wie soll denn eine Psychotherapie dagegen helfen?
Die Behauptung, vielen Transsexuellen geht es nach ihrer Transition nicht besser als davor, finde ich auch sehr problematisch. Kennt du persönlich denn so viele, die das behaupten? Diejenigen, die ich kenne sagen, es ginge ihnen besser. Auch ich sage das von mir, trotz all meiner Probleme, die ich damit habe. Aber endlich bin ich ich selbst und muss nicht vorgeben jemand anderes zu sein. Ja ich bin mit Vielem daran nicht glücklich, aber ich arbeite daran und unter dem Strich geht es mir deutlich besser als vor der Transition.
Was die HET/HRT angeht, für viele von uns ist es aus verschiedenen Gründen wichtig sie zu bekommen. Es ist schwer einer Außenstehenden zu erklären warum, aber ich wusste seit langem, dass mein Gefühlsleben irgendwie falsch ist. Meine Emotionen waren falsch, wie die einer fremden Person. Ich bin jetzt seit fast 26 Monaten in der HET und was soll ich sagen? Es ist so viel besser. Meine Gefühle passen endlich.
Sehr angenehmer Effekt der HET? Endlich ist Ruhe im Süden und das Ding (aus dem Sumpf) lässt mich weitgehend in Ruhe. Welch eine Wohltat.
Stellenweise habe ich beim Lesen deiner letzten Beiträge das Gefühl bekommen mit Eva Engelken oder Alice Schwarzer oder anderen Transfrauen ablehnenden Radikalfeministinen zu diskutieren.
Du schreibst, die Forschung sei an Crossdressern nicht interessiert, weil es da kein Geld zu verdienen gäbe....Also bist du der Meinung, die Forschung und Medizin beschäftigen sich mit Transsexualismus, weil da das große Geld zu machen sei? Dann muss ich dich extrem enttäuschen. Unsere Medikamente sind alle sog. off-label-use Medikamente. d. h. Medikamente, die für andere Zwecke entwickelt wurden. Die Forschung befasst sich kaum mit dem Thema. Das ist leider so ein weiteres Märchen, was gerne von den o. g. RadFemms verbreitet wird.
Zum Schluss noch Folgendes. Damit wir Anspruch auf HET, Epilation, OPs haben, werden wir von den Krankenkassen gezwungen uns in eine lange Begleittherapie zu begeben, die von den Krankenkassen als Psychotherapie angesehen wird. Sollte der Therapeut nicht alle Bereiche der Psychotherapie abdecken ist in dieser Zeit keine weitere Therapie möglich, da die KKs immer nur eine Psychotherapie bezahlen. Einen Therapieplatz zu bekommen ist teilweise mit Wartezeiten von mehr als einem Jahr verbunden. Bis vor zwei Jahren waren glaube ich 18 Monate Therapie nötig um eine Kostenübernahme für eine GAOP zu bekommen (jetzt sind es mindestens 12 Sitzungen á 50 Minuten). Diese Zeit soll von einem Therapeuten genutzt werden, um Leidensdruck der Patientin zu mindern und herauszufinden, ob OPs notwendig sind. Ebenso ist es im Normalfall notwendig voll in der "Rolle" zu leben.
LG
Patricia