Lina hat geschrieben:ernst_dwt hat geschrieben:
"Kirche" ist vom Neuen Testament her eine Gemeinschaft von Menschen,die an Jesus Christus glauben. Er ist das Oberhaupt und kein Papst oder Bischoff,so wie heute.
Was die oberen aus der Kirche machen,müssen sie einmal vor ihrem HERRN verantworten,wenn er wiederkommt.
Also erstens gibt es überhaupt kein Zitat irgendwo, dass J v. N überhaupt weder Christus genannt werden wollte noch Oberhaupt von irgenetwas sein wollte. Zweitens ist es wohl ziemlich klar nachgewiesen, dass das, was als "Neues Testament" bezeichnet wird, einige wenige Texte sind, die von einem Gremium unter Kaiser Alexander ca. 300 Jahre später zusammengestellt wurden. Und ich glaube nicht, dass heute jemand vom Management der Kirchen überhaupt Auskunft geben würden, weshalb genau die Texte und keine der Anderen zugelassen wurden, selbst wenn die es könnten.
Historische Fakten sind aber, dass Jesus v. N. nie Mitglied der Kirche war und dass das sog. Christentum ab da als politisches Werkzeug eingesetzt wurde. Das dürfte schon Vermutungen bez. der Motivation beim Auswählen des Textmaterials zulassen.
Und deine Aussage, sie müssen sich vor Ihrem HERRN später verantworten - die zeigt eigentlich genau das Prinzip hinter der Macht die die Kirche über Menschen ausübt. Und ich wüsste wirklch nicht, was ich daran gut finden sollte. Ich möchte, dass Menschen frei denken und handeln können. So werden die auch zufriedener. Und zufriedene Menschen sind auch lieb zu einander.
Menschenliebe ist keine Erfindung der Christen.
Durch Geburt gehöre ich der evangelischen Kirche, bin aber etwas kirchenfern aufgewachsen und habe nach der Konfirmation keinen evangelischen Gottesdienst mehr aufgesucht. Nach Phasen des Atheismus, des Interesses für Buddhismus, für Zen, der Faszination durch islamische Mystik und Qabbala habe ich über die Schönheit des Psalters den Weg zum Christentum zurück gefunden, allerdings nicht zum westlichen mit seinem Schubladendenken (Scholastik, Kasuistik), seinen Verfolgungen Andersdenkender, seinem allzu weltlichen Machtstreben im Papsttum oder dem letztlich vergeblichen Bemühen aller evangelischen Richtungen, nach dem Sola-scriptura-Prinzip aus der Fülle der Tradition Verbindliches herauszulesen, sondern zur Orthodoxie, die -- überspitzt gesagt -- dem Prinzip sola traditione folgt. Die Schrift ist nur ein Teil des breiten Stroms der Tradition, daneben stehen liturgische Traditionen, die teilweise bis ins 2. Jahrhundert zurückreichen. Der Kanon der Schriften, die wir als NT bezeichnen, reicht eben nur bis ins 4. Jahrhundert zurück, und da trennt uns schon vieles von der ursprünglichen Lehre Jesu. Allerdings ist die Auswahl der kanonischen Evangelien gar nicht so schlecht, wenn man sie mit apokryphen Texten vergleicht, die teilweise sehr drastisch und vulgär sind. Auch gibt es natürlich Evangelienfragmente, die bis ins 2., teilweise vielleicht sogar 1. Jahrhundert zurückreichen, und es ist vielleicht auch mögliche, sogar alle vier Evangelien schon für das 1. Jahrhundert vorauszusetzen, aber immer noch Jahrzehnte nach den Ereignissen. Wie historisch zuverlässig sind aber Berichte, sich oft widersprechende Berichte, die unsere Eltern und Großeltern uns über die von ihnen erlebte Zeit hinterlassen haben? Man sollte die Evangelien nicht als historische Berichte lesen, nicht einmal als ehrliche Bekenntnisse ihrer Verfasser, sondern als literarisch mehr oder weniger gekonnte gestaltete Texte. Ein für schlagendes Beispiel dafür ist für mich die Szene im Garten Gethsemane: Jesus betet alleine abseits vor seiner Gefangennahme, während die Jünger schlafen. Wer hat da den Wortlaut der Gebete überliefert? Das ist einfach Literatur, kein historisches Zeugnis.
Mit diesen Aussagen stehe ich natürlich nicht mehr auf dem Boden der Orthodoxie, zu der ich inzwischen auch ein kritischeres Verhältnis habe. Zwar hat es im Bereich der Orthodoxie nicht solche Gräuel gegeben wie bei den westlichen Kirchen, keine Autos da fe, keine Ausrottung von Indianervölkern, keine Hexenverbrennungen, und die wenigen Ausnahmen (Todesurteile gegen Bogomilen im Bulgarien des 13. Jahrhunderts) waren vom Vatikan inspiriert. Dennoch stört mich auch an der Orthodoxie vieles, das freilich weniger dem Glauben anzulasten ist als der Schwäche der Gläubigen, z.B. die Heuchelei vieler Priester (nach der schönen Fastenpredigt fragt einer den anderen: "wohin gehen wir jetzt essen?", und die Frau des Priesters kauft sogar in der Großen Fastenzeit Milch!), oder, was mich besonders geärgert hat, ein Kirchensänger, von Beruf Tierarzt, der eigens in der Kirche seinen Platz verlässt, um eine arme Spinne totzutreten, weil solches "Ungeziefer" im Hause Gottes keinen Platz habe (da hat Gott doch ganz anders gedacht bei seiner Arche!). Und als eine aidskranke Frau zum Priester kam, weil sie sich von seinem Gebet Hilfe erhoffte, bekam sie nur zu hören, sie sei doch an ihrem Zustand selber schuld. Die Orthodoxie ist herrlich mit ihren Gesängen, Ikonen, Weihrauch, aber vieles ist nur Theater. Und wenn der Bischof nach einem schönen Fest abends anruft, fragt er nicht, ob denn die Gläubigen zufrieden gewesen seien, sondern wieviel Geld eingenommen worden sei (natürlich braucht die Kirche Geld, eine orthodoxe Kirchensteuer gibt es nicht, da ist man auf Spenden angewiesen).
Wie Lina richtig anmerkt, war Jesus nie Oberhaupt einer Kirche, im Gegenteil, wie die Reinigung des Tempels von Geldwechslern zeigt, würde er auch heute mit unseren Kirchen aufräumen, wenn er wiederkäme. Er hat nach dem Zeugnis der Texte auch nie verlangt, dass man ihm gehorchen sollte oder ihn gar anbeten, sondern nur, ihm nachzufolgen, seinem Beispiel zu folgen. Die Welt wäre eine bessere, wenn mehr Menschen, die sich Christen nennen, seinem Beispiel Folge leisteten statt ihn anzubeten. Ob sich nun jemand eher von den überlieferten Worten ansprechen lässt oder denen Buddhas oder anderer Religionsstifter, ist letztlich gleichgültig, denn im Kern sagen alle diese Lehrer der Menschheit dasselbe, je verpackt in eine Sprache, die den Menschen ihrer Zeit verständlich war. Keiner von ihnen hat gelehrt, dass Andersdenkende zu verfolgen seien (Ausnahme ist da vielleicht Muḥammad, aber auch erst in den späten Medinenser SÅ«ren, die vom politischen Tagesgeschäft überschattet sind)
Ne budi ono što si bio, postani to što jesi. -- Sei nicht, was du gewesen, werde, was du bist!